Ossian

[322] Ossian, der größte aller bekannten Barden (s. dies. Art). Sein Leben ist sehr wenig bekannt, und alles, was wir von ihm wissen, hüllt sich in Dunkelheiten und Zweifel. Er lebte wahrscheinlich in der letzten Hälfte des dritten und zu Anfange des vierten Jahrhunderts als Barde am Hofe seines Vaters, des Königs Fingal in Kaledonien (dem nordwestlichen Schottland, h. z. T. Hochland), eines durch Heldenthaten und jede Art von Tugenden im Alterthum äußerst berühmten Königs. In seinen jüngern Jahren zog er oft ins Feld, und war bisweilen selbst Anführer, verlor aber im Alter den Gebrauch des Gesichts. Sein tapferer Sohn Oscar blieb im Felde, und Ossian sang Gesänge der Betrübniß und Wehmuth bis in sein spätestes Alter. Er beschrieb nach der Gewohnheit der Barden die Thaten seines Königs, seiner Familie und seines Volkes, als Augenzeuge und Theilnehmer, in größern oder kleinern Liedern in der Kaledonischen oder Hersischen Sprache, die noch jetzt in jenen Gegenden geredet wird. Seine beiden größten Gedichte sind, wie wir sie haben, Epopoen: Fingal in sechs und Temora in acht Büchern. Ersteres enthält Fingals Sieg über den mächtigen und stolzen Swaran in Irland, letzteres (das seinen Namen von Temora oder dem Pallast der Irischen Könige führt) betrifft ebenfalls einen Krieg dieses Helden in Irland; und fast alle andre Gedichte des Barden (wir besitzen ihrer über 20) sind voll von dem Lobe dieses Königs im Kriege und im Frieden. Ossians Gesänge sind so unnachahmlich schön und vollendet, daß jedes allgemeine Lob unzureichend ist, sie würdig zu schildern. Ossian ist ein vollkommnes Original, unvergleichbar mit allen ältern [322] und neuern Dichtern, und auf eine eigne Art durch die Verhältnisse gebildet, in denen er lebte. Er lebte unter einer sehr tapfern mit fremden Völkern unverbundenen Nation, welche sehr viel Tugenden und richtige Gefühle besaß, so daß ein Dichter, wenn er das Bild dieser Nation nur ein wenig verschönerte, keinen bessern Gegenstand wählen konnte. Er sang daher ihre und ihres Fingals Thaten als Augenzeuge, oft selbst als handelnde Person und im erzählenden Tone, den er nur durch Nebenzüge ausschmückte. Er erfand keine Thaten, weil die Barden treue Sänger der Zeitbegebenheiten waren; er stellte keine mannigfaltig contrastirenden Charaktere auf, weil die Sitten seiner noch unverdorbenen Landsleute einfach und gleichförmig blieben: dessen ungeachtet aber hebt er mit kunstlosem Schmuck die Hauptpersonen, und webt in ihre Denkungs- und Handlungsart viel Verschiedenheit ein. Eine vorzügliche Stärke besitzt Ossian in rührenden und erschütternden oder sanften und zärtlichen Gesinnungen und Empfindungen, überhaupt in dem Ausdruck der Leidenschaften. Geine Naturscenen sind höchst lebhaft und mahlerisch, seine Bilder sind alle auf das glücklichste aus der Natur oder den ihn zunächst umgebenden Gegenständen hergenommen. Die Erfolge werden bei ihm bloß durch die Energie der Helden selbst herbeigeführt, und seine einzige Maschinerie ist die Erscheinung von Geistern der Verstorbenen: aber seine Geistersprache ist schrecklich und grausend, und die Täuschung dabei ungemein natürlich; und bloß Shakespeare hat sich der Geisterwelt eben so glücklich bedient. Man vergleicht den Ossian immer mit dem Homer, allein mit Unrecht; diese beiden großen Dichter lebten in ganz verschiedenen Verhältnissen, und hatten entgegengesetzte Zwecke. Der Jonische Sänger zeigt uns große, verwickelte Handlungen, Götter, die den Menschen das Unmögliche möglich machen, ein ziemlich cultivirtes, reiches, prachtliebendes, beredtes, verschlagenes, habsüchtiges, unversöhnliches, übrigens abergläubisches Volk, das für die sanftern Reitze des häuslichen Lebens wenig Gefühl hatte; er nähert sich ungeachtet seines natürlichen Vortrags dennoch zum Theil der großen Welt. Der Kaledonische Barde hingegen versetzt uns in eine ganz andre Sphäre. Er schildert [323] mit der kunstlosesten