Griechenland im siebenten Jahrhundert

[492] Mit der Kolonisation beginnt die Teilnahme der griechischen Nation an der Entwicklung der Weltgeschichte. Mächtig ist sie zwischen die alten Kulturvölker hineingetreten. Um das J. 630 v. Chr. erstreckt sich ihr Gebiet von den Küsten des Schwarzen Meers bis nach Sizilien und Kampanien, ja bis zum Libyerlande in Afrika, und noch schreitet sie stetig auf dem betretenen Wege weiter fort. Aus den kulturell und wirtschaftlich unentwickelten Gebieten zieht der griechische Handel ungeheuren Gewinn. Die Erzeugnisse der einheimischen Industrie werden abgesetzt, die Rohprodukte, Metalle, Getreide, Sklaven, Vieh usw. dafür gewonnen. Weit über die okkupierten Gebiete hinaus erstreckt sich der Bereich des griechischen Verkehrs. Bereits zu Alkmans Zeit kennt man in Sparta venetische Rosse (1, 50 Diehl); die Gründungssage von Kyrene erzählt von einem samischen Kaufmann Kolaios, der auf der Fahrt nach Ägypten hierher verschlagen und dann durch den Sturm weit ins Westmeer hinausgetrieben wird durch die Säulen des Herakles bis nach Tartessos; unermeßliche Reichtümer bringt er von hier nach Hause (Herod. IV 152). Bald beginnen die Phokäer regelmäßige Handelsverbindungen mit der Polandschaft und den Küsten des Westmeers anzuknüpfen (u. S. 634ff.). Wie die Stämme Italiens erfahren die Libyer, die Skythen und Thraker die Einwirkung der Griechen, kaufen ihre Waren und öffnen ihren Kaufleuten den Weg zu den Königshöfen des Binnenlandes. Auch mit dem Orient wird die Verbindung wieder enger. Diese Entwicklung hat das Gefühl der nationalen Einheit lebendig gemacht, welches die Gemeinsamkeit in Sprache, [492] Sitte und Religion geschaffen, Dichtung und Sage gezeitigt hatten. Durch die engere Verbindung der Stämme in Handel und Kolonisation, durch den Gegensatz gegen die Fremden tritt es ins Bewußtsein. Mit dem Barbarennamen zusammen ist im 7. Jahrhundert der Name der »Allhellenen« entstanden738. Sein Ursprung liegt im Dunkeln. Seine Heimat ist die Landschaft Hellas, das südliche Thessalien739, seine Verbreitung hat er wohl zunächst durch die Dichtung erhalten, welche Hellen den Sohn des Deukalion, des Urmenschen, der allein die große thessalische Flut überlebt hat, als ältesten Ahnen nicht nur der Äoler, sondern aller Griechen betrachtet. Das Bedürfnis nach einem gemeinsamen Namen hat dieser Anschauung allgemeine Verbreitung verschafft und bald auch die kürzere Bezeichnung Hellenen zum Gesamtnamen aller griechisch redenden Stämme gemacht – nur die isolierten Makedonen blieben davon ausgeschlossen. Die genealogische Dichtung ordnet dem Hellen zunächst die Eponymen der Achäer des Epos und der Äoler, Ionier, Dorier Kleinasiens unter, deren Stammesgenossen ja auch in Europa weithin verbreitet sind. An diese sind dann wieder die Ahnen der entlegeneren Stämme angeschlossen. So ist der Schein entstanden, als zerfalle die hellenische Nation in vier große einheitliche Hauptstämme.

