Polypen

Polypen

[527] Polypen (die) gehören zu den weniger ausgebildeten Geschöpfen des Thierreiches, haben einen gallertartigen und halbdurchsichtigen Körper, der eigentlich blos ein an seiner einzigen Öffnung mit Fühlfäden oder Fangarmen versehener Magen zu sein scheint und sind entweder mit einer festern Rinde bekleidet, wie z.B. die Korallen (s.d.), oder diese geht ihnen ab.

Hier ist nur von letztern die Rede, welche in zahlreichen Arten vom Frühjahre bis in den Herbst in Teichen und ruhig fließenden Gewässern gefunden werden, wo sie im ruhigen Zustande wie erbsengroße gallertartige Kügelchen sich ausnehmen, welche mit dem Schwanze oder einem Arm an den Wasserlinsen, an Pflanzen oder andern Gegenständen im Wasser festsitzen. Sie vermögen jedoch alle Theile ihres Körpers sehr zu verlängern und zu erweitern und z.B. ihre 6–13 Fangarme manchmal bis zu 8 Zoll auszudehnen. Mit denselben erfassen sie kleines Gewürm und Insekten und führen dieselben zum Munde, durch welchen sie sich der verdauten Reste derselben auch später wieder entledigen. Mitunter greifen diese gefräßigen Thiere [527] auch einander gegenseitig an und verschlingen eines das andere, aber nach einigen Tagen wird, wie man beobachtet hat, der Verschluckte wieder unversehrt ausgeworfen und lebt fort, daher es scheint, daß sie einander selbst nicht verdauen können. Ihre Arme dienen zugleich als Werkzeuge der Bewegung, indem sie einen derselben bis zu dem nahen Gegenstande ausdehnen, an dem sie sich festsetzen wollen, und den übrigen Körper nachziehen. Augen sind an den Polypen nicht bemerkt worden, ihre Arme besitzen aber eine Empfindung von Dem, was sich ihnen nähert. Merkwürdig ist die Art ihrer Fortpflanzung, indem sich besonders am hintern Theile derselben kleine Höcker bilden, welche in Zeit von wenig Wochen zu kleinen, aber noch mit dem alten zusammenhängenden Polypen werden. Was der alte verschlingt, kommt in diesem Zustande dem jungen mit zu Gute und umgekehrt, bis die Verbindung schwächer und indem das junge Thier sich einen eignen Anhaltepunkt wählt, gewaltsam zerrissen wird. Außerordentlich ist die Lebenskraft der Polypen, die nach allen Richtungen verletzt, sich immer wieder ergänzen und in zwei Stücke zerlegt, schnell zu zwei vollkommenen Thieren ausbilden, ebenso wie zwei mittels eines seinen Haares aneinander gefesselte zu einem verwachsen. Auch umstülpen, sodaß ihr Inneres zum Äußern wird, lassen sie sich und leben ungestört fort. Von Farbe sind die braunen, grünen und hochgelben am häufigsten, füttert man sie aber anhaltend mit Insekten von anderer Farbe, so nehmen sie diese an. Aus dem Wasser genommen, gleichen sie durchaus einen unscheinbaren Klümpchen Gallerte, das oft nicht größer als ein Sandkorn ist. Was von Meerpolypen von ungeheurer Größe, welche Menschen sollten verschlingen können, sonst erzählt wurde, hat bisher noch nirgend Bestätigung gefunden. Sonst nannte man auch einige Arten der Sepien oder Tintenfische (s.d.) Polypen. – Die ärztliche Kunst versteht unter Polypen gewisse in den Höhlungen des menschlichen Körpers entstehende krankhafte Auswüchse, welche mit einer oder mehren Wurzeln an der innern Fläche, z.B. der Nase, des Schlundes, des Herzens u.s.w. festsitzen, und davon als Nasen-, Schlund- und Herzpolypen bezeichnet werden. Sie bestehen aus einer zähen, fleischartigen, mehr und weniger von Blutgefäßen durchzogenen Masse, sind meist hohl, sehen weißlich, braun oder dunkelroth, entstehen langsam, daher auch die damit verbundenen Beschwerden nur allmälig eintreten und lassen sich nur vertilgen, wenn sie mit der Wurzel ausgehoben oder dicht an derselben unterbunden werden können, wodurch sie absterben.

Quelle:
Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 3. Leipzig 1839., S. 527-528.
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