Accord

[11] Accord. (Musik)

Ist jeder aus mehreren zugleich klingenden und dem Gehör unterscheidbaren Tönen zusammen gesetzter Klang; aber das Wort hat insgemein diese besondere Bedeutung, daß es einen zu dem Satz der Musik brauchbaren, oder regelmäßig zusammengesezten Klang bedeutet. In unsrer Musik hat jedes Tonstük allemal eine, nach gewißen Regeln, auf einander folgende Reyhe solcher Klänge oder Accorde zum Grunde, durch welche der Gesang einzeler Stimmen, oder die Melodien zum Theil bestimmt werden. Nur in sofern die Tonstüke aus verschiedenen Stimmen bestehen, erfodern sie die Betrachtung der Accorde. Der einstimmige Gesang hat keine Accorde zum Grund; sie sind erst aus der Einführung der Harmonie und des vielstimmigen Gesanges entstanden. Deßwegen haben die griechischen Tonlehrer nichts von den Accorden geschrieben.

Der erste und wesentlichste Theil der heutigen Setzkunst besteht in der Kenntniß aller brauchbaren Accorde und der Art, wie eine Reyhe derselben in eine gute Verbindung zu bringen ist. Aber nicht nur der Tonsetzer, sondern auch der, welcher die Begleitung eines Tonstüks auf sich nimmt, muß diese Kenntniß haben. In diesem Artikel wird die Beschaffenheit der Accorde, jeden für sich betrachtet, erklärt; das was zu ihrer Verbindung gehört, wird in der Betrachtung der Modulation vorkommen.

Man findet bey den Tonlehrern eine große Verschiedenheit der Meinungen über die Anzahl, den Ursprung und den Gebrauch aller zur Musik dienlichen Accorde. Diese Materie scheint überhaupt so sehr verworren, daß man denken sollte, es sey unmöglich sie methodisch zu ordnen. Allem Ansehen [11] nach haben die ältesten dreystimmigen Gesänge eine Folge von consonirenden Accorden zum Grund gehabt. Die Begierde die Harmonie reizender zu machen, hat ohne Zweifel die Tonsetzer vermocht, zwischen diese consonirenden Accorde hier und da dißonirende zu setzen. Vermuthlich haben sie es zuerst mit Accorden versucht, in denen nur eine Dißonanz den consonirenden Tönen hinzugefügt, oder an die Stelle einer Consonanz gesezt worden. Nach und nach mögen sie bemerkt haben, daß mehrere und sogar alle Töne des consonirenden Accords so können verlezt werden, daß der Fortgang des Gesanges dadurch angenehmer wird. Durch unzählige Proben dieser Art ist endlich eine sehr große Anzahl verschiedener Accorde in die Musik eingeführt worden, über deren Werth und Gebrauch man noch nicht einstimmig ist, und worüber man insgemein das Gehör der erfahrnesten Tonsetzer zum Richter anruft.

Bey dieser Beschaffenheit der Sache wäre es sehr zu wünschen, daß eine Methode entdekt würde, durch welche man alle brauchbaren Accorde bestimmen könnte. Der französische Tonsetzer Rameau hat dieses versucht und hat bey vielen Beyfall gefunden. In der That scheinet er auch in manchen Stüken auf den eigentlichen Grund der Sachen gekommen zu seyn. Es würde für uns zu weitläuftig seyn, sein System aus einander zusetzen, daher wir uns begnügen, die Schriften anzuzeigen, in denen man daßelbe findet1. Noch tiefer scheint Tartini in den Grund der Sache gedrungen zu seyn, aus dessen System sich die Accorde und ihr Gebrauch herleiten ließen. Roußeau hat eine sehr deutliche Entwiklung dieses Systems gegeben2. Nach genauer Ueberlegung der Sachen scheint folgende Vorstellung dieser Materie sich durch ihre Einfalt und Deutlichkeit vorzüglich zu empfehlen.

Man kann zuerst annehmen, daß ein jedes Tonstük blos auf eine Reyhe consonirender Accorde gegründet sey, und zu dieser Voraussetzung die brauchbaren Accorde aufsuchen; hernach kann man die Gründe erforschen, aus denen wahrscheinlicher Weise die Dißonanzen in der Harmonie entstanden sind, und versuchen, ob dadurch die Anzahl und Beschaffenheit der dißonirenden Accorde könne bestimmt werden.

Die erwähnte Voraussetzung hat nichts erzwungenes. Es ist wahrscheinlich, daß im Anfang, da der vielstimmige Gesang aufgekommen, alles darin blos consonirend gewesen sey, und man hat noch gute Stüke ohne Dißonanzen in der Harmonie. Es ist überdem eine nicht nur wahre, sondern wichtige und wesentliche Bemerkung, daß ein vollkommenes Tonstük allemal so gesezt seyn müße, daß, wenn alle Dißonanzen ausgestrichen werden, das, was übrig bleibet, einen guten harmonischen Zusammenhang habe. Es ist demnach ein wesentlicher Theil der Setzkunst, daß man einen Gesang durch bloße consonirende Harmonien durchzuführen wiße.

