Gotischer Baustil

Fig. 60. Grundriss des Kölner Doms.
Fig. 60. Grundriss des Kölner Doms.
Fig. 61. Wiesenkirche zu Soest.
Fig. 61. Wiesenkirche zu Soest.
Fig. 62. Rundbogiges Kreuzgewölbe.
Fig. 62. Rundbogiges Kreuzgewölbe.
Fig. 63. Spitzbogiges Kreuzgewölbe.
Fig. 63. Spitzbogiges Kreuzgewölbe.
Fig. 64.
Fig. 64.
Fig. 65. St. Stephan in Wien.
Fig. 65. St. Stephan in Wien.
Fig. 66. Strassburger Münster, Inneres.
Fig. 66. Strassburger Münster, Inneres.
Fig. 67 a und b. Rippenprofile.
Fig. 67 a und b. Rippenprofile.
Fig. 68. St. Stephan in Wien, Inneres.
Fig. 68. St. Stephan in Wien, Inneres.
Fig. 69. Barbarakirche in Kuttenberg.
Fig. 69. Barbarakirche in Kuttenberg.
Fig. 70. Wimperge vom Kölner Dom.
Fig. 70. Wimperge vom Kölner Dom.
Fig. 71. Brautthor zu St. Sebald. Nürnberg.
Fig. 71. Brautthor zu St. Sebald. Nürnberg.
Fig. 72. Rathaus zu Brüssel.
Fig. 72. Rathaus zu Brüssel.

[302] Gotischer Baustil. Wohl in bezug auf keinen Stil hat die Frage nach seiner Entstehung so viele Streitigkeiten herbeigeführt, wie beim gotischen. Das hauptsächlichste Verdienst, die Gotik aus jahrhundertelanger Vergessenheit wieder zur allgemeinen Wertschätzung gebracht zu haben, kommt allerdings den Deutschen zu und es ist nicht zu verwundern, dass sich, namentlich irregeleitet durch die Bezeichnung »gotisch« die Meinung verbreitete, die Gotik sei speziell eine Schöpfung des deutschen Geistes. Aber weder die Goten noch die Deutschen sind die »Erfinder« vielmehr war es der italienische Kunsthistoriker Vasari (1550) welcher, um seinen Abscheu vor dieser »barbarischen« Bauweise auszudrücken, den Schimpfnamen »gotisch« in Umlauf brachte.

Die Gotik ist aber auch nicht von den Deutschen zuerst als Baustil gebraucht worden, sondern es ergab sich, dass sie in Frankreich[302] längst schon ausgebildet war, bevor man in ihren Formen in Deutschland zu bauen anfing.

In Frankreich hatten eine Reihe von günstigen Umständen zusammengewirkt, um dem Lande seit dem Beginn des 13. Jahrhunderts eine hervorragende Stellung zu sichern. Die Centralgewalt hatte sich ausgebildet, das Nationalgefühl war erwacht, die Kreuzzüge hatten der Ritterschaft eine höhere Bedeutung verliehen und die ritterliche Poesie, fand weit heraus Anklang. Dieses bewegte Leben suchte auch einen Ausdruck in der Kunst; es bildete sich nach und nach aus der ernsten strengen romanischen Kunst der zierlichere, lebendigere und leichtere Spitzbogenstil.

Von grossem Einfluss auf diese Neugestaltung in der Bauweise war namentlich, dass die Baukunst aus den Händen der gelehrten, mit der Formenwelt des Altertums nicht unbekannten Mönche in diejenigen der Bürger übergegangen war. Die um die Klöster sich ansiedelnden Städte waren zur Selbständigkeit erwacht und gezwungen, für ihre eigenen Bedürfnisse, für städtische Hauptkirchen und bischöfliche Kathedralen selbst zu sorgen. Mit grosser Begeisterung machte sich das Bürgertum hinter die Lösung dieser Aufgabe. Diejenigen, welche nicht mit in die Kreuzzüge ziehen konnten, wollten doch wenigstens durch Teilnahme an einem Bau zur Ehre Gottes ihren guten Willen beweisen. Durch zahlreiche geistliche Verfügungen, namentlich durch Ablässe, welche das Volk nicht nur zu Geldspenden, sondern auch zu persönlichen Frondienstleistungen anspornten, wurde der Eifer bestärkt. Die Arbeit wurde zum Gottesdienste.

Dieses Schaffen bedurfte aber auch einer tüchtigen fachmännischen Leitung. Die technischen Kenntnisse eines Abtes oder Mönches reichten nicht mehr aus; an die Spitze trat nun der Handwerker oder die Korporation, welche sich im Handwerk bildete: die Zunft. Wir haben es hauptsächlich mit der Zunft der Maurer und Steinmetzen, mit den sog. »Bauhütten« zu thun.

Diese Wandlung erklärt manche Eigentümlichkeit des gotischen Stiles, denn an Stelle des freien, beweglichen, oft phantastischen Sinnes der romanischen Bauten, setzt die Gotik einen eintönigen, wenn auch prunkenden Schematismus; es bildete sich ein völliges System aus, das wesentlich auf technischer Erfahrung und den Vorzügen eines hochgebildeten Handwerks beruht, (vgl. Rahn, bild. Künste der Schweiz).


A. Kirchliche Architektur.

1) Grundriss. Als Grundlage für alle mittelalterlichen Kirchenbauten diente die Basilica. Die romanische Baukunst hatte aus der altchristlichen Basilica nach mancherlei Umgestaltungen (siehe den Art.: romanische Baukunst) bereits in den Grundzügen die Form des christlichen mittelalterlichen Tempels ausgebildet. Darnach besteht dieselbe fast ausnahmslos aus einem langgestreckten höhern Mittelschiff, an welches sich auf jeder Seite ein, zwei, ja oft sogar drei niedrigere und schmälere Seitenschiffe anschliessen. Getrennt sind die einzelnen Schiffe durch Pfeiler, die unter sich wieder durch Bögen verbunden werden. Gewöhnlich im Osten verbindet sich mit dem Langhaus der Chor, der nun nicht mehr, wie in der romanischen Zeit, um viele Stufen erhöht wird und unter sich die Krypta birgt, sondern in beinahe gleicher Höhe liegend nur durch den Lettner oder niedrige Schranken vom Schiffe getrennt wird. Unter Lettner versteht man eine tribünenartige Erhöhung, welche, gewönlich auf drei Bogenstellungen ruhend, von einem Pfeiler quer durch die Kirche zum gegenüberstehenden[303] sich hinzieht und zur Verlesung des Evangeliums diente.

