praktisch

[454] praktisch (gr. praktikos) heißt im Unterschiede vom Theoretischen alles, was sich auf das Tun und Handeln bezieht, was irgendwie den Willen bestimmt. So sind praktische Wissenschaften die, welche die Zwecke des Handeins und die Mittel zu ihrer Erreichung zum Gegenstande haben. Die Erkenntnis, welche sie bieten, bezieht sich auf Handlungen und wird dadurch verwendbar, daß sie das Handeln des Menschen beeinflussen kann. Solche Wissenschaften sind: Ethik, Pädagogik, Rechts- und Staatsphilosophie, Theologie, Medizin und alle technischen Disziplinen. Ein praktischer Vortrag einer Wissenschaft nimmt auf die Anwendbarkeit ihrer Lehren für bestimmte Zwecke Rücksicht; ein praktischer Mensch weiß, unabhängig von systematischer Einsicht und nur durch Erfahrung geleitet, die richtigen Mittel zum Zwecke zu finden. Vgl. Praxis. – Praktisch gut heißt bei Kant, was vermittelst der Vorstellungen der Vernunft, mithin nicht aus subjektiven Ursachen, sondern objektiv, d. i. aus Gründen, die für jedes vernünftige Wesen als ein solches gültig sind, den Willen bestimmt; daher ist der Wille, der sich ganz durchs Sittengesetz bestimmen läßt, praktisch gut. Praktische Vernunft heißt unsere Vernunft, sofern sie unseren Willen bestimmt.

Quelle:
Kirchner, Friedrich / Michaëlis, Carl: Wörterbuch der Philosophischen Grundbegriffe. Leipzig 51907, S. 454.
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