Während die Phöniker ohne Kampf Schritt um Schritt vor den Griechen zurückweichen und ihre Faktoreien räumen, ist die politische und kommerzielle Verbindung Griechenlands mit dem Orient immer reger geworden. Griechische Kaufleute verkehren in den Phönikerstädten und im Niltal, griechische Söldner dienen in den Heeren des Pharao und des Lyderkönigs, in Kilikien sind [493] griechische Scharen mit den Heeren des assyrischen Großkönigs zusammengestoßen. Wieder wie in der mykenischen Zeit treten die Griechen in den Zusammenhang einer weltumfassenden internationalen Politik. Aufs neue ergießt sich ein Strom orientalischen Einflusses auf die griechische Welt. Die Kultur des Ostens und seine Götter, die Wunder des Niltals werden den Griechen bekannt, ägyptische Kunsttypen werden von den Ansiedlern in Ägypten und von den Kyrenäern übernommen und weitergebildet, vor allem aber tritt der assyrische Einfluß, wie in der phönikischen und kyprischen, so auch in der griechischen Kunst maßgebend hervor (vgl. o. S. 344.). In diesem gesteigerten Verkehr haben die Griechen die Maße übernommen, welche seit uralter Zeit den Handel im Orient beherrschen. Vielleicht sind auch die Maße der homerischen Zeit schon vom Orient abhängig, das »Maß« (μέτρον) für Trockenes und Flüssiges, und das »Gewicht« (τάλαντον). Das Goldgewicht von geringer Größe, das bei Homer als Wertmesser und Ehrenpreis erscheint (Ψ 269. 751), scheint sich bis in späte Zeiten erhalten zu haben (Pollux IV 173. IX 53, im Wert von 3 attischen χρυσοῖ, 25,8 g, vgl. Boeckh, Staatshaushalt I 39f.); es mag ein Äquivalent des babylonischen Kupferpfundes gewesen sein. Aber erst im 7. Jahrhundert ist das aus Babylonien stammende, in ganz Vorderasien herrschende Gewichtssystem, welches das Pfund (τάλαντον) in 60 Minen (μνᾶ), diese in 50 »Gewichte« (šeqel, σίγλος, übersetzt στατήρ) teilt, den Griechen bekannt geworden; die Kolonisten in Italien und Sizilien kennen es noch nicht, sondern gebrauchen an seiner Statt ausschließlich das einheimische Kupferpfund740 (libra, λίτρα) mit seiner Zwölfteilung (uncia, sizilisch οὐγκία; weiteres darüber siehe Aristoteles bei Pollux IV 174. IX 80. 81). Überall sonst in der Griechenwelt ist das asiatische System durchgedrungen; durch Einführung des Hundertstels der Mine, der Drachme (»die Handvoll«), und seines Sechstels, des Obolos (»Spieß«, d.i. der Kupfer- oder Eisenbarren), haben sie es weiter vervollkommnet. Nur in Korinth wird statt [494] dessen der Stater in Drittel und Sechstel eingeteilt. Wie bei den Längen- und Hohlmaßen ist auch bei den Gewichten der Fuß im einzelnen vielfach verschieden, teils durch zufällige Differenzierung, welche sich auch bei ursprünglicher Gleichheit des Systems von Ort zu Ort ergibt, teils dadurch, daß die verschiedenen orientalischen Systeme miteinander konkurrierten. So scheint im Peloponnes von Anfang an das phönikische System festen Fuß gefaßt zu haben, während in Ionien und auf Euböa der Einfluß Kleinasiens, speziell wohl der Lyder, vorherrschte741.

Der Schutz des Handels erfordert die Schaffung einer Kriegsflotte. Selbst die kontinentalen Staaten können sich dieser Forderung nicht entziehen. In Athen bildet man eine Seewehr, indem man jede Phyle in zwölf Distrikte, Naukrarien, teilt (o. S. 288), deren jeder ein Schiff zu stellen hat. Danach mag man die Stärke der Kriegsflotte von Korinth, Chalkis, Milet ermessen. Auf den Dipylonvasen sind mehrfach bereits Seekämpfe dargestellt. Der Schiffsbau schreitet über die offenen Fünfzigruderer hinaus. Zuerst in Korinth ist man zu Ende des 8. Jahrhunderts zu Kriegsschiffen mit drei Ruderreihen übereinander742 und einem Verdeck, von dem aus die Hopliten kämpfen, übergegangen: vier solche [495] Schiffe hat um 700 der korinthische Schiffsbaumeister Ameinokles den Samiern gebaut (Thuk. I 14). Dies Beispiel zeigt zugleich die neue Gruppierung der Seemächte. Die kommerziellen Interessen durchbrechen die alten Schranken der Stammverwandtschaft. Die Dorier von Korinth, mit ihren Nachbarn von Argos und Megara tief verfeindet, stehen mit den Ioniern von Samos und Chalkis in engem Bündnis, die Megarer suchen bei Milet Anschluß. Weit über sein Kolonialgebiet hinaus strebt jeder Seestaat Verbindungen anzuknüpfen. Milet tritt in enge Beziehungen zu Sybaris (Herod. VI 21), vertreibt von hier aus seine Waren, namentlich wollene Gewänder und Decken, auf dem Landweg an die Etrusker (Timäos fr. 60) – die Annahme, daß Chalkis und Korinth ihm