Um den Chor herum, der im halben 8, 10 und 12 Eck geschlossen wurde, so dass auf die Längenachse eine Seite zu stehen kam (ohne dass es indessen an gegenteiligen Beispielen fehlen würde), und den man in gleicher Höhe und Breite, wie das Langhaus aufführte, ziehen sich oft die Seitenschiffe in Umgängen herum. Sind 4 oder mehr Seitenschiffe vorhanden, so gestalten sich die äussern am Chorhaupt zu einem Kranze von Kapellen, von denen die in der Längsachse liegende, der Mutter Gottes geweihte, gewöhnlich grösser und weiter ausgebildet ist (Fig. 60) Grundriss des Kölner Domes (Kunsthist. Bilderbogen). Freilich kam[304] dieses reiche System nur bei grossen Kathedralen zur vollen Ausbildung; kleinere Bauten liessen Umgang und Kapellenkranz weg und schlossen Mittel- und Seitenschiff durch einfache Absiden, die in mannigfaltiger Gestaltung auftreten, besonders, da die durch das Strebepfeilersystem bedingte Form der Polygone gegenüber den frühern, romanischen halbrunden Nischen ein unvergleichlich beweglicheres Element war (Fig. 61). Grundriss der Wiesenkirche zu Soest (Kunsthist. Bilderbogen).

Auch die einfachste Art des Chorschlusses fehlte nicht, die gerade Linie, wobei die sich ergebende breite Hinterwand zur glanzvollen Entwickelung von Fensterarchitekturen willkommenen Anlass bot (vgl. Klosteranlagen).

Auf die Entwicklung des Grundrisses aber war von grösster Bedeutung der Gewölbebau. Schon in der romanischen Zeit hatte man die weitgehendsten Versuche gemacht, die Kirchen statt mit hölzernen, durch Brände oft zerstörten Decken mit steinernen Gewölben zu versehen und hatte als zweckmässigste Form das Kreuzgewölbe gefunden.

Dasselbe besteht aus zwei halben sich senkrecht durchschneidenden Hohlcylindern und bietet den grossen Vorteil, dass es auf die Seitenwände keinen Druck ausübt, sondern denselben nur in den Ecken des Viereckes geltend macht (Fig. 62). So lange man aber dieses Kreuzgewölbe aus dem Rundbogenkonstruierte, war man gezwungen, stets über quadratischen Grundflächen zu konstruiren und man behalf sich denn auch in der romanischen Zeit derart, dass man stets zwei Gewölbefelder deshalb so breiten Seitenschiffes auf eines des Hauptschiffes fallen liess (siehe romanische Baukunst). Durch die Einführung des Spitzbogens fiel diese Beschränkung weg, da durch beliebige Verrückung der Mittelpunkte bei gegebener Sprengweite eine beliebige Erhöhung des Scheitelpunktes erlangt werden konnte (Fig. 63, 64). Vorerst wurden nun die Gewölbefelder der Seitenschiffe und des Mittelschiffes nach der Längsachse des Gebäudes gleich breit gemacht, wodurch der Unterschied zwischen Gewölbepfeilern und Arkadenpfeilern verschwand und ein weit einheitlicherer Eindruck erzielt wurde. (Fig. 60, 61 u. 65.) Die romanische Baukunst hatte ferner zwischen Schiff und Chor das sog. Querschiff eingelegt, welches in gleicher Höhe und Breite wie das Hauptschiff die Seitenschiffe durchschnitt und oft noch über dieselben[305] vorsprang. Die gotische Baukunst vernachlässigte es; oft wurde es ganz weggelassen (Fig. 65), wenn es auch bei reichen Anlagen dem Rhythmus des Ganzen folgt und in der Regel eine dreischiffige Anlage erhält (Fig. 60).

Bevor wir die Betrachtung über den Grundriss schliessen, dürfen wir der Anlage der Türme nicht vergessen, jenes Stolzes und Wahrzeichens der mittelalterlichen Städte. Die romanische Zeit war in der Anlage der Türme geradezu übermütig gewesen. Bis zu neun Türmen erhoben sich auf demselben Denkmal, aber keiner von allen vermochte sich mit jener Kühnheit zu den Wolken emporzurecken, wie das in der Gotik der Fall ist. In der Regel erheben sich hier nur zwei gewaltige Steinriesen an der westlichen Front und schliessen zwischen sich die reichen Portale ein. In andern Fällen legt sich nur ein Turm vor die ganze Anlage. Der gewaltige Vierungstum über der Kreuzung des Lang- und Querhauses aber schrumpft zusammen in einen kleinen, niedlichen, hochaufschiessenden Dachreiter. Das Westende erhält dadurch seinen bestimmten kräftigen Abschluss, während der Bau am Ostende allmählich ausklingt.

Die antike Welt hatte ihre Tempel so gestellt, dass die aufflammende Morgensonne zu den Portalen einströmen und das geliebte Götterbild mit ihren Strahlen vergolden konnte; die mittelalterliche Anschauung wandte die Anlage um. Der Chor als der Hauptteil wurde nach Osten, dem Lichte entgegen, vorgeschoben; die Portale öffneten sich westwärts.

2) Innerer Aufbau. Auf dieser Grundrissbildung baut sich der Tempel in die Höhe, schlank und hoch, mit möglichster Unterdrückung der Horizontalen.

Betrachten wir vorerst das Innere. Es mutet uns durch seine Leichtigkeit und Einfachheit an; alles Beengende ist vermieden, die Konstruktionsmassen sind nach[306] aussen verlegt, die Mauermassen der romanischen Basilika mit ihren kleinen Fenstern haben weiten Öffnungen und schmalen Pfeilern Raum gemacht. Wir bemerken im Innern nichts von den massiven Strebepfeilern, die im Äussern den Gewölbedruck auffangen, nichts von der spannenden Thätigkeit der Strebebogen, nichts von all jenen notwendigen Konstruktionsmitteln, welche der Attraktionskraft der Erde entgegenzuwirken haben. Wir sind von der Aussenwelt abgeschieden durch sattgemalte Fenster, die ein gedämpftes gebrochenes Licht in[307] die Halle senden und durch die vorherrschenden Hohlkehlen und Rundstäbe unterstützt, tiefe, weichauslaufende Schatten erzeugen. Fig. 66 Inneres des Münsters zu Strassburg (Kunsthist. Bilderbogen).

Pfeilerentwickelung. Die romanischen viereckigen Pfeiler sind kräftigen Säulen gewichen, breit und wuchtig genug, um die über ihnen lagernde Last zu tragen. Sie erinnern noch leise an ihre Urahnen in den griechischen Tempeln, sind aber umgewandelt und umgestaltet,[308] nach der veränderten Funktion, die sie zu verrichten haben. Die attische Basis, die in der Regel vorkommt, ist weit ausgekehlt, der untere Wulst herausgedrückt, so dass er oft weit über die Plinte vorragt und durch Konsolen gestützt werden muss. Der Schaft ist massig, ohne Anzug, cylindrisch und sitzt ohne irgend welche Vermittlung auf der Basis auf, die im Übergang vom Runden ins Achteck und in mannigfaltiger Auflösung zu einer einfachen Grundform sich dem Boden anschliesst.

Die Kapitäle laden weit aus und nehmen auf ihrer Oberfläche teils die Gewölberippen, teils die Säulchen auf, welche höher liegende Gewölbe stützen. Wuchtige starke Blätter mit Knollen stützen die vier Punkte der tragenden Platte, des Kämpfers, welchen die romanische Architektur aus dem antiken Gebälk gebildet hatte. Die Fusspunkte der Bogen halten sich nicht mehr an die Fortsetzungslinien des untern Säulenschaftes. Sie setzen so weit aussen als möglich an, so dass das Blätterwerk des Kapitäls zugleich als tragendes Element, als Konsole zu dienen hat. Die Entwickelung des gotischen Stiles änderte diese ursprüngliche Säule zum Rundpfeiler um, indem sie die Fortsetzung der Gewölberippen durch kleine Säulchen, die sogenannten Dienste vermittelte, welche sich anfangs frei um den runden Kern lagerten und nur leicht mit der ursprünglichen Säule an Kapitäl und Basis verbunden wurden. Natürlich fiel dadurch die Notwendigkeit der weiten Kapitälausladung weg und an deren Stelle trat ein leichter Blattkranz von einheimischen Eichen- und Weinstockblättern, bis schliesslich die Spätzeit, wo diese letzte Reminiszenz an den Horizontalismus dem wilden Vertikalismus hindernd im Wege stand, auch noch die Kapitäle beseitigte und die Gewölberippen in einem Schwung vom Boden bis zum Scheitel aufjagte. In vielfachen Variationen wiederholt sich dasselbe Schema und sucht die Formen immer flüssiger, immer schlanker zu machen. Der mittelalterliche Bündelpfeiler war so für die Gotik das geworden, was die Säule dem antiken Tempel war.

Gewölberippen. Auf die so gebildeten Stützpunkte baute sich nun die Decke mit ihren Gewölben auf.

Ein wichtiger Fortschritt in der Konstruktion der stets angewandten Kreuzgewölbe wurde gleich im Anfang der gotischen Zeit im nördlichen Frankreich gemacht, indem die Diagonalgräte für sich aus einzelnen Steinen gewölbt wurden und zwar so, dass sie auf der vom Innern des Gebäudes aus sichtbaren Seite mit Profilierungen versehen wurden, nach oben hin jedoch einen Falz zeigten, in den die Dreiecksfelder des Kreuzgewölbes, die Kappen, aus leichterem Material eingespannt wurden. Dort aber, wo sich die Rippen durchschneiden, setzte man einen grösseren künstlerisch ausgeführten Schlussstein (Fig. 67).

Die Profilierung der Rippen lehnte sich anfangs dem Romanismus an, konnte aber bei den eckigen Formen mit den vorgelegten Rundstäben nicht stehen bleiben. Der Ausdruck ihrer ästhetischen Funktion, des Spannens, des sich selber Tragens, musste klargelegt werden. So liess die Gotik die Grundform des Vierecks fallen und setzte an[309] dessen Stelle ein Dreieck mit nach unten gerichteter Spitze. Tiefe Hohlkehlen in Abwechselung mit kräftig sich lösenden Rundstäben und namentlich den wirkungsvollen Birnstäben steigerten den Eindruck. Die Spätzeit ging auch hierin immer weiter. Die Hohlkehle mit ihrem tiefen weichen Schatten gewann die Oberhand und überstimmte alles andere. Ein Hasten und Jagen nach Effekten trat ein, dadurch aber gerade jene nüchterne Eintönigkeit in den Profilierungen späterer Bauten, welche in der ununterbrochenen Anwendung des gesteigertsten Ausdrucksmittels[310] ihre letzte Kraft vergeudet. Auch die einfache klare Form des Kreuzgewölbes genügte nicht mehr. Die dreieckigen Kappen zerlegte man nochmals in drei Teile, setzte in den Schwerpunkt den Schlusstein und liess zu ihm von allen drei Ecken sich Rippen hinaufwölben. Ging man in der Teilung noch weiter, so erhielt man die reichen Formen des Netz- und Fächergewölbes. Fig. 65 und 68 Inneres von St. Stephan in Wien (Kunsthist. Bilderbogen).

Der Anblick einer solchen Netzdecke ist ein unendlich reicher und lebendiger, kann aber den Ausdruck von etwas Gebuchtem, nach konstruktiven Spitzfindigkeiten Gehendem keinesfalls verleugnen, wenigstens in seiner letzten Ausbildung nicht.

