Das vierdte Lied

[262] Salomon.


Mein Lieb, wie schöne bist doch du!

Wie zeucht mich die Gestalt herzu!

Als Taubenaugen sind die deinen,

Wann zwischen deiner Haare Zier

Ihr heller Glantz sich giebt herfür,

Und sie gleich als zwo Sonnen scheinen.


Wie ferren jenseit dem Eufrat

Hoch an den Klippen Galaad

Sich lustig macht das Heer der Ziegen,

Und wie sie springt, die geile Schar,

So sehn wir auch das güldne Haar,

Umb deine zarte Stirne fliegen.


Die Zähne geben gantz nicht nach

Den Schaffen, die erst auß der Bach

Gantz rein und weiß gewaschen kommen,

So Zwilling' haben allzumahl,

Und bringen richtig ihre Zahl,

Auch nur nicht eines außgenommen.


Noch röter ist der Lippen Schein

Als eine Rose pflegt zu seyn;

An Reden lebt nicht deines gleichen;

Ein Granatapffel, ob er wol

Ist Zierligkeit und Röte voll,

Muß deinen zarten Backen weichen.


Als wie der Thurn, den David hat

Mit einer Brustwehr in der Statt

Ierusalem hoch auffgebauet,

Dran tausend Schilde sind gemacht

Und vieler starcken Waffen Pracht,

So wird dein Hals auch angeschauet.


Als wie zur neuen Frülingszeit,

Wann alles blühet weit und breit,

Zwey junge Reh' in Rosen gehen

Die Zwilling' einer Mutter sind,

So sieht man gleichfals auch, mein Kind,

An dir die weissen Brüste stehen.


Ich will, biß daß die Hitze weicht,

Und ihre Brunst uns nicht erreicht,

Mich zu dem Myrrhenberge lenden;

Zum Weyrauchhügel will ich mich

Begeben, biß die Sonne sich

Wird unter uns zu Nachte wenden.


Gantz schöne, meine Lust, bist du,

Du bist gantz schöne, mein Ruh:

Wer ist es, der dich recht beschreibe?

Du bist die Liebe selbst, mein Liecht,

Du hast gar keine Mackel nicht,

Kein Flecken ist an deinem Leibe.
[262]

Komm mit mir von dem Libanon,

Vom Amansberge, vom Hermon

Und von deß hohen Senirs Wüsten,

Da wo man Tigerthiere findt,

Wo starcker Löwen Hölen sind

Und grimme Leoparden nisten.


Du nimpst, o Braut, mir meine Ruh,

Du reissest dir mein Hertz' herzu

Mit deiner scharffen Augen Scheine,

Und deines Halses edles Bandt

Hat mir bestricket Sinn und Hand:

Ich bin nun selber nicht mehr meine.


Wie gut pflegt deine Huldt zu seyn!

Die Brüste lieb' ich für den Wein

Der gleich am besten ist auff Erden:

Dem was Arabien uns schickt

Muß der Geruch noch vorgezückt

Von deiner theuren Salbe werden.


O Braut, die Lippen trieffen dir

Von Honigseime für und für,

Die Zung' ist milch-und honigsüsse:

Die Kleyder haben den Geschmack,

Den Libanus nicht geben mag

Auch wenn er alle Krafft außliesse.


Du kömpst mir, Schwester, liebste Zier,

Als ein verschlossner Garten für,

Als eine zugedeckte Quelle;

Du bist ein Brunnen, dessen Fluß

Man zugesiegelt halten muß,

Der nicht rinnt ausser seiner Stelle.


Es ist, du Spiegel aller Zucht,

Von Granatäpffeln deine Frucht,

Man kan bey dir viel Cypern finden,

Und Narden, Saffran, Kalmes auch,

Gewürtze, Myrrhen, Weyherauch,

Und Aloes und Zimmetrinden.


Gleich wie ein kühler Brunnen fleust,

Und in ein dürstigs Thal sich geust,

So pflegst du, o mein Quell, zu fliessen.

Du bist die unerschöpffte Bach,

So reichlich wächset nach und nach

An Libanons begrünten Füssen.


Die Sulamithinn.


Komm Nortwindt, du, o Sudt, steh' auff,

Nim durch den Garten deinen Lauff,

Laß seine Wurtzel wol durchnässen;

Mein Liebster' komm' jetzt ohn Beschwer

In diesen werthen Garten her,

Von seiner edlen Frucht zu essen.

Quelle:
Martin Opitz: Weltliche und geistliche Dichtung, Berlin und Stuttgart [1889], S. 262-263.
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