Stuart

[436] Stuart ist der Name eines der vornehmsten und ältesten adelichen Geschlechter Schottlands, aus dem mehrere Sprößlinge auf den Schottischen und sogar auf den Englischen Thron gelangt, und Könige von drei noch bestehenden blühenden Reichen geworden sind. Mit dem Jahre 1370 erhält dieses Geschlecht, ob es gleich bis ins 13. Jahrhundert hinauf sich führen läßt, auch für das Ausland ein Interesse, und nimmt von nun an mit Robert Stuart in der Staatengeschichte einen Platz ein. Dieser, der Sohn Walther Stuarts, eines der angesehensten und reichsten Privatleute in Schottland, welcher sogar von dem Könige Robert I. Bruce eine Prinzessin, Majorin, zur Gemahlin hatte, war sonach ein Enkel Roberts I. und beerbte nach dem Tode dieses Königs und dessen einzigen Prinzen, Davids II., welcher 1370 kinderlos verstarb, [436] und also den männlichen Bruceschen Stamm1 beschloß, als nächster weiblicher Descendent in der Familie Bruce, nicht allein seinen mütterlichen Oheim, den König David II., sondern folgte ihm sogar in der Regierung als König von Schottland, unter dem Namen Robert II.; und ward sonach der Stammvater vieler Schottischen und Englischen Regenten, welche, ihn mit eingerechnet, an 344 Jahre in der männlichen und weidlichen Descendenz erst den Schottischen allein, von 1370 bis 1603, und dann bis 1714, den Schottischen und Englischen Thron zugleich ununterbrochen besessen haben.

So groß auch dieser Zeitraum ist, in welchem das Haus Stuart seine glänzende Rolle in der Welt spielte, und so große Begebenheiten auch unter der Regierung der Stuarts vorgefallen sind, so weiß gleichwohl die Geschichte keinen Einzigen in diesem Hause aufzufinden, den man einen wirklich großen Regenten nennen könnte, und der durch seine Regierung Wohlthäter für seine Reiche geworden wäre. Da die merkwürdigsten Abkömmlinge dieses Hauses, eine Maria Stuart, ein Jacob I., Carl I., eine Elisabeth, bereits an ihren Orten in unserm Lexikon, auch in den Artikeln Revolution von EnglandSchottland – aufgeführt worden sind, so begnügen wir uns, bloß die einzelnen merkwürdigen Epochen, mit Beziehung auf jene Artikel, auszuheben.

Robert II., der oberste Ahnenherr in dem königlichen Hause Stuart, gelangte ohne die mindeste Schwierigkeit auf den Schottischen Thron, und beherrschte denselben volle 20 Jahre in Frieden; denn England, welches die Uneinigkeit zwischen den Baliol- und Bruceschen Häusern vorher benutzt, und beiden Brucen denselben Anfangs wankend zu machen gewußt hatte, war jetzt ruhig, und er, Robert selbst, zu klein und zu schwach, als daß er es hätte wagen können, das von England seinen Vorgängern angethane Unrecht zu ahnden. Eben so regierten seine Nachfolger [437] bis zu Jacob V. alle in der größten Ruhe; und nur erst unter der Tochter Jacobs V., der Königin Maria, insgemein Maria Stuart (besser und auszeichnender nennt man sie Maria von Schottland, weil die Tochter Jacobs II., Königs von Großbritannien, die Gemahlin Wilhelms III., mit eben so vielem Recht Maria Stuart genannt werden kann), entspannen sich von innen und außen Unruhen, die sie jedoch großen Theils selbst veraulaßt hatte, und wofür sie endlich mit ihrem Kopfe auf dem Schaffot büßen mußte (vergl. den Art. Maria Stuart, Th. III. S. 71 ff.). Ihr Sohn und Nachfolger, Jacob VI., der 1603 die beiden Königreiche England und Schottland vereinigt (s. den Art. Schottland, Th. V. S. 129 ff.), und nun als König von Großbritannien Jacob I. heißt, würde ein sehr glücklicher König gewesen sein, wenn er sich bei seinen großen Kenntnissen besser zu benehmen, und auch zu rechter Zeit Krieg zu führen gewußt hätte (vergl. Revolution von England, th. IV. S. 200); aber noch incongruenter handelte sein Sohn, Carl I., welcher endlich als das traurigste Opfer seiner Unbesonnenheit am 30. Januar 1649 auf dem Schaffot enthauptet wurde (s. ebendas.). Zwar hätten die beiden Söhne Carls I., Carl II. und Jacob II., welche nach dem schauderhaften Tode ihres unglücklichen Vaters, nach vielen gegen einander strebenden innern Factionen in allen drei Reichen, endlich doch noch hinter einander zum Throne gelangten, an dem Beispiele ihres Vaters Weisheit zu erlernen Gelegenheit genug gehabt; allein, theils von dem Glanze ihrer Majestät, theils und hauptsächlich durch Eingebung schiefer Staatsmaximen ihrer Lieblinge zu sehr verblendet, gingen sie vielmehr auf dem Pfade ihres Vaters fort, und so konnten sie denn auch am Ende nur unter den härtesten und entehrendsten Bedingungen zu dem ihnen angeerbten Throne gelangen, den sie jeden Augenblick wieder zu verlieren gewärtig sein mußten. Carl II. machte, nachdem er mit Mühe in Schottland zum König ausgerufen, und endlich auch in England als solcher anerkannt worden war, wohl einen großen Fehler, daß er die Hinrichtung seines Vaters zu sehr ahndete; einen noch weit größern aber dadurch, daß er die Katholiken, um derer willen doch schon unter [438] seinem Vater die größten Unruhen vorgefallen waren, gleich Anfangs so öffentlich begünstigte. Uebrigens verdiente er als ein Mann, der, unbekümmert um Reglerung und Geschäfte, bloß am Sinnlichen hing, Wollust und Verschwendung liebte, vielleicht unter allen Stuarts am wenigsten die Kronen dreier Königreiche zu tragen. Er starb, unbetrauert, im J. 1685, wahrscheinlich durch Gift. Nach seinem Tode wollte zwar sein natürlicher Sohn, der Herzog von Monmuth, mit der Lady Barlow erzeugt, ein erklärt eifriger Protestant, König werden, indem er auf den Beistand der Protestanten, und besonders auf die Unterstützung der Schotten, zu welchen er sich gleich Anfangs persönlich wendete, sehr viel rechnete: allein diese nahmen ihn gefangen, und, nach kurzem Prozesse, ließen sie ihm und seinem Freunde und Begleiter, dem Schottländischen Grafen Argple, den Kopf abschlagen. Jetzt kam Carls II. Bruder, Jacob, als der einzige Stuart, so wenig er auch von der Nation geliedt wurde, ohne Widerspruch, unter dem Namen Jacob II, auf den Thron Großbritanniens.