Hiermit ist das innere Gerippe der gotischen Kirche gegeben. Das übrige ist alles Füllwerk. Wir haben schon betont, dass die Mauermassen des romanischen Stiles, der dieselben nur mit kleinen unbedeutenden Fenstern durchbrach, nach und nach verschwanden und sich auf die Pfeiler konzentrierten, so dass die letzteren zwischen sich ein freies, durch keinen Gewölbedruck belastetes Feld einschlossen, in dem sich die Dekoration nun in ihren lieblichsten Formen tummeln konnte. Über den Bögen der Seitenschiffe öffneten sich in den ersten Zeiten die zierlichen Arkaden der über den Seitenschiffen angebrachten Emporen. Die folgenden Zeiten drückten diese Emporen immer mehr zusammen, bis schliesslich nur noch ein schmaler Umgang blieb, der zuletzt auch wegfiel. Als dekoratives Element aber wurden diese Arkaden, die sogenannten Triforien oder Dreiöffnungen beibehalten. Sie mussten zur Maskierung des an die Mauer sich anlehnenden Pultdaches der Seitenschiffe dienen (Fig. 66).

Darüber entwickelte sich eine grosse Glaswand, die Fenster, von der stark abgeschrägten Fensterbank aufsteigend und in dem, dem Gewölbe sich anschmiegenden Spitzbogen endigend. Ihrer Grösse wegen war es notwendig, sie durch mehrere Steinpfosten zu teilen, die sich oben in dem das ganze Fenster überspannenden Spitzbogen in den geometrischen Formen des sogenannten Masswerks verschlangen und auflösten. Noch deutlicher tritt uns die fertige Form der Fenster entgegen, wenn wir sie in ihrer Entwickelung betrachten. Das erste Motiv war in dem gruppenmässigen Zusammenstellen einzelner kleiner Fenster gegeben. Durch Zusammenrücken derselben entstanden leichte, durch Säulchen getrennte Arkaden, und den alle umfassenden Spitzbogen füllte eine einfache Rosette aus. Wie aber nach und nach der Innenbau flüssigeres Leben und Form annahm, tauchte auch in der Fensterarchitektur flüssigeres Leben auf. Die schrägen Geläufe wurden belebt durch Säulchen und Hohlkehlen, und das Rosettenmotiv fand hundertfältige Variation mit sich schneidenden Kreislinien in den sogenannten Drei- Vier- und Fünfpässen; in der Blütezeit noch in massvollen Schranken, später in oft übersprudelndem Formenreichtum, oft aber auch in unermüdlicher Anwendung der sogenannten Fischblase, eines flammenartigen, rundlich geschwungenen Passes, der bereits die Gesetze geometrischer Bildung aufgelöst zeigt (vgl. den Artikel Fenster). In späterer Zeit, als man darauf bedacht war, die Mauermassen möglichst zu reduzieren und alles in Licht aufzulösen, zog man sogar die Triforien in das darüber liegende Fenster hinein. Das Licht wurde dadurch erhalten, dass man die Seitenschiffdächer nach einwärtsabwalmte, allerdings ein gefährliches Auskunftsmittel, denn man bildete dadurch Zufluchtswinkel für Regen und Schnee.

Eine wundervolle Gestaltung erlangte[311] die Masswerksarchitektur in den sogenannten Rosen, wie sie an den Wänden des Querschiffes und der Hauptfront auftreten; grosse weitgespannte Räder, anfangs mit radialen Speichen versehen, später überflutet von geometrischen Formen aller Art. Namentlich die französische Gotik brachte die Rosen zur vollsten Blüte, während Deutschland dieselben, als dem vertikalen Prinzip widersprechend, fallen liess und durch grosse Spitzbogenfenster ersetzte. – Dieser steinerne Gitterbau bot nun[312] der Verglasung ihren Halt, die dann auch in den lebhaftesten buntesten Mustern zusammengesetzt wurde und dem kalten, nordischen, scharfen Tageslichte den Eintritt ins Innere verwehrte.

3) Ganz anders tritt uns das Äussere entgegen. Da begegnen wir den gewaltigen Stützen, da finden wir die mannigfaltigsten Konstruktionsmittel offen und ehrlich. Zunächst fallen die Strebepfeiler, wuchtige von breiter Basis aufsteigende Steinkolosse, in die Augen. Wir haben oben gezeigt, wie sich der Druck der Gewölbe auf einzelne Punkte konzentrierte. Diese Punkte galt es vor allem zu sichern. Dem Schub der Seitenschiffgewölbe konnte durch die Strebepfeiler direkt begegnet werden, während der Schub des Mittelschiffgewölbes über das Seitenschiff hinweg auf den Strebepfeiler geleitet werden musste. Dies geschah mittelst frei gespannter Bögen, den sogenannten Strebebogen, die einerseits gegen das Mittelschiff, andererseits gegen den Strebepfeiler drückten und so den Gewölbeschub auf die Steinmasse des letztern übertrugen. Waren mehr als zwei Seitenschiffe vorhanden, so sprengte man die Strebebogen entweder in kühner Spannung über beide Schiffe hinweg, oder aber man führte auf den die Seitenschiffe trennenden Pfeilern Türmchen auf, welche den weitgespannten Strebebogen durchschnitten und denselben so in zwei selbständige Teile zerlegten. So sind die Strebepfeiler die wahren Atlanten des Baues und tragen auf ihren Schultern die Last der gesamten Konstruktion, dienen aber zugleich als festes senkrechtes Rahmwerk für die mit luftigen Fenstern durchbrochenen Wände. Anfangs sind sie kahl nach oben durch einfache schräg abfallende Abstufungen sich verjüngend. Die schaffende Phantasie vertiefte sich vorerst auf das Innere, und erst als dasselbe mit seinem Zauber die höchste künstlerische Gestaltung erreicht, beschäftigte sie sich mit der Ausbildung der äusseren Formen. Der schwerfällige Strebepfeiler erwuchs bald unter der schaffenden Gestaltungskraft zu einem eigenen kleinen Bauwerke. Naturgemäss wurde der Pfeiler beträchtlich über den Angriffspunkt der Gewölbe erhöht. Das gab den ersten Anlass zur Dekoration. Die werkthätige Hand säumte nicht, diesen Aufsatz zu einem eigenen kleinen Türmchen mit steiler hoher Spitze auszubilden. Diese Pfeilertürmchen, oder wie sie die damalige Handwerkssprache nannte, die Fialen, bestanden aus dem sogenannten Leib und dem schlanken Spitzdache, dem Riesen, aus dessen Spitze eine kreuzförmig ausladende Blume hervorblühte und an dessen Kanten kleine Steinblumen, die Krabben oder Knollen, emporkrochen, auch ihrerseits die aufwärtstreibende Bewegung höchst lebendig aussprechend. Fig. 70. Barbarakirche in Kuttenberg (Kunsthist. Bilderbogen).

