Klage der Magd

[247] Nun ist der Lenz gekommen,

Nun blühen alle Wiesen,

Nun herrschen Glanz und Liebe

Auf Erden weit und breit;

Nur meine böse Herrin,

Sie keift und zetert immer

Noch, wie in der betrübten

Und dunklen Winterzeit!


Wenn ich am frühen Morgen

Mit aufgewachtem Herzen

Im Garten schaff und singe,

Die Welt mir freundlich blickt:[247]

Wirft sie mir aus dem Fenster

Die ungefügen Worte,

Daß rasch in meiner Kehle

Ein jedes Lied erstickt!


Und wenn mein Vielgeliebter

Am Hag vorüberwandelt

Und ein paar heiße Blicke

Mir in die Seele warf:

Kommt sie und streut mit Schelten

Und ausgesuchter Bosheit

Mir in die süße Wallung

Den Tod, so eisig scharf!


Und wenn am Mittagsmahle

Ich mit gesenkten Augen

Am Tische sitz und esse

Und mäuschenstille bin:

Zielt sie mit schiefen Augen,

Mit harten, spitzen Reden

Und oft mit groben Scherzen

Vor allen nach mir hin,


Daß hungernd ich, mit Tränen

Das Essen stehenlassen

Und mich hinweg muß wenden

Voll Scham und voll Verdruß

Und weinend im Verborgnen

Ein Stücklein harten Brotes

Mit all den harten Reden

Hinunterwürgen muß!


O lieber Gott im Himmel!

Du weißt, wie sehr es schmerzet,[248]

Wenn man just möchte weinen

Und dazu essen soll!

Man schämt sich, es zu zeigen,

Und kann es doch nicht lassen,

Es ist ein Zucken, Würgen

Im Herzen jammervoll!


Sogar, wenn ich am Sonntag

Will in die Kirche gehen

Und mir ein armes Bändchen

Am Hals nicht übel steht:

Vergiftet sie mir neidisch

Mit ungerechtem Tadel

Die wochenmüde Seele,

Das heilige Gebet!


Quelle:
Gottfried Keller: Sämtliche Werke in acht Bänden, Band 1, Berlin 1958–1961, S. 247-249.
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