Gewiß würde dieser unter allen Stuarts der größte und beliebteste Regent geworden sein, wenn er von den Talenten, womit ihn die Natur versehen hatte, einen bessern Gebrauch zu machen gewußt hätte. Eben so erfahrner Seeheld, als guter Staatsmann, betrieb er voll Energie und Entschlossenheit die Regierungsgeschäfte. Anstatt jedoch die Fehler zu vermelden, die sein Vater und Bruder durch zu große Begünstigung des Papstthums und überhaupt durch zu willkührliche Regierung gemacht hatten, setzte er solche nicht nur fort, sondern vervielfältigte sie sogar zum Trotz der ganzen Nation, Denn da er vorher bloß insgeheim Katholik gewesen, und auch seine erstere Gemahlin, Anna2, eine [439] eifrige Protestantin, verleitet hatte, wider den Willen ihres Vaters die katholische Religion anzunehmen, bekannte er sich jetzt, nachdem er den Thron bestiegen hatte, ganz öffentlich zur katholischen Religion, hatte auch bald nach dem Tode seiner erstern Gemahlin sich mit einer erzkatholischen Prinzessin aus dem Hause Modena wieder vermählt. Alles dieß, so wie die unzähligen Begünstigungen der Katholiken und Bedrückungen der Protestanten, ertrug die Nation lange, gestützt auf die Hoffnung, daß seine beiden Prinzessinnen, Maria und Anna, als Protestantinnen an protestantische Fürsten vermählt, dereinst ihnen ihre Rechte und Freiheiten wieder geben würden. Allein, da seine zweite Gemählin 1688, ziemlich spät, mit einem Prinzen niedergekommen, und zu vermuthen war, daß dieser katholisch erzogen werden möchte, so wurde die Geburt des Prinzen verdächtig gemacht, und dieser für untergeschoben ausgegeben. Vielleicht war dieses Kind eine legitime Geburt; aber nur darin hatte es der König versehen, daß seine Gemahlin nicht auf die bei Regentendäusern übliche Art, das heißt, nicht feierlich genug, ins Kindbette gekommen war. Allein der Lärmen ward zu groß, als daß der Hof etwas dawider ausrichten und das Volk von der Aechtheit der Geburt überzeugen und besänftigen konnte; Alles stand wider den König auf: die Episkopalen, seit dem Anfange der Reformation mit den Presbyterianern in stetem Zwist und Uneinigkeit, vereinigten sich jetzt auch gegen ihn, und die ganze Nation forderte den Prinz Wilhelm von Oranien, den damahligen Statthalter der vereinigten Niederlande und Schwiegersohn ihres Königs, auf,[440] nach England herüber zu kommen und ihrer sich anzunehmen. Ja, selbst die vereinigten Provinzen ersuchten ihren Statthalter, diese Zeitumstände zu benutzen, und England, seit Carl II. von Frankreich ganz abhängig, von demselben wieder zu trennen. Sie unterstützten ihn sowohl mit einer Flotte, als mit einer Landarmee, ja mit Allem, was er zu einer Landung nöthig hatte. Unvermather landete Wilhelm bei Torbay; Alles lief ihm zu, Adel und Volk, ja ganze Regimenter gingen von der Englischen Armee zu ihm über. Die Königin flüchtete eiligst nebst ihrem jungen Prinzen Jacob nach Frankreich; aber der König selbst dankte vorher seine Armee, aus Vorsorge, daß sie, wie bereits schon geschehen war, zu den Niederländern übergehen möchte, ab, wiewohl umsonst, denn das ganze abgedankte Englische Militair schloß sich an das der Niederländer an. Kurz, der König konnte sich nicht mehr in England halten, sondern mußte noch am Schlusse des Jahres 1689 seiner Gemahlin nachflüchten. Dieß eben wollte Wilhelm sowohl, als die Nation. Dem entwichenen Könige wurde deßhalb der Prozeß gemacht, und er endlich feierlich abgesetzt; dem Prinzen Wilhelm aber, und seiner Gemahlin Marie, Jacobs ältern Tochter, die Krone angetragen, unter der Bedingung jedoch, daß Wilhelm allein regieren, und seine Gemahlin nur erst nach seinem Tode zur Regierung gelangen sollte. Dieß geschah, Wilhelm regierte von 1689 bis an seinen Tob 1702 unter dem Namen Wilhelm III. alle drei Reiche zur Zufriedenheit des ganzen Bolks. Nach seinem Tode folgte ihm, da seine Gemuhlin schon vor ihm verstorben war, die zweite Tochter Jacobs II. Anna, an den Prinzen Georg von Dänemark vermählt, welche in ihrer Regierung ganz die Grundsätze Wilhelms befolgte. Nach ihrem Tode, welcher sechs Jahre nach dem ihres Gemahls erfolgte, 1714, kam die Succession an ihren nächsten Agnaten, den Churfürsten Georg von Hannover, dessen Successionsrecht sich von seiner Mutter, Sophie, herschrieb, welche Friedrich V., Churfürst von der Pfalz, mit seiner Gemahlin Elisabeth, der einzigen Tochter Jacobs I., erzeugt hatte.

