Frühlingsbotschaft

[287] Zum Gerichte rief der Frühling.

Und mit Strenge zu verfahren

Gegen ketzerisch verstockte

Übelsinnige Verzweiflung,

Haben Seine Heiligkeit

Bei der Sonne Glanz geschworen!


Und in grünem Feuer flammen

Alle Bäume nun auf Erden;

Jeder Baum ist eine Flamme!

Und geschürt sind alle Gluten,

Angefacht glühn alle Rosen,

Während die schismatisch grauen

Aufgelösten Nebelflocken

Klagend durch die Lüfte flattern,

Gleich verbrannter Ketzer Asche!

Doch der heilig ernste Himmel

Läßt sie ohne Spur verschwinden,

Und er schaut ins grüne Feuer

Mit erbarmungsloser Bläue.


Habt ihr jetzo unter euch

Einen schlimmen und verschrobnen,

Heuchlerischen und verstockten

Und verbohrten Hypochonder,

Der da zwischen Gut und Böse

Eigensinnig schwankt und zweifelt,

Weder warm noch kalt kann werden

Oder zu gerechtem Argwohn

Grund gibt, daß sein schwarzes Innres

Wohl ein ungeheures hohles,

Aufgeblasnes Schisma berge:
[288]

Diesen legt nun auf die Folter,

Diesen lasset nun bekennen!

Bindet ihn mit jungem Efeu,

Werft ihn nieder auf die Rosen!

Gießt ihm Wein auf seine Zunge,

Flüssig heißes Gold des Weines,

Das den Mann zum Beichten zwingt,

Glas auf Glas, bis er bekennt!


Zeiget sich ein Hoffnungsfunken,

Nur ein Funken heitren Glaubens,

Nur ein Strahl des guten Geistes:

O so stellt ihn auf zur Linken,

Zur Belehrung und zur Beßrung,

O so stellt ihn, wo das Herz schlägt,

Auf der Menschheit frohe Linke,

Auf des Frühlings große Seite!


Sollt es sich jedoch ereignen,

Daß das peinliche Verfahren

Nichts enthüllte, nichts verriete,

Was da nur der Rede wert –

Das Delirium des Rausches

Selbst nur eine dunkle Leere

Vor den Richtern offenbarte:

Schleunig laßt den Sünder laufen!

Jagt ihn stracks zur schnöden Rechten,

Wo Geheul und Zähneklappen,

Dummheit und Verdammnis wohnen!


Quelle:
Gottfried Keller: Sämtliche Werke in acht Bänden, Band 1, Berlin 1958–1961, S. 287-289.
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