Die schon erwähnten Absätze aber boten willkommenen Anlass zur Aufstellung von kleinen Tabernakeln, Statuen mit Baldachinen etc., so dass sich der ehemals so plumpe Steinpfeiler schliesslich in einen Wald von auseinander herauswachsenden Türmchen und Nischen auflöste und unter dieser zum Himmel emporstrebenden spielenden Bewegung die entgegenstemmende Wucht kaum mehr ahnen liess. Der Strebebogen, oberhalb mit einer Schräge zum Ablauf des Wassers versehen, aus der die schon erwähnten Krabben emporwuchsen, erfuhr ebenfalls den Einfluss der Phantasie, die keine schwere Fläche mehr dulden wollte.

Die Strebebogen dienten nebenbei aber zugleich als kleine Aquadukte, welche das Abwasser des Hochwerks über die Seitenschiffe wegführten. Ungeheuerliche Gestalten, meistens Tierformen oder[313] Menschenköpfe, die sogenannten Wasserspeier, spieen das sich sammelnde Wasser aus und schleuderten es weit vom Bau weg.

In wechselvoller Weise spannte sich zwischen dieses vortretende konstruktive Gerüst hinein der prächtige Teppich der Fenster, deren umfassender Spitzbogen überdacht wurde von den sogenannten Wimpergen, giebelähnlichen Aufsätzen, in deren Dreieck die Lieblingsdekoration des Mittelalters, das Masswerk, ein unbeschränktes Feld fand. Fig. 70. Wimperge vom Kölner Dom (Kunsthist. Bilderbogen). – Leichte durch ihre tiefen Schatten aber ungemein wirkende Horizontalgesimse verbinden die einzelnen Strebepfeiler und umziehen, da sich in den Hohlkehlen gewöhnlich ein reiches Blätterwerk entfaltet, den ganzen Bau mit einem steinernen Kranze.

Den grössten Triumph aber feierte die Gotik in der Entwickelung der Westfaçade, im Turmbau. Wie wir schon bei der Betrachtung des Grundrisses belehrt wurden, erheben sich in der Regel zwei massige Türme. Wenn auch die Anwendung der Strebepfeiler beim Turmbau durch seine inneren Strukturverhältnisse keineswegs geboten war, so überzeugte man sich doch bald, dass die Symmetrie der ganzen Anlage vorspringende Mauermassen erfordere und dass auf diese Weise mit leichterer Kühnheit dem Ganzen der Charakter des Emporstrebenden gegeben werden könne. So setzen denn vier gewaltige Pfeiler am Fussboden an, steigen auf, schlanke hohe Fenster einschliessend, bis eine Galerie, das Untergeschoss trennend, den Übergang vom Vier- ins Achteck markiert, in welchem der Kern seinem Gipfelpunkte zujagt. Die vier Eckpfeiler, zerklüftet von Nischen und sich abstufend in Dutzenden von Fialen, als selbständige Türme sich aufbauend, vermitteln den Übergang auf die bewegteste Art, indem sie den mittleren Kern zu seiner luftigen Höhe begleiten, der sich dort mit einem gewaltigen Steinhelm überdacht. Die strenge Konsequenz, die[314] im gotischen System liegt, wollte aber auch hier oben ausklingen. Auf dem lebendigen, mit Leichtigkeit aufquellenden System des Unterbaues konnte keine volle Steinmasse als Abschlusshelm lasten. Unbekümmert gegen die Unbilden der Witterung, mit künstlerischer Gleichgültigkeit die praktischen Bedürfnisse hintansetzend, erstand ein luftiges durchbrochenes Gerüst, dessen kräftige Rippen, untereinander verspannt, durch Masswerk aller Art, an ihrem Vereinigungspunkt als letzte Blüte[315] eine gewaltige Kreuzrose aufknospen liessen. Unten am Fusse aber öffneten sich drei weite Portale. Dort herrschte der bildnerische Schmuck mit gewinnender Anmut. In tiefliegenden Hohlkehlen, keck unterbrochen von schlanken Säulchen, empfangen uns die Scharen der Heiligen, deren Statuen unter Baldachinen, auf Konsolen ruhend, herniedergrüssen, während das von dem Bogen eingespannte Feld, das sogenannte Tympanon, Szenen aus der Bibel erzählt und der das breite Portal trennende Pfeiler die Statue eines bevorzugten Heiligen, in der Regel diejenige der Maria präsentiert. Fig. 71. Brautthor zu St. Sebald (Kunsthist. Bilderbogen).

Über der reichgeschmückten Archivolte erhob sich in der Regel ein grosser steiler Giebel, dem wir schon bei den Fenstern unter dem Namen Wimperg begegnet sind, nur dass hier die weit grössere Fläche oft auch noch in den Rahmen des bildnerischen Schmuckes hineingezogen wurde, statt mit Masswerk ausgefüllt zu werden. Unbekümmert ragten diese Giebel in das darüberliegende Fenster oder die Rose hinein und kennzeichnen so recht die Rücksichtslosigkeit der mittelalterlichen Baumeister, wenn es galt ein bestimmtes Architekturstück konsequent auszubilden.

