Laurentius Justinianus, S. (1)

[695] 1S. Laurentius Justinianus, (8. Jan. al. 5. Sept.), der erste Patriarch von Venedig, war einer der größten Männer seiner Zeit. Sein Leben, von seinem Neffen Bernardus Iustinianus verfaßt, wird von Joh. Bollandus am 8. Jan. (I. 551–563) gegeben, während es bei Butleram 5. Sept. (XII. 342–363) vorkommt. Im Mart. Rom. findet sich dieser hl. Laurentius zweimal, nämlich am 8. Jan. als seinem Todestage und am 5. Sept. als dem Tage, an welchem er zuerst den bischöflichen Stuhl bestieg, und der dann von Papst Innocenz XII. als sein kirchlicher Festtag bestimmt wurde. Was seine Familie betrifft, so soll sie vom griech. Kaiser Justinianus abstammen und von Konstantinopel nach Venedig gekommen seyn. Im 12. Jahrh. sei sie aber während eines Krieges, den der Doge Vitalis Michael mit dem griech. Kaiser Emmanuel Komnenus führte, ganz zu Grunde gegangen bis auf einen Mönch, Namens Nikolaus, der dann auf die Bitte der Republik Venedig, welche diese Familie nicht aussterben lassen wollte, vom Papste Alexander III. die Erlaubniß zur Verehelichung erhielt, hie rauf mit der Tochter des Dogen Vitalis, Namens Anna Michaelia, sechs Knaben und drei Mädchen erzeugte und am Ende wieder in sein Kloster zurückkehrte, während seine Frau in ein von ihm erbautes Frauenkloster ging. Der 7. Nachkomme dieses Nikolaus war der Vater unsers hl. Laurentius, Namens Bernardus Justiniani, welcher dem höchsten Adel von Venedig angehörte. Seine Frau hieß Quirina und war ebenfalls eine hochadelige Dame. Sie hatten drei Söhne, nämlich Leonardus, Marcus und unsern hl. Laurentius, welcher im J. 1381 in Venedig geboren wurde, und zwar am 1. Juli, an welchem Tage die ganze Stadt wegen eines bei Chioggia (Clodia fossa) erfochtenen ausgezeichneten Sieges über die Genueser in größtem Jubel sich befand. Leider wurde Quirina schon in ihrem 24. Lebensjahre Wittwe und verehelichte sich auch nicht mehr, um desto mehr den Werken der Frömmigkeit und der Erziehung ihrer fünf Kinder leben zu können, auf die sie mm ihre ganze[695] Sorgfalt verwendete. Namentlich war unser hl. Laurentius ausgerüstet mit den liebenswürdigsten Eigenschaften. Man bemerkte an ihm von frühester Jugend an eine seltene Gelehrigkeit und eine außerordentliche Seelengröße. Er unterhielt sich gerne mit älteren Personen und liebte nur ernste Dinge. Er schien stets nur Hohes zu sinnen, so daß seine Mutter ihn einmal im Ernste warnte, sich nicht von weltlichem Ehrgelüste gefangen nehmen zu lassen. Er sagte aber zu ihr beschwichtigend: »Mutter! fürchte nicht; du wirst noch einen großen Diener Gottes an mir erblicken.« Im 18. Jahre seines Lebens erschien ihm die göttliche Weisheit in Gestalt einer Jungfrau und sagte zu ihm, daß Alles, was er suche, bei ihr zu finden sei, worauf er die Welt verließ und auf den Rath seines Oheims von mütterlicher Seite, Namens Marino Quirini, eines heil. und gelehrten Priesters aus der Congregation des hl. Georg, dem er die Erscheinung mittheilte, in dieses Kloster auf der Insel Alga bei Venedig sich begab. Hier zeichnete er sich durch die strengsten Bußübungen aus, so daß seine Obern sich genöthigt sahen, seinem allzu großen Eifer Schranken zu setzen. Laurentius fürchtete so sehr die Zerstreuung, daß er vom Tage seines Eintrittes in das Kloster bis zu seinem Tode nur Einmal das väterliche Haus betrat, und zwar, um seiner Mutter in ihren letzten Augenblicken beizustehen. Sein Lebensbeschreiber sagt, er habe es als Knabe selbst gesehen, wie Laurentius beim Almosensammeln vor die Thüre des väterlichen Hauses kam, selbst aber nicht hinein ging und, wenn seine Mutter den Dienern den Auftrag gab, seinen Sack mit Brod zu füllen, nicht mehr als zwei Brode annahm, damit es nicht scheine, als wenn er der Beschwerde des Almosensammelns enthoben werden