Die Juden

[278] Die Juden gehören, ungeachtet des Hasses, womit sie ehemahls von den Christen verfolgt wurden, und vielleicht noch jetzt an manchen Orten verfolgt werden, zu den merkwürdigsten Völkern der Erde, und werden, theils wegen der Wichtigkeit ihrer Urgeschichte, theils [278] aber auch wegen ihres National-Charakters, welcher sich in einer langen Reihe von Jahrhunderten und bei den mannigfaltigsten Veränderungen, die dieses Volk in allen Ländern erfuhr, so ziemlich unverfälscht erhalten hat, immer die Augen des Forschers auf sich ziehen, und ihn zu neuen Untersuchungen in dem Labyrinthe ihrer Geschichte ermuntern. Für den gegenwärtigen Zweck wird es hinreichend sein, auf ihre Schicksale unter den christlichen Völkern im Allgemeinen aufmerksam zu machen, und aus der Geschichte ihres ehemahligen Staats nur einige wichtige Veränderungen ins Gedächtniß zurückzurufen. Man weiß, daß die Abkömmlinge Abrahams Egypten verließen, um sich in den Besitz des Landes Canaan zu setzen, in welchem ehedem ein Stamm ihrer Vorfahren seinen Sitz gehabt hatte. Moses, der Gesetzgeber des Volks, richtete die ganze künftige Staatsverfassung ein, und war vorzüglich darauf bedacht, die Juden rein und unvermischt zu erhalten, und ihnen jede Annäherung und Verschwisterung mit andern Nationen unmöglich zu machen. Vielleicht war auch dieses die Hauptursache, warum er sie ganz von Priestern abhängig machte und ihnen einen beschwerlichen äußerlichen Gottesdienst auferlegte. Die Vertauschung des priesterlichen Regiments mit dem königlichen änderte nichts in der Hauptverfassung, sondern führte bloß, mit der Regierung des Salomo, eine Neigung des Volks zur Prachtliebe und zum Luxus herbei, und bewirkte zuletzt eine Theilung des Staats in zwei Königreiche, von welchen das Israelitische im Jahre der Welt 3264 durch die Assyrer, und das Judäische 3377 durch die Babylonier zerstört wurde. Die Rückkehr in ihre ehemahligen Besitzungen, welche den Juden der Persische König Cyrus bewilligte, verursachte zwar eine neue Staatsverfassung; allein diese war so wenig haltbar, daß die Juden aufs neue bald unter Macedonische, bald unter Egyptische Herrschaft fielen, und endlich von den Römern. welche sich unter der Anführung des großen Pompejus in die innern Unruhen des Reichs gemischt hatten, abhängig wurden. Sie behielten zwar das Recht, von Königen regiert zu werden, und Herodes war unter den den Römern zu Zeiten des Kaisers August unterworfenen auswärtigen Königen gewiß einer der angesehensten und mächtigsten; [279] aber dessen ungeachtet war auch diese Staatsverfassung und von kurzer Dauer. Der Hang der Juden zu Empörungen und Meutereien, die höchste unter ihnen eingerissene Sittenverderbniß und die Verweigerung des an die Römer zu zahlenden Tributs bewogen den Kaiser Vespasian, sie mit einem Kriege zu überziehen, der sich mit der Einnahme von Palästina endigte. Zwar hielt sich die Hauptstadt Jerusalem noch einige Zeit; aber auch sie mußte endlich der Gewalt der Römischen Waffen weichen, und wurde vom Titus, dem Nachfolger Vespasians, im Jahre 70 nach Chr. Geb. mit Sturm erobert und völlig eingeäschert, wie es der erhabene Stifter der christlichen Religion den Juden schon lange vorher verkündigt hatte. Mit diesem Zeitpunkte verschwand der jüdische Staat gänzlich, und einige spätere Bemühungen ihn wieder herzustellen blieben fruchtlos. Seine Einwohner zerstreuten sich nach und nach in alle Länder des Erdbodens, und erfuhren darin bald härtere, bald gelindere Schicksale, je nachdem ihnen die allgemeine Stimmung der Volker günstig oder ungünstig war. Nie aber glückte es ihnen, selbst unter den mildesten Regierungen, sich ein völlig bürgerliches Ansehen zu verschaffen. Die Rechte und Freiheiten, welche sie unter den spätern heidnischen Römischen Kaisern, und selbst noch unter den ersten christlichen, genossen, gingen mit der im fünften Jahrhundert unter den Christen zunehmenden Unduldsamkeit gegen alle Nichtchristen gänzlich verloren; und der Haß, womit die Juden damahls verfolgt wurden, ging zugleich mit der christlichen Religion auf die fremden Nationen über, welche dem Römischen Staate ein Ende machten. Sie wurden nur unter den härtesten Bedingungen in den neu gegründeten Staaten geduldet, von allen Aemtern und Bedienungen entfernt, und von der Betreibung des Ackerbaues und jeder Beschäftigung der Freien gänzlich ausgeschlossen. Bei diesen empfindlichen Kränkungen und Bedrückungen, welche die Juden noch nicht einmahl gegen öffentliche Mißhandlungen und Beschimpfungen sicherten, war es kein Wunder, daß ihr Charakter immer mehr verdorben und ihre Sitten immer schlechter wurden. Da ihnen unter allen Nahrungszweigen der bürgerlichen Betriebsamkeit bloß der Handel übrig blieb, so zogen sie diesen im Mittelalter [280] größten Theils ausschließend an sich, und rächten sich an den Christen durch einen unmäßigen Wucher und durch die Erhebung übertriebener Zinsen. Der Mangel an baarem Gelde, und die Bedürfnisse großer Summen zu Heereszügen, glänzenden Festen und andern Ausgaben nöthigten die Fürsten und Herren im Mittelalter, zu den Juden ihre Zuflucht zu nehmen, und sich von diesen beträchtliche Vorschüsse gegen Versprechung von sehr hohen und oft ganz übermäßigen Zinsen machen zu lassen. Waren sie nachher, wie das sehr oft geschah, nicht im Stande, das Vorgeschossene wieder zu erstatten, oder erklärte sich die Stimme der Völker laut gegen die Räubereien und den Wucher der Juden; so wußte man sich nicht besser zu helfen, als daß man eine allgemeine Verfolgung gegen sie erhob, sie aus dem Lande vertrieb, und erst dann wieder zurück rief, wenn neue Geldbedürfnisse ihre Gegenwart nothwendig machten. An Veranlassungen zu dergleichen Verfolgungen konnte es nicht fehlen, so lange man sich noch der Religion als Ursache dazu bediente. Bald sollten die Juden geweihte Hostien durchstochen, bald Christenkinder geschlachtet oder andern gotteslästerlichen Unfug getrieben haben. Unter allen diesen Verfolgungen war keine so grausam und blutig als die, welche in den Jahren 1348 und 1349 beinahe in allen Ländern Europaʼs gegen sie erhoben wurde, weil sie überall die Brunnen vergiftet und dadurch die fürchterliche Pest bewirkt haben sollten, welche damahls beinahe alle Länder der Erde verwüstete und entvölkerte. Der Pöbel in Italien, Frankreich, der Schweiz und Deutschland mordete und wüthete ungescheut unter ihnen. Zu tausenden wurden verbrannt, eben so viele kamen durch andre grausame Martern ums Leben; und nur wenige konnten durch eine schleunige Flucht oder durch die Annahme des Christenthums den ihnen drohenden Gefahren entgehen. Obgleich die Beschuldigungen, welche man ihnen machte, immer für ungegründet befunden und nachher öffentlich widerrufen wurden; so verlor sich dessen ungeachtet, zumahl bei den niedern Volksclasseu, der tief eingewurzelte Haß gegen sie nicht, und dauerte auch dann noch fort, nachdem die Reformation im sechzehnten Jahrhundert ein neues Licht der Aufklärung angezündet hatte. Die wahrscheinlichste [281] Ursache dieses nicht zu bekämpfenden Vourtheils lag unstreitig darin, daß Luther selbst eine ungünstige Meinung von den Juden hatte, und sie höchstens als ein unvermeidliches Uebel zu dulden rieth. Die Vorschläge, welche in den neuesten Zeiten zu ihrer Verbesserung gemacht worden sind, haben bis jetzt noch keine allgemeine Publicität erlangt, sondern sind nur in einzelnen Staaten einzeln versucht und auch wieder zurückgenommen worden. Die Classe der vornehmern und reichen Juden genießt zwar in großen Städten einer ungleich größern Achtung als ehedem, und unterscheidet sich auch durch Bildung und Kenntnisse vortheilhaft; allein der Aermere wird viel weniger geachtet, und steht noch auf eben der Stufe der Cultur wie vormahls. Das Nehmliche gilt von den Judengemeinheiten, welche nicht in großen Städten leben, und daher noch weniger mit den Christen in Verbindungen stehen. Man muß erwarten, was die Zusicherung politischer Rechte, welche der Convent der Batavischen Republik den Juden seit dem 2. Sept. 1796 zugesichert und sie dadurch den activen Staatsbürgern gleich gemacht hat, in der Folge für Wirkungen auf den jüdischen National-Charakter haben wird. Daß es den Juden nicht an Anlagen zur Erwerbung von Kenntnissen aller Art mangle, haben häufige Beispiele älterer und neuerer Zeit bewiesen. Arzneikunde, Mathematik und damit verwandte Wissenschaften wurden durch sie in mittlern Zeiten von den Arabern zu den Europäern gebracht, und das Studium der Hebräischen Sprache erhalten. Auch in den neuesten Zeiten standen Männer unter ihnen auf, welche sich durch ihren Scharfsinn und durch ihren trefflichen moralischen Charakter die allgemeine Achtung in einem vorzüglich hohen Grade erwarben; und man darf hoffen, daß, je weiter die wohlthätigen Wirkungen der Aufklärung sich verbreiten und zu allen Ständen des menschlichen Geschlechts dringen werden, auch die jüdische Nation hinter der christlichen nicht länger zurückbleiben, sondern sich zu einem höhern Grade der Vollkommenheit und des Wohlstandes empor schwingen wird.

Quelle:
Brockhaus Conversations-Lexikon Bd. 2. Amsterdam 1809, S. 278-282.
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