|
[116] »Staub bist du und kehrst zum Staube,
Denk', o Mensch, an deinen Tod!«
Wohl, dies weiß ich, doch mein Glaube
Sieht ein ew'ges Morgenroth.
Sieht ein Land, wo Friedenspalmen
Um des Siegers Scheitel wehn,
Wo umrauscht von ihren Psalmen
Wir der Engel Chöre sehn.
Wo Maria, die Getreue,
Ihr geliebtes Kind uns zeigt,
Wo die Sehnsucht und die Reue
Nun ihr selig Ziel erreicht.
Wo der Vater mit dem Sohne
Und dem heil'gen Geist zugleich
Thront auf einem ew'gen Throne,
Unaussprechlich herrlich, reich.
[117]
Wo wir Den, der je gewesen,
Schauen, wie Er ewig war.
O, dort wird mein Herz genesen!
O, dort wird mein Auge klar!
Wo verklärte Seelen streben
Ihn, den Einz'gen, zu erhöhn,
Wo die sel'gen Märt'rer schweben,
Wo die reinen Jungfrau'n stehn.
Wo die zarte Magdalene
Selig Ihm zu Füßen liegt,
Da der Reue bittre Thräne
Ihr in Wonne längst versiegt.
Wo Johannes, der Geliebte,
Innig Ihm am Herzen ruht,
Alles Kranke, einst Betrübte
Ruht in Seines Schooßes Hut.
Wo die heil'gen Schaaren wandeln,
Die das Kreuz den Weg gelehrt,
Die im Lieben, Dulden, Handeln
Hier Sein Bild in sich verklärt. –
[118]
Wohl mir, daß er Staub einst werde,
Dieser Leib von Erd' und Staub!
Meine Seele wird der Erde,
Wird dem Wurme nicht zum Raub.
Hauch ist sie aus Gottes Munde,
Und sie kehrt hinauf zum Licht.
Sei gesegnet, ernste Stunde,
Die einst meine Fessel bricht!
Sei gesegnet, stiller Hügel,
Der einst meine Asche deckt,
Bis das Weh'n der Seraphsflügel
Mich vom langen Schlaf erweckt!
»Denn du Staub, du kehrst zum Staube
Bis zum neuen Morgenroth.«
Ja, ich weiß es, doch mein Glaube
Hebt mich über Grab und Tod.
Düsseldorf, 1820.
|
Ausgewählte Ausgaben von
Lieder (Ausgabe von 1879)
|
Buchempfehlung
Die keusche Olympia wendet sich ab von dem allzu ungestümen jungen Spanier Cardenio, der wiederum tröstet sich mit der leichter zu habenden Celinde, nachdem er ihren Liebhaber aus dem Wege räumt. Doch erträgt er nicht, dass Olympia auf Lysanders Werben eingeht und beschließt, sich an ihm zu rächen. Verhängnisvoll und leidenschaftlich kommt alles ganz anders. Ungewöhnlich für die Zeit läßt Gryphius Figuren niederen Standes auftreten und bedient sich einer eher volkstümlichen Sprache. »Cardenio und Celinde« sind in diesem Sinne Vorläufer des »bürgerlichen Trauerspiels«.
68 Seiten, 4.80 Euro
Buchempfehlung
Zwischen 1804 und 1815 ist Heidelberg das intellektuelle Zentrum einer Bewegung, die sich von dort aus in der Welt verbreitet. Individuelles Erleben von Idylle und Harmonie, die Innerlichkeit der Seele sind die zentralen Themen der Hochromantik als Gegenbewegung zur von der Antike inspirierten Klassik und der vernunftgetriebenen Aufklärung. Acht der ganz großen Erzählungen der Hochromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe zusammengestellt.
390 Seiten, 19.80 Euro