Erstes Lied

[156] Blick' auf zur Halle, Knabe! Sined's Brust

Beginnet schwer zu athmen. Daß vielleicht

Ein Wetter sich an fernen Bergen hebt.

Ein Wetter, Liedermund! Wo zeucht es her?

Herunter von den Bojen. Ich erstand,

Und trat ins Freie. Siehe, mit dem Weh'n

Der Donau zog's herunter, wie die Nacht,

Gebirgig, keileschwanger. Keiner doch

Der Keile riß sich los. Nur murreten

Die Donner manchmal dumpf, durchzitterten

Noch matte Blitze die Gewitternacht.

So zog es deine Thürme, Wien! vorbei,

Und wandte sich auf einmal in's Gefild

Der Quaden hin, und dort, dort brach es aus.


Sie liegt gestürzet – Knabe! mein Harfenspiel

Heraus, mit allem seinen erseufzenden[156]

Tief aufgestürmten Wehgeklänge!

Bringe mein Harfenspiel! – Ach gestürzet,


Gestürzet liegt sie! Feuer vom Himmel fraß

Den fetten hohen Wipfel, verschleuderte

Den Wald der Aeste, schlug in hundert

Dampfende Brände den Stamm der Eiche!


Neun Herbste sind hinüber, da hattet ihr

Den Wunsch des Barden, Söhne von Teut! gehört,

Und hattet nach des Barden Wunsche

Diesen bedeutenden Baum gepflanzet2,


Den Baum gepflanzet, wo sich umarmeten

Die Größten Deutschlands, Joseph und Friederich,

Gepflanzet, daß in seinem Schatten

Ihrer Umarmungen Enkel dächten.


Neun Herbste sah'n ihn sprießen. Er deckete

Mit breiten Armen öfter der Jugend Spiel,

Der Liebe Flüstern, und der Greise

Biedergespräch, ein erhaben Denkmal!
[157]

Nun liegt er nieder, und der Umarmungen

Ist ach vergessen! Friederich wecket ihn

Den alten Zwist, die grauen Locken

Birgt er noch einmal im Herrscherhelme;


Mit Schwert und Lanze steht er, und fertiget

Nach seinen Starken rüstige Boten hin:

»Nein! Joseph's Erbe soll nicht wachsen!«

Sag't es, und klopfet umher am Schilde.


Sie geh'n und sagen. Mächtig erklingt ihr Schild

Im ganzen Brennenreiche. So fährt der Sturm

Die Wasserwelt hinan, und zahllos

Werfen die Wogen ihr schäumend Haupt auf. –


Der Mond, o Liedermund! Wie steigt er auf?

Roth, wie es aus der Brust des Kriegers quillt.

Ha, Sohn des Himmels! färbet Heldenblut

Dein Antlitz? Klagst du die Gewaltigen,

Die fallen werden? Fallen werden sie!

Mir wittert offner Gräber feuchter Duft.

Mir ahnet fernher leises Lautes so,[158]

Wie Mutterjammer, Brautgewinsel tönt.

Bereite Schlachtgesänge, Bardenvolk!

Und Siegeslieder! Aber Klagen auch,

Auch über Friedrichs Helden; denn auch sie

Sind ach Thuiskos Enkel! fallen nicht,

Wie vor der Sense niedrig Wiesengras!

Fußnoten

1 Gesungen 1778.


2 Siehe das Lied auf Josephs zweite Reise.


Quelle:
Michael Denis: Auserlesene Gedichte, Passau 1824, S. 156-159.
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