Hiermit steht der gotische Kirchenbau vollendet vor uns, gross in seinen Grundgedanken, gross in der konstruktiven und dekorativen Behandlung desselben, aber trotz dem seine bedenklichen Kehrseiten nicht verleugend. Die tausend und aber tausend feinen Spitzen, welche der Vernichtung ihren Arm entgegenstrecken und im wilden Chaos, besonders am Chorhaupte, weder ein klares Bild, noch eine formenschöne Silhouette, zustande bringen (Fig. 69), das Überschneiden der zahlreichen Bögen im Innern in oft nichts weniger als schönen Formen, der unvermittelte Aufsatz der Gewölberippen auf den Diensten, die bildnerische Überladung der Portale mit der widersinnigen Stellung der Statuen gegen den Scheitelpunkt des Bogens hin, die zwecklosen, rein dekorativen Wimperge, die Turmhelme, deren durchbrochene Masswerksformen nicht nur dem praktischen Bedürfnisse nicht im geringsten entsprechen, sondern fast für jeden Standpunkt des Beschauers sich überschneiden und sich in unrhythmischer Weise decken, vor allem aber die durch gänzliche Unterdrückung der Horizontale hervorgerufene Unruhe, erinnern nur zu sehr daran, dass Wahrheit, Natur und Zweckmässigkeit nicht die stärksten Seiten der gotischen Architektur waren und dass dieselbe mehr bestrebt war, das Ideale zu realisieren, als das Reale zu idealisieren.

4) Schliesslich hätten wir noch der abweichenden Formen zu gedenken. Bei der umfassenden Verbreitung des gotischen Stiles war es selbstverständlich, dass mannigfache Abänderungen sowohl in der Grundrissform als im Aufbau zur Geltung kamen, teils bedingt durch nationale Eigentümlichkeiten, teils durch den veränderten Zeitgeist, teils aber namentlich durch das Baumaterial.

Vorerst hatte jenes exzentrische Streben nach Vertikalismus nicht überall die Oberhand gewonnen. Man hielt zum Teil noch fest an einer ruhigen, dem Romanischen sich mehr anlehnenden Entwickelung. Statt das Mittelschiff zu jener engbrüstigen Höhe emporzuführen, zog man es vor, die Seitenschiffe zu erweitern. Man machte dieselben breiter, zuletzt sogar gleich breit, wie das Mittelschiff. Eine natürliche Folge davon war die Erhöhung desselben, und das Resultat dieser Umwandlung eine Halle mit drei gleichbedeutenden Schiffen (Fig. 68). Dieses System der Hallenkirchen[316] beeinflusste die Form der äusseren Anlage beträchtlich. Das Querschiff fiel weg, und der Wechsel des höher emporragenden Mittelbaues zu den niedrigen Seitenschiffen erstarb zu einer glatten Mauer, die trotz der langen grossen Fenster und allen möglichen konventionellen Zieraten sich nie zu jenem lebendigen Rhythmus der Basilikenanlage emporzuschwingen vermochte. Die grosse durch drei gleich hohe Schiffe entstandene Fläche des zu überdachenden Raumesbedingte aber zugleich jene gewaltigen Dächer, die trotz allen angewandten Dekorationsmitteln, trotz des Auflösens in farbigem Schmuck dem Bau ein für allemal ein schwerfälliges Gepräge aufdrückten.

Als Material wurde bei den meisten Bauten ein fügsamer Baustein verwendet. In den nördlichen Gegenden indessen, wo derselbe schwer zu erhalten war, sah man sich auf ein Surrogat verwiesen, auf die Ziegel. (Backsteinbau). Dadurch entstand dort eine eigentümliche Richtung. Alle stärker ausladenden Details fielen weg und machten einem dekorativen farbigen Flachornament Platz. Indess vermochte diese Richtung in der Kirchenarchitektur sich nicht zu einer wirklich künstlerischen Entwicklung emporzuschwingen. Sie blieb eine lokale.

Die Zeit war nicht mehr dazu angethan, neues zu schaffen, es folgte eine allgemeine Entnüchterung. Man liess den Gesamtgedanken aus dem Auge und wandte Zeit und Geschmack einer dekorativen Ausbildung der Details zu, die nur zu bald in eine bald anmutige, bald nüchterne Spielerei ausartete.

Das Kennzeichen jedes Zopfes, das Haschen nach geschwungenen Linien brach auch da ein. Die Wimperge wurden gekrümmt und nahmen die Gestalt des sogenannten Eselsrückens an, das Fenstermasswerk verwilderte in den Fischblasenformen, die Fialen wurden spiralförmig gedreht und die Spitze oft hakenförmig umgebogen, die Profile bestanden schliesslich aus nichts mehr als aus tiefeingeschnittenen Hohlkehlen. So wurde die gotische Architektur reif, der einbrechenden Renaissance zu weichen, und wich auch fast ohne Kampf. Die Übergänge sind gering. Die Renaissance tritt unvermittelt ein und verkündet den Anfang einer neuen Zeit, eines anderen Gedankenganges.

5) Historischer Abriss. Frankreich. Schon in der Mitte des 12. Jahrhunderts, während Deutschland noch streng romanisch dachte und baute, erstand unter Abt Suger an der Abteikirche zu St. Denis ein neuer Chorbau, an welchem zum erstenmal der vollendete Strebepfeiler aufkam, verbunden mit der reich ausgebildeten Choranlage; hier nahm auch die konstruktive Verwendung des Spitzbogens ihren Anfang, nachdem schon lange vorher ein Grübeln und Suchen nach diesem System in der romanischen Architektur vorbereitend den Grund zu diesem, wenn man so sagen will, neuen Ge-Gedanken gelegt hatte. Derselbe fand rasch Anklang, und in kurzer Zeit folgten diesem Erstlingswerk die Kathedrale von St. Remy zu Rheims, sowie die Kathedralen von Laon und Paris. Am glanzvollsten entwickelte sich die französische Gotik im 13. Jahrhundert an den Kathedralen von Chartres (1195 bis 1260) und Rheims (1212) und erreichte den Glanzpunkt ihrer Blüte in der Kathedrale von Amiens (1220–88), während das 14. Jahrhundert sich gröstenteils mit Vollendung der begonnenen Bauten beschäftigte. Im 15. Jahrhundert zerfiel die französische Gotik bereits, indem der sogenannte Flamboyantstil oder wie man auf Deutsch sagen würde, der Fischblasenstil einbrach.

Deutschland sträubte sich bis tief ins 13. Jahrhundert hinein, den[317] sich bahnbrechenden neuen Formen sein Gebiet zu öffnen. Es hielt fest an der Ausbildung des romanischen Stils, der allerdings trotzdem in seiner Blütezeit in dem rheinischen Übergangsstil den Einfluss der heranrückenden Gotik, namentlich in der Grundrissbildung, keineswegs zu verleugnen vermag. Das erste bedeutende Beispiel der Aufnahme gotischer Formen zeigt der Chor es Doms zu Magdeburg, der das französische Vorbild des Kapellenkranzes acceptiert. Ein liebliches Beispiel der Übertragung dieses französischen Gedankens auf den Zentralbau ist die Liebfrauenkirche in Trier (1227–44), während die Elisabethenkirche in Marburg als das erste frühe Beispiel (1235–83) einer Hallenkirche erscheint. Das Querschiff ist nach Vorlage des rheinischen Übergangsstiles im Polygon abgeschlossen, die ganze Anlage noch äusserst ruhig, einfach und schlicht, aber von grossem Adel der Auffassung zeugend.

In dem schon 1248 begonnenen Kölner Dom (Fig. 60) entfaltet sich das gotische System zu edelster Harmonie und grossartigster Durchführung, die indes nicht frei ist von schulmässiger Regelrichtigkeit. Der Einfluss der französischen Gotik ist unverkennbar und der Kölner Dom sozusagen eine getreue Kopie der Kathedrale von Amiens, allerdings eine Kopie, welche das Original durch Lauterkeit, Folgerichtigkeit und Klarheit der Disposition überholt, ein Bauwerk, dessen gewaltige Dimensionen an das menschliche Können und die menschliche Kraft derartige Anforderungen stellte, dass es unserem Jahrhundert vorbehalten war, mit der Kreuzblume die Steinriesen zu krönen, das gewaltige Werk zu seiner Vollendung also nicht weniger als sechsundeinhalbes Jahrhundert bedurfte. Ungleich origineller in der Auffassung ist die Katharinenkirche zu Oppenheim (1262 bis 1315), wo die Masswerksentwickelung in den Fenstern in sprudelndem Leben zur Geltung kommt. Das im gleichen Jahrhundert errichtete Münster zu Freiburg imponiert namentlich durch seine edle Turmbaute mit durchbrochenem Helm. Das Strassburger Münster (1275–1439) zeigt fast alle Phasen der mittelalterlichen Baukunst. Das Langhaus (Fig. 66) ist streng frühgotisch, die Seitenfaçaden des Querschiffes und der Chor mahnen an romanische Formen, während die vordere westliche Façade mit ihrem gewaltigen Radfenster deutliche Anklänge an die französische Gotik in ihrer Blüte zeigt, und der Turmbau endlich (1439 vollendet) jenes Auflösen der Architekturformen, jenes Jagen nach konstruktiven handwerksmässigen par force-Leistungen offenbart, die man höchstens wegen ihrer Kühnheit bewundern, nie aber schön finden kann. Im südlichen Deutschland stellt der 1275 erstandene Regensburger Dom das Vorbild für die deutsche Chorbildung auf, welche der reichen französischen Anlage entsagt und dieselbe durch einfache Polygone ersetzt, während im Prager Dom (1343–85) eine nochmalige Aufnahme des Kapellenkranzes zum Durchbruch gelangt. Im 14. Jahrhundert ist die Gotik in Deutschland in Fleisch und Blut übergegangen und feiert nochmals ihre Blütezeit, so im Dom zu Halberstadt, namentlich aber in der weitern Ausbildung des Hallenkirchensystems. Zugleich bricht aber mit der Überhandnahme der gegenüber der Basilika ungleich nüchternen Form der Hallenkirche eine gewisse handwerksmässige Fertigkeit an Stelle der künstlerischen Gestaltungskraft; ein Überhandnehmen von konstruktiven Spitzfindigkeiten, wie Netz- und Sterngewölbe; ein Einhüllen der Formen in ein wahres Netz von frei davorgestelltem Stabwerk, die unumschränkte[318] Herrschaft der Fischblase und des Eselsrückens. Die Beispiele dieser Epoche entbehren zwar keineswegs einer gewissen Anmut und Leichtigkeit, besonders in der Ausbildung von Einzelarchitekturen; wir erinnern nur an die Wiesenkirche in Soest mit dem wunderhübschen Chorschluss, an die Marienkirche zu Mühlhausen, an die Dome zu Minden und Meissen, in Süddeutschland namentlich an die Liebfrauenkirche in Esslingen mit dem höchst anmutigen Turm, an die Nürnberger Kirchen St. Sebald und St. Lorenz (1439).

Das gewaltigste Denkmal des 14. Jahrhunderts aber repräsentiert St. Stephan in Wien (Fig. 68), eine weite Hallenkirche mit wenig erhöhtem Mittelschiff. Im Äussern fallen namentlich die mit grösstem künstlerischen Fleisse erstellten Wimperge ins Auge, wodurch die Schwere des gewaltigen Daches etwas gemildert wird. Besonders aber hat sich die Gotik in dem gewaltigen Riesenwerke des Turmbaues (1433 vollendet) ein letztes, aber durch alle Jahrhunderte Achtung gebietendes Denkmal gesetzt.

Von da an zerfällt sie rasch. Das 15. Jahrhundert vermag sie nicht mehr zu halten. Die Einzelgliederungen werden nüchtern oder phantastisch, sie fangen an, sich zu bäumen und zu biegen und zu verschnörkeln. Die geometrischen Formen werden zur Zerrform der Natur und arten zuletzt in unverstandene plumpe Gestaltungen aus. Eine solche Blüte gotischen Zopfes bietet das Portal des Merseburger Domes und der Klosterkirche zu Chemnitz etc. Der Backsteinbau findet seine Hauptvertreter in den nördlichen Gegenden, namentlich in der Marienkirche zu Lübeck (1276 begonnen), wo die ganze weitschichtige Anlage des französischen Chors in Backstein zur Ausführung gelangte.

In England schlug der gotische Stil seinen eigenen Entwickelungsgang ein. Das Langhaus wurde stets nur dreischiffig angelegt und ungewöhnlich in die Länge gezogen. Der Chor erhielt den nüchternen geradlinigen Abschluss. Neben den zwei Westtürmen hielt sich der Querschiffturm. Der deutsche Helm machte beinahe immer einem einfachen Zinnenkranze Platz.

