[Komm/ Floridan/ komm/ Schäfer/ von den Enden]

[13] Mehrers hätte er vielleicht gesungen/ wann er nicht von fernen einen Schäfer erblikket/ welchen seine Füsse/ als die allein seine Wegweisere zu seyn schiennen/ ihme gerad zutrugen/ und dieses war KLAJVS. Er erkante ihn aber sobald an dem weissen Band/ das auf seinen Strohhut geknüpfet/ stunde derwegen behend auf/ und erwartete seiner gäntzlichen Näherung unter einer Linden.

So glükkselig (finge Klajus an/ nachdem sie zusammengetroffen) müsse seyn meinem Floridan dieser Tag/ als lieblich er sich allbereit an sich selbsten erzeiget und anläst. Vnd Klajus müsse freundlichen Dank haben/ antwortete Floridan/ üm die so schöne Begrüssung: Sonsten aber soll dem Floridan heutiger Tag glükkselig genug seyn/ wann er/ allein in Gesellschaft seines Klajus/ solchen wird verschliessen können. Vnd dem Klajus/ sagte dieser hinwider/ in Gesellschaft des Floridans. Anderwärts/ fuhr er fort/dünkets mich etwas zu vielgetahn/ daß Floridan dem frühen Morgen dermassen eine Röte eingejaget/indem[13] er noch vor ihme sich aus der Federburg erhoben. Mit nichten/ antwortete Floridan/ wie ich zu Feld kommen/ hatte dieser allbereit alle Gipfeln der ümligenden Hügel und Bäume mit Gold betreuffelt/ massen sich ihme auch/ bey erster meiner Ankunft/ einen Gruß abgeleget: Ist demnach vergebens/ daß Klajens Beschuldigung mir diß orts eine scheltbare Schuld aufseilen will. Wie hat es aber er (Klajus) versehen/(thäte er hinzu/) daß er heut so lang im Warmen gesotten/ und dünket mich gleichwohl/ ich she die Läden seiner Fenstere noch halb zu/ Ja ein natürlicher Schlaf gukket noch zu denenselbigen heraus: So klug ist heut zu Tag die Welt/ daß sie auch mit (aufgedichter) Schuld eines andern die ihrige verdekkmäntelen will.

Wann meine Beschäfftigungen/ widerredte Klajus/so wichtig und sorgsam wären/ als Floridans seine/ so wolte ich etwan auch meiner Ruh einen Abbruch thun/ (gestaltsam er beginnet/) und meinen liebseligen Gedanken sicher Geleit von denen Morgen-stunden auswürken/ damit sie desto eilfärtiger alda angelangen möchten/ wo ich allbereit deren einen Theil gelassen. Nein/ nein/ gab Floridan zur Antwort/ Klajus thut mir auch hierinn Gewalt und Vnrecht/ dessen mir Zeugen seyn sollen hiesige Felder und Vfere/ die sonder Zweifel meine Lieder angehöret/ welche mir vielleicht verantwortlicher fallen werden/ als Klajen sein so langes Bett-hüten. Sonsten aber gestehe ich gerne/ daß für dißmahl meine Gedanken einen Blikk gethan in mein mit Krieg und Vnruh bedrängtes Vatterland/ wie auch zu meinen an der Saal hinterlassenen hertzvertrauten Freunden unnd Schäferen. Vnd vielleicht auch Freundinnen und Schäferinnen/ setzte Klajus hinzu: Doch wir wollen diesen Zank so lang aufheben/ bis uns etwan iemand aufstosse/ deme wir solchen vortragen/ und folgends von ihme einen gerichtlichen Ausspruch erwarten können.[14]

Inzwischen lasse sich Floridan erbitten/ sagete er ferner/ und erzäle mir/ auf was Weiß er sich von der Saal als unsre Pegnitz erhoben/ und was sonsten eigentlich der Ort seiner Geburt sey/ massen ich jüngsthin vernommen/ daß er allhier nicht einheimisch/ aber doch der Orten erzogen wordē. Ich bin beydens zu frieden/ antwortete Floridan/ aber lasset uns zuvor unter dieser Linde Platz nehmen/ indessen unsre Schafe auf diesen Himmelfreyen Feld-Tapeten grüne Tafel halten mögen.

Setzeten sich also diese beyde unter besagte Linde zusammen/ und fienge darauf Floridan seine Erzälung also an: An denen Lustreitzenden Quellhäuseren und Nymfen-Wohnungen der Eger/


Wo dieser blaue Strand schleicht an der freyen Stadt1

der andern Blum und Ruhm/ die seinen Namen hat/


Verhielten sich vor diesem/ und ehe die Grausamkeit mit der Rach und der Haß mit der Beleidigung/ die Gemüter der hohen Häubter widereinander erbittreten/viel nahmhafte Hirten/ und neben denenselbigen auch Gottesgelehrte Druiden2/ von deren einem nun ward ich/ eben mit aufwallender Kriegeswüt/ zur Welt erzeuget. Ich konte aber dieser sobald nicht ansichtig werden/ sihe/ da setzete sich auch alsobald das Glükk auf die erste Staffel meines Vnfalls/ indem ich nemlich noch minderjährig/ ja fast unmündig/ durch das widrige Geschikke (welches noch immer in besagter Gegende wütet und tobet/) meine Geburts-stätte zu verlassen/ gezwungen wurde: Begaben sich also meine Eltern mit mir an die Pegnitz.

