Die Tyrannen in Ionien und das lydische Reich

[566] Die neue Staatsform scheint zuerst in der ionischen Welt hervorgetreten zu sein; von hier ist wohl der Tyrannenname ausgegangen, mit dem das Königtum jetzt bezeichnet wird. Das Wort, vielleicht ein Fremdwort, bezeichnet den Alleinherrscher so gut wie βασιλεύς und μόναρχος, mit denen es in der Volkssprache völlig synonym gebraucht wird (z.B. Herod. V 44. V 92, 2. 5. [566] III 80ff. u.a.)810. Den Begriff der usurpierten und illegitimen Herrschaft, in dem es von der späteren politischen Theorie ausschließlich verwertet wird, hat es nur dadurch erhalten, daß es im historischen Griechenland eine wirkliche Monarchie, die nicht auf Usurpation beruhte, nicht mehr gab. In der Literatur hat Archilochos das Wort zuerst verwendet: »Nichts liegt mir an Gyges' Reichtum«, läßt er den ehrbaren Zimmermann Charon sagen, »noch strebe ich nach der Macht eines großen Tyrannen.« Mag dabei auch zunächst an den Lyderkönig gedacht sein, so zeigen die Worte doch, daß es zu Archilochos' Zeit bereits usurpierte Königsherrschaften in der griechischen Welt gab. Die engere Beziehung zu Lydien, das Vorbild der glänzenden Hofhaltung zu Sardes mit ihren Schätzen und ihrer Leibwache mag verführerisch gewirkt haben. Im übrigen sind von der Geschichte Ioniens nur so dürftige Trümmer auf uns gekommen, daß ein Bild nirgends zu gewinnen ist. Parteikämpfe gab es hier überall. Seit Handel und Industrie die maßgebenden Faktoren des Lebens geworden sind, war es vorbei mit dem behaglichen Leben der Adligen, wie es die homerischen Gesänge schildern811. In Erythrä wurde die Oligarchie der Basiliden durch den Demos gestürzt (Aristot. pol. V 5, 4), ebenso auf Chios (ib. 11)812; auf Samos wird ein Tyrann Demoteles erwähnt, nach dessen Erschlagung der grundbesitzende Adel, die Geomoren, die Herrschaft wiedergewinnt, bis beim Kampf mit den Megarern um Perinthos (o. S. 419, [567] um 600) die siegreiche Schiffsmannschaft bei der Rückkehr mit Hilfe der gefangenen Megarer die regierenden Geomoren im Rathaus überfällt und niedermacht (Plut. quaest. Gr. 57). Auch der Samier Amphikrates, der mit Ägina Krieg führte (Herod. III 59, o. S. 497), ist wohl ein Tyrann. In Ephesos werden die Basiliden von Pythagoras gestürzt, der eine arge Gewaltherrschaft geübt haben soll. Im 6. Jahrhundert regiert hier ein Tyrann Melas, der eine Tochter des Lyderkönigs Alyattes heiratet; sein Sohn und Erbe Pindaros wird als gerechter Regent gepriesen, bis er den Angriffen der Lyder erliegt. In Milet haben die heftigsten inneren Fehden getobt. Die Gründung von Sinope wird auf die Auswanderung verjagter Bürger zurückgeführt (Scymn. peripl. 950). Dann hat sich, wie das auch anderswo vorkam, ein Oberbeamter (Prytane)813 des Königtums bemächtigt, wahrscheinlich Thrasybulos, der in den letzten Jahrzehnten des 7. Jahrhunderts regierte814. Er gilt den Ostgriechen als der Typus eines Tyrannen, als der Lehrmeister der Tyrannenkunst, der alle hervorragenden Gegner beseitigt (Herod. V 92). Jedenfalls war er ein mächtiger Herrscher, unter dem Milet die höchste Blüte erreichte815. Die Anlage der pontischen Kolonien (o. S. 419ff.) fällt zum großen Teil unter seine Regierung, den Lydern leistete er erfolgreich Widerstand, mit den Herrschern von Korinth, die in Europa die gleiche Stellung einnahmen, verband ihn ein enges Bündnis; auch den Handel mit Italien und die nahe Verbindung mit Sybaris wird er gefördert haben, und manche der großen milesischen Tempelbauten mögen ihm angehören. Dann folgen um so ärgere Wirren. Zwei Generationen lang (Herod. V 28, etwa 590-540) war Milet von den schlimmsten Bürgerkämpfen zerrissen816. Wir erfahren von neuen Usurpationen, [568] von einer Herrschaft der Adelsfaktionen, von erbitterten Kämpfen mit der demokratischen Faktion der Gergithen, in der erst der Demos die Kinder der Reichen, dann die aufs neue siegreichen Aristokraten ihre Gegner auf das grausamste abschlachten. Endlich, wohl schon zur Zeit der persischen Herrschaft, wandte man sich um Vermittlung nach Paros, und eine parische Kommission stellte den inneren Frieden her, indem sie den tüchtigsten Grundbesitzern das Regiment übergab. Das war nur durchführbar in einer Zeit, als die äußere Machtstellung Milets und seine kommerzielle Bedeutung bereits zurückgegangen war.