Die hauptsächlichsten Beispiele sind die Kathedrale von Canterbury, die Westminsterkirche in London (1245–69), die Kathedrale von Salisbury (1220–1259), von Worcester und andere mehr.

In Italien kam der gotische Baustil nie zu seiner Geltung, oder er erhielt, wo er zur Ausführung kam, ein den nationalen Anschauungen und dem Bedürfnis entsprechendes, dem gotischen Prinzipe aber fremdes Gepräge. Italien lebte zu sehr in den antiken Formen und folgte nur widerstrebend dem Zuge der Zeit, während das vom benachbarten Frankreich beeinflusste Spanien den gotischen Stil freudig auffasste und denselben mit maurischen Formen zu einem eigentümlichen Bilde verquickte.

Nach diesem Rundgange durch die verschiedenen Länder und Jahrhunderte können wir ungefähr folgende Epochen des gotischen Baustils aufstellen:

  • Erste Epoche: Übergangsstil vom Ende des 12. bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts.
  • Zweite Epoche: Frühgotik, Ende des 13. und Anfang des 14. Jahrhunderts, zugleich die Blütezeit.
  • Dritte Epoche: Verfall und Ausartung, Ende des 14. und 15. Jahrhundert.

B. Die Profanbauten.

Der Wohlstand der mittelalterlichen Städtebewohner, genährt durch den emporblühenden Handel[320] und gestärkt durch jene Handwerksverbindungen, die Zünfte, mit ihren streng organisierenden Gesetzen und Vorschriften, rief von selbst eine gesteigerte Baulust auch im Profanbau hervor; sei derselbe nun für die Öffentlichkeit berechnet gewesen, oder diene derselbe als Wohnhaus oder Kaufhaus. So entstanden Rathäuser, Gildenhallen, Zunfthäuser und Privatgebäude aller Art. Fig. 72, Rathaus zu Brüssel (Müller und Mothes, Arch. Wörterb.). Selbst die das Weichbild der Stadt begrenzenden Umfassungsmauern geben durch ihre prächtigen Türme und Thore Zeugnis der lebensfroh erwachten Baulust. Die Façaden der Wohnhäuser bauen sich meist mit den durch die Kirchenarchitektur gegebenen Elementen auf, nur dass hier die Massen der Strebepfeiler leichten Lisenen weichen und das spitzbogige Fenster einer gekuppelten Fensteranlage Platz macht, die überdeckt und geteilt ist durch zwei horizontale Steinbalken. Gegen die Strasse zu baut sich meist ein steiler Giebel auf, der Anlass zu mannigfaltigen Dekorationen bietet. Der Symmetrie wird gewöhnlich keine Rechnung getragen und gerade in einer gewissen Regellosigkeit liegt ein hoher malerischer Reiz dieser Gebäude, erhöht durch keck vorspringende, mit reicher Skulpturarbeit überdeckte Erker. Unten an der Strasse aber öffnet sich eine schattige Arkade von kräftigen Bögen und Pfeilern. Diese setzt sich gewöhnlich unter den Nachbarhäusern fort und bildet so jene Bogengänge, die unter dem Namen Lauben bekannt sind und den mittelalterlichen Städteanlagen das Gepräge eines heimeligen Beisammenseins aufdrücken. Im Innern waren die Häuser meist eng und entbehrten des Lichtes und der Luft. Von der erwähnten Laube trat man vorerst in einen grossen Flur. Hier pulsierte das geschäftliche Leben des Hauses und wurde überwacht von der im Hintergrunde angebrachten Schreibstube des Kaufherrn. Eine meist enge, steile Treppe führte von der Halle zum Söller, der die Verbindung mit den Wohn- und Schlafräumen des obern Geschosses vermittelte und von dessen Brüstung man den unten vor sich gehenden Verkehr beobachten konnte. In den weiten hohen Dächern aber bargen grosse Speicher die Schätze des Kaufherrn und die Vorräte der Hausfrau. Die Strassen waren meist eng, mitten durchzogen von dem sogenannten Stadtbach, und erweiterten sich selten zu freien offenen Plätzen, welche dann gewöhnlich mit vielröhrigen Brunnen geschmückt wurden. Den Glanzpunkt aber feierte die Profanarchitektur, namentlich in den Niederlanden, in den imposanten Rathäusern, welche gewöhnlich durch einen gewaltigen Turm mit schlank emporstehender Spitze die Bedeutung des Gebäudes als koordiniertes Glied der Kirche kräftig aussprachen. Mit gleicher Lebensfröhlichkeit entstanden aber auch jene weithalligen Klosteranlagen mit ihren romantischen Kreuzgängen, die trotzigen Burgen mit ihrem die ganze Gegend beherrschenden Verteidigungsturm, dem Bergfrit.

Die höchste Ausbildung erfuhr der Profanbau in den flandrischen Landen, allein auch in Deutschland fehlt es nicht an einer mannigfaltigen, oft edlen Gestaltung. Zunächst sei der Rathäuser in Braunschweig und Münster gedacht, die zwar des Turmes entbehren, aber durch eigentümliche Anlage der übereinanderliegenden Geschosse und anmutigen Bogenhallen ansprechen. Privathäuser findet man zu Münster und Kuttenberg, namentlich aber zu Nürnberg (Haus Nassau). Unter den Schlössern sind die von Karl IV. gebaute Burg Karlsstein und die grossartig angelegte Albrechtsburg zu Meissen hervorzuheben.[321] Höchst bedeutend ist die Entfaltung, die der Profanbau in Ländern des Backsteinbaues gefunden hat, so im Rathaus zu Tangermünde, dem Stadtthor zu Stendal etc. Den Stolz des gotischen Profanbaues in Deutschland aber bildet das Hauptschloss des deutschen Ordens, die sogenannte Marienburg mit ihrem wundervollen Rempter.

In Italien fand der gotische Profanbau eine weit prunkvollere Gestaltung und Ausdehnung, wie auch in Frankreich und England. wo der Fachwerksbau seine Auferstehung in den zierlichsten und mannigfaltigsten Formen offenbarte. Nach den kunstgesch. Werken von Lübke, Kugler u. Schnaase.

A. H.

Quelle:
Götzinger, E.: Reallexicon der Deutschen Altertümer. Leipzig 1885., S. 302-322.
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