Solcher gestalt hinterlegete ich meine Kindheit an dieses Flusses kraussen Krümmen/ mitten unter denen kurtzn eiligsten Schäferspielen/ soge und zoge auch von da an/ gleichsam mit der Mutter-Milch/ in mich die lieb-löbliche Lust[15] des Feldlebens/ mit welchem Glükk mich der Himmel gleichwol/ in meinem Vnglükk/ noch beseeligte. Bald darauf starben mir/noch Vnerwachsenen/ meine liebe Eltern von der Seite hinweg/ daß ich also nohtwendig glauben muste/ ein böser Stern müsse seine Einflüsse in meine Geburtsstund gegossen haben/ oder aber zugleich mit derselbigen aufgangen seyn/ weil mich ja meine Verhängniß so empfindlich anspörete.

Doch billichte ich endlich (wie billich) diese meine Schikkung/ weil ich es von dem Himmel also versehen zu seyn/ wohl erachtete. Im übrigen beschlosse ich/ mir/ üm die wenige meiner Eltern mir vermeinte Hinterlassenschaft/ eine Heerde und Hürde eigen zu machen/ und mit meiner Person die Anzahl derer Schäfere dieses Bezirks unwürdig zu vermehren. Wie ich dann dieser Orten/ dem Hirtenbuch nach Land-sittlicher Gewonheit einverleibet/ eine geräume Zeit in höchster Zufriedenheit zu rükke geleget/ inner deren ich nichts/ was zu meiner Vergnügung/ in dergleichen Stand und Lebens-Beschaffenheit/ dienen mochte/ unterlassen: Bis daß abermahl durch dē Raht des Himmels über mich ausgeschlossen wurde/ ich solte meine Trift der Orten verlassen/ und die Schalmey in der Saalen-Schäfere Pfeiffen-Chor einstimmen.

Also erhube ich mich in erwänte Gegend/ genosse auch nach der Hand allda/ Zeit meines Verharrens/aller nur ersinnlichen Ergötzlichkeit/ zu merklichem Wachstum des Nutzes meiner Heerden und meiner: Ja ich wurde daselbst erst recht innen/ was für Behäglichkeiten in sich habe ein Leben/ daß man/ frey von eitelem Bau- und Laster-Pracht der Städte/ in niederen Hürden und einfältigen Bauerhütten verschliesse. Morgens erwartete ich/ bis die frühe Sonne dieTau-tropfen (so denen Schafen fast schädlich) von den subtielē Gräselein abgelekket: Entzwischen/ wann selbige zerstreuet/ mit Bibenell/ Hanenfus/ Wiesenklee/[16] udg. sich ergötzeten/ die muthigen Kletterziegen/ die Weiden und Haselruhten bezwakketen/düdlete ich ihnen mit einem freudigen Lied zur Tafel. Anderwärts liesse ich mich zuweiln mit einem und anderm Schäfer in einen friedlichen Kampf ein/ entweder üm den Vorzug einer Schäferinn/ in Schön- und Vollkommenheit/ oder aber üm den Preiß/ den ich in sinnreichen Erfindungen/ hurtigen Vbungen/ und dergleichen/ vor ihnen zu erlangen/ mich bearbeitete: Zumahl/ wann etwan von denen Kampfrichteren/ oder beyderseits schönen Hirtinnen/ ein Dank/ zur Ehrbezeigung dem Siegenden/ war auf- und angesetzet worden. Hätte auch diesen vnd andren unerschätzlichen Belustigungen den mehrern Theil meiner Tage gewiedmet/ wann mich nicht/ nach Verschiessung zweyer Wintere/ ein ebenmässiger Himmels-Schluß wieder zu diesen Nordgefilden abgefordret.

Ich befande mich gleich damahls mit der samten Hirtengesellschaft in einer lustigen Ebene/ so ablängelicht mit allerhand schattichten Bäumen reyenweis besetzet/ von mancherley Sachen mit ihnen sprachende/ als der hurtige Götterbot3/ der Herse Weltschweifender Ehmann (dann ihn seine Flügelfüsse und der Schlangenstab zeitlich verrieten) mit Pfeilschnellem Flug daher strieche/ mir schnurstrakks zueilete/ und von dem Hauffen abseits-gefüret/ solcher gestalt zuredete:


Komm/ Floridan/ komm/ Schäfer/ von den Enden/

Laß diesen Ort und dessen mindre Lust/

Laß deinen Fuß sich rükkwarts wieder wenden/

Komm schaue diß/ was vielen unbewust.

Es ruffet dir der Pegnitz sanftes Rinnen/

Ihr Strand/ den jetzt der edle STRPHON ziert/

Die Schäfer-spiel dort Ruhm und Preiß gewinnen:

Hier dieser Fluß dir wenig Lob gebiert.

Fußnoten

1 Die Stadt Eger.


2 Waren vor Zeiten Priestere.


3 Mercurius cu Caduce. Sihe Hor. I. Od. 10.


Quelle:
Georg Philipp Harsdörffer/ Sigmund von Birken/ Johann Klaj: Pegnesisches Schäfergedicht. Tübingen 1966, S. 13-17.
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