Sprache und der ausdrucksvollsten Kürze ohne Dazwischenkunft der Götter die Thathen eines kleinen und wenig gebildeten, aber edeln und tapfern Volks, die meist in kurzen Kriegen bestanden; alles geschieht schnell; bei weniger Mannigfaltigkeit sind seine Gesänge desto kühner und rührender; Fingal ist der veredelte Achilles, er besitzt ganz die Tugenden desselben ohne seine Fehler zu haben: kurz, Ossian ist herzlicher, einfacher, natürlicher. Die Gesänge dieses trefflichen Barden wurden bloß durch mündliche Ueberlieferung im Hochlande in der Galischen oder Hersischen Sprache fortgepflanzt, und höchstens erst sehr spät niedergeschrieben; niemand kannte sie außerhalb dem Vaterlande derselben, bis sie endlich ein um die Literatur des Hochlands sehr verdienter Mann, der i. J 1796 verstorbene James Macaherson (ein geborner Nordschottländer, seit 1760 auf Reisen durch dieses Land) größten Theils aus dem Munde der Eingebornen und, wie man sagt, auch aus neuern schriftlichen Denkmählern sammelte und herausgab (z. B. 1760, 1765, 1773 u. s. f.)1. Allein bald erklärte der gelehrte Samuel Johnson (in der Beschreibung seiner 1773 nach den Hebridischen Inseln oder den westlichen Inseln Schottlands gemachten Reise – s. die Deutsche Uebers. S. 186 bis 193 –) die sämmtlichen von Macapherson herausgegebenen Gedichte Ossians für ganz untergeschoben und für die Arbeit des Herausgebers, weil Macpherson dieselben nie im Original vorgezeigt habe, weil in der Hochländischen oder Hersischen Sprache kein Buch, das vor mehr als 100 Jahren geschrieben worden, existire, es sich auch nicht denken lasse, daß so lange Gedichte sich über 1400 Jahre durch bloße mündliche Ueberlieferung fortgepflanzt haben, endlich überhaupt, weil die herausgegebenen Gesänge für ein kriegerisches, uncultivirtes Volk bei weiten zu schön seien. Diese Aeußerung gab zu einer sehr heftigen Fehde Anlaß; [324] Macphersons Freunde, besonders Clarke, behaupteten, einige Originale gesehen und die meisten Ossianschen Gedichte früher als der Herausgeber derselben wörtlich von den Eingebornen gehört zu haben. Und wenn man bedenkt, daß die Hochländer ihren ursprünglichen Sitten und Gewohnheiten fast noch ganz anhängen, daß sie eine außerordentliche Vorliebe für die vorige Heldenzeit haben, daß ihr Geist durch keine andre wissenschaftliche Beschäftigung zerstreut wird; so kann man sich die Möglichkeit der mündlichen Tradition alter Nationalgesänge sehr leicht erklären. Wenn wir aber auch zugeben, daß Macpherson nicht Verfasser war; so bleibt doch bei dem gänzlichen Mangel an historischen Aufschlüssen noch der unauflösliche Zweifel übrig, ob Ossian allein oder zum Theil auch andre gleichzeitige Barden (z. B. die in jenen Gedichten oft genannten Sänger Ullin, Orran oder Spätere) dieselben gedichtet, und ob nicht vielleicht ihre Nachkommen, denen Ossians Andenken besonders heilig war, sie insgesammt dem Ossian zugeschrieben haben. Als übrigens Young nachher im Hochlande angeblich Ossiansche Gedichte bei den Eingebornen sammelte und einige herausgab, so fand sich aus deren Vergleichung mit den Macphersonschen, daß Macpherson zwar die nehmlichen Gedichte benutzt, aber manche für sich bestehende als Episoden in größere eingewebt, und überhaupt manches verschönert und abgeändert habe. – Der Streit über die Echtheit der Ossianschen Gedichte dauert indeß noch immer fort; und auch darüber, ob diese Gedichte, wenn sie echt sind, in Schottland oder, wie Andre wollen, in Irland, wohin die meisten Thaten Fingals versetzt werden, gesungen worden, ist man uneinig.


Fußnoten

1 Auch sind sie Deutsch übersetzt, prosaisch vom Major von Harold (Düsseldorf, 1775, 3 Bd.), ferner von Petersen (Tübingen, 1782), und in Versen, größten Theils Hexametern, von dem bekannten Dichter Michael Denis (Wien, 1768 und dann 1784).

Quelle:
Brockhaus Conversations-Lexikon Bd. 3. Amsterdam 1809, S. 322-325.
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