Mit dem inneren Hader verbindet sich der Kampf gegen die Lyder. Zweifellos haben beide in Wechselwirkung miteinander gestanden; aber unsere dürftige Kunde versagt hier völlig. In der Feldschlacht war das ionische Fußvolk den lydischen Reiterschwadronen, die gleichfalls geschlossen unter Militärmusik, mit langen Lanzen, in den Kampf zogen, vielleicht überlegen (Mimnermos 13 D. Herod. I 17. 79). Aber auf die Dauer konnte der lydische Staat größere Machtmittel einsetzen, und vor allem bildete er eine Einheit den isolierten und miteinander aufs tiefste verfeindeten Griechenstädten gegenüber. Vergeblich forderte der milesische Staatsmann Thales die Ionier auf, einen Einheitsstaat zu schaffen, durch einen umfassenden Synoikismos die politische Leitung in Teos, dem geographischen Mittelpunkt der Landschaft, zu konzentrieren und die Sonderexistenz der einzelnen Städte aufzugeben (Herod. I 170). Der Gedanke war richtig, aber praktisch undurchführbar; die Rückbildung der selbständigen Stadtstaaten zum nationalen Einheitsstaat war unmöglich, Milet, Ephesos, Erythrä und gar Samos und Chios konnten ihre Sonderexistenz nicht aufgeben und zu Dörfern werden, wie die attischen Landgemeinden. Gleich hier, wo zum erstenmal den Griechen ein mächtiger Gegner gegenübertritt, zeigt sich, daß die innere Entwicklung der Nation ihr die Möglichkeit geraubt hat, ihre Selbständigkeit nach außen zu wahren. Andrerseits war für das lydische Reich, wenn es etwas bedeuten wollte, die Einverleibung der Küste eine Existenzfrage. So gingen denn die Dinge ihren Gang. Nicht infolge ihrer Überhebung (Theogn. 1103) oder weil sie verweichlicht [569] oder feige geworden sind, wie die Zeitgenossen schelten (Mimnermos fr. 13) und die Spätern wiederholen, sondern weil sie dem Gegner vielleicht militärisch, aber politisch nicht gewachsen waren, sind die ionischen Städte erlegen.

Bereits Gyges ist in allen drei Flußtälern, welche vom Binnenlande zum Meer führen, gegen die Griechen vorgedrungen, im Hermostale gegen Smyrna, im Kaystertal gegen Kolophon [und Ephesos?], im Mäandertal gegen Magnesia, Priene, Milet (o. S. 426). Kolophon und Magnesia hat er erobert817. Dann kam die Erschütterung des Kimmeriereinfalls. Aber bereits Ardys nahm Priene, das Milet nicht zu schützen vermochte. Seitdem scheint Priene, das trotz einer schweren Niederlage durch die Milesier818 (Aristoteles bei Plut. quaest. Gr. 20 Zenob. VI 12) unter Leitung des Staatsmanns Bias einen großen Aufschwung nahm, eine Hauptstütze der lydischen Herrschaft gewesen zu sein. Ardys' Nachfolger Sadyattes und dessen Sohn Alyattes (etwa 605-560; zur Chronologie o. S. 130f.) setzen den Krieg gegen Milet, wo damals Thrasybul herrschte, eifrig fort. Elf Jahre lang verwüstete das lydische Kriegsvolk die Felder der Milesier und brachte ihnen zweimal eine schwere Niederlage bei. Nur Chios leistete aus alter Freundschaft den Milesiern Hilfe. Aber die Mauern der Stadt konnten die Lyder nicht stürmen und noch weniger den Hafen blockieren. So gab Alyattes den Krieg schließlich auf und begnügte sich mit einem Freundschaftsvertrag. Der Legende nach hat ein Spruch aus Delphi, vielleicht auch Periander von Korinth zur Vermittlung beigetragen. Dafür gewann Alyattes gegen Smyrna vollen Erfolg; vergebens hielt Mimnermos819 seinen Landsleuten das Beispiel der [570] Vorfahren vor. Etwa um 575 wurde die Stadt erobert und zerstört; an der Mündung der Straße von Sardes ans Meer (über Nymphaion) konnten die Lyder keine feindliche Bergfeste dulden. Fortan hat Smyrna bis auf Lysimachos nur als Dorf existiert (Strabo XIV 1, 37 mit falscher Chronologie ). Infolge der frühen Zerstörung sind die Mauern und Gräber von Altsmyrna