Drittes Kapitel.
Einige Bemerkungen über die mechanische Physik des Herrn le Sage

[296] Die mechanische Physik des Herrn le Sage kennt man bis jetzt teils aus einigen Abhandlungen ihres Urhebers, aus dem Lucrèce Newtonien und seiner Preisschrift: Versuch einer mechanischen Chemie, teils aus dem, was einige seiner Freunde davon bekannt gemacht haben, z.B. Herr de Lüc in seinen beiden Werken über die Atmosphäre, und weit zusammenhängender und systematischer Herr Prevost in seinem Werke über den Ursprung der magnetischen Kräfte101. Die letztgenannte Schrift ist bei den folgenden Bemerkungen überall zugrunde gelegt.

Was das Auffallendste zu sein scheint, ist, daß die mechanische Physik mit Postulaten beginnt, auf diese Postulate erst Möglichkeiten aufführt, und am Ende ein über allen Zweifel erhabenes System errichtet zu haben meint.

Ihr erstes Postulat sind mehrere erste Körper (corpuscules) in einem gewissen Raume verteilt, alle von gleicher Masse, doch klein genug, um, wenn sie sich berühren, nicht sehr merklich voneinander unterschieden zu sein, ferner, so beschaffen,[296] daß jedes derselben die Körperchen seiner Art weniger, als die der andern Art, anzieht102.

Die ersten Körperchen also denkt sich die mechanische Physik als Punkte, doch als erfüllte (materielle, physische) Punkte. Wenn aber diese Punkte noch materiell sind, so fragt sich was den Atomistiker berechtigt, bei diesen Punkten stehen zu bleiben. Denn die Mathematik fährt deswegen doch fort, auf der unendlichen Teilbarkeit des Raums zu bestehen, und die Philosophie, ob sie sich gleich hütet, zu sagen: die Materie (an sich betrachtet) bestehe aus unendlich vielen Teilen, hört deswegen nicht auf eine unendliche Teilbarkeit, d.h. die Unmöglichkeit einer je vollendeten Teilung zu behaupten. Wenn also die mechanische Physik erste (oder letzte) Körperchen voraussetzt, so kann sie den Grund für diese Voraussetzung nicht aus der Mathematik oder aus der Philosophie hernehmen. Der Grund kann also nur ein physischer sein, d.h. sie muß (wenn nicht beweisen, doch) behaupten, es seien Körperchen, welche weiter zu teilen physisch unmöglich sei. Allein nachdem man vorher den Gegenstand aller möglichen Erfahrung entzogen hat, wie dies der Fall ist, wenn man physisch-unteilbare Körperchen behauptet, hat man auch weiter kein Recht, sich auf Erfahrung, d.h. auf einen physischen Grund (wie hier auf die physische Unmöglichkeit) zu berufen. Also ist jene Annahme eine völlig willkürliche Annahme, d.h. man bildet sich ein, es sei möglich, in der Teilung der Materie auf Körperchen zu stoßen, welche ferner zu teilen, der Natur dieser Körperchen nach, unmöglich sei. Allein es gibt keine physische Unmöglichkeit, die, als solche, absolut wäre. Jede physische Unmöglichkeit ist relativ, d.h. nur in Beziehung auf gewisse Kräfte oder Ursachen in der Natur gültig, es sei denn, daß man zu verborgenen Qualitäten seine Zuflucht nehme. Also behauptet man mit der physischen Unteilbarkeit jener ersten Körperchen nur so viel: es sei in der Natur keine (bewegende) Kraft vorhanden, die den Zusammenhang jener Körperchen unter sich überwältigen könnte. Allein für diese Behauptung läßt sich weiter kein Grund anführen als ein aus dem System selbst hergenommener,[297] d.h. weil ohne sie das System nicht bestehen könnte. Also muß sie darauf beschränkt werden: man könne sich keine Naturkraft denken, der es möglich wäre, jene Körperchen zu teilen. Wird aber die Behauptung so ausgedrückt, so springt ihre Unwahrheit in die Augen. Denn jeder Zusammenhang in der Welt hat Grade, und sobald es darauf ankommt, was ich mir denken kann, kann ich keinen Grad von Zusammenhang denken, für den ich mir nicht auch eine Kraft denken könnte, die hinreichend wäre ihn zu überwältigen.

