Orion

[362] Orion (Gr. M.), Sohn des Neptun und der Euryale; nach Andern auf wunderbare Weise von Jupiter, Neptun und Mercur erzeugt. Die drei Götter waren bei Hyrieus zu Tanagra in Böotien, welcher, kinderlos, die Olympier um einen Sohn bat; die Bitte ward ihm gewährt, indem jene eine gewisse Flüssigkeit in eine zusammengenähete Kuhhaut liessen, aus welcher, nach der gewöhnlichen Zeit zur Reifung eines Kindes, ein Knabe entstand, der zum Andenken an diese Begebenheit nach jener Flüssigkeit O. genannt wurde. Apollodor sagt, er sei ein Riese und gewaltiger Jäger gewesen und habe von Neptun die Eigenschaft erhalten, über das Meer hinzuschreiten. Er vermählte sich mit der schönen Side, und da er diese bald wieder verlor, bewarb er sich um Aero oder Merope, die Tochter des Oenopion, Beherrschers von Chios, eines Sohnes des Bacchus und der Ariadne; dieser sagte halb zu, verzögerte aber die Erfüllung seines Versprechens so sehr, dass O. die Geduld verlor und sich seiner Braut gewaltsam bemächtigte; da Oenopion diess erfuhr, machte er O. trunken und blendete ihn. Der blinde Jägersmann suchte sich nach Lemnos zu finden, wo Vulcan ihm den Rath gab, zum Sonnengotte zu wandern, welcher ihn heilen könne. Zu dieser Reise gab er ihm den Cedalion als Führer mit, den O. auf seine Schultern nahm, und, den Weg verfolgend, welchen jener angab, gelangte er zu dem Sonnengotte, von dem er auch glücklich geheilt ward. Nun kehrte er nach Chios zurück, um sich an Oenopion zu rächen, allein dieser hatte sich in eine sehr künstliche unterirdische Wohnung verborgen, und O. suchte vergeblich nach ihm; da sah ihn Aurora, verliebte sich in den herrlichen Jüngling und entführte ihn nach Delos. Seine Jagdlust verleitete ihn zu dem thörichten Ausspruch, er wolle kein wildes Thier mehr auf der Erde leben lassen, darum sandte die Erde einen ungeheuren Scorpion ab, welcher ihn tödten musste. Nach Andern erschoss ihn Diana, weil er der Upis, einer von ihren Nymphen, nachgestellt. Er ward unter die Sterne versetzt; dort bildet er das prachtvollste Sternbild am ganzen Himmel, in welchem durch Fernröhren über zweitausend Sterne sichtbar sind. Er ist in den meisten Sternkarten als ein gegen den Stier im Thierkreise ansteigender Mann gezeichnet, welcher in der einen Hand eine Keule, in der andern eine Löwenhaut (bei Andern einen Schild) trägt. Die Schultern und Füsse sind durch sehr helle Sterne erster und zweiter Grösse bezeichnet, seinen Gürtel bilden drei glänzende Sterne in fast gerader Linie, und den Schild eine Reihe kleiner Sterne in einen Viertelskreis gestellt; um das Schwert des O. wimmelt es von Sternen, und dort ist auch der Nebelfleck, welcher der merkwürdigste des ganzen Himmels ist, weil man ihn für den grössten dunklen Körper des Weltalls hält.

Quelle:
Vollmer, Wilhelm: Wörterbuch der Mythologie. Stuttgart 1874, S. 362.
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