Die Quellen der persischen Geschichte

[3] Im Gegensatz zu den älteren Reichen des Orients hat das Perserreich nur sehr wenige Denkmäler hinterlassen. Außer den babylonischen Urkunden über Kyros (Nabonedchronik und Proklamation des Kyros, vgl. Bd. III2, 1937, S. 181f.) besitzen wir historische Texte nur von Darius: den großen Bericht über seine Taten in der Inschrift von Bisutun (Bd. III2 S. 198, die sehr verstümmelten Inschriften vom Suezkanal (s.u. S. 94) und seine Grabinschrift zu Nakši Rustem bei Persepolis. Die sonstigen Inschriften des Darius und seiner Nachfolger sind Bauinschriften dürftigsten Inhalts. Diese Königsinschriften sind fast alle in den drei Sprachen der Keilschrift (s.u. S. 25), die vom Suezkanal außerdem in Hieroglyphen abgefaßt. Von den Urkunden der Verwaltung und den Protokollen und Aufzeichnungen, die in den Kanzleien der Könige und der Satrapen geführt und zu Hofjournalen oder »Tagebüchern« zusammengestellt wurden (s.u. S. 43), ist uns einiges wenige erhalten: ein Erlaß des Darius an den Domänenverwalter Gadatas im Gebiet von Magnesia am Mäander in inschriftlicher Kopie aus römischer Zeit, mehrere aramäische Urkunden auf Papyrus aus Ägypten, einige auf die Juden bezügliche Urkunden im Buch Ezra. Weit zahlreicher sind die nach Königsjahren datierten Privaturkunden, vor allem viele Tausende aus Babylonien, vorwiegend aus der ersten Hälfte der Perserherrschaft, welche die Chronologie auf eine feste Grundlage stellen und die Daten des ptolemäischen Kanons (Bd. I3 S. 352f.) bestätigen und genauer bestimmen, daneben demotische Urkunden aus Ägypten. Dazu kommen aramäische Siegel und Gemmen von Privatpersonen, der Eichvermerk eines Gewichts in Löwengestalt aus Abydos, endlich die Münzen von Königen, Satrapen, Heerführern, Dynasten und [3] Gemeinden. In Ägypten sind außerdem Bauinschriften des Darius und einige Inschriften von Privatpersonen aus der Zeit des Darius und Xerxes erhalten, ferner eine Angabe über den Aufstand des Chabbaš in einer Inschrift vom Jahre 311, endlich zahlreiche Inschriften aus der Zeit der Pharaonen des 4. Jahrhunderts. Aus dieser Zeit besitzen wir auch aus dem persischen Kleinasien manche Inschrift, namentlich aus Lykien und Karien.

Herodot redet von persischen Geschichtskundigen (λόγιοι I 1, 5), die freilich mehr von der griechischen Sage als von persischen Traditionen wissen. Die großen Taten der Könige lebten in Sagen fort (Herod. I 95, 121, 214; III 1), die Begebenheiten waren in den Hofjournalen verzeichnet; aber zu einer historischen Literatur haben es die Perser, soweit wir wissen, nicht gebracht. Später ist dem Gedächtnis der Iranier jede Erinnerung an das Achämenidenreich geschwunden; was die neupersische Literatur von ihm weiß, verdankt sie der im Mittelalter durch syrische Vermittlung importierten gräko-ägyptischen Alexandersage. – Von der historischen Literatur der Untertanen sind uns außer ein paar Notizen aus Berossos und der Königsliste Manethos nur Trümmer der jüdischen Literatur in der Bearbeitung des Chronisten erhalten, darunter Urkunden und die Auszüge aus den Denkwürdigkeiten des Ezra und des Nehemia (s.u. S. 12). Von den Zuständen des Reichs haben die Juden auch später noch ein lebendiges und zuverlässiges Bild bewahrt, das uns in dem etwa im 3. Jahrhundert geschriebenen Estherroman (s.u. S. 204) entgegentritt. Selbst in die Visionen Daniels hat sich eine Anzahl echt persischer Amtstitel gerettet, die hier auf das Chaldäerreich Nebukadnezars übertragen werden (vgl. Entst. d. Jud. 23).