Vielleicht aber sieht die mechanische Physik auf diese Einwürfe als auf unnütze Grübeleien einer anmaßlichen Metaphysik herab und sucht alle weiteren Untersuchungen durch den Machtspruch: es sei so, ein für allemal abzuschneiden. Allein dieser Machtspruch gilt nur, so lange man sich auf dem Gebiet der Erfahrung befindet, wo alle Beweise von Möglichkeit und Unmöglichkeit eines Dings vor seiner Wirklichkeit verstummen müssen; nicht aber auch dann noch, wenn man sich selbst in ein Feld gewagt hat, wo über Möglichkeit oder Unmöglichkeit keine Belehrung der Erfahrung mehr möglich ist, sondern wo der Geist nur was er als absolute Möglichkeit erkennt, auch als absolute Wirklichkeit erkennt.103

Was berechtigte dich doch, kann man den Korpuskularphilosophen fragen, überhaupt eine unendliche Teilbarkeit der Materie vorauszusetzen und die Auflösung der Materie in ihre Elemente – nicht etwa nur als möglich anzunehmen, sondern – wirklich zu versuchen? – Die Erfahrung, daß die Materie etwas Zusammengesetztes ist? Allein wenn du sonst keinen Grund aufzuweisen hast, so mußt du die Teilung der Materie auch nur so weit verfolgen, als du in der Erfahrung ein Zusammengesetztes vor dir hast. Allein dies widerspricht deinem Unternehmen, die Materie in ihre Elemente aufzulösen. Also mußt du irgendwo auf einen Punkt kommen, wo nicht mehr die Erfahrung dich weiter zu teilen nötigt, sondern wo du dich völlig der Freiheit deiner Einbildungskraft überlassest, die auch da noch Teile voraussetzt, wo keine mehr erkennbar sind. Hast du[298] aber einmal deinem Geistvolle Freiheit gelassen zu teilen, auch wo Erfahrung nicht mehr zu teilen nötigt, so hast du keinen Grund, diese Freiheit irgendwo zu beschränken. Im menschlichen Geist selbst kann kein Grund liegen, irgendwo aufzuhören, also müßte der Grund außer ihm liegen, d.h. man müßte in der Erfahrung irgend einmal auf Elemente stoßen, die der Freiheit im Teilen der Materie schlechthin Schranken setzten. Allein so sehen wir uns wieder in der Notwendigkeit, eine absolute Unmöglichkeit anzunehmen, die doch zugleich physisch sein soll, d.h. eine Unmöglichkeit, für die sich weiter kein Grund angeben läßt, und die doch in der Natur liegt, wo alles Grund und Ursache haben muß – also eine Unmöglichkeit, die selbst unmöglich ist, weil sie sich widerspricht.

Wenn also die mechanische Physik genötigt ist, einzugestehen, daß es für ihre Annahme ursprünglicher, schlechthin unteilbarer Körperteilchen keinen Grund mehr gebe, so sieht man nicht ein, warum sie sich auf die Möglichkeit der Materie überhaupt noch einläßt. Allein sie bekümmert sich auch darum gar nicht, sondern beschränkt sich darauf, die Möglichkeit einer bestimmten Materie, oder was dasselbe ist, der spezifischen Verschiedenheit der Materie aus jenen Elementen und ihrem Verhältnisse zum leeren Raum zu erklären. Dabei hat sie den Vorteil, daß sie die Materie in ihren Elementen als völlig gleichartig voraussetzt. Diese aber, da sie als absolut-undurchdringlich vorausgesetzt werden, können sich voneinander doch durch ihre Figur unterscheiden, die nun als unveränderlich betrachtet werden muß. Also ist schon eine Möglichkeit vorhanden, bei aller ursprünglichen Gleichartigkeit der Elemente doch eine spezifische Verschiedenheit der Grundmassen, je nachdem sie aus Körperchen von gleicher oder verschiedener Figur zusammengesetzt sind, darzutun. Dazu kommt endlich noch der leere Raum, der der Einbildungskraft volle Freiheit verstattet, auch die größte Verschiedenheit der Materie in Ansehung ihrer spezifischen Dichtigkeit durch willkürliche Verhältnisse des Leeren in den Körpern zum Erfüllten, und umgekehrt, begreiflich zu machen.

