Justinianus I.

[522] Justinianus I., 527–565 Kaiser des oström. Reichs, hat den ihm ertheilten Beinamen »der Große« weniger seinen persönlichen geistigen Vorzügen zu verdanken, als den ausgezeichneten Feldherren, welche in seinem Namen glänzende Siege erfochten, und den großen Rechtsgelehrten, durch welche das noch jetzt in Ansehen stehende röm. Recht seine Ausbildung erhielt. Kaiser Justinus I., welcher aus einem thracischen Bauer ein Kaiser geworden war, erzog seinen Neffen I., beförderte ihn und ernannte ihn endlich 527, nachdem er selbst altersschwach geworden war und Jener sich in der Volksgunst befestigt hatte, zum Mitregenten. Nachdem Justinus noch in demselben Jahre gestorben war, wurde I. zum Kaiser ausgerufen. Dieser vermählte sich mit der Schauspielerin Theodora, welche bald eine unbedingte Herrschaft über ihn ausübte. In Konstantinopel erhoben sich Parteistreitigkeiten, welche der Kaiser zu unterdrücken suchte, was ihm jedoch nur erst nach hartnäckigen Kämpfen, nachdem ein großer Theil Konstantinopels durch eine Feuersbrunst zerstört und nachdem eine große Anzahl Menschen hingerichtet worden war, gelang. Durch die beiden großen Feldherren Belisar (s.d.) und Narses wurde die Macht des Kaiserthums wieder befestigt und erweitert. Die Isaurier wurden gedemüthigt, die Perser besiegt, das Vandalenreich in Afrika vernichtet, Spanien und Sicilien erobert, die Ostgothen in Italien bewältigt und ihrer Herrschaft ein Ende gemacht. Unter dem klugen Tribonianus (s.d.) trat auf Befehl des Kaisers eine Gesellschaft von Rechtsgelehrten zusammen und stellte aus einer fast unübersehlichen Menge älterer rechtswissenschaftlicher Schriften, älterer und neuerer kaiserl. Verordnungen und Entscheidungen das berühmte Corpus juris (s.d.) her. I. war prachtliebend und nahm an den theologischen Streitigkeiten seiner Zeit lebhaften Antheil. Er erbaute mehre neue Städte und verschönte andere mit großartigen Bauwerken. Zugleich war er bemüht, die zerstörte Einheit der christlichen Kirche herzustellen und aufrecht zu erhalten. Die Sophienkirche zu Konstantinopel, welche bei dem erwähnten Aufruhre ein Raub der Flammen geworden war, ließ er auf das prachtvollste wiederherstellen. Sein Charakter war indeß nicht rein von Flecken. Er lohnte dem großen Belisar mit Undank und soll in seinen letzten Jahren geizig, habsüchtig, mistrauisch und hart gewesen sein, von seinen Günstlingen die ärgsten Verbrechen ungestraft geduldet und das Volk mit Auflagen gedrückt haben. Nach seinem 565 erfolgten Tode wurden von den Theologen auch seine religiösen Ansichten zum Theil als ketzerisch verdächtigt.

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Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 2. Leipzig 1838., S. 522.
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