[271] »Laß, Mütterlein, mich mit zur Kirche gehen,
Will auch ganz artig sein und geben Acht.«
»Kind, bist zu klein und kannst noch nicht verstehen,
Was Vater da den großen Leuten sagt.«
»Lieb Mütterlein, so will an Gott ich denken,
Und daß Er einst ein Kind geworden ist,
Und will dafür Ihm auch mein Herzlein schenken
Und beten an den lieben heil'gen Christ.«
Und Mütterlein erhört des Kindes Bitten,
Hüllt schnell es ein in's warme Winterkleid,
Und als sie in die Kirche nun geschritten,
Da wird das kleine Herz so groß, so weit.
[272]
Sie höret Singen, höret Orgelklingen,
Muß ihren Lobsang gleich auch bringen dar:
»Gott! Amen!« hebt sie freudig an zu singen,
»Gott! Amen!« tönt ihr Stimmlein hell und klar.
Doch als nun schon verstummte die Gemeine
Und ernst der Vater auf der Kanzel stand:
»Gott! Amen!« singt noch immerfort die Kleine,
In Thränen zitternd, mit gefalt'ner Hand.
»Schweig', Kind! dein Sang wird sonst den Vater stören,«
Spricht leis' die Mutter, zeigt zur Kanzel hin;
»Die Leute wollen nun die Predigt hören.«
Da schweigt das Kind mit tief bewegtem Sinn. –
Wohl manche Weisen hat's seitdem gesungen,
Von Schmerz durchbebt, von Freude hell durchglüht,
Doch keine hat je lieblicher geklungen,
Als jenes erste Gott gegeb'ne Lied.
Gott – Amen! sprach ihr Herz mit tiefem Beben,
Als sie der Kirche Heiligthum erkannt,
Gott – Amen! als sie willig hingegeben,
Was zwischen ihr und Seiner Kirche stand.
[273]
Gott! Amen! wissen wir denn mehr zu sagen
Mit aller Weisheit, aller Wissenschaft?
Gott – Amen! soll in meinem Herzen schlagen,
Gott – Amen! sei mein Wissen, meine Kraft.
Gott! Amen! sei in jener ernsten Stunde
Mein letztes Wort, mein stilles Schwanenlied.
Gott – Amen – sag' ich mit ergebnem Munde,
Wenn bang die Seele vor dem Richter kniet.
Gott – Amen! – leidend noch in jener Flamme,
Die reinigend von Schlacken mich befreit,
Gott! Amen! jauchz' ich selig dann dem Lamme
Durch aller Himmel sel'ge Ewigkeit.
Gott! Amen!
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Lieder (Ausgabe von 1879)
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