Dies ist denn auch der größte Vorteil aller mechanischen Physik, daß sie sinnlich anschaulich machen kann, was eine dynamische[299] Physik (d.h. eine solche, die die spezifische Verschiedenheit der Materie nur aus den gradualen Verhältnissen anziehender und zurückstoßender Kräfte zu erklären unternimmt) niemals in der sinnlichen Anschauung darzustellen vermag. So kann selbst die mechanische Physik, innerhalb ihrer Grenzen betrachtet, ein Meisterstück des Scharfsinns und der mathematischen Präzision werden, selbst wenn sie in ihren Prinzipien völlig grundlos ist. Hier ist also nicht davon die Rede, was das System des Herrn le Sage in mathematischer Rücksicht zu leisten vermöge, sobald seine Voraussetzungen eingeräumt werden, sondern es ist darum zu tun, diese Voraussetzungen selbst und die Anwendung seines Systems auf Physik und Naturwissenschaft überhaupt in Untersuchung zu nehmen; denn, was das System selbst betrifft, so liegt es so weit jenseits der Grenzen unserer Erfahrung, daß es in sich selbst vollkommene Evidenz haben und doch in der Anwendung auf Erfahrung äußerst zweifelhaft werden könnte.

Herrn le Sage's System setzt also voraus, daß in einem leeren Raume eine unendliche Anzahl harter, sehr kleiner, beinahe gleicher Körper gleichförmig verteilt sei104. Was nun den leeren Raum betrifft, so ist er etwas, das sich in keiner Erfahrung dartun läßt. Denn wenn man ihn nötig glaubt, um die ungehinderte Bewegung der Weltkörper erklären zu können (so wie etwa Newton den Weltraum als leer annahm, bloß um in seiner Berechnung der Himmelsbewegungen nicht durch Einmischung einer Materie, die sie hindern könnte, gestört zu werden), so läßt sich auch eine Materie denken, deren Widerstand gegen die Bewegung dieser Körper (in bezug auf eine mögliche Erfahrung) = 0 angenommen werden kann. Allein überhaupt läßt dieses System der Einbildungskraft gleich anfangs völlig freies Spiel. Eine unendliche Anzahl sehr kleiner, beinahe gleicher Körper! Hier wird man unwillkürlich fragen, wie klein sie dann seien, oder inwieweit sie sich gleich seien. Wenigstens sollte man denken, daß Atome weder sehr klein, noch sich beinahe gleich, sondern absolut-gleich und absolut-klein sein müßten. Ferner,[300] der Begriff von hart gilt nur relativ, in bezug auf die Kraft, die angewendet wird, die einzelnen Teile eines Körpers zu trennen oder zu verrücken. Also müßte auch den ersten Körperchen nur relative Härte zukommen, d.h. es müßte irgend eine Kraft möglich sein, die den Zusammenhang ihrer Teile aufheben könnte, was mit dem Begriff erster Körperchen nicht übereinstimmt.

Diese Körperchen nun bewegen sich in einer geraden, unveränderten Linie, aber nach den verschiedensten Richtungen: ihre Bewegung ist so gleich-schnell, daß man jeden Punkt des Raums für einen Augenblick wenigstens als Mittelpunkt annehmen kann.

Dies ist die zweite Voraussetzung der mechanischen Physik – auf die sie aber nicht anders als durch einen Sprung kommen kann. Denn da sie alle Phänomene, und selbst die Gravitation der Körper, von einem Stoße herleitet, so setzt sie sich außerstand, für diesen Stoß (die ursprüngliche Bewegung) einen weitem Grund anzugeben. Denn wenn man auch die Elemente des schwermachenden Fluidums als ursprünglich ungleichartig, d.h. von verschiedener Figur annähme, so könnte durch diese Ungleichartigkeit doch keine Bewegung entstehen, ob man gleich einräumen muß, daß, wenn einmal Bewegung entstanden ist, zwischen ungleichartigen Elementen scheinbare Anziehung stattfinden kann.

