Oríon

[1802] ORÍON, ónis, Gr. Ὠρίων, ωνος, ( Tab. XI.)

1 §. Namen. Diesen hat er ἀπὸ τοῦ οὐρῆσαι, von pissen, u. hieß erstlich Urion, weil er aus dem Urine entstanden. Da aber solche Benennung etwas zu unanständig war, so wurde das U in ein O verwandelt, und er also dafür Orion genannt. Palæphat. de Incred. c. 5. Serv. ad Virg. Aen. I. v. 525. Cf. Muncker. ad Hygin. Fab. 195. Er soll anfangs, und eigentlich, Candaon geheißen haben; Lycophr. v. 328. den Namen Orion aber hat er nur zufälliger Weise bekommen.

2 §. Ursprung. Als dereinst Jupiter, Neptun und Mercurius bey dem Hyrieus, zu Tenagra, in Böotien, einkehreten, und er sie, nach seiner Weise, sehr wohl und gütig bewirthete, so sollte er sich von denselben wieder ausbitten, was er wollte; da er sich denn, weil er keine Kinder hatte, einen Sohn ausbat. Es nahmen also besagte Götter die Haut von dem ihnen geopferten Ochsen, ließen alle drey ihren Urin darein, hießen ihn solche unter die Erde begraben, und den zehenten Monat wieder heraus nehmen. Dieses that Hyrieus, und fand den Orion darinnen. Palæph. de Incred. c. 5. & Euphorion. ap. Didym. ad Hom. Il. Σ. 486. [1802] Nat. Com. l. VIII. c. 13. p. 871. Hygin Astron. l. II. c. 34. Allein, wie einige für den Mercurius auch den Apollo unter besagten Göttern namhaft machen: Tzetz. ad Lycophr. v. 328. also geben andere solchen Orion für einen Sohn des Neptuns und der Brylle, einer Tochter des Minos, an; Dorion ap. Nat. Com. l. c. welche die dritten auch Euryale nennen Hesiod. ap. Hygin. l. c. Pherecyd ap. Apollod. l. I. c. 4. §. 2. Die vierten halten ihn für einen Sohn des Hyrieus und der erwähnten Brylle, Tzetz. ap. Nat. Com. l. c. ob wohl sonst dessen Gemahlinn Colonia geheißen haben soll. Id. ad Lycophr. l. c.

3 §. Wesen und Thaten. Er war ein König, Serv. ad Virg. Aen. I. v. 535. dabey aber insonderheit ein Liebhaber der Jagd. Palæph c. 5. & Schol. Horat. ap. Muncker. ad Hygin. Fab. 195. Hygin. Astron. Poët. l. II. c. 34. Er hielt sich zu dieser Lust viel Hunde, deren Namen Leukomeläna, Mära, Dromis, Cissetas, Lampuris, Lykoklonus, Ptoophagus, Arktophonus u.s.w. waren. Nat. Com. l. VIII. c. 12. Er war dabey so groß, daß er zum wenigsten mit den Schultern hervor ragete, er mochte im Meere gehen, wo er wollte. Virgil. Aen. X. v. 763. & ad eum Servius l. c. Doch soll er auch vom Neptun erhalten haben, daß er auf dem Wasser, wie auf der Erde, gehen können. Apollod. l. I. c. 4. §. 3. Er verliebte sich in Oenopious, Königs in der Insel Chio, Tochter, Häro, welche einige Merope nennen; Hygin. l. c. und suchte sie auf alle Art von ihrem Vater zu erhalten, sauberte auch daher die ganze Insel von allen wilden und schädlichen Thieren. Allein, da ihn Oenopion von einer Zeit zur andern aufzog, so wurde er endlich des Dinges überdrüßig, und erbrach der Häro Kammer. Parthen. Erot. c. 20. Er beschlief sie in der Trunkenheit, wofür aber Oenopion ihm die Augen ausbrennen ließ. Hygin. l. c. Nach einigen suchte er die Häro mit Gewalt zu seinem Willen zu zwingen, wogegen Oenopion seinen Vater, den Bacchus, um Hülfe anrief, welcher denn einige Satyren abschickte, die den [1803] Orion in Schlaf brachten, worinnen ihn Oenopion sodann der Augen beraubete. Wie aber Orion das Orakel fragte, auf was Weise er sein Gesicht wieder bekommen könnte, so erhielt er zur Antwort, er sollte der Sonne durch das Meer dergestalt entgegen gehen, daß ihr Schein ihm beständig in die Augen fiele. Damit er nun solches bewerkstelligete, so gieng er erst dem Tone der Hammerschläge nach, welchen die Cyklopen machten, wenn sie dem Jupiter die Donnerkeile schmiedeten. Auf solche Art kam er ihre Werkstatt, nahm einen von ihnen auf die Schultern, und ließ sich denselben, nach dem Befehle des Orakels, leiten, da er denn sein Gesicht wieder erhielt. Serv. ad Virg. Aen. X. v. 763. Nach noch andern säufete ihn erst Oenopion voll, und, da er ihm die Augen ausgestochen, schmiß er ihn an das Ufer der See hin. Hier nahm er einen Knaben aus einer Schmiede auf sich, Apollod. l. c. oder bat auch den Vulcan um dergleichen, welcher ihm denn den Cedalion gab, der ihn gegen die Sonne zu führete. Sobald er sein Gesicht wieder bekommen hatte, gieng er nach dem Oenopion zurück, um sich an ihm zu rächen, den aber seine Leute dergestalt unter die Erde verstecketen, daß er ihn nicht finden konnte, worauf er sich denn aus Chio nach Kreta wendete. Eratosthen. Cataster. 32. Er muß sich eine ziemliche Zeitlang in Vulcans Werkstatt aufgehalten haben, weil er durch dessen Kunst seinem Vater Neptun einen Pallast unter der Erde erbauet. Apollod. l. c. Indessen raubete ihn doch Aurora aus Liebe zu ihm, und führete ihn in die Insel Delus. Apollod. l. c. §. 4. Von dar kam er zu dem Zanklus, in Sicilien, und bauete ihm den Hafen an der Stadt Messana. Diod. Sic. l. IV. c. ult. p. 197.

4 §. Gemahlinn. Diese war Side, welche sich an Schönheit der Juno gleich achtete, und von dieser deswegen in die Hölle verstoßen wurde. Apollod. l. I. c. 4. §. 3. Nach dieser Tode soll er erst Oenopious Tochter, Merope, geheurathet haben. Heins ad Ovid. Fast. v. 499. Außer diesen hat er noch die [1804] Lyrice, Ovid. de Arte amandi l. I. v. 731. oder vielmehr Dirce zur Buhlschaft gehabt. Heins. ad eumd. l. c. Dabey wird denn von einigen Drias für dessen Sohn angegeben. Heinsius l. c. Seine beyden Töchter, Metiocha und Menippa, opferten sich für das gemeine Beste auf. Sieh deren Artikel.

5 §. Tod. Nach einigen hatte sich Diana selbst dermaßen in ihn verliebet, daß sie auch Willens war, ihn gar zum Manne zu nehmen. Wie aber solches den Apollo heftig verdroß, und er dennoch bey ihr mit seinen Vorstellungen nichts ausrichtete: so gedachte er, solche Heurath auf eine andere Art zu unterbrechen. Als daher Orion eines Males im Meere von fern einher gegangen kam, und man von ihm nichts, als den Kopf sah, ohne doch erkennen zu können, was solches wäre, so beredete Apollo die Diana, daß sie nach demselben zur Probe schießen wollten. Diana ließ sich solches gefallen, und that auch den ersten Schuß. Sie traf damit ihren Liebhaber dergestalt, daß er alsofort niedersank, und von dem Wasser todt an das Ufer angetrieben wurde. Ister ap. Hygin. Astron. Poet. l. II. c. 34. Nach andern erschoß ihn Diana mit ihrem guten Willen, weil er, nach einigen, ihr Gewalt anthun wollte. Hygin. Fab. 194. Schol. Horat. l. III. Od. 4. v. 71. Nach andern suchte er dergleichen nur an einer ihrer Gefährtinnen, Opis, auszuüben. Einige sagen auch, er habe die Diana bloß zwingen wollen, mit der Wurfscheibe mit ihm zu spielen. Apollod. l. I. c. 4. §. 4. Desgleichen will man, sie habe ihn allein aus Eifersucht über die Aurora getödtet. Hom. Odys. Ε. 121. Allein, noch andere geben vor, als er dereinst mit der Latona und Diana aufder Jagd gewesen, so habe er sich gerühmt, er wolle kein wildes Thier auf der Erde übrig lassen. Dieß habe denn die Erde dergestalt verdrossen, daß sie einen Scorpion abgeschickt, welcher ihn gestochen, daß er gestorben. Eratosthen. Cataster. 32. Doch wollen aber wiederum andere, dieß sey von der Diana geschehen, Palæph. de Incred. c. 6. da er sie schon in [1805] vorhin bemeldeter Absicht bey den Kleidern ergriffen. Nicand. ap. Spanh. ad Catull. Hymn. in Dianam v. 205. Indessen wurde er doch insonderheit auf dieser Veranlassung mit unter die Sterne gesetzet. Eratosth. & Hygin. ll. cc. Hier soll er denn noch unter den südlichen Gestirnen zu sehen seyn; und wird vom Schikard für den Josua, von Schillern aber für den Joseph, der Maria Bräutigam, angegeben. Strauch. Astrognos. §. 177. Gleichwohl hat er doch sein Begräbniß auch zu Tenagra gehabt. Pausan. Bœot c. 20. p. 571.

6 §. Historie und anderweitige Deutung. Einige suchen unter ihm den Isaac, welchen die drey Engel dem Abraham versprachen. Huet. D. E. Propos. IV. c. 10. §. 6. Michael. de Abrabamo & Isaaco in Hyrieum & Orion. conversis. Biblioth. Brem. fasc. I. class. VI. Le Clerc Biblioth. univ. T. VII. p. 91. Andere halten ihn mit mehr Bescheidenheit für den Nimrod. Voss. Theol. gent. l. I. c. 16. & 24. Sonst wird zwar sein Namen selbst in der Bibel gefunden. Iob. IX. 9. Allein, dieß giebt weder der Historie einiges Licht, noch auch der heiligen Schrift einigen Nachtheil, weil er keines weges im Grundtexte also benennet wird, sondern das in solchem befindliche Wort nur von den griechischen und lateinischen Uebersetzern durch Orion ist gegeben worden, da sie kein anderes und bequemeres zu finden gewußt haben. Voss. l. c. l. II. c. 35. Er wird auch als Stern im Lateinischen Iugula genannt; Plaut. Amphitr. Act. I. Sc. I. v. 119. weil er wie ein Schwert bewaffnet, und mit seinem Lichte fürchterlich sey. Isidor. orig. l. III. c. 20. Daß er mitten durch die Fluthen gehen können und noch einen Kopf hoch hervor geraget habe, auch darinnen auf solche Art erschossen worden, soll weiter nichts sagen, als daß er sich oft in einem Schiffe auf dem Meere befunden, und darinnen sein Leben eingebüßet habe. Ban. Erl. der Götterl. V B. 417 S. Die Liebe der Diana und Aurora gegen ihn hat seine besondere Neigung zur Jagd zum Grunde. Ebend. 418 S. Seine wunderbare Geburt hingegen [1806] soll auf eine bloße Ueberschwemmung des Wassers gehen. Isidor. l. c. c. 70. Sonst deuten ihn einige physikalischer Weise auf die Materie der Winde, Regen und des Donners, Nat. Com. l. VIII. c. 12. und moralisch soll er insonderheit zur Warnung dienen, daß man sich nicht allzuviel auf seine Stärke verlassen, oder sonst vermessentlich handeln soll, weil die Strafe davon nicht gern aussen bleibt. Omeis Mythol. in Orion, p. 183.

Quelle:
Hederich, Benjamin: Gründliches mythologisches Lexikon. Leipzig 1770., Sp. 1802-1807.
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