Und so endigte sich mit dem Tode der Königin Anna jenes Stuartsche Geschlecht, welches höchst wahrscheinlich [441] noch bestehen würde, wenn nicht Jacob II., der letztere männliche Abkömmling, die unverzeihlich großen Fehler gegen sein Volk begangen, und dann, als er sich kaum mehr zu erhalten wußte, gerade zu dem Hauptfeinde seiner Nation, zu Frankreich, seine Zuflucht genommen hätte. Zwar erwieß ihm Ludwig XIV. alle königliche Achtung und Ehre, ließ für ihn einen königlichen Hofstaat zu St. Germain einrichten etc., erkannte ihn auch als den rechtmäßigen König von Großbritannien, und dagegen Wilhelm nicht eher als 1697 beim Friedensschluß zu Ryswick. Allein alles dieses brachte eben seine Nation nur noch mehr auf, so daß sie nicht mehr auszusöhnen war. – Noch schmerzhafter, als der Verlust seiner drei Reiche, war für Jacob das Bewußtsein, daß seine Bemühungen für das Papstthum nicht erwünscht genug ausgefallen wären. Er starb, nachdem er sich noch wenige Jahre zuvor in den Jesuiterorden aufnehmen lassen, 1701 zu St. Germain. Was sein untergeschoben sein sollender Prinz, Jacob, unter dem Namen eines Prätendenten noch für Schicksale gehabt, s. man in d. Art. Prätendent, Th. 3, S. 483.


Fußnoten

1 Das königliche Geschlecht Bruce stammte in der weiblichen Descendenz von Kenneth II., dem ersten eigentlichen Könige Schottlands, ab. S. den Art. Schottland, Th. V, S. 129 ff.


2 Anna war die Tochter eines Privatmannes, Namens Hyde, eines eben so rechtschaffenen als großen Rechtsgelehrten, der bei Carl II. wegen seiner vielen Berdienste in dem größten Ansehen stand. Als Carl II. nebst seinem Bruder Jacob, damahls Herzog von York, nach der Enthauptung seines Vaters flüchtig werden mußte, begleitete dieser Hyde mit seiner ganzen Familie den jungen König auf der Flucht. Hier lernte Jacob die Anna kennen, liebte sie, und wurde wieder geliebt. Anna wurde von dem Prinzen schwanger; und Carl, aus Schonung gegen den alten Hyde, willigte in die Vermählung ein, und erkannte die Ehe seines Bruders für legitim: er machte auch den Vater Hyde zu seinem ersten Staatsminister und zum Grafen von Clarington. Mit dieser Anna zeugte Jacob acht Kinder, die aber, bis auf Marien und Annen, frühzeitig starben; auch Anna selbst starb, ehe ihr Gemahl König ward.

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Brockhaus Conversations-Lexikon Bd. 5. Amsterdam 1809, S. 436-442.
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