Strejček, Frl. Aloisia

[343] *Strejček, Frl. Aloisia, Ps. Dalfon, Hirschberg bei Böhm. Leipa, geboren am 20. Dezember 1863 in Sedletz bei Pilsen in Böhmen, ist die Tochter eines kleinen Beamten. Ihr Anfangsunterricht wie auch die Umgangssprache in Haus und Dorf waren czechisch. Im Jahre 1872 siedelte ihre Familie nach dem deutschen Städtchen Dauba bei Böhmisch-Leipa über. Schon im 9. Jahre zeigten sich bei Aloisia in den Sprunggelenken die ersten Spuren eines Gelenkrheumatismus, der für ihr ganzes Leben verhängnisvoll werden sollte. Die Eltern thaten alles Erdenkliche, um diese unheilvolle Krankheit im Keime zu ersticken; doch alles war vergebens. Mit unbeugsamer Strenge forderte das unerbittliche Schicksal das lebhafte, begabte Kind zum Opfer. Alle Gelenke begannen zu verknorpeln. »Nun war ich kein heiteres, glückliches Kind mehr,« sagt A. St. in ihrer Biographie. »Mit Thränen stand ich auf und mit Thränen wurde ich zu Bette gebracht. Jetzt wurden die Bücher mein Trost. Das Schreiben ging schwer, da jeder Finger geschwollen war.« Die Leiden der Tochter brachten den Vater frühzeitig ins Grab. Nach dessen Tode zog die Familie nach Hirschberg in Böhmen. Hier begann für sie ein kümmerliches Leben, das für Aloisia um so drückender war, als sie nicht nur nichts beitragen konnte zur Linderung der materiellen Not, sondern durch ihre Krankheit dieselbe wesentlich steigerte, denn sie wurde inzwischen ganz gliedersteif, musste wie ein neugeborenes Kind gehoben, gewaschen, gekleidet werden. Schreiben und Kolorieren konnte sie, indem sie die Feder oder den Pinsel zwischen die Finger klemmte. Ihre einzige geistige Beschäftigung war das Lesen, und der gab sie sich leidenschaftlich hin. Sie las alles, was man ihr zubrachte, Gutes und Schlechtes. Mit 14 Jahren versuchte sie, kleine Erzählungen zu schreiben. Die erste Arbeit hatte den Titel »Bertha« oder »Gott macht alles gut«. Zschokkes »Stunden der Andacht« überreizten ihr religiöses Gefühl und führten es irre; sie verlor den inneren Frieden. Infolge der seelischen Aufregungen verfiel sie in einen Typhus, von dem sie nur langsam genas. Nach der Genesung warf sie sich mit verdoppeltem Eifer auf das Lesen und das Studium ernster Wissenschaften. Mit 16 Jahren verfasste sie ihre zweite Erzählung »Ein verhängnisvoller Weihnachtsabend«. Nun folgten[343] noch zwei oder drei kleine Geschichten. Mit 17 Jahren begann sie mit einem systematischen Studium, welches mehrere Jahre andauerte. Inmitten dieses Studiums trat ein bedeutungsvoller Zwischenfall ein. Das vollständig gelähmte 17jährige Mädchen wurde veranlasst, sich auf der Klinik des Prager Professors Gussenbauer einer Behandlung zu unterziehen, welche ihr den teilweisen Gebrauch ihrer Hände in Aussicht stellte. Professor Gussenbauer stellte die Kranke dem Kollegium als warnendes Beispiel ärztlicher Unfähigkeit und Nachlässigkeit vor, denn acht Jahre früher hätte die Kranke gerettet werden können. Die furchtbaren Schmerzen, welche die Kranke in der Behandlung auszustehen hatte, hatten Fieberanfälle zur Folge. Die Behandlung musste auf mehrere Monate ausgesetzt werden. Nach der Wiedergenesung unterzog sich die Unglückliche, trotz des dringenden Abratens aller Freunde mutigen Herzens der neuerlichen Behandlung auf der gedachten Klinik. Es wurde eine Resektion des rechten Ellenbogens und des linken Kniegelenkes vorgenommen, die zur Folge hatte, dass der Fuss gerade und der Arm soweit beweglich wurde, dass sie zum erstenmale nach 10 Jahren die zitternde Hand mit Hilfe des Arztes zum Munde führen konnte. »Man denke sich,« schreibt A. St., »meine Seligkeit, als ich endlich menschlich essen konnte.« Nach achtmonatlichem Aufenthalt im Krankenhause in ihr Heim zurückgekehrt, schrieb sie ihre erste Novelle »Künstlerliebe«, welche aber später in Verlust geriet. Bald darauf folgte die zweite, »Wandlungen in Menschenherzen«, welche in einer Tageszeitung zum Abdruck gelangte. Mittlerweile unterzog sich A. St. im Krankenhause in Prag einer dritten Operation, welche dem linken Arm und rechten Fusse galt. Nach fünfmonatlichem Aufenthalt dortselbst wurde sie entlassen. Sie konnte nunmehr beide Hände notdürftig gebrauchen und auf den zwar steifgebliebenen doch nun geraden Füssen mit Hilfe zweier Krücken ein wenig sich ergehen. 1888 schrieb sie eine Novelle »Erinnerungen eines Informators«, welche in der »Bohemia« und in Buchform in Druck erschien. Nach einigen anderen kleineren Novellen erschien eine grössere, von der »Bohemia« zum Abdruck gebrachte Novelle, »Sphinx«, wie die Verfasserin meint, »ein ungesundes Produkt einer skeptisch pessimistischen Stimmung, worin der Selbstmord verherrlicht wird, auf die sie nur mit Bedauern zurückblicken kann.« Die Novelle erschien später in Buchform. Inzwischen trieb sie viel wissenschaftliche und sprachliche Studien, sie beherrschte alsbald fünf Sprachen. Die Bekanntschaft mit Frau Gräfin Anna v. Waldstein-Wartenberg, die im Sommer in Hirschberg auf dem ihrer Familie gehörenden Stammschloss »Hirschberg« wohnte, einer edlen, hochgebildeten, menschenfreundlichen Dame, brachte für die Leidende den Beginn eines neuen geistigen Lebens. Die reiche Bibliothek der Familie stand ihr zur Verfügung und der vielfache persönliche Verkehr mit der vielgereisten und vielbelesenen Komtesse bereicherte ihr Wissen und giebt ihr mannigfache Anregungen. Sie schrieb in jener Zeit den Roman »Nur Einmal«, erschienen 1892 in der »Bohemia«. In der Reichenberger Zeitung erschien eine Novelle »Um Ehre und Leben«. 1894 kam in der »Kölnischen Volkszeitung« die Novelle[344] »Ein Frauenherz«, später »Muth« zum Abdruck. Eine humoristische Novelle »Amor und Merkur« erschien im »Österreichischen Merkur«. Mehrere andere Arbeiten, auch lyrische, sind noch ungedruckt.

‒ Erinnerungen eines Informators.

‒ Sphinx. Nov.

Quelle:
Pataky, Sophie: Lexikon deutscher Frauen der Feder Bd. 2. Berlin, 1898., S. 343-345.
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