Weitaus die meisten Nachrichten über das Perserreich verdanken wir den Griechen. Die älteste erhaltene Quelle sind Äschylos' »Perser« (472 v. Chr.). Der Dichter hat sich sichtlich bemüht, das Lokalkolorit zu wahren; aber seine Kenntnisse reichen über die allgemeinste Kunde von persischen Sitten und Institutionen nicht hinaus, und was er über die Geschichte des Reichs (v. 759ff.), die Völkerschaften und Heerführer mitteilt, ist großenteils seine eigene Erfindung. Für ihn, wie für die älteren Griechen überhaupt, [4] stehen die Beziehungen zu den Griechen und den westlichsten Provinzen des Reichs durchaus im Mittelpunkt der Auffassung. – Die älteste persische Geschichte, die wohl nicht über den ersten Darius hinabreichte, hat Dionysios von Milet geschrieben. Aus Hekatäos' Geographie (Bd. III2 S. 207 sind uns vereinzelte Notizen, aus Charons und Hellanikos' persischen Geschichten fast nichts erhalten. Einige auf eines dieser Werke, vielleicht Charon, zurückgehende Nachrichten liegen durch Deinon vermittelt bei Justin vor, der mehrfach eine vorherodotische Form der Geschichten von Kyros, Kambyses, Smerdis bewahrt hat. Sonst sind sie durch die Darstellung Herodots verdrängt. Herodot hat zwar Persisch so wenig wie eine andere fremde Sprache verstanden (Forsch. I 194), aber durch Dolmetscher und Griechen eine gute Kenntnis der persischen Tradition erhalten, die allerdings für die ältere Zeit sagenhaft und vielfach von griechischen Erzählungen und Ideen durchsetzt ist (Bd. III2 S. 129. Seinen Vorgängern – man wird zunächst an Dionysios von Milet denken – hat er die Chronologie (Forsch. I) und vielleicht einige streng historische, mit seinen ausführlichen Erzählungen in Widerspruch stehende Angaben (z.B. I 125; VII 11; vgl. Forsch. II 233f.) entlehnt. Außerdem ist ihnen die auf völlig authentisches Material zurückgehende Liste der Satrapien und Tributsätze des Darius (III 89ff.; vgl. u. S. 80, 1), die Beschreibung der Königsstraße von Sardes nach Susa (V 52ff.) und ebenso der Bericht über Xerxes' Zug von Kelänä bis Therme mit dem Verzeichnis der Völkerschaften in seinem Heere, ihrer Bewaffnung und Führer, also der Kern von VII 26-131, entnommen (vgl. Forsch. II 231f.). Die Zuverlässigkeit dieser Stücke namentlich in ethnographischer Hinsicht ist durch die persischen Keilinschriften vielfach glänzend bestätigt worden. Ergänzt hat Herodot seine Nachrichten durch eigene Anschauung. Zwar in Iran ist er nicht gewesen, wohl aber in Babylon, vielleicht von Phönikien aus; und die Lebensweise und Sitten (νόμοι) der Perser hat er scharf beobachtet und I 131ff. vortrefflich geschildert (vgl. Bd. III2 S. 115). Auch die Angaben über den Osten und die Grenzgebiete des Reichs, namentlich über die Sitten und Merkwürdigkeiten von Indien (III 98ff.), zeigen trotz einzelner Irrtümer, [5] wie gut er es verstand, zuverlässige Nachrichten einzuziehen; von den seit Skylax von Karyanda (s.u. S. 93) zu den Griechen gedrungenen indischen Fabeln hält er sich auffallend frei. – Über Herodots Geschichte der Perserkriege s.u. S. 226ff. Auf die Begebenheiten nach 479 geht Herodot nur in einzelnen Exkursen ein (z.B. IV 43).

Etwa vierzig Jahre nach Herodot, um 390 v. Chr., hat der Arzt Ktesias von Knidos, der siebzehn Jahre lang am Hof des Großkönigs gelebt hatte (414-398), die Geschichte des Orients und speziell in großer Ausführlichkeit (Buch 7-23) die des Perserreichs erzählt1. Auf Grund seiner Kenntnisse des Lebens und der Traditionen des Orients sucht er Herodot überall zu berichtigen; jedoch zeigt er dadurch nur, wie sehr die Tradition sich verschlechtert hat (Bd. III2 S. 129 und wie wenig kritisch er selbst veranlagt war. Ebenso hat er im Anhang seines Werks die indischen Fabeln von wunderbaren Völkern und Tieren ausführlich erzählt, die Herodot beiseiteläßt. Das hat ihm im Altertum ganz allgemein den Ruf eines Fälschers und Lügners verschafft, und wenigstens wo er sich für die ältere Zeit auf Urkunden beruft (s.u. S. 43, 1), ist dieser Vorwurf berechtigt. Wert hat sein Werk für uns fast nur für die Geschichte des 5. Jahrhunderts, wo er zuletzt als Augenzeuge und, wenigstens soweit seine Eitelkeit nicht in Betracht kommt, allem Anschein nach zuverlässig erzählt. Der Auszug, [6] den Photios aus ihm bewahrt hat, ist hier, von wenigen zerstreuten Nachrichten bei den griechischen Schriftstellern abgesehen, fast unsere einzige Quelle.

Während Ktesias' phantastische Rekonstruktion der assyrischen und medischen Geschichte viel Anerkennung gefunden hat – schon Plato benutzt sie für seine historische Phantasie legg. III 685ff. (s. NÖLDEKE, Hermes V 457), dagegen schwerlich für die persische Geschichte III 694ff. = epist. 7, 332 a –, hat man für die Perserzeit meist mit Recht Herodot vorgezogen, dem sich z.B. Ephoros überall angeschlossen hat. Auch Xenophon hat für den didaktischen Roman, zu dessen Substrat er die Reichsgründung des Kyros machte, im wesentlichen Herodots Erzählung zugrunde gelegt, aber aufs stärkste umgearbeitet2. Die Tendenz der bald [7] nach 362 geschriebenen Schrift ist, zu zeigen, wie eine hervorragende Persönlichkeit in der griechischen Welt ein taktisch durchgebildetes Heer und damit eine festgefügte, auf die Treue der Untertanen gegründete Monarchie schaffen könne. Aber wohl oder übel muß die Erzählung in eine Schilderung des Perserreichs und seiner Institutionen auslaufen3. Diese (VIII 6 und sonst in nicht sehr zahlreichen zerstreuten Bemerkungen) ist zwar vielfach idealisiert, aber im allgemeinen zuverlässig. Trotz der Schwäche des Reichs hat seine Größe und sein fester Bestand im Gegensatz zu den Wirren der griechischen Verhältnisse dem nüchternen Soldaten einen starken Eindruck gemacht; auch waren ihm manche persische Einrichtungen sehr sympathisch. Ergänzt werden die Schilderungen der Cyropädie durch die Darstellung der Satrapienverwaltung Xen. oecon. 4, 4ff. Eine scharfe Kritik des Perserreichs, wie sie schon früher z.B. Isokrates paneg. 138ff. gegeben hatte, enthält das von einem Zeitgenossen der Cyropädie angehängte Schlußkapitel VIII 8. – Ein lebendiges Bild der Zustände um 400 bietet Xenophons Anabasis, der aus einem anderen Werk (Sophainetos?) eine sehr wertvolle Satrapienliste (VII 8, 25f.) angehängt ist (vgl. u. S. 260, 1). Weitere Nachrichten über die spätere persische Geschichte verdanken wir den zeitgenössischen Historikern, wie Xenophons Hellenika, Ephoros, Theopomp, den Broschüren des Isokrates, dann den Historikern Alexanders, wie Kallisthenes und für den Osten Onesikritos, Nearch, Polykletos von Larisa u.a. Aus Ptolemäos hat Arrian seine zuverlässigen Angaben über die persischen Satrapen geschöpft.

[8] Gegen Ende des Achämenidenreichs hat Deinon von Kolophon in einem sehr umfangreichen Werk die Geschichte der Perser (und der älteren asiatischen Reiche) bis mindestens zum Ausgang Artaxerxes' III. sowie in einer zweiten und dritten Abteilung eingehend die Institutionen des Reichs und die Sitten der Perser dargestellt. Er hat alle seine Vorgänger benutzt, in der Sagengeschichte mit ausgesprochener Vorliebe für die älteren und ursprünglicheren Versionen; in der assyrischen Geschichte scheint er Ktesias' System weiter ausgebildet zu haben. Im übrigen schreibt er im Gegensatz zu Ktesias und Herodot in dem ausgebildeten Geschichtsstil seiner Zeit, mit breit ausgemalten Erzählungen, unter möglichster Wahrung des Lokalkolorits. Dadurch ist er neben Herodot die Hauptquelle für die persische Geschichte geworden und hat Ktesias in den Hintergrund gedrängt. Nicht mit Unrecht gilt er für ihren zuverlässigsten Bearbeiter (Nepos Conon 5, vgl. z.B. Cic. de div. I 46). Daher hat Trogus vorwiegend aus ihm geschöpft, ebenso Nepos im »Conon« und »Datames«; für Plutarchs Leben des Artaxerxes II. ist er die Hauptquelle, ebenso wahrscheinlich für Nikolaos von Damaskos (nur bis auf Kyros erhalten). – Gleichartig scheinen Heraklides von Kymes Περσικά gewesen zu sein, aus deren erstem Teil über persische Institutionen (Παρασκευαστικά, in mehreren Büchern) Athenäos größere, sehr wertvolle Stücke bewahrt hat; einzelne Notizen aus ihm hat auch Plutarch erhalten. In gleichem Sinne, mit Heranziehung alles kulturgeschichtlichen, antiquarischen, philologischen Materials (namentlich der Homerstellen über Asien), dabei aber nur zu oft in romanhaft ausgeschmückter Weise, haben auch die anderen Schriftsteller dieser Zeit, wie Theopomp, Kallisthenes, die Peripatetiker, die asiatischen Dinge behandelt. Besonders beliebt wird es, seit die persische Religion genauer bekannt geworden ist, aus ihr einzelne Lichter aufzusetzen und damit zugleich seine Gelehrsamkeit zu zeigen (so in der Krösosgeschichte bei Nikolaos Dam. und in der Überarbeitung der Themistoklesgeschichte durch Phanias von Eresos Plut. Them. 28; μὰ τὸν Μίϑρην findet sich zuerst bei Xen. Cyrop. VII 5, 53; eingehend hat zuerst Theopomp lb. VIII die persische Religion behandelt4. [9] Auf diese Quellen gehen die uns erhaltenen Darstellungen der späteren Zeit zurück. So tritt z. B. in der Schilderung der persischen Sitten bei Strabo XV 3, 13ff. als Grundlage Herodot hervor, aber in ausschmückender Überarbeitung, wie sie Deinon oder Heraklides geben mochte; daneben ist § 18 Xenophon Cyr. I 2 verarbeitet. Außerdem sind Darstellungen der Alexandergeschichte benutzt (so § 21 Polyklet von Larisa), denen die Schilderung des Landes (c. 2. 3 init.) größtenteils entnommen ist. In den persischen Strategemen bei Polyän stehen nachweislich Stücke aus Herodot, Ktesias, Ephoros, Deinon nebeneinander, häufig ist aber die Herkunft nicht bestimmbar. Woher die persischen Geschichten bei [Aristoteles] Oecon. II stammen, ist nicht festzustellen. – Von den Neueren ist seit BARNABAS BRISSONS bekanntem Werk De regio Persarum principatu libri tres (zuerst 1590) die Organisation des Reichs oft behandelt, so von HEEREN (Ideen I), sodann mit Heranziehung des neu erschlossenen urkundlichen Materials von G. RAWLINSON (History of Herodotus II 555ff.; Five Eastern Monarchies III) und von DUNCKER (Gesch. d. Alt. IV); eine dem Stoff genügende Behandlung steht noch aus. Die politische Geschichte des Reichs hat durch NÖLDEKE (Aufsätze zur persischen Geschichte 1887) eine treffliche Darstellung gefunden; nur kommt hier weder die Persönlichkeit der ersten Herrscher noch die allgemeine geschichtliche Bedeutung des Reichs zu vollem Rechte (vgl. meine Rezension ZDMG. XLIII 550). Die Geschichte der Satrapien ist namentlich durch KRUMBHOLZ und JUDEICH wesentlich gefördert worden5.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 61965, Bd. 4/1, S. 3-10.
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