Wenn also die mechanische Physik der dynamischen den Vorwurf macht, daß sie die Anziehung als Grund der allgemeinen Bewegung nicht zu erklären vermag, so muß diese, da sie von der allgemeinen Anziehung nichts wissen will, hinwiederum darauf Verzicht tun, die ursprüngliche Bewegung zu erklären. Da aber (nach der dynamischen Philosophie) Anziehungs- und Zurückstoßungskräfte das Wesen der Materie selbst ausmachen, so ist es begreiflicher, daß man für diese Kräfte weiter keinen Grund anzugeben weiß, als daß man Bewegung durch Stoß, die das Dasein der Materie schon voraussetzt, also einer Erklärung fähig sein muß, nicht zu erklären imstande sein solle. – Überdies ist es der mechanischen Physik nicht genug, die Bewegung des schwermachenden Fluidums überhaupt zu postulieren,[301] sondern sie postuliert auch noch eine bestimmte Art von Bewegung, nämlich die Bewegung in unveränderlich-gerader Richtung, so doch, daß die Richtungen der einzelnen Bewegungen die möglich mannigfaltigsten seien.

Das dritte Postulat der mechanischen Physik endlich ist – in irgend einem beliebigen Punkt des Raums, in welchem sich die Atome bewegen, ein sphärischer Körper, der viel größer ist, als die ersten Körperchen105. Man muß sich wundern, daß, wenn es möglich ist mit solchen Voraussetzungen auszureichen, irgend jemand die undankbare Mühe auf sich nehmen mochte, zu fragen, wie Materie überhaupt möglich sei. Denn, sollte man denken, wenn wir nur erst feste Körper, die noch überdies der Masse nach voneinander verschieden sind, ferner ein Fluidum, das sich selbst bewegt, und die größeren Körper anstößt, voraussetzen dürfen, so begreift man nicht, wie ein Mann von Newtons Geist bis zu Kräften der Materie selbst zurückgehen mochte, um die Möglichkeit einer materiellen Welt zu erklären. Wirklich geht die mechanische Physik, wenn sie nur einmal über die drei Postulate hinweg ist, ihren Weg unaufhaltsam fort.

Zwar begreift man sogleich nicht, wie die mechanische Physik die Mitteilung der Bewegung erklären will. Denn Bewegung kann überhaupt nur vermittelst der Wirkung und Gegenwirkung repulsiver oder attraktiver Kräfte mitgeteilt werden. Eine Materie, die nicht ursprünglich-bewegende Kräfte hat, könnte, selbst wenn sie zufälligerweise Bewegung hätte, keine Kraft erhalten, die ihr ursprünglich gar nicht zukommt. Wenn die Materie keine ursprünglich-bewegende Kräfte hat, die ihr zukommen, auch wenn sie in Ruhe ist, so muß man ihr Wesen in eine absolute Trägheit, d.h. in eine völlige Kraftlosigkeit setzen. Dies ist aber ein Begriff ohne Sinn und Bedeutung. Einem Unding aber, wie die Materie in diesem Falle ist, kann ebensowenig etwas mitgeteilt, als etwas entzogen werden. Die mechanische Physik selbst ist also genötigt, der Materie, als solcher, ursprüngliche repulsive und attraktive Kräfte beizulegen, nur will sie den Namen nicht (obgleich die Sache) haben.[302]

Ferner, es findet keine Mitteilung der Bewegung statt, ohne Wechselwirkung der Undurchdringlichkeit (ohne Druck und Gegendruck). Nun kann die mechanische Physik für die Undurchdringlichkeit ihrer ersten Körperchen und der Materie überhaupt keinen weitem Grund anführen. Die ersten Körperchen also muß sie als absolut-undurchdringlich annehmen; nur sekundären Körpern kommt, insofern sie nicht absolut dicht sind, sondern leere Räume enthalten, relative Undurchdringlichkeit (die einen Grad zuläßt) zu. Man sieht also auch nicht, wie die ersten Körperchen, insofern sie absolut-undurchdringlich, also keiner Zusammendrückung fähig sind, einem andern Körper Bewegung mitteilen können.

