Bürge

1. Bürge werden hat vil reicher leut verderbt vnd in armut bracht.Henisch, 562.


2. Bürge werden thut Schaden ('schaden) auf Erden.Henisch, 562.


3. Bürgen müssen zahlen.Henisch, 562.

Frz.: Il faut payer ou agréer.

Holl.: Die voor een ander borg blijft, betaalt vor hem. (Harrebomée, I, 81.)


4. Burgen soll (muss) man wurgen.Agricola I, 136; Tappius, 10b; Franck, I, 31a; II, 9a; Egenolff, 82b; Hassl., 53; Pistor., I, 15; Eisenhart, 358; Körte, 782; Luther, 96, 179; Eiselein, 103; Meisner, 117; Spr. Sal. 11, 15 u. 27, 13; Sir. 29, 24; Sailer, 378; Henisch, 562; Simrock, 1407; Hertius, I, 94; Sutor, 367; Estor, II, 515; Hillebrand, 114; Grimm, Rechtsalt., 33, 619; Grimm, II, 536; Sachsenspiegel, I, 65, 3; III, 9, 1; 10, 1; Kirchhofer, 248.

Dies Sprichwort zeigt uns, wie unsere Vorfahren Bürgschaften betrachtet haben. Wenn sie sagten, dass man den Bürgen würgen müsse, so ist dies Wort von der gewaltsamen Ladung und Ziehung vor Gericht zu verstehen, wie dieser Ausdruck auch in dem Evangelium vom Schalksknechte vorkommt. Aus den meisten alten Gesetzen (vgl. Schwabenspiegel, Landrecht, Kap. 100b) erhellt, dass der Bürge als ein Selbstschuldner angesehen wurde, ja sogar den Tod für den leiden musste, für den er sich verbürgt hatte. Das letztere verlangt indess der Sachsenspiegel a.a.O. nicht. (Vgl. Schiller, Die Bürgschaft.)

Frz.: Qui répond, paie. (Lendroy, 1175.)

Holl.: Borgen zal men worgen. (Harrebomée, I, 81.)

It.: Chi entra mallevadore, diventa pagatore. (Gaal, 267.)

Lat.: Sponde, noxa praesto est. (Tappius, 10b; Sutor, 80; Erasm., 589; Seybold, 580.) – Spondere plurimus fuit et damno et malo. (Ausonius.) (Philippi, II, 199.) – Sponsio damna dabit.


5. Dafür will ich nicht Bürge sein.

Holl.: Daar wil ik geen' borg voor staan. (Harrebomée, I, 81.)


6. Es soll keiner höher bürg werden, denn so vil er bezahlen will.Henisch, 562.


7. Wer bürg wird, der trawet viel vnd fängt sein schaden an zu blühen.Lehmann, 103, 21.

Er verspricht etwas, das nicht in seiner Gewalt steht, – die Glaubwürdigkeit und Treue anderer. Darum sagten die Alten: Bürge, sage gut, und der Schurke ist fertig. Die Holländer sagen von dem, der eine Bürgschaft übernimmt, er möge bald daran denken, wie er nach Vianen komme, wo früher eine Freistätte für zahlungsunfähige Schuldner war.

Holl.: Die ligt borg wordt, moet voor Vianen zorgen. (Harrebomée, I, 81.)


8. Wer für andere Bürge wird, den quält der Teufel.

Holl.: Voor een ander borgen, brengt in grooter zorgen. – Wilt gij zorg, stel u borg. (Harrebomée, I, 82.)


9. Wer für einen bürg wirt, der wirt schaden haben.Henisch, 562.


10. Wer leichtlich Bürge wird, begehrt leichtlich zu betrügen (oder: der betrügt auch leicht).

Lat.: Qui leviter spondet, promisso eludit inani. (Mantuan.) (Seybold, 490.)


[513]

zu2.

Böhm.: Kdo se nučí, ten se mučí. – Rukojmĕ býti, jest škodu míti. – Sebe uvazuje, kdo jiného vyvazuje. – Sebe v svízel uvodí, kdo jiného svobodí. (Rybicka, 3398-4000.)


zu4.

Böhm.: Rukojmĕ, hrdlo pnĕ. (Rybicka, 3395.) – Slíbíš-li za přítele, utrápí te nepřítel. (Čelakovský, 20.)

Engl.: He that is surety for another is never sure himself.

Lat.: Qui leviter spondet, promisso ludit inani.

Schwed.: Den som går i borgen, går i sorgen. (Marin, 8.)


zu7.

Böhm.: Rukojmĕ vytrh z cizí nohy trn a strčil do své. (Rybicka, 3402.)


11. Bürge werden, leih'n und borgen, macht grau Haar und grosse Sorgen.Gerlach, 146.


12. Bürgen muss man würgen, aber nicht an den Hals sprechen.Graf, 300, 119.

Die Bürgen haften nur mit dem Gut, nicht mit dem Leben.

13. Der Bürge ist des Gerichtes Protocoll.Graf, 417, 133; Normann, 35, 27.

Zu einem vollständigen Gericht gehört ein Gerichtsschreiber (s. Richter 4); wo er fehlte, musste er, wie es noch jetzt die baiersche Gerichtsordnung gestattet, durch zwei eigens zugezogene Zeugen ersetzt werden.


14. Der Bürge muss selber bezahlen.Graf, 244, 131.

Wenn der Schuldner nicht bezahlt. Nach einigen Rechten hat der Gläubiger sogar die Wahl, ob er sich an den Hauptschuldner oder an den Bürgen halten will. Thut er das Letztere, so ist jener frei. (Vgl. Lassberg, Schwabenspiegel, 353, 1; Reyscher, Zeitschrift, IV, 126.)

Mhd.: Die Buorge onnoz daz guot selbe gelden. (Tzschegge, Werke, 358, 52.)


[1084] 15. Jeder Bürge ist seines Gutes Genoss.Graf, 93, 157.

Jeder kann seinen rechtlichen Besitz ungestört geniessen.

Mhd.: Ein jelich Borge is genoss seines gootis (dar er koyfit). (Schreiber, I, 83.)


16. Kein Bürge ist geborgen.Graf, 244, 137.

So lange nicht die Schuld getilgt, für die er eingetreten ist, ja dessen Erben können unter Umständen vertretlich sein.


17. Man nimmt Bürgen, weil man dem Hauptmann1 nicht trauen will.Graf, 243, 128.

1) Dem Schuldner. – Auf Rügen: Mann nimpt durumb börgen, dat man den Hövetman nicht wil geloven. (Normann, 94.)


18. Was an einem Bürgen gebricht, das müssen die andern erfüllen.Kluge, 154b, 1; Graf, 244, 134.


19. Wer Bürge bleibt, gibt die Schlüssel zu seinem Gut.Graf, 244, 138.

Holl.: Die borg blijft, geeft den sleutel van zijn goed (of kantoor, Comptoir).


20. Wer Bürge ward, antwortet zur Sache.Graf, 244, 130.

Er wird für den Schuldner in Anspruch genommen und muss für ihn eintreten, wenn dieser seinen Verbindlichkeiten nicht nachkommt. – »Wol Borgen vard, schall to der Sacke antworden.« (Corpus Sles., 383, 67.)


21. Wer für einen andern Bürge bleibt, bezahlt für ihn.Graf, 244, 132.


*22. Bürge für etwas sein, wie für die Waaren im Kram.Weber, Anna, Kurfürstin von Sachsen, S. 203.


Quelle:
Karl Friedrich Wilhelm Wander (Hrsg.): Deutsches Sprichwörter-Lexikon, Band 1. Leipzig 1867.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Lewald, Fanny

Jenny

Jenny

1843 gelingt Fanny Lewald mit einem der ersten Frauenromane in deutscher Sprache der literarische Durchbruch. Die autobiografisch inspirierte Titelfigur Jenny Meier entscheidet sich im Spannungsfeld zwischen Liebe und religiöser Orthodoxie zunächst gegen die Liebe, um später tragisch eines besseren belehrt zu werden.

220 Seiten, 11.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Spätromantik

Große Erzählungen der Spätromantik

Im nach dem Wiener Kongress neugeordneten Europa entsteht seit 1815 große Literatur der Sehnsucht und der Melancholie. Die Schattenseiten der menschlichen Seele, Leidenschaft und die Hinwendung zum Religiösen sind die Themen der Spätromantik. Michael Holzinger hat elf große Erzählungen dieser Zeit zu diesem Leseband zusammengefasst.

430 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon