Zweites Gesicht

[1039] Zweites Gesicht (engl. Second sight), die namentlich in Schottland bestimmten Personen zugeschriebene Gabe, Zukünftiges vorauszusehen und den bevorstehenden Tod von Bekannten mit geistigem Auge zu erkennen, indem sie ihren Leichenzug sehen oder sie allein in der Kirche erblicken etc. Sieht der Seher sich selbst mit verkehrtem Plaid, so weiß er, daß er sich zum Tode vorbereiten muß. Oft beschränkt sich jedoch die Seherkraft auf Vorhersehen von Besuch oder der Rückkehr Abwesender. Nach plattdeutschem Glauben gibt es verschiedene Mittel, um diese Gabe (das Schichtkieken) zu erlangen oder »schichtig« zu werden; wer sie aber besitzt, gilt für unglücklich, weil er jeden Spuk sehen muß und die Fähigkeit nur durch Übertragung auf einen andern loswerden kann. Z. G. nennt man auch das Doppeltsehen (Deuteroskopie) oder die nach dem Volkswahn gewissen Menschen verliehene Fähigkeit, zu gleicher Zeit an zwei Orten gesehen zu werden, wo dann das eine Gesicht der wirkliche Mensch, das zweite bloß dessen gespenstisches Schattenbild ist. Solche Doppelgänger sollen meist besondern Unglücksfällen ausgesetzt sein und sterben, sobald sie sich selbst erblicken. Vgl. Johnson, Journey to the western isles of Scotland (Lond. 1775); Horst, Deuteroskopie (Frankf. a. M. 1830, 2 Bde.); Carus, Vorlesungen über Psychologie (Leipz. 1831); Mayer, Die Sinnestäuschungen etc. (Wien 1869); du Prel, Das Zweite Gesicht (Bresl. 1882); Zurbonsen, Das zweite Gesicht (die »Vorgeschichten«) nach Wirklichkeit und Wesen (Köln 1908).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 20. Leipzig 1909, S. 1039.
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