Hussiten

[373] Hussiten, die meist tschechischen Anhänger Hussens in Böhmen, die nach seinem Tode rasch zur überwiegend starken Partei heranwuchsen, das von ihm und 1417 von der Prager Universität empfohlene Abendmahl unter beiderlei Gestalt, den Laienkelch zu ihrem Glaubenssatze (daher Utraquisten), den Kelch selbst zum Glaubenszeichen und ihres Meisters Lehren praktisch geltend machten: Christus allein sei das Haupt der wahren Kirche, diese eine unsichtbare, ihre Mitglieder lauter Prädestinirte, der Papst vom Kaiser eingesetzt u. entbehrlich, weltliches Besitzthum für Kirche u. Geistliche unnöthig, die Lehre vom Gehorsam unbiblisch u.s.w. Die Volksagitatoren fehlten nicht, die heftigen H., Taboriten, welche bald zum Chiliasmus fortschritten, begannen unter ihrem Haupte Ziska den offenen Aufruhr; Wenzel wurde am 16. August 1419 wahrscheinlich von seiner hussitischen Umgebung erstickt, sein Nachfolger Sigismund nicht anerkannt, die Revolution über die Gränzen Böhmens hinaus verbreitet. Die H.kriege entfesselten alle dämonischen Mächte des religiös-polit. Fanatismus und erfüllten Böhmen u. dessen Gränzländer 1420–34 mit Mord und Brand. Ziska, der mit den Gaben eines großen Feldherrn alle die eines Schreckensmannes in sich vereinigte, vereitelte die Unterhandlungen der Prager und böhm. Adeligen mit Sigismund u. schlug diesen aus Böhmen hinaus, vernichtete aber auch die Ultras, die Adamiten (s. d.). Im Juli 1421 erklärte der Landtag von Czaslau Böhmen zur Republik, im Herbst schlug Ziska abermals den Sigismund u. die Kreuzheere und als 1422 die Prager den lithauischen Prinzen Koribut zum König annahmen, schlug Ziska mit seinen Taboriten die gemäßigten Calixtiner (die Prager u. den Adel) bei Horszicz, den Koribut bei Kostelecz. Nach Ziskas Tod (12. Oktbr. 1424) befehdeten sich die Taboriten unter dem großen, die Orphaniten (heftige Taboriten) unter dem kleinen Prokop, die Horebiten sowie die Utraquisten (Prager und Adel), aber gegen die kathol. Gränzländer blieben alle Parteien einig und verheerten auf furchtbare Weise Schlesien, Oesterreich, die Lausitz, Sachsen, zumal die deutschen Kreuzfahrer trotz ihrer übermächtigen Anzahl schon vor dem bloßen Namen der H. davonliefen (Schlacht bei Außig 1426; Fluchten bei Mies 1427, bei Tauß 1431). Das Baselerconcil (s. d.) und der Sieg der Gemäßigten bei Böhmischbrod, wo beide Prokope fielen (30. Mai 1434) brachten Böhmen zu einiger Ruhe, doch blieb das Land ein Herd der Unruhen u. erst 1458 kam ein länger dauernder Friede. [373] Vgl. Böhmen, Böhmische und mährische Brüder. Vergl. Aschbachʼs »Geschichte Kaiser Sigismunds und seiner Zeit«.

Quelle:
Herders Conversations-Lexikon. Freiburg im Breisgau 1855, Band 3, S. 373-374.
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