den Seeweg durch die Straße von Messina sperrten, ist sehr wahrscheinlich – und importiert dafür vermutlich vor allem Getreide. Samos soll die Spartaner im Messenischen Kriege unterstützt haben (Herod. III 47) und war mit Kyrene eng befreundet (Herod. IV 152), Chios, Teos, Mytilene u.a. werden blühende Handelsstädte, obwohl sie wenig oder gar nicht an der Kolonisation beteiligt sind. Neben ihnen beginnt Phokäa hervorzutreten. Auf europäischer Seite gelangt neben den alten Seestaaten des Saronischen Golfs Ägina zu steigender Bedeutung. Das kleine Felseneiland gehörte ursprünglich den Epidauriern (Herod. V 83), die hier, wie der Name zu zeigen scheint, ihre Ziegen weideten. Die Gunst der Lage im Zentrum des Golfs inmitten der rivalisierenden Küstenstaaten hat die unfruchtbare und hafenlose, rings von Klippen umgebene Insel in einen seegebietenden Handelsstaat verwandelt743. Schiffe werden gebaut, vor dem flachen Strande der Stadt Hafendämme ins Meer geworfen, eine reiche Industrie entwickelt sich namentlich in Töpferwaren und Erzguß sowie in Galanteriewaren (Ephoros bei Strabo VIII 6, 16). Seit dem Ende des 7. Jahrhunderts etwa gehören die Ägineten zu den reichsten Kaufleuten von ganz Hellas (Herod. IV 152). Die Oberhoheit [496] von Epidauros wird abgeschüttelt, mit allen Nachbarstaaten liegen die Ägineten in Fehde, namentlich mit Athen und Korinth (vgl. Herod. VI 89); wenn uns berichtet wird, daß die Samier unter König Amphikrates gegen Ägina zu Felde zogen und erbittert mit ihm kämpften (Herod. III 59), so ist das gewiß eine Wirkung der Freundschaft zwischen Korinth und Samos. Mit den ferner liegenden Staaten pflegen die Ägineten dagegen gute Beziehungen, so mit Argos und Theben (Herod. V 80. 86. VI 92); mit Arkadien sollen sie von dem elischen Hafen Kyllene aus in Verbindung getreten sein (Pausan. VIII 5, 8). Dem entspricht es, daß, während die Ilias Ägina nicht erwähnt und selbst der Schiffskatalog es als Annex des Reiches von Argos behandelt (B 562), in den jüngeren Epen die Insel eine große Rolle spielt. Bei Hesiod sind Thebe und Ägina Schwestern, Töchter des Asopos (vgl. Herod. V 80); Aiakos, der Ahnherr des Achilleus (und nach späterer Sage des Aias), mit seinen Myrmidonen wird hierher versetzt, die Ägineten gelten als die ältesten Schiffsbauer und Seefahrer (Hesiod fr. 76 Rzach).

So entsteht durch den Handel ein größerer Zusammenhang einer allgemeinen Politik. Als zwischen Chalkis und Eretria der Krieg ausbrach, trat die ganze Griechenwelt zu beiden Seiten des Ägäischen Meeres in zwei Parteien auseinander (Thuk. I 15). Seinen Ursprung hat der Kampf in einer Adelsfehde um den Besitz der fruchtbaren zwischen beiden Städten liegenden Lelantischen Ebene genommen; aber er wurde ein Krieg der rivalisierenden Handelsinteressen um die Vormacht. Korinth und Samos stehen auf seiten von Chalkis, ihre Rivalen Milet, Megara, Ägina unterstützen die Eretrier. Wenn Samos Ägina angreift (s. oben) und Megara die Samier bei der Gründung von Perinthos befehdet (o. S. 419), sind das offenbar Fortsetzungen des großen Kriegs; auch in dem Gegensatz von Sybaris, der Freundin Milets, und Kroton spiegelt er sich wider. Um die Mitte des 7. Jahrhunderts stand er auf seinem Höhepunkt; auch die Kolonisten in Thrakien und die thessalischen Ritter leisten den Chalkidiern Zuzug744. Die [497] Ritterlichkeit des Kampfes preist Archilochos (o. S. 322), als die tapfersten Griechen nächst den Argivern bezeichnet ein Spruch dieser Zeit die Chalkidier (vgl. u. S. 502). »Die mutschnaubenden Abanten« nennt der Schiffskatalog die Bewohner Euböas; er rühmt ihr langes Haar, ihre Schnelligkeit, ihre Übung im Lanzenkampf (B 536ff.). Ein im Tempel der amarynthischen Artemis aufgezeichneter Vertrag soll die Satzungen des Ritterkampfs festgestellt, den Gebrauch von Fernwaffen untersagt haben. Aber in seinem Ausgang verflicht sich der Krieg mit den Ständekämpfen. Das Volk erhebt sich gegen die adligen Herren. »Weh über die Feigheit«, ruft ein korinthischer Adliger (Theognis 891), »Kerinthos ist gefallen, das Weinfeld von Lelantos wird verwüstet, die Braven fliehen, die Schlechten verwalten die Stadt; möchte Zeus so der Kypseliden Geschlecht vernichten!« Vielleicht gehört eine Erzählung, daß die verjagten Demokraten von Eretria aus in Chalkis eindringen und die Adligen bewältigen, in diesen Zusammenhang (Aen. tact. 4). Jedenfalls hat der Krieg mit dem Siege von Chalkis geendet. Eretria verliert fortan alle Bedeