A. Geschichte des weisen Chikâr.


[2] Die Geschichte des weisen Chikâr (Achikâr, Haikâr) wurde dadurch, dass sie in einige Recensionen der 1001 N. Aufnahme gefunden hat, früh im Occident bekannt, und zwar zunächst aus den französischen Bearbeitungen jenes Volksbuches. Es wurde auch bald ihre innere Verwandtschaft mit der Erzählung von den Erlebnissen Äsops am Hofe des Königs Lykeros (Lykurgus) von Babylon erkannt (vgl. BENFEY, KlSchr. III p. 186 ff., JAGIČ in der ByzZ. I p. 110 und MEISSNER in der ZDMG XLVIII p. 181), nur war man nicht darüber einig, ob die arabische Erzählung eine Bearbeitung der Episode in der Äsopbiographie sei oder umgekehrt. BENFEY (a.a.O. p. 156 ff.) sucht beide auf die in der Çukasaptati erzählte Geschichte vom König Nanda und seinem Vesier Çakaṭâla zurückzuführen, aber seine Ausführungen überzeugen nicht recht, da ähnliche Fälle im Orient zu häufig vorgekommen sein dürften, als dass dergleichen Geschichten nicht an verschiedenen Orten unabhängig von einander hätten entstehen können. Sehr wichtig für die Geschichte unserer Erzählung ist der schöne Fund G. HOFFMANN's (Auszüge aus syrischen Akten persischer Märtyrer p. 182), dass in den Worten Tobits (Tobit 14,10 nach TISCHENDORF-NESTLE'S LXX6 I p. 645): »Sieh, was Aman seinem Pflegevater Achiacharos angethan hat; wie er ihn aus dem Licht in die Finsternis geführt, und wie er ihm vergolten hat. Den Achiacharos jedoch rettete [Gott], während es jenem heimgezahlt wurde, und er selbst in die Finsternis hinabstieg« – eine Anspielung auf den Inhalt unserer Geschichte liege; diese selbst hält er aber für syrischen Ursprungs. Ihm schliesst sich auch E. KUHN an in seinem kleinen, inhaltreichen Aufsätze Zum weisen Akyrios, den er als Anhang zu JAGIČ'S Übersetzung der slavischen Version unserer Geschichte in der ByzZ. I p. 127 ff. gegeben hat. In der ZDMG XLVIII p. 171 ff. wird die Geschichte von B. MEISSNER behandelt, der besonders ihre orientalischen Versionen zur Untersuchung heranzieht. Er versetzt zwar die Abfassung der Geschichte ungefähr in die Entstehungszeit des Buches Esther (p. 197 l. 9 f.) und nimmt als ihre Heimat Syrien an (p. 196 l. 36), lässt aber doch die[3] syrische Version eine Bearbeitung der Episode im Äsoproman sein. In Zum weisen Achikâr (das. p. 671 ff.) suche ich dann darzuthun, dass die syrische Version weder von einem christlichen Syrer verfasst, noch eine freie Bearbeitung jener Episode sein könne, und spreche mich dahin aus, dass sie direkt aus jener alten vor dem Buche Tobit verfassten Geschichte stamme. Das Verhältnis der verschiedenen Versionen zu einander dürfte also sein:


A. Geschichte des weisen Chikâr

Von den orientalischen Versionen ist bis jetzt nur die arabische publiciert, und zwar von SALḤÂNI in seinen Contes arabes (Beyrouth, 1890). Doch hat der Salḥâni'sche Text, wie ich a.a.O. nachzuweisen suche, vieles von der ursprünglichen Form der Erzählung eingebüsst: die Erzählung in der ersten Person, in den Namen, im Fehlen ganzer Stücke, und die hier übersetzte Recension ist ihm vorzuziehen. Schade, dass JESAIAS es nicht für nötig hielt, die (erste) Spruchsammlung mitabzuschreiben und zu übersetzen. Diesem Übel suchte ich, besonders mit Rücksicht auf die des Arabischen unkundigen Leser, ein wenig dadurch abzuhelfen, dass ich in die Lücke die Übersetzung der Sprüche bei SALḤÂNI einfügte. Ich nahm auch andere Stellen in die Übersetzung auf, die der Salḥânische Text hat, der unsrige aber nicht, freilich ohne damit zu sagen, dass sie alle auch in der ursprünglichen Form der Erzählung enthalten waren. Alle Stellen aus SALḤANI sind cursiv gedruckt. In den Noten werden auch die syrische und die slavische Version zur Vergleichung herangezogen; von ersterer hätte ich mehr gebracht, wenn mir nicht leider nur der sehr verderbte Text in Cod. Sach. 336 zu Gebote gestanden hätte.[4]


Es war in den Tagen des Sancherib, des Sohnes Sarchadûm's1, Königs von Assyrien und Ninive, da war ich, Chikâr, sein Minister und Sekretär. Und als ich noch jung war, sagten mir die Zauberer und Sterndeuter und Wahrsager: »Du wirst keinen Sohn haben.« Ich besass ein grosses Vermögen, hatte mir viel. Gut erworben, sechzig Frauen geheiratet2 und ihnen sechzig mächtige Schlösser in schöner Bauart und grosse Häuser errichten lassen. Ich war schon sechzig Jahre alt und ward noch immer mit keinem Sohne beschenkt worden. Da3 brachte ich, Chikâr, Schlacht- und sonstige Opfer den Götzen dar und räucherte vor ihnen Weihrauch, Kannel, Mastixharz und Cancamum und sprach: »Götter! schenket mir einen Sohn, mit dem ich mich freuen kann, und der mich beerbe, wenn ich gestorben bin; der mir die Augen zudrücke und mich bestatte. Wenn er von dem Tage an, an dem ich sterbe, bis zum Tage, an dem er stirbt, täglich[5] einen Zentner Gold verschwenden und ausgeben sollte, so würde mein Vermögen nicht erschöpft und meine Habe nicht geringer werden.« Aber die Götter antworteten mir nicht. Da wandte ich mich von ihnen ab voll Trauer und Schmerz, verliess sie und wandte mich mit meinen Worten und betete zum Gotte des Himmels4. Da kam eine Stimme herab, und die sprach zu mir: »Da du auf die Götter vertraut, deine Hoffnung auf sie gesetzt und ihnen Opfer dargebracht hast, deswegen sollst du ohne Söhne und Töchter bleiben. Aber da ist dein Schwestersohn Nadan, den nimm dir zum Sohne und ihn weihe in dein Wissen ein; er mag dich beerben.« Da nahm ich meinen Schwestersohn Nadan zu mir, der noch ein Knabe war, und übergab ihn acht Ammen, die ihn säugen und erziehen sollten. Und ich zog ihn gross5 mit Öl, Honig und Sahne, kleidete ihn in Seide und Purpur und liess ihn auf weichen Teppichen und Sammetstoffen liegen.

Nadan wuchs heran und wurde gross und stattlich, wie die gepriesene Ceder. Ich unterrichtete ihn im Schreiben und in der Weisheit und Philosophie. Als dann der König Sancherib von seiner Reise und seinem Marsche zurückkam, liess er mich eines Tages rufen, mich, seinen Sekretär und Minister Chikâr, und sprach zu mir: »Du gepriesener Gefährte6 hochgeehrter Freund und gewandter Weise; du Siegel meines Geheimnisses und Mitwisser der von mir sonst verborgen gehaltenen Dinge. Du bist bereits in den Jahren vorgerückt und alt geworden, und dein Tod naht heran. Sage mir, wer, wünschest du, soll mich nach deinem Tode[6] bedienen.« Da sagte ich zu ihm: »Mein Herr und König! Du sollst ewig bis zu den spätesten Äonen leben. Ich habe einen Schwestersohn, der mir wie ein Sohn ist. Den habe ich in meinem Wissen unterwiesen, und er ist ein vielwissender Weiser.« Da antwortete mein Herr und König: »Geh und bring ihn her, damit ich ihn sehe. Wenn er mir passt, soll er mich bedienen. Er mag dann vor mir stehen und mir dienen, und du ziehe dich zurück und ruhe dich aus von deiner anstrengenden Thätigkeit, bis du in Ehren dein Greisenalter beendest«.

Da nahm ich, Chikâr, meinen Schwestersohn Nadan und stellte ihn König Sancherib vor. Als der König ihn sah, freute er sich mit ihm und sprach: »Der Herr nehme ihn in seinen Schutz. Wie du mich und meinen Vater Sarchadûm bedientest und unsere Geschäfte ausführtest, so soll dein Sohn Nadan nach dir unsere Geschäfte besorgen. Ich werde ihn deinetwegen hochhalten und ehren und ihm Gutes erweisen.« Da verbeugte ich mich vor dem Könige und sprach: »Mein Herr und König lebe in alle Ewigkeit! Ich bitte dich, Herr, dass du dich gegen Nadan, meinen Schwestersohn, nachsichtig zeigest und ihm seine Fehler verzeihest, bis er dich bedient, wie ich dich und deinen Vater vor dir bedient habe.« Hernach reichte ihm Sancherib die Rechte und schwor ihm, dass er bei ihm alle Ehre und Achtung gemessen, und dass er ihm alles Gute erweisen würde. Da küsste ich, Chikâr, die Hand des Königs, nahm dann Nadan und unterrichtete ihn bei Tag und bei Nacht, bis ich ihn mit Wissen und Weisheit und Kenntnissen mehr als mit Brod und Wasser gesättigt. So unterrichtete ich ihn und lehrte ihn Sprüche: (Mein Sohn! u.s.w.)


Mein Sohn!7 höre auf meine Rede, folge meiner Ansicht und behalte meine Worte im Gedächtnis.

Mein Sohn! wenn du ein Wort gehört hast, so lass es[7] in deinem Herzen ersterben und teile es nicht einem andern mit, damit es nicht zur Kohle werde, deine Zunge verbrenne, deinem Körper Schmerz bereite und dir Schmach einbringe, dass du dich vor Gott und Menschen schämen musst.

Mein Sohn! wenn du eine Mitteilung hörst, so verbreite sie nicht, und wenn du etwas siehst, erzähle es nicht.

Mein Sohn! mache deine Rede leicht für den Hörer und beeile dich nicht im Antwort geben.

Mein Sohn! begehre nicht nach äusserer Pracht, denn sie hört auf und geht vorüber, während der gute Ruf ewig währt.

Mein Sohn! lass dich nicht durch die Worte einer bösen Frau täuschen, damit du nicht des schmählichsten Todes sterbest, indem sie dich ins Netz verwickelt, und du in die Falle gerätst.

Mein Sohn! begehre nicht nach einer Frau, die sich durch Kleider und Salben schön macht, während sie im Innern gemein und schlecht ist. Nimm dich in Acht, ihr zu gehorchen und ihr etwas zu schenken8, das dir gehört, oder ihr anzuvertrauen, was in deiner Hand ist. Denn sie wird dich mit der Sünde bekleiden, und Gott wird dir zürnen.

Mein Sohn! sei nicht wie der Mandelbaum, denn dieser grünt vor jedem andern Baume, gewährt aber zuletzt unter allen Essbares. Sei vielmehr wie der Maulbeerbaum, der vor allen Bäumen Essbares gewährt und zuletzt unter allen grünt.

Mein Sohn! beuge dein Haupt, so tief du kannst, mache deine Stimme sanft und benimm dich gesittet. Wandle den Weg der Tugend und sei nicht gottlos. Sei nicht laut, wenn du lachst oder sprichst, denn könnte man durch Geschrei ein Haus aufbauen, so würde der Esel täglich viele Häuser erbauen.

[8] Mein Sohn! Es ist besser mit einem schlichten Manne Steine zu tragen, als mit einem schlechten zu sitzen bei Weingelagen.

Mein Sohn! giess lieber deinen Wein auf die Gräber der Frommen, als dass du ihn trinkest mit schlechten, gemeinen Menschen.

Mein Sohn! schliesse dich an weise, gottesfürchtige Männer an und sei wie sie, und nähere dich nicht dem Unwissenden, damit du nicht werdest wie er und seine Wege lernest.

Mein Sohn! willst du dir einen Freund oder Gefährten erwerben, so prüfe ihn erst und dann schliesse dich ihm an. Ohne Prüfung preise ihn auch nicht. – Einem Thoren gegenüber sprich dich nicht aus.

Mein Sohn! so lange du noch am Fusse einen Schuh hast, tritt mit ihm auf Dornen und ebne einen Weg für deine Kinder und Kindeskinder! Leite dein Schiff richtig, bevor das Meer und seine Wellen sich thürmen, denn dann gehst du unter und vermagst dich nicht mehr zu retten.

Mein Sohn! wenn der Reiche eine Schlange isst, sagt man: aus Weisheit, wenn der Arme sie isst, sagt man: aus Hunger.

Mein Sohn! es genüge dir dein Kopf und dein Gut, und begehre nicht nach etwas, das einem andern gehört.

Mein Sohn! benachbare dich nicht mit dem Thoren und iss mit ihm kein Brod. Freue dich nicht über die schlimme Lage deiner Nachbarn. Hat dein Feind dir Schlimmes angethan, so vergilt es ihm durch eine Wohlthat.

Mein Sohn! einen Mann, der Gott nicht fürchtet, fürchte du und ehre ihn(?).

Mein Sohn! der Unwissende fällt und strauchelt, der Weise jedoch schwankt und fällt nicht, selbst wenn er strauchelt, und ist er gefallen, dann erhebt er sich schnell. Ist[9] er erkrankt, dann kann er sich selbst heilen: für die Krankheit des Unwissenden aber giebt es kein Heilmittel.

Mein Sohn! wenn ein geringerer Mann als du dir entgegentritt, so empfange ihn stehend, und vergilt er es dir nicht, so wird sein HErr es dir für ihn vergelten.

Mein Sohn! scheue dich nicht deinen Sohn zu schlagen. Denn das Schlagen der Kinder ist wie das Düngen des Gartens, das Zubinden der Öffnung des Beutels, das Anbinden des Viehs und das Verschliessen des Thores.

Mein Sohn! halte deinen Sohn von Schlechtigkeiten fern und erziehe ihn, bevor er gross wird, gegen dich widerspenstig ist, dir unter deinen Freunden Schande bereitet, dein Haupt auf den Strassen und in den Versammlungen beugt, und du wegen seiner schlechten Werke geschmäht wirst.

Mein Sohn! lass kein Wort deinem Munde entweichen, bevor du nicht dem Herz zu Rate gezogen hast. Halte dich nicht zwischen zwei Streitenden auf, denn aus dem bösen Worte entsteht der Zwist9, aus dem Zwiste der Krieg und aus dem Krieg der Kampf; dann musst du dich an ihm beteiligen. Flieh vielmehr von da und suche dir Ruhe.

Mein Sohn! widersetze dich nicht demjenigen, der stärker ist als du, sondern eigne dir Langmut, Geduld und einen frommen Wandel an, denn es giebt nichts Besseres als sie.

Mein Sohn! freue dich nicht über den Tod deines Feindes, denn nach Kurzem wirst du sein Nachbar sein. Verspottet dich jemand, so erweise du ihm Hochachtung und Ehre und komme ihm mit dem Grusse zuvor.

Mein Sohn! wenn das Wasser in der Rinne sich aufrichten, die Vögel in den Himmel fliegen, der schwarze Rabe weiss und die Galle süss wie Honig werden wird, dann wird der Unwissende und der Thor einsichtsvoll und verständig werden.

[10] Mein Sohn! wenn du weise sein willst, dann halte deine Zunge fern von der Lüge, deine Hand, vom Diebstahl und deine Augen vom Anblicke des Bösen; dann wirst du weise genannt werden.

Mein Sohn! lass den Weisen dich mit dem Stocke schlagen, aber nicht den Unwissenden dich mit wohlriechendem Öl salben.

Mein Sohn! sei bescheiden in der Jugend, dann wirst du geehrt sein im Alter.

Mein Sohn! tritt nicht einem Manne während seines Regiments entgegen und nicht einem Flusse während seiner Zunahme. Beeile dich nicht mit dem Heiraten, denn wenn Gutes in ihm sein wird, werden sie dich nicht loben, wenn aber Schlechtes, dann werden sie dich schmähen und dir fluchen.

Mein Sohn! schliess dich einem an, dessen Hand gesättigt und voll, nicht aber einem, dessen Hand zusammengeballt und hungrig ist.

Mein Sohn! Bei vier Dingen hat weder König noch Heer Bestand: Härte des Vesiers, Schlechtigkeit der Verwaltung, Gemeinheit der Gesinnung und Bedrückung des Volkes; vier bleiben nie verborgen: der Kluge, der Narr, der Reiche und der Arme.


Ich, Chikâr, dachte nun, dass alles was ich meinen Schwestersohn Nadan lehrte, er auch behielt, im Herzen bewahrte und viel Nutzen daraus zog, und er auch an meiner Statt vor König Sancherib sein und ihm dienen wollte. Ich wusste nicht, dass, was ich ihn auch lehren mochte, er nicht behielt und nichts davon profitierte, auch auf meine Worte nicht hörte und meine Befehle nicht beachtete, sondern mich zu verhöhnen begann und sprach: »Chikâr ist alt und greisenhaft geworden, und sein Verstand hat gelitten. Er ist stupid und verrückt geworden und weiss nichts mehr.« Und Nadan begann das Vermögen und die Habe des Chikâr zu vergeuden, die Knechte und die Mägde[11] zu schlagen, die Pferde und die Maultiere zu verkaufen und alles, was Chikâr erworben hatte, zu verschwenden.

Als ich, Chikâr, sah, dass Nadan kein Erbarmen mit meinem Vermögen und meinem Gesinde hatte, sagte ich zu ihm: »Halte dich fern von dem, was ich erworben habe, und quäle nicht meine Hausleute und meine Sclaven, so lange ich noch lebe!« Und ich setzte Sancherib in Kenntnis von all dem, was von Nadan in meinem Hause angestiftet wurde. Da sagte der König zu ihm: »So lange10 Chikâr noch am Leben ist, soll keiner über sein Haus und Gut verfügen, und niemand soll irgend etwas darüber zu sagen haben.«

Nadan hatte einen jüngeren Bruder, Namens Nebusaradan11. Diesen nahm ich zu mir, erzog ihn, begann ihn in meine Weisheit und mein Wissen einzuweihen und nahm ihn an Sohnes statt an. Als Nadan das sah, beneidete er ihn, wurde unwillig, böse, geriet in heftigen Zorn und begann zu sagen: »Chikâr ist verrückt und stumpfsinnig geworden, seine Weisheit hat gelitten, und sein Verstand und sein Wissen haben sich erschöpft. Denn er übergab sein Vermögen und sein Haus meinem Bruder Nebusaradan, der doch ein kleiner Knabe, ohne Verstand und ohne Wissen ist, und mich vertrieb er aus seinem Hause.« Als ich alles das von ihm hörte, sagte ich, Chikâr: »Schade um meine Weisheit, wie zog sie doch mein Sohn Nadan in den Staub!«

Darauf ging Nadan gar grimmig an den Hof des Königs, meines Herrn, setzte sich da hin, schrieb eine Anklage gegen Chikâr und ersann gegen ihn Lug und Trug. Er schrieb zwei Briefe an Könige, Feinde des Sancherib; einen an König Achaš, Sohn des Samechlîm12, König von Persien13,[12] in dem er folgendes schrieb: »Von König Sancherib und seinem Sekretär und Minister14 Chikâr aufrichtiger Gruss, Heil und Hochachtung und Hände- und Fusskuss. Friede sei zwischen mir und dir! Mächtiger König! Im Augenblicke, wo dieser Brief bei dir anlangt, mache dich schnell ohne zu zögern auf und komm zu mir nach Assyrien. Ich will dir das Reich ohne Mühe übergeben.«

Dann schrieb er einen zweiten Brief im Namen des Chikâr an Pharao, den König von Ägypten, und zwar schrieb er folgendes in ihm: »Friede sei zwischen mir und dir! König! Im Augenblicke, wo dieser Brief in deine Hände gelangt, ziehe zu mir hinab nach dem Adlerthale15, am 25sten August, und ich werde dich nach Assyrien und Ninive führen und dir die Herrschaft ohne Mühe übergeben.« Er machte seine Handschrift der des Chikâr gleich und versiegelte den Brief mit dem Siegel und dem Ringe des Chikâr. Dann warf er sie im Schlosse des Königs hin, wo die Schlossleute sie finden konnten, damit sie sie dann dem Könige zeigten.[13]

Hernach schrieb er einen andern Brief im Namen des Königs Sancherib: »Gruss dem hochgeehrten Chikâr, meinem Minister und Sekretär und Siegel meines Geheimnisses. Sobald dieser Brief bei dir angelangt ist, sammle die Truppen, die bei dir sind, rücke aus und erwarte mich am Berge Wacho. Am 25sten August16 gehe mir nach dem Adlerthale voraus. Wenn du siehst, dass ich in eure Nähe gekommen bin, ziehe die Truppen vor mir zusammen, wie jemand der mit mir kämpfen und eine Schlacht schlagen möchte. Es hält sich nämlich bei mir ein Gesandter des Königs von Ägypten, des Pharao, auf, und diese sollen17 unsere Heeresmacht sehen und schauen und kennen lernen. Sie sollen sich vor uns fürchten, denn sie sind unsere Feinde und unsere Neider.«

Diesen Brief schickte er ab durch einen von den Dienern des Königs, meines Herrn. Hernach nahm er den Brief, den er an Pharao mit meinen Worten (nach meinem Munde) geschrieben hatte, wie jemand, der ihn eben gefunden hatte, und las ihn König Sancherib vor. Als der König den Inhalt des Briefes vernahm, geriet er ganz ausser sich, wurde sehr betrübt und rief aus: »Mein Gott! worin habe ich mich gegen Chikâr versündigt, dass er diese Zeilen an Pharao, den König von Ägypten, meinen Feind und Hasser, schrieb, dass er mir so vergilt.« Da sprach Nadan zu König Sancherib: »Sei nicht betrübt, sondern *mache dich mit uns auf, und18 wir wollen uns nach dem Adlerthale an dem Tage begeben, den er in seinem Schreiben genannt hat. Dann werden wir ja erfahren, ob die Mitteilung wahr ist oder nicht.«

König Sancherib und mein Sohn Nadan begaben sich auch nach dem Adlerthale19 und fanden da mich und um[14] mich das Heer versammelt. Als nun ich, Chikâr, sie erblickte und sah, dass sie herannahten und bereits in unsere Nähe gelangt waren, da that ich, wie er in dem Briefe geschrieben und mir befohlen hatte, und stellte das Heer so auf und ordnete es so, dass es ein Treffen mit ihm schlüge. † Als mein Herr, der König Sancherib, mich dies thun sah, geriet er in grosse Furcht vor mir und dachte, ich hätte mich gegen ihn empört *und eine Intrigue gesponnen20, und es stand bei ihm fest, dass zwischen mir und seinen Feinden eine Verabredung bestand21. Ich hingegen kannte nicht die List, die Nadan gegen mich geschmiedet und ausgeheckt hatte. Da sagte Nadan zum Könige: »Ich wusste, dass die Kunde vollkommen richtig war; sei aber darum nicht traurig, sondern kehre nach deinem Schlosse und zur Regierung zurück und sei ohne Furcht; ich werde dir Chikâr gefesselt und in Ketten bringen.« *Wo soll er zu dir kommen und haben seine Augen dich gestreift22.

Darauf kehrte König Sancherib traurig und bekümmert nach Hause zurück, und mein Sohn Nadan kam zu mir und sagte zu mir: »Der König freute sich sehr über dich und lobte und pries dich, da du gethan hast, was er dir in seinem Briefe befohlen. *Nun schickte er mich nach dir, damit du und ich allein bei ihm erscheinen. Entlasse auch das Heer und lass einen jeden in Frieden nach Hause gehen!« Da entliess ich das Heer, und ich und mein Sohn Nadan kamen zum König, und ich grüsste ihn23. Als der König[15] mich sah, sagte er zu mir: »Du bist gekommen, Chikâr, mein Sekretär und Lenker meines Reiches, der du mir ein Freund wärest und den ich verabschiedet habe, damit du dich zur Ruhe setztest: und nun tratest du gegen mich auf und schlugest dich zu meinen Feinden!« Da nahm er die Briefe heraus, die mein Sohn Nadan nach meiner Zunge und meiner Handschrift geschrieben und mit meinem Siegel versiegelt hatte, und gab sie mir. Als ich sie las, errötete ich, meine Glieder wurden schlaff, ich begann zu zittern, geriet in Furcht, und meine Zunge wurde gelähmt. Ich wollte ein Wort von den Worten des Wissens und der Weisheit sprechen, konnte aber nicht. Da schrie mich Nadan an und sagte zu mir: »Halte dich fern vom Könige, du thörichter24 Greis! Lass deine Hände in Handfesseln legen und deine Füsse in Bande.« Und er fesselte mich mit Ketten und Banden, und der König wandte sein Gesicht von mir ab und zürnte mir. Dann sagte er zum Scharfrichter: »Auf, geh und richte ihn am Thore seines Hauses hin und lege seinen Kopf hundert Ellen weit vom Rumpfe weg.«

Da kniete ich, Chikâr, vor dem Könige nieder und sagte zu ihm: »Du sollst ewig leben! Du hast meinen Tod beschlossen, wohlan, es geschehe Gottes Wille25! Ich weiss jedoch, dass ich keine Sünde und kein Verbrechen gegen meinen Herrn und König begangen habe. Doch bitte ich den König, dass er den Befehl gebe, dass [der Scharfrichter] mich an der Thür meines Hauses hinrichte und meinen Leichnam meinen Dienern und meinen Angehörigen übergebe, damit sie mich bestatten. Dein Knecht sei dann ein Lösegeld für dich.« Da sagte der König zum Scharfrichter:[16] »Geh, richte Chikâr am Thore seines Hauses hin und gieb hernach seinen Leichnam zur Bestattung heraus.«

Als ich, Chikâr, dann vom Könige wegging, liess ich meiner Frau Aschfeghni sagen, dass sie mir entgegenkäme und mit sich tausend Jungfrauen brächte, die sie in Seide und Purpur26 gekleidet hätte, dass sie mich beweinen und beklagen und vor meinem Tode eine Trauerfeierlichkeit für mich veranstalten sollten. »Und du, meine Gattin, kehre in mein Haus zurück und richte einen Tisch27 mit Speisen her für den Scharfrichter und die ihn begleitenden Perser *und Assyrer28 Tritt dann in mein Gemach, setze ihnen gutes Essen und wohlschmeckendes Getränk vor und mische ihnen Wein und gieb ihnen zu trinken. Bediene du sie auch selbst.«

Meine Frau Aschfeghni war eine verständige und geweckte Frau von grossem Wissen. Sie that sogleich alles, was ich ihr befohlen hatte, setzte ihnen eine Tafel vor und mischte ihnen Wein. Und die assen und tranken, während sie sie bediente, und sie wurden trunken und schliefen auf ihren Plätzen ein. Darauf sagte ich, Chikâr, zum Scharfrichter, dessen Name Nabusmîk29 war: »Erhebe deinen Blick zu mir und zum Himmel und denke an das Brod und Salz, das wir mit einander genossen haben. Wisse, dass ich keine Sünde und kein Verbrechen begangen habe. Nur mein Sohn Nadan ersann eine List und einen Anschlag gegen mich.[17] Darum begehe keine Sünde an mir, indem du mich tötest, dem Unrecht geschehen ist. Denke auch an den Tag und rufe dir ihn ins Gedächtnis zurück, da König Sarchadûm, der Vater des jetzigen Königs, dir zürnte und mir befahl dich zu töten. Da ich wusste, dass du unschuldig bist, versteckte ich dich und tötete dich nicht, sondern liess dich am Leben, bis der Zorn des Königs sich gelegt hatte und gewichen war, und er, dir wieder geneigt, mir befahl, dich vor ihn zu bringen, *dir dann Gutes erwies und30 reichliche Geschenke gab. Nun verbirg mich du, und vergilt mir das Gute und die Wohlthat, die (wie) ich dir erwiesen habe. Da habe ich einen schuldbeladenen Sclaven, der ins Gefängnis geworfen ist und die Hinrichtung und den Tod verdient, denn ein grosses Verbrechen31 lastet auf ihm. Diesen lass herausführen, ziehe ihm meine Kleider an und lass die Leute, die mit dir sind, berauscht wie sie sind, herauskommen und ihn töten. So werden sie nicht merken, wen sie getötet haben. Lass seinen Kopf hundert Ellen weit vom Körper niederlegen und übergieb dann diesen zur Bestattung, auf dass man das Gerücht in Assyrien und Ninive und im ganzen Lande verbreite, Chikâr sei hingerichtet worden.«

Da stand Nabusmîk und mit ihm meine Gattin auf und richteten mir einen unter der Erde versteckten Ort her. Sie gruben einen Keller von vierzehn32 Ellen Länge, sieben33 Ellen Breite und fünf Ellen Höhe34. Sie gruben ihn unter der Thorschwelle meines Hauses und führten mich in ihn hinein35. Dann brachten sie viele Speisen und Wasser zu[18] mir herunter und liessen mich in dem Loche, das sie gegraben, versteckt zurück. Dann gingen sie weg, nachdem sie den Sclaven hingerichtet hatten, und teilten meinem Herrn, dem Könige, mit: »Chikâr ist deinem Befehle gemäss hingerichtet worden.«36

Als das Gerücht sich verbreitete, dass ich hingerichtet worden sei, und alle Bürger das über mich hörten, da zerkratzten und zerfetzten sie ihr Gesicht und wehklagten, indem sie ausriefen: »Schade um dich, du gewandter Schriftgelehrter37, du Kenner der Geheimnisse38 und Deuter der schwierigen und dunklen Worte! Weh uns um dich! wo werden wir deinesgleichen finden? woher soll uns nun ein Verständiger und Wissender und Weiser wie du erstehen, der an deine Stelle trete!« Der König rief dann meinen Sohn Nadan und sagte zu ihm: »Geh und veranstalte eine Klage- und Trauerfeier für deinen Vater und Erzieher Chikâr und wehklage und trauere um ihn.« Aber er handelte nicht gemäss dem Befehle des Königs, sondern als der unsinnige Nadan [in mein Haus]39 kam, weinte er nicht und trauerte nicht und nahm meinen Namen nicht in den Mund. Er sammelte vielmehr um sich frevelhafte40, sittenlose und schlechte Menschen wie er, und die begannen zu essen und zu trinken und zu tanzen und zu singen. Dann ergriff er meine Diener und Dienerinnen, liess sie sich entkleiden[19] und peitschte sie, schlug sie, verhängte die härtesten Strafen über sie und liess sie jede Qual kosten, und er schämte sich nicht vor meiner Gattin, die ihn wie ihren Sohn erzogen hatte, sondern der Sittenlose wollte mit ihr eine Sünde begehen. Und ich, Chikâr, hörte im Loche versteckt das Peitschen meiner Diener und ihre Klagen und die Qualen, die sie von meinem Sohne Nadan ausstehen mussten. Ich hörte es und litt darunter und weinte und war traurig um sie, um mich und um das, was mir widerfahren und zugestossen war. Dann wandte ich mich wieder zum Herrn und rief: »Herr, erleichtere meine Qual!« und weinte bitterlich.

Nach einigen Tagen kam der Scharfrichter Nabusmîk zu mir, trat zu mir ein, erkundigte sich nach meinem Befinden, prüfte mein Herz und tröstete mich. Er brachte mir wieder Brod und Wasser, und als er mich verlassen wollte, sagte ich zu ihm: »Bete und flehe für mich zu Gott.«

Als Pharao, der König von Ägypten, hernach hörte, dass Chikâr hingerichtet worden sei, freute er sich sehr und schrieb einen Brief folgenden Inhaltes: »Von Pharao, dem Könige von Ägypten, an den König von Assyrien und Ninive. Gruss und Friede dir! Wisse, o König, dass ich mir ein Schloss zwischen Himmel und Erde bauen lassen möchte und wünsche, dass du mir von dir einen unübertrefflichen Baumeister schickest, der es meinem Wunsche gemäss zu bauen versteht. Er muss mir auch auf jede Frage zu antworten wissen, die ich an ihn richten will. Bist du imstande, mir jemand zu schicken, der mir das Schloss bauen und thun kann, was ich ihm befehle, dann will ich euch mit ihm den Tribut Ägyptens und aller angrenzenden Gebiete für drei Jahre schicken, wo nicht, so schicket ihr uns mit diesem Boten, den wir zu euch sandten, den Tribut von Assyrien und Ninive für drei Jahre.«

Als der Brief ankam, und man ihn dem Könige vorlas, da versammelte er alle Edlen und Philosophen und Weisen und Sterndeuter, die sich in seinem Reiche befanden, und[20] man las ihnen diesen Brief41 vor. Dann sagte er zu ihnen: »Wer von euch kann nach Ägypten gehen und Pharao Rede stehen?« Da erwiderten sie und sprachen: »Unser Herr und König weiss, dass es niemand in deinem Zeitalter und deinen Tagen giebt, [der] diese Fragen [beantworten könnte]. Nur in den Tagen deines Vaters, da begriff der weise Chikâr allein alle Fragen und schwierige Worte und löste und deutete sie. Wir jedoch verstehen das nicht wie er, und wir erreichen nicht sein Wissen42 und seine Kenntnis[se]. Da ist aber sein Schwestersohn Nadan! Den hat er in seinem Wissen, seiner Weisheit und seinen Kenntnissen unterrichtet. Rufet ihn und fraget ihn; er wird diese Aufgabe lösen, wir jedoch kennen ihre Deutung nicht.«

Da liess der König Nadan rufen, und als er vor dem Könige erschien und den Brief las, erwiderte er und sprach zum Könige: »Lass die Leute faseln und Unsinn reden! Wer vermag ein Gebäude zwischen Himmel und Erde aufzurichten? Nicht einmal die Götter können dies ausführen. Unsinn schwatzt dieser Brief«.

Als der König die Worte des Nadan vernahm, wurde er sehr traurig und weinte bitterlich. Er stieg vom43 Throne herab, setzte sich auf Säcke und auf Asche, weinte und sprach: »Schade um dich, Chikâr, du gewandter44 Weise, du Kenner der Geheimnisse und der Fragen! Schade um dich, du Lehrer meines Landes und Leiter meines Reiches. Wo soll ich deinesgleichen finden, und wo soll ich dich suchen! Weh mir um dich, wie konnte ich nur dich auf das Gerede eines thörichten, dummen Knaben ohne Wissen, ohne Kenntnisse, ohne Glauben, ohne Männlichkeit hin töten und beseitigen lassen. Jetzt werde ich bis zum Tode[21] um dich trauern. Wer mir jetzt einen Mann wie du geben oder mir verkünden sollte, dass Chikâr noch wohlbehalten ist und lebt, dem gäbe ich die Hälfte meines Reiches.«

Als ich, Nabusmîk, der Scharfrichter45, das hörte und die Trauer und das Weinen des Königs um Chikâr sah, da trat ich vor, verbeugte mich vor dem Könige und sprach zu ihm: »Mein Herr und König! Schreib deinen Dienern [vor], mich, deinen schuldigen Knecht, ans Kreuz zu schlagen, denn ich handelte deinem Befehle und deiner Vorschrift zuwider, und jeder Knecht, der der Vorschrift und dem Befehle seines Herrn zuwiderhandelt, verdient es gekreuzigt zu werden. Du befahlest in deinem Zorne Chikâr zu töten und stelltest keine Untersuchung inbetreff seiner Schuld an. Aber ich wusste, dass dann Reue um seine Hinrichtung über dich kommen werde; ich wusste auch, dass er keine Schuld hatte, und nun lebt er noch unter der Erde versteckt und verborgen, in einer Höhle, wie in einem Grabe. Aber ich habe gesündigt, indem ich dir gegen *deine Vorschrift und46 deinen Befehl handelte. Nun lass mich kreuzigen oder verzeihe mir und vergieb mir mein Vergehen47

Als der König das hörte, empfand er grosse Freude und sprach: »Du trefflicher Diener! Wenn deine Mitteilung wahr ist, so will ich dich reich machen. Jawohl, wenn du mir nur den Chikâr lebendig zeigst, will ich bis zur Hälfte meines Reiches, hundert Zentner Gold und fünfzig Zentner purpurne und seidene Gewänder schenken.« *Da sprach der Scharfrichter Nabusmîk zum Könige: »Mein Herr, schwöre mir bei Gott, dem Lebendigen, dass du mir diese Sünde und dieses Vergehen nicht nachtragen wirst.« Da schwor ihm[22] der König und reichte ihm die Rechte, dass er ihm kein Leid zufügen werde48. Und in derselben Stunde und Zeit ritt Nabusmîk davon, und gleich dem Winde, der dahin braust, eilte er zu mir, öffnete die Höhle und führte mich heraus.

Ich, Chikâr, stieg nun aus dem Verstecke, dankte Gott, hoffte und schämte mich nicht. Und Nabusmîk nahm mich und führte mich vor den König, und als ich vor dem Könige erschien, fiel ich zu Boden und kniete vor ihm. Mein Haupthaar war lang geworden und reichte bis auf meine Schultern, und mein Bart fiel bis auf meine Brust hinab. Meine Nägel waren wie die Krallen des Adlers, und mein Körper war unter der Erde eingetrocknet und formlos geworden. Die Farbe meines Gesichtes hatte sich verändert, es war welk und wie die Farbe der Asche geworden. So war ich nur noch ein [Schatten]bild meines Körpers. Als der König lange auf mich blickte und sah, wie meine Schönheit gewichen war, wurde er traurig um mich, weinte und schämte sich. Er konnte gar nicht zu mir sprechen, so sehr weinte er. Dann aber sagte er zu mir: »Chikâr! nicht ich habe dir Böses angethan, sondern Nadan, den du wie einen Sohn von dir erzogen hast, er hat dir Böses angethan.« Da sprach ich zum König: »Du sollst ewig leben, mein Herr! Nachdem Gott mich wieder dein Gesicht hat schauen lassen, ist es als ob mir kein Leid und kein Übel widerfahren wäre.« »Gesegnet sei der Herr!« antwortete der König und sagte dann zu mir: »Geh, Chikâr, der du mit Unrecht soviel gelitten hast, geh, wasche dich im Bade, rasiere das Haar deines Hauptes49, beschneide dir die Nägel und iss und trink und lebe gut vierzig Tage lang, bis deine Seele sich gekräftigt hat und deine Kraft und deine Gesichtsfarbe wiedergekehrt sind; dann komme hierher.«

Da begab ich mich nach Hause und that, was der König[23] mir befohlen hatte, verweilte aber da nur zwanzig50 Tage, denn die Sache und Angelegenheit des Königs erforderte Eile. Als ich nun vor dem Könige erschien und ihm meinen Gruss darbrachte, brachte er die Fragen vor, die die Ägypter an ihn geschickt hatten, und sprach zu mir: »Nimm, Chikâr, und sieh, was die Ägypter uns nach deiner Hinrichtung geschickt und gesandt haben. Sie haben uns und alle unsere Bürger in Kummer und Trauer versetzt, und alle unsere Bürger machten sich auf und flohen nach Ägypten auf die Kunde von dem vielen Gelde und hohen Tribute, den sie von uns fordern.« Als Chikâr die Briefe las, begriff er ihren Inhalt und erwiderte dem Könige: »Sei nicht betrübt, ich will nach Ägypten gehen, dem Pharao eine Antwort geben und ihm diese Rätsel lösen. Ich werde dir Tribut und Geld aus Ägypten und seinen Marken bringen und alle, die nach Ägypten geflohen, in ihre Heimat zurückführen. Mit Gottes Hilfe werde ich alle deine und deiner Herrschaft und Glückseligkeit Feinde beschämen.«

Als der König diese Worte vernahm, freute er sich sehr und gab mir und den Fürsten und den Grossen viele Geschenke. Dem Scharfrichter Nabusmîk jedoch verlieh er einen hohen Rang und gab ihm zahlreiche Geschenke. Nach einem Tage schrieb ich, der verächtliche Chikâr51, Briefe und sandte sie an meine Gattin Aschfeghni und sagte ihr: »Sobald diese Briefe zu dir gelangt sind, befiehl den Jägern, uns zwei Adlerjungen zu fangen. Dann befiehl den Baumwollarbeitern, uns zwei Stricke aus Baumwolle zu drehen von der Dicke eines Fingers; die Länge eines jeden betrage zweitausend Ellen52.« Sage ferner den Schreinern, dass sie[24] uns grosse Kisten machen53. Dann gieb die beiden uns gehörenden Knaben Nabuchal und Tabschalîm sieben Ammen, dass sie sie säugen und grossziehen. Schlachtet ihnen täglich einen Hammel54 und füttere die beiden Adler, dass sie gross und stark werden. Lasset dann Tag für Tag die beiden Knaben auf ihnen, d.h. auf dem Rücken der beiden Adler reiten, so lange sie noch klein, ohne Gewicht sind, binde die beiden Stricke an die Füsse der beiden Adler und lass55 sie in einer freien Ebene auffliegen, während die Knaben auf ihrem Rücken reiten; so werden sie sich allmählich daran gewöhnen sie zu tragen. Wenn die beiden Adler sich erheben, um auf der Ebene in die Lüfte zu fliegen, dann lehre die beiden Knaben, dass sie während des Fluges, während sie auf dem Rücken der Adler sind, schreien und rufen: »Gebet uns Gips, Kalk, Lehm, Ziegel und Steine herauf, denn die Baumeister und Arbeiter stehen müssig und wollen dem Könige ein Schloss zwischen Himmel und Erde bauen Ziehe dann die Vögel und die Knaben zu Dir herab [und mache es so], bis ich komme.«

Meine Gattin Aschfeghni war eine kluge, geschickte Frau, derengleichen es unter den Frauen des Landes56 nicht gab. Sie that und besorgte, was ich ihr befohlen hatte, und nach einigen Tagen sagte ich, Chikâr, zum Könige: »Gestatte nur, mein Herr, mich nach Ägypten zu begeben, denn die Zeit, in der ich hingehen will, ist gekommen.«

Als er mir den Befehl erteilte, nahm ich ein gewaltiges Heer mit mir und marschierte einen Tag lang, dann gab ich dem Heere Befehl, und wir machten57 in einer58[25] sehr weiten, äusserst schönen Ebene Halt. Dann holte ich die beiden Adler aus den Kisten, band die beiden Stricke an ihre Füsse und setzte die Knaben auf ihren Rücken. Und die flogen in der Ebene auf und gelangten in eine mächtige Höhe, sodass sie von den Leuten nicht mehr gesehen wurden. Während des Aufsteigens schrieen die Knaben und riefen: »Reichet uns Gips, Kalk, Ziegel und Steine hinauf, denn die Baumeister stehen müssig und wollen dem Könige ein Schloss zwischen Himmel und Erde errichten.« So prüfte ich sie, und hernach liess ich sie zu mir hinabsteigen und fand sie so, wie mein Herz sie sich wünschte59. Da lobte ich meine Gattin Aschfeghni, die alles besorgt, wie ich es ihr befohlen hatte, und jeden Auftrag, den ich ihr gegeben, vortrefflich ausgeführt hatte. Als die Assyrer und die Leute von Ninive, die nach Ägypten geflohen waren, das hörten und sahen, was ich alles gemacht und ausgeführt hatte, kehrten sie in ihre Heimat zurück.

1

D.i. Asarhaddon, der aber nicht der Vater, sondern der Sohn Sancherib's war.

2

Das Wort »sechzig« ist wohl nur aus Versehen ausgefallen, obgleich in der slavischen Version nur von einer Frau die Rede ist; dies ist nur eine »europäische« Zustutzung.

3

In der Ṭôrâni-Übersetzung steht hier und an allen Stellen, an denen im arabischen Text ḥînaïḏin steht, fälschlich »hernach«. Hier würde diese Partikel noch in den Zusammenhang passen, aber an vielen Stellen passt sie nicht. Ich übersetze das arabische Wort.

4

Bei SALḤ. wird Chikâr's Gebet an die Götter nicht erwähnt, dafür steht an dieser Stelle dasjenige, das er an Gott richtete. Es entspricht dem ersten Satze in jenem. In der slavischen Version ist überhaupt nur von Gott die Rede.

5

Im arab. Texte: »ich machte ihn fett«.

6

Im Ṭôrâni steht »Herr«, indem das arabische zweideutige ṣâḥib ungeschickt übersetzt ist.

7

SALḤ. p. 3 l. 16 ff.

8

SALḤ. p. 4.

9

SALḤ. p. 5.

10

Im Ṭôrânitext falsch: »nachdem«.

11

Vgl. II Kön. 25, 8.

12

Bei SALḤ. (p. 6 l. 10 f.) »Achîš (Akîs) Sohn des Šah-ḥakîm«. Letzterer Name ist wohl arabisiert (»weiser Schah«). Achaš dürfte aus Achaš-weroš gemacht sein. Im syrischen Texte fehlen die beiden Namen.

13

Beim Syrer noch »und Elam«. Bei SALḤ. »von Persis und 'Ağam«. Letzteres Wort kann graphisch aus Elam entstanden sein.

14

Diese Worte, die auch bei SALḤ. stehen, sind wohl irrtümlich in den Text hineingeraten, da Chikâr sich schwerlich den Anschein würde geben wollen, als handelte er im Namen Sancherib's. Ursprünglich dürfte es ungefähr wie beim Syrer geheissen haben: »Von Chikâr, dem Sekretär und Minister König Sancherib's.« In der slavischen Version steht einfach: »Ich, Akyrios, dem König von Persien Nalon Gruss.«

15

In der slavischen Version steht: »auf dem ägyptischen Felde«, was wohl auf eine Verwechselung zwischen meşrein und nešrîn zurückgeführt werden darf. Eine Verwechselung innerhalb der griechischen Versionen – zwischen ἀετοῦ und αἰγύπτου – ist weniger wahrscheinlich, jedoch bei einer sehr verderbten Vorlage nicht ganz unmöglich. Auf einen slavischen Abschreiber darf aber die Variante auf keinen Fall zurückgeführt werden da or'l und egup't zu sehr von einander verschieden sind.

16

SALḤ.: »am Donnerstag«.

17

! Bei SALḤ. und dem Syrer ist gleich von Gesandten die Rede. In der slavischen Version wird nur einer erwähnt.

18

Passt nicht recht.

19

SALḤ. (p. 7 l. 7 ff.): »Als der Donnerstag kam, machte sich Nadan auf, nahm den König, die Vesiere und Truppen, und sie begaben sich nach der Wüste, nach der Adlerebene.«

20

Fehlt im arabischen Texte.

21

Der Passus von † an fehlt bei SALḤ.

22

Der Satz ist mir unverständlich; in den übrigen Versionen fehlt er.

23

Bei SALḤ.: »Und jetzt schickte er mich, damit du das Heer, so wie es steht, entlassest und zu ihm in Fesseln und Banden gehest, auf dass die Gesandten Pharao's dies sehen. Denn der König erschien furchtbar bei ihnen und ihrem Könige«. Diese gewiss verestümmelte »Verfeinerung« fehlt in den übrigen Versionen.

24

Im arabischen Texte: »nichts würdiger«.

25

Beim Syrer: »dein Wille.« Bei SALḤ. (p. 8 l. 6): »Wenn du meine Hinrichtung wünschest – nach deinem Belieben!«

26

In den Texten stehen zwei Wörter für »Purpur«: das semitische ,urğuân, ,argûno, und das dem Occident entlehnte barfîr.

27

Ich übersetze šufrah so, obgleich die Orientalen Tische in unserem Sinne nicht haben. Das Wort bezeichnet, je nach der Gegend, verschiedene Dinge (vgl. einerseits LANE, SitGbr. I p. 152, andererseits SOC. p. 188 Anm. 78), die nur das mit einander gemein haben, dass auf ihnen Speisen aufgetragen werden.

28

Fehlt beim Syrer; bei SALḤ. bloss: »und die Diener«.

29

In unserem Texte: Jabusmîk, was graphisch aus Nabusmîk entstanden ist. Beim Syrer: Nabusmâkh.

30

Syrer: »und mir«.

31

Im arabischen Texte steht der Plural.

32

Syrer: »vier«.

33

Syrer: »drei«.

34

In der slav. Version: »vier Ellen breit und vier Ellen tief.«

35

Bei SALḤ. sagt Chikâr zu Nabusmîk: »Wisse, dass (p. 9) ich an der Schwelle meines Hauses einen Keller habe, von dem niemand etwas weiss; da verbirg mich unter Mitwissen meiner Frau Aschghefni« (so wird der Name hier geschrieben).

36

Bei SALḤ.: »Dann pflegte Aschghefni, die Frau des Chikâr, ihrem Manne Speise und Trank in das Versteck hinunterzubringen. Jeden Freitag (muslimischer Einfluss?) brachte sie ihm soviel herunter als ihm für die kommende Woche genügte, und niemand wusste etwas davon.«

37

Nach Ps. 45,2, Esr. 7,6.

38

Im Ṭôrânitexte der Sing.

39

Steht nicht im Texte, ist aber aus den Worten »in das Haus seines Onkels« bei SALḤ. (s. oben p. 4 l. 17 f.) ergänzt.

40

Im Ṭôrânitexte: »hartherzige, buhlerische«.

41

Im Ṭôrânitexte der Plural.

42

Im Ṭôrânitexte wohl infolge eines Versehens – JESAIAS las wahrscheinlich 'ml statt 'lm –: »und seine Thaten«.

43

Im Ṭôrânitexte infolge einer Flüchtigkeit: »auf.«

44

Im Ṭôrânitexte: »tiefer«.

45

Im arabischen Texte stehen zwei Synonyma.

46

Fehlt im Ṭôrânitexte.

47

Bei SALḤ. (p. 11 l. 6) steht hier noch: »Da sagte der König: ›Weh dir, Abusmîk, du spottest jetzt meiner, dabei bin ich dein Herr.‹ Da erwiderte er ihm: ›Nein, bei deinem und deines Hauptes Leben, mein Herr. Vielmehr Chikâr befindet sich wohl und am Leben.‹«

48

Fehlt bei SALḤ.

49

Im Ṭôrânitexte: »scheere dein Haar von deinem Haupte«.

50

Bei SALḤ. (p. 12 l. 5): »vierzig«.

51

Der Araber gebraucht das Wort sl-ḥaqîr häufig vor Nennung seines eigenen Namens; hier liegt ausserdem noch ein Wortspiel vor.

52

Beim Syrer: »tausend«. Die Stricke – nicht »Leinwandstücke«, wie MEISSNER übersetzt – sollten als Fangleinen dienen.

53

Diese sollten zum Transport der Adler dienen, nicht um die Knaben aufzunehmen, wie BENFEY, KlSchr. III p. 184 und MEISSNER, a.a.O. p. 182 annehmen.

54

Beim Syrer: »zwei«.

55

Im Ṭôrânitexte steht der Plural.

56

Im Arabischen: »unseres Landes«.

57

Im Ṭôrânitexte: »sie machten«.

58

Im Ṭôrânitexte steht der bestimmte Artikel.

59

Bei SALḤ. veranstaltet Chikâr die Probe vor dem Könige, und dann erst bricht er auf.

Quelle:
Lidzbarski, Mark (Hg.): Geschichten und Lieder aus den neuaramäischen Handschriften. Weimar: Verlag von Emil Felber, 1896, S. 2-26.
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