wollte. Wie in der Liebe zur Armuth, so war er auch in der Demuth, Sanftmuth und Geduld, so wie in allen andern Tugenden ausgezeichnet. Sein strenges heiliges Leben erhob seinen Geist immer mehr über das Irdische; er übertraf an Eifer im Gebet und in der Betrachtung alle seine Mitbrüder und erhob sich nicht selten bis zur Ekstase. Ein Beispiel der standhaften Ueberwindung des Schmerzes gab er gleich am Anfange seines Klosterlebens, wo er eine äußerst schmerzliche Operation an einem Halfe mit bewunderungswürdigem Muthe ertrug und im größten Schmeze nur ein einziges Mal den Namen Jesu anrief. Auch später zeigte er in ähnlichen Verhältnissen eine gleiche Standhaftigkeit. Für diese seine Ueberwindungen wurden ihm aber auch viele Gnaden zu Theil, und namentlich auch die Wunder- und Propheten-Gabe, die sich bei verschiedenen Gelegenheiten zeigte. Nach Butler wurde er bald Priester, im J. 1406 Prior seines Klosters und später General seines Ordens, welchem er mit großer Weisheit vorstand, und dessen innere Zucht auf eine so zweckmäßige Weise verbesserte, daß er in der Folge als dessen Stifter betrachtet wurde. Hievon findet sich nichts bei den Bollandisten, wohl aber davon, daß Papst Eugen IV., der des Laurentius vorzügliche Tugenden kannte, ihn im J. 1433 zum Bischof von Venedig ernannte, welche Würde er aber erst nach dreimaliger Aufforderung des Papstes annahm, und zwar im 51. Jahre seines Alters. Selbst die Gegner der Kirche nennen ihn einen bewunderungswürdigen Mann durch seine ungeheuchelte Frömmigkeit, durch seine außerordentliche Liebe gegen die Armen, durch seine fortwährende Bußstrenge etc. Arm und einfach war sein Hauswesen, indem er sagte, die Tugend allein sei der Schmuck des bischöflichen Amtes, und ein Oberhirt dürfe keine andere Familie haben, als die Armen seines Sprengels. Sein Eifer für die Ehre Gottes zog ihm viele Feinde, deren Verachtung und Verhöhnung zu, was er jedoch mit der größten Ruhe ertrug. Während seines bischöfl. Amtes wirkte er unglaublich viel Gutes. Er stiftete 15 Klöster und eine große Anzahl Kirchen nebst mehreren Pfründen, damit der Gottesdienst würdevoller gehalten werden könnte. Die Päpste bewiesen dem hl. Laurentius große Verehrung. Eugen IV. nannte ihn die »Zierde des Episcopates«, und Nikolaus V. ernannte ihn im J. 1451 zum Patriarchen, indem er die zuerst in Aquileja bestandene, dann nach Grado verlegte Patriarchen würde auf Venedig übertrug. Als solcher rettete er die Venetianer öfter aus großen Gefahren durch sein inniges Gebet. Nicht weniger zeichnete er sich durch Gelehrsamkeit aus, so daß seine Weisheit mehr von Gott eingegossen, als menschlich erworben schien. Seine Schriften sind ein stehender Beweis seines großen, allumfassenden Geistes, der mit klarem Blicke selbst die Zukunft durchschaute und den bösen Geistern gebot. Im 74. Jahre seines Lebens ereilte ihn der Tod, [696] den er einem seiner geliebten Schüler, Marcellus, mit den Worten voraussagte: »Ich gehe dir voran, du wirst mir bald folgen. Am nächsten Osterfeste werden wir uns wieder sehen.« Als man den Schwererkrankten auf ein Feldbett bringen wollte, verweigerte er es mit den Worten: »Mein Heiland ist nicht in Federn, sondern am harten Kreuzesholze gestorben.« Er starb am 8. Jan. 1455, nachdem er 22 Jahre Bischof und 4 Jahre Pattiarch gewesen war. Im J. 1524 wurde er von Clemens VII. »selig« gesprochen, und im J. 1690 von Alexander VIII. unter die Zahl der Heiligen gesetzt, nachdem bei seinen Lebzeiten und nach seinem Tode viele Wunder auf seine Fürbitte geschehen waren. Die Bollandisten haben ihn am 5. Sept. (II. 486) unter den Prätermissen, wobei sie auf den 8. Jan. verweisen. (I. 549–564).


Quelle:
Vollständiges Heiligen-Lexikon, Band 3. Augsburg 1869, S. 695-697.
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