Am zwölften Sonntage nach Pfingsten

[659] Ev.: Vom Pharisäer und Zöllner.

Der Zöllner aber stand von ferne, und wollte seine Augen nicht gen Himmel aufheben, sondern schlug an seine Brust und sprach: »Gott sei mir Sünder gnädig!« Ich sage euch, dieser ging gerechtfertigt vor jenem in sein Haus hinab.


Ja, wenn ich schaue deine Opferflamme

In eines frommen Auges reiner Glut,

Dann schimmert es, als ob es mich verdamme;

Der scharfe Strahl fährt in mein schuldig Blut.[659]

Wie blendet mich das Licht!

Die Augen darf ich nicht erheben;

Ich darf es nicht,

Und meine Wimper beben.


Und unter den gcschloßnen Lidern fahren

Die Schatten alter Sünden hin und her.

Was dann sich muß dem Hirne offenbaren,

O meinem Feinde werd' es nicht so schwer!

Aus Grund und Wänden auch

Sie dampfen, schweben durch die Zimmer,

Gebild' aus Rauch;

So war und bleibt es immer.


Wenn eine milde Tat ich seh vollbringen,

So recht aus übervollen Herzens Grund,

So klar die heißen Liebesquellen springen,

Nur achtend was dem Bruder sei gesund,

Wenn ganz ein Gotteskind,

Sich unbewußt, am Gnadenkleide scheinet

Die Träne lind,

Nicht fragt, warum sie weinet,


Dann wühlt in meinem Busen das Gewissen,

Schutt und Geröll stellt sich mein Wirken dar;

Das Geben und das Streben mir zerrissen

Von Grübelns Dornen, wie der Einfalt bar,

Ja überall mein Fuß

An Gitter stößt, an Kerkerschragen,

Und zitternd muß

An meine Brust ich schlagen.


Vor allem, ach! wenn eine fromme Stimme

Mir flüstert zu ein einfach heilig Wort,

So sicher daß mein Herz in Glauben schwimme,

So unbesorgt um meines Lebens Port,[660]

Mir deiner Gnade Laut

Unschuldig beut als Losungszeichen

Und ganz vertraut

An meine Brust will schleichen:


Dann müssen alle Worte sich empören,

Die frevelnd ich gesprochen einst und je

Und alles was noch jetzt mich kann verstören,

Das steigt und wirbelt um mich wie ein See,

Dann fühl' ich in dem Schaum

Noch heut mich keiner Bande ledig,

Dann stöhn' ich kaum:

Gott sei mir Sünder gnädig!


Quelle:
Annette von Droste-Hülshoff: Sämtliche Werke in zwei Bänden. Band 1, München 1973, S. 659-661.
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»Es giebet viel Leute/ welche die deutsche poesie so hoch erheben/ als ob sie nach allen stücken vollkommen wäre; Hingegen hat es auch andere/ welche sie gantz erniedrigen/ und nichts geschmacktes daran finden/ als die reimen. Beyde sind von ihren vorurtheilen sehr eingenommen. Denn wie sich die ersten um nichts bekümmern/ als was auff ihrem eignen miste gewachsen: Also verachten die andern alles/ was nicht seinen ursprung aus Franckreich hat. Summa: es gehet ihnen/ wie den kleidernarren/ deren etliche alles alte/die andern alles neue für zierlich halten; ungeachtet sie selbst nicht wissen/ was in einem oder dem andern gutes stecket.« B.N.

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