Dies alles sind metaphysische Einwürfe, wenn man will, die aber gegen eine hyperphysische Physik ganz an ihrer Stelle sind. Denn in der Tat geht dieses System von hyperphysischen Erdichtungen (erster Körper von absoluter Undurchdringlichkeit und absoluter Dichtigkeit) aus, die durch keine Erfahrung realisiert werden können, und die sie doch nach Erfahrungsgesetzen behandelt.

Auf den sphärischen Körper also, den sie postuliert, läßt die mechanische Physik die ersten Körperchen wirken. Natürlich hält er ihre Bewegung auf, und der Anstoß aller Körperteilchen zusammen muß ihm eine gewisse Geschwindigkeit mitteilen. Alle Ströme von Atomen aber haben ihre Antagonisten, d.h. Atome, die sich in entgegengesetzter Richtung gegen den Körper bewegen. Dieser wird also ruhig und im Gleichgewicht sein.106

Man setze also in den Raum einen andern großen sphärischen Körper. Die Körperchen, die den einen treffen, treffen nun den andern nicht, diese beiden Körper also werden sich gegeneinander bewegen, die Ströme der kleinen Körperchen treiben sie gegeneinander, und werden so – die Ursache der allgemeinen Gravitation. Diese Körperchen können daher schwermachende Teilchen (corpuscules gravifiques) heißen107.

[303] Herr Prevost fürchtet, daß man vielleicht beim ersten Anblick in dieser Vorstellungsart Schwierigkeit finden werde, weil man sich weder von der Größe, noch den Geschwindigkeiten der schwermachenden Körperchen, noch von der Durchdringlichkeit der ihren Einwirkungen ausgesetzten Körper richtige Begriffe machen werde108. Ich denke aber, daß diese Schwierigkeiten sehr leicht gehoben wären, wenn man sich nur erst über eine andere, weit größere, hinweggesetzt hätte, diese: daß die mechanische Physik die Hauptsache – das, was allen Philosophen und Physikern von jeher am meisten zu schaffen gemacht hat – die Möglichkeit der Materie und der Bewegung überhaupt schon voraussetzt. Denn das erste Problem aller Naturphilosophie ist nicht, wie diese oder jene bestimmte Materie, diese oder jene bestimmte Bewegung möglich sei. – Wenn wir aber einmal voraussetzen, die Materie sei selbst nichts anders als das Produkt ursprünglicher, wechselseitig sich beschränkender Kräfte; ferner: es sei überhaupt keine Bewegung möglich ohne ursprünglich-bewegende Kräfte, die der Materie, nicht nur in einem bestimmten Zustande, sondern insofern sie überhaupt Materie ist (sie mag nun in Ruhe oder in Bewegung sein), notwendig zukommen, wenn wir, sage ich, einmal dieses voraussetzen, so fragt sich: was uns nötigt, zur Erklärung der allgemeinen Bewegung noch mechanische Ursachen zu Hilfe zu rufen, so lange wenigstens, als wir mit jenen ursprünglichen, dynamischen Kräften, die zur Möglichkeit: einer Materie überhaupt schon erfordert werden, ausreichen können.

Die mechanische Physik selbst vermeidet eben des wegen alle jene Fragen: über die Möglichkeit einer Bewegung und der Materie überhaupt. Dies ist auch notwendig, wenn sie ihr Ansehen behaupten soll. Denn wenn es schon zum Wesen der Materie gehört, wenn sie nur dadurch Materie ist, daß sie wechselseitig anzieht und zurückstößt, wenn eben diese anziehenden und zurückstoßenden Kräfte selbst wieder vorausgesetzt werden müssen, um die mechanische Bewegung begreifen zu können, so findet[304] man sich auch zum voraus geneigt, die Bewegung des Universums selbst aus den allgemeinen Kräften der Materie überhaupt, nicht aus mechanischen Ursachen zu erklären, weil man, wenn man diese auch zulassen wollte, doch am Ende immer wieder auf die ersteren zurückkommen müßte. Wenn nun vollends dazu kommt, was Herr Prevost selbst so aufrichtig gesteht, daß ein (großer) Teil der Naturerscheinungen, namentlich die astronomischen Erscheinungen, durch die rein dynamische Hypothese der allgemeinen Anziehung sehr leicht erklärbar sind, ohne auf eine mögliche mechanische Ursache dieser Kraft Rücksicht zu nehmen109, so ist es sehr begreiflich, wenn man einem System, das, so bewundernswürdig es auch – innerhalb seiner bestimmten Grenzen – sein mag, doch auf bloße Möglichkeiten erbaut ist, nicht sogleich Beifall gibt. Nach Herrn Prevost's eignem Geständnis bleiben im dynamischen System nur einige Erscheinungen der besondern Naturlehre (wie z.B. die Kohäsion, die spezifische Verschiedenheit der Materie usw.) unerklärt.110 Darauf kann nun hier noch nicht (wiewohl späterhin) Rücksicht genommen werden. Ich begnüge mich also, noch einige Anmerkungen, dieses System im Ganzen betreffend, beizufügen.

Die mechanische Physik ist ein rein-räsonierendes System. Sie fragt nicht, was ist, und was läßt sich aus Erfahrung dartun? sondern sie macht eigene Voraussetzungen, und fragt nun: wenn dies oder jenes so wäre, wie ich es annehme, was würde daraus erfolgen? Es ist nun freilich sehr begreiflich, daß man mit gewissen Voraussetzungen alles, was man sonst nach Gesetzen einer dynamischen Anziehung erklärt hat, auch nach mechanischen Ursachen erklären kann. So beweist Herr le Sage Galileis Gesetz vom Fall der Körper aus seiner Hypothese von schwermachenden Teilchen. Zu diesem Behuf aber nimmt er vorerst an: »ein Zeitteilchen, das eine unveränderliche Größe hat, in einer ganz eigentlichen Bedeutung ein Zeitatom ist, und gar nicht zerstückt werden kann.« So etwas scheint Begriffe von der Zeit vorauszusetzen, wie sie in keiner gesunden Philosophie, noch vielweniger in der Mathematik, geduldet werden[305] können. Die Zeit wäre etwa ein diskretes Fluidum, das außer uns existierte, ungefähr so, wie sich Herr le Sage das schwermachende Fluidum denkt. Nun ferner, »die schwermachende Ursache stößt den Körper nur im Anfang jedes solchen Zeitatoms (der doch unteilbar sein soll), während daß er verfließt, wirkt sie nicht in den Körper; nur wenn der nächste anhebt, wiederholt sie ihren Stoß.« Ich weiß nicht, ob gegen diese Voraussetzung nicht ein bekanntes Argument der alten Skeptiker an seiner Stelle wäre: entweder wirkt der Stoß im letzten Moment, der vor dem Zeitatom vorhergeht, oder im ersten Moment des Zeitatoms selbst. Das Erste aber widerspricht der Voraussetzung, und im zweiten Fall ist der Zeitatom, der ja unteilbar ist, bereits verflossen, indem der Stoß wirkt; was gleichfalls der Voraussetzung widerspricht. Aus diesen Subtilitäten bringt Herr le Sage ein Gesetz heraus, das dem bekannten (daß sich die Fallräume verhalten wie die Quadrate der Zeiten) sehr nahe kommt. Allein man muß streng bei Herrn le Sage's Zeitatom bleiben. Denn wenn man, wie Herr Hofrat Kästner111, das Gesetz für eine teilbare Zeit berechnet, so stößt man auf Widersprüche, was freilich Herr le Sage nicht will, »denn er rechnet nur für ganze Zeiten, nicht für Teile davon112

Was Herr Hofrat Kästner bei dieser Gelegenheit über Herrn le Sage's Verfahren sagt, kann auf sein ganzes System angewandt werden. – »Was Herr le Sage, sagt er, dem Galileischen Gesetze entgegenstellt, läßt sich ungefähr folgendermaßen ausdrücken: Es gibt gewisse kleine Zeitteilchen von bestimmter Größe, man weiß aber nicht, wie groß; am Anfange jedes solchen Zeitteilchens, und sonst nie, stößt einen fallenden Körper Etwas, man weiß nicht, was? auch nicht wie stark? so geht er in dieser Zeit einen Weg, man weiß nicht, wie weit, und nun fällt er ferner nicht nach dem Gesetz, das die Leute wollen erfahren haben, sondern nach einem ganz andern, das sich aber durch die Erfahrung nicht als von jenem unterschieden erkennen läßt. Und dies alles angenommen, was lernen wir? – Daß sich das Fallen[306] der Körper sehr begreiflich aus Dingen erklären läßt, von denen allen man nichts weiß. Das gefundene Gesetz ist dieses: Die Wege jedes fallenden Körpers verhalten sich wie113 x Mengen eines x Zeitatoms. – Le Sage erklärt alles so, daß er erdichtet, wie die schwermachende Materie sein könnte usw.«

Der größte Vorteil für Herrn le Sage's System ist, daß es in einer Gegend liegt, wo es keine Erfahrung weder bestätigen noch widerlegen kann. Gewiß ist, daß in einem solchen Felde die reinste Ausübung der mathematischen Methode möglich ist. Herr de Lüc sagt bei Gelegenheit des neuen Gesetzes für den Fall der Körper: »Wenn dieses Gesetz auch um vieles (hier um 100 solcher Zeitteilchen) von dem längstbekannten und erwiesenen Gesetz des Galilei abweicht, so ist doch diese Differenz so gering, daß es unmöglich wird, in der Beobachtung eines vom andern zu unterscheiden.« Mir dünkt, dies lasse sich allgemeiner so ausdrücken: Ein Hauptvorzug des Systems liegt in der Subtilität seiner Gegenstände, die so groß ist, daß die beträchtlichsten Abweichungen des Kalküls in der Erfahrung noch nicht einmal bemerkbar sind.

Das ganze System geht von abstrakten Begriffen114 aus, die sich in keiner Anschauung darstellen lassen. Beruft man sich auf letzte Kräfte, so gesteht man damit unverhohlen, man befinde sich an der Grenze möglicher Erklärung. Spricht man aber von ersten Körperchen usw., so ist dies etwas, worüber ich noch Rechenschaft zu fordern befugt bin. In der Natur gibt es weder etwas absolut Undurchdringliches, noch etwas absolut Dichtes, oder absolut Hartes. Alle Vorstellungen von Undurchdringlichkeit, Dichtheit usw. sind immer nur Vorstellungen von Graden, und so wie kein möglicher Grad der letzte für mich sein kann, ebensowenig ist irgend ein Grad für mich der erste, über den kein anderer, höherer, gedenkbar wäre. Zur Vorstellung einer absoluten Undurchdringlichkeit usw. gelangt man daher nicht anders als dadurch, daß man der Einbildungskraft absolute Schranken[307] setzt. Weil es nun, wenn einmal die Einbildungskraft ertötet ist, so leicht wird, sich etwas absolut Undurchdringliches usw. vorzustellen, so glaubt man damit auch der Wirklichkeit dieser Vorstellung sich versichert zu haben, die doch ins Unendliche fort in keiner Erfahrung realisiert werden kann.

Das dynamische System endlich verteidigt sich selbst am besten gegen jedes Unternehmen einer mechanischen Physik. Diese kann nicht von der Stelle kommen, ohne Körper, Bewegung, Stoß, d.h. gerade die Hauptsache vorauszusetzen. Sie erkennt damit an, daß die Frage über die Möglichkeit der Materie und der Bewegung überhaupt eine Frage ist, die einer physikalischen Beantwortung unfähig ist, und daher in jeder Physik bereits als beantwortet vorausgesetzt werden muß.

101

De l'origine des forces magnétiques. Genève 1788. Deutsche Übersetzung Halle 1794.

102

Prevost § 1. 2.

103

wo der Geist sich völlig seiner Freiheit überläßt, nur darum bekümmert, daß nichts seine Freiheit beschränke (Erste Auflage).

104

Prevost § 31.

105

Prevost a. a. O.

106

A. a. O. §31.

107

§ 32.

108

A. a. O.

109

§ 33.

110

A. a. O.

111

Man sehe seine Abhandlung am Ende von de Lücs Untersuchungen über die Atmosphäre, übersetzt von Gehler. S. 662.

112

A. a. O. S. 663.

113

A. a. O. S. 664 ff.

114

Die erste Auflage hat: »spekulativen Begriffen«, (wie auch S. 305: »rein-spekulatives System«). Vgl. S. 109, Anmerkung.

Quelle:
Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling: Werke. Band 1, Leipzig 1907, S. 296-308.
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