fast die einzigen Überreste des alten Ioniens, die bis auf uns gekommen sind. Ein Versuch, auch Klazomenä auf der Südseite des smyr näischen Golfs zu erobern, scheiterte. Alyattes' Sohn Krösos hat dann Ephesos an der Kaystermündung erobert, mit dem man bis dahin freundliche Beziehungen gewahrt hatte (o. S. 166, vgl. Nic. Dam. 65); vergeblich suchten die Bewohner sich durch symbolische Verbindung ihrer Mauern mit dem vor den Toren gelegenen, auch von den Lydern hochgeehrten Artemisheiligtum zu retten. Ephesos wurde zwar nicht wie Smyrna vernichtet, aber die Einwohner mußten die feste Stadt im Berglande verlassen und sich um den Artemistempel in der Ebene ansiedeln820, der Tyrann Pindaros in die Verbannung gehen. Die Neuordnung der Verhältnisse scheint zu manchen Wirren geführt zu haben; fünf Jahre lang stand Aristarchos821, aus Athen berufen, mit unumschränkter Gewalt an der Spitze der Gemeinde (um 555). – Die übrigen Griechenstädte scheinen sich ohne größeren Kampf gefügt zu haben. Manche, wie die äolischen Kolonien, sind gewiß schon dem Alyattes untertan gewesen. In Troas wurde die Stadt Sidene822 am Granikos von Krösos zerstört und der Tyrann Glaukias bezwungen. Eine Unterwerfung der Inseln war bei dem Mangel einer Flotte unmöglich. Gleichzeitig hat Alyattes die Kimmerier aus [571] Kleinasien verjagt, die Meder abgewehrt (585 v. Chr.), Karien und die übrigen Stämme des Binnenlandes in Botmäßigkeit gehalten, die thebische Ebene am Südfuß des Ida kolonisiert und hier Adra mytion gegründet, in Bithynien eine Stadt Alyatta, am unteren Rhyndakos inmitten der Propontisküste Daskylion gegründet. So war mit Ausnahme Lykiens das ganze kleinasiatische Festland bis zum Halys dem König von Sardes untertan (vgl. o. S. 167).

Die Unterwerfung der Griechen Kleinasiens hat der hellenischen Nation keinen Schaden gebracht. Es war kein Unglück, wenn an die Stelle blutigen inneren Haders die Oberaufsicht des Königs von Sardes trat, und wenn die Lyder jetzt vermutlich in den Häfen Zölle erhoben und die Griechen ihnen Heeresfolge leisten mußten, so brachte die Fremdherrschaft dafür nicht nur die Einigung, welche aus eigener Kraft nicht zu erreichen war, sondern auch die engste Verbindung mit dem Hinterlande. Seit Jahrhunderten hatten die Kulturen der Griechen und ihrer kleinasiatischen Nachbarn in reger Wechselbeziehung gestanden: jetzt beginnen sie zu verschmelzen. Die griechische Kunst, die griechische Religion, ja die griechische Sprache findet Eingang in Lydien: im 5. Jahrhundert (um 440/30) schreibt der Lyder Xanthos die Geschichte seiner Heimat in griechischer Sprache; seine Fragmente zeigen, wie sehr er in griechischen Anschauungen wurzelt. Griechische Diplomaten, Kaufleute, Künstler treten mit dem Hofe von Sardes in Verbindung. Nicht nur die Waren, sondern auch die Anschauungen werden hier ausgetauscht. Eifrig huldigen die Lyderkönige der griechischen Religion. Mit Delphi steht die Mermnadendynastie schon seit ihrer Thronbesteigung in naher Verbindung, Gyges, Alyattes, Krösos haben reiche Weihgaben, Arbeiten griechischer Künstler, dorthin gestiftet, Krösos hat alle griechischen Orakel reich beschenkt. Im Gebiet von Milet baute Alyattes der Athena von Assessos zwei Tempel, zum Bau des Artemistempels in Ephesos hat Krösos goldene Kühe und die meisten Säulen beigesteuert – Bruchstücke von ihnen sind noch erhalten823. [572] Die Gestalt des Krösos, der in der Erinnerung der Griechen seine Vorgänger absorbiert hat, ist mit dem geistigen Leben Griechenlands im 6. Jahrhundert untrennbar verbunden.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 41965, Bd. 3, S. 566-573.
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