Nun nehmen alle Tonlehrer dieses als einen durch alle Erfahrungen bestätigten Grundsatz an, daß ein consonirender Accord nur dreystimmig seyn könne. Darin kommen alle überein, außer daß unlängst ein großer Mathematiker zu behaupten gesucht hat, daß sich auch ein consonirender vierstimmiger Accord finde3: dieses aber kann gegenwärtige Untersuchung nicht stöhren.

Ferner werden wir sowol durch das Zeugniß des Ohrs, als durch die Untersuchung des Ursprungs der Harmonie4 versichert, daß unter allen möglichen dreystimmigen Accorden, derjenige, der aus der Terz, der Quint und Octave des Grundtones zusammen gesezt ist, die vollkommenste Harmonie habe. Dieser Accord wird deßwegen vorzüglich der harmonische Dreyklang genennt.

Nun hat Rameau zuerst angemerkt, und alle Tonlehrer haben die Richtigkeit seiner Bemerkung er kennt; daß aus Verwechslung des harmonischen Dreyklangs alle übrige consonirende dreystimmige Accorde entstehen. Denn zu dem Dreyklang müssen der Octave des Grundtones, noch zwey andre Töne hinzugefügt werden, die man aus dieser Reyhe, Secunde, Terz, Quarte, Quinte, Sexte und Septime erwähnter Octave, aussuchen muß. Aus dieser Reyhe werden sowol die Secunden, als [12] die Septime nothwendig ausgeschloßen, weil sie beyde mit der Octave des Grundtones dißoniren5, also bleiben die Terz, Quarte, Quinte und Sexte übrig. Von diesen können nicht zwey an einander liegende, nämlich Terz und Quarte, Quarte und Quinte, Quinte und Sexte genommen werden, weil immer die höhere gegen die niedrigern Secunden ausmachen, und folglich dißoniren. Daher bleiben keine übrig, als 3 und 5, 3 und 6, 4 und 6. Im ersten Fall hat man den vollkommenen Dreyklang, im andern und dritten seine Verwechslungen6. Demnach ist nur ein einziger consonirender Grundaccord, nämlich der harmonische Dreyklang. Kennet man also deßen Arten, die an einem andern Orte angezeiget werden7, so hat man eine vollständige Kenntniß aller consonirenden Accorde. Und hiemit wäre der erste Theil der Untersuchung geendiget.

Mit Entdekung aller brauchbaren dißonirenden Accorde hat es etwas mehr Schwierigkeit. Hier muß nun zuerst das bemerkt werden, was von dem Ursprung und dem Gebrauch der Dißonanzen gesagt worden ist8. Daraus erhellet, daß der Accord der Septime der einzige nothwendige vierstimmige Grundaccord ist. Nimmt man nun alle Verwechslungen desselben, die in dem Artikel über diesen Accord auseinander gesezt worden sind,9 so hat man ein vollständiges Verzeichnis aller wesentlichen dißonirenden Accorde.

Wenn man nun endlich die andre Gattung der Dißonanzen betrachtet, die wir zufällige genennt haben10, so därf man nur Stufenweise von allen consonirenden und allen zum Septimenaccord gehörigen dißonirenden Accorden einen, zwey oder mehrere Töne verrüken, so bekommt man, wie es scheinet, alle nur mögliche brauchbare Accorde, nebst deren Verwechslungen.

Um also gar alle Accorde11 zusammen zu haben, müste man die Tabellen, die wir in den am Rand angezeigten Artikeln eingeschaltet haben, zusammen vereinigen. Von der besten Art, die Accorde für den begleitenden Baß zu bezeichnen, ist im Artikel Bezifferung gesprochen worden.

Ein Accord ist vollständig, wenn alle Töne, die seinem Ursprung nach dazu gehören, sich darin finden: unvollständig ist er, wenn einige davon weggelaßen werden. So besteht der vollständige Septimenaccord aus der Terz, der Quinte, der Septime und der Octave. Diese aber sowol, als eine der beyden andern, werden bisweilen weggelaßen.

1Traitté de l' harmonie etc. par Mr. Rameau. 4to. Marpurgs Handbuch zum Generalbaß und der Composition. Desselben Uebersetzung des Herrn d' Alamberts systematischer Einleitung in die Setzkunst. Dictionaire de Musique par J. J. Rousseau.
2Art. Systeme.
3Herr Euler in den Memoires de l'Acad. Roy. des Sciences et Belles-Lettres pour l'Année 1764. S. 177. f. f.
4S. Harmonie.
5S. Dissonanz.
6S. Verwechslung.
7S. Art. Dreyklang.
8S. Dissonanz.
9S. Septimenaccord.
10S. Dissonanz, Vorhalt, Verrükung.
11Art. Dreyklang, Septimenaccord. Quartenaccord, Nonenaccord.
Quelle:
Sulzer: Allgemeine Theorie der Schönen Künste, Band 1. Leipzig 1771, S. 11-13.
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