Tadeln

1. Alle können tadeln und richten, aber wenig können dichten.Mathesy, 26b.


2. Es ist nicht noth, sich selber zu tadeln oder zu loben.

Engl.: Neither praise nor dis praise thyself, thine actions serve the turn. (Bohn II, 17.)


3. Tadele heimlich, lobe öffentlich.


4. Tadeln dich die Thoren, so lache mit den Ohren.Gaal, 1492.

Lat.: Non moror an laudet me turpis, an improbet osor; laus est magna malis displicuisse viris. (Gaal, 1492.)


5. Tadeln ist keine Kunst, nachthun thut's, wer's könnte.Simrock, 10053.


6. Tadeln ist leicht, aufs bessermachen kommt's an.Müller, 61, 1; Körte, 5814; Teller, 218.

Frz.: Il est aisé de critiquée et mal-aisé de faire mieux. (Masson, 325.)


7. Tadeln ist leicht, bessermachen (nachthun) schwer.Eiselein, 586; Braun, I, 4367.

Frz.: Il est aisé de reprendre et malaisé de faire mieux. (Kritzinger, 433a.)


8. Tadeln ist leichter als bessermachen. (S. Richten 20 u. 21.) – Simrock, 10051; Mayer, II, 125.

Frz.: Plus facile est doeuure iuger, qui nest a louure besogner. (Bovill, II, 154.)

It.: Più facile è giudidare, ogni passion lasciate. (Pazzaglia, 151, 12.)

Lat.: Carpet citius aliquis, quam imitabit. (Tappius, 145b.) – Facilius est operis iudicem, quam operarium esse.


9. Tadeln kann ein jeder Bauer, aber bessermachen fällt ihm sauer.Simrock, 10052.

»Das sicherste Mittel, die Kritiker zu heilen, wäre, wenn man jeden derselben so lange einsperrte, bis er, ohne Beihülfe des getadelten Werkes, etwas Besseres gemacht hätte.«

Lat.: Carpere cujusvis, non est imitarier omnis. (Eiselein, 586.)


10. Viele sind, die tadeln mich, doch ich glaub', sie irren sich.Birlinger, 1189.


11. Was man an andern tadelt, muss man selber nicht thun.

Lat.: Quae culpare soles, ea tu ne feceris ipse. (Cato.) (Binder I, 1418; II, 2699.)

12. Was man bei andern tadelt, muss man bei sich bessern.Winckler, XIV, 76.


13. Was man tadelt, hätte man gern, und was man lobt, wäre man gern los.

Böhm.: Kdo chválí, chce odbyti; kdo haní, chce miti. – Kdo haní rád by mĕl; kdo chválí rád by odbyl. (Čelakovsky, 103.)

Poln.: Gani ten co kupuje, chwali ten co handluje. – Ganiąc kupić, chwaląc przedać. (Čelakovsky, 103.)


14. Wer andere tadeln will, muss selbst ohne Mängel sein.

Frz.: Qui de médire s'entremet. (Kritzinger, 478a.) – Qui d'autrui médire voudra pense a soi et se taira. – Qui veut chapitrer son prochain fasse d'abord son examen. – Qui veut guérir un boiteux, il faut qu'il marche droit. (Masson, 325.)


15. Wer andere tadeln will, sehe zu, dass ihm nicht auch ein Auge schwarz sei.

Mhd.: Ez vint an ime ein ieglich man ze schelten gnuoc, derz merken kan. ( Freidank.) (Zingerle, 131.)

Dän.: Han skal være skiær som en anden vil skielde. (Bohn I, 373.)

Engl.: Bid thy own conscience look with in. – Ere you remark anothers sin. – Reprove others, but correct thyself. (Mair, 62; Bohn I, 479.)

[988] It.: Bisogna guardarsi a piedi. – Conviene, innanzi di fare ia chiosa ala altrui azioni, guardar per minuto le proprie. – Mondo in se da' vizi debb' esser colui, il quale vuol correggere gli altri.

Lat.: Lori pedem rectus derideat, aethiopem albus. – Si culpare velis culpabilis esse canebis.


16. Wer andere tadelt und sich selbst nicht bessert, sündigt doppelt.

Poln.: Cudze ganić a swoje nieczynić jest grzeszyć dwojako. (Čelakovsky, 91.)


17. Wer den andern lustig tadelt, ist im Herzen nicht geadelt.Lohrengel, II, 794.


18. Wer etwas will dadeln, der find wol Vrsach. Petri, II, 698.


19. Wer getadelt sein will, muss freien (heirathen); wer gelobt sein will, muss sterben. Simrock, 10054.

Dies schreibt sich, wie Montanus versichert, von der Untersuchung des Wandels her, welche die Gemeinde vor der Hochzeit ihrer Glieder anstellte, und danach ihre Theilnahme an der Feier richtete. Im Rheinthal soll es noch jetzt Gemeinden geben, worin die sogenannten Gelagsjünglinge oder Reihjungen das Andenken an dies noch aus der heidnischen Zeit herstammende Gericht erhalten haben. Nur Jungfrauen sollen ungehudelt heirathen. Witwen und Frauen nicht ganz reinen Rufes erhielten am Vorabende der Hochzeit eine Katzenmusik. Heiratheten alte Witleute nochmals, so verhöhnte man sie damit, dass man leeres Stroh vor der Thür des Hauses mit grossem Lärm drasch. Alle Sünden der Braut wurden in nächtlicher Stunde vor ihrer Wohnung laut ausgerufen. Hatte die bräutliche Witwe ihren frühern Mann nicht gut behandelt, so wurde dies haarklein vorgetragen und von der Hausthür bis zur Kirche eine solche Menge Häcksel gestreut, dass es keine Möglichkeit war, ihn vor der Hochzeit zu beseitigen. Um Unsittlichkeit zu rügen, so befestigte man eine Männerpuppe auf einer hohen Stange, setzte auch vor die Thür einen Kirschbaum. Im Oberbergischen besteht hier und da auf dem Lande noch der Brauch, dass Jüngling oder Jungfrau, die in früherm Liebesverhältniss gewesen sind, bei Beginn eines neuen die sogenannte Drühwäsche (Trockenwaschung) bestehen müssen. Der Mann muss durch einen bodenlosen Korb kriechen, die Jungfrau durch ein schmales Handtuch, dessen Enden aneinander genäht sind. Wenn ein Mann am Niederrhein in noch sehr jungen Jahren heirathet, so verbrennt man ihm den Bart. Er wird auf dem Kirchgange auf alle erdenkliche Weise verspottet und geneckt. Die Weiber tragen ihm ein mit Schmierkäse bestrichenes Stück Brot entgegen und die jungen Männer verfolgen ihn unter höhnischen Zurufen mit einem langen Bart aus Rosshaaren, den sie ihm anzukleben bemüht sind. In der Hochzeitnacht bricht ein fürchterlicher Lärm aus, Peitschenknall, Halloh und Katzenmusik. Ein Breterkarren mit Vogelscheuchen kommt angezogen. Hatte ein Mädchen früh geheirathet, so überbrachte man ihr ein Hühnchen auf hoher Stange unter Katzenmusik dar oder hing es vor ihren Fenstern auf u.s.w. (Vgl. darüber: Aus dem alten Volksleben in Europa, Chronik der gebildeten Welt, Leipzig 1862, Nr. 25, S. 798.)


20. Wer mich tadelt, sagt, dass etwas Gutes an mir sei.


21. Wer tadeln wil mich vnd die meinen, der sehe auff sich vnd die seinen; vnd wenn er da kein Mangel findt, so komm er vnd sage, wer wir sind.Petri, II, 769.


22. Wer tadeln will, findet auch wol den Zucker sauer.Altmann V.


23. Wer tadelt, will kaufen.

Die, welche die Absicht haben, einen Gegenstand, eine Waare zu kaufen, machen Ausstellungen, um den Preis herabzustimmen und billig zu kaufen. In Welschtirol: Chi sprezea, compra. (Hörmann, 28.)

Frz.: Qui en dit du mal, veut l'acheter. (Bohn I, 49.)

It.: Chi biasima, vuol comperare.

Span.: Quien desalaba la cosa ese la compra. (Bohn I, 248.)


[Zusätze und Ergänzungen]

24. Viel tadeln und wenig leisten können die meisten.Devisenbuch, 296.


Quelle:
Karl Friedrich Wilhelm Wander (Hrsg.): Deutsches Sprichwörter-Lexikon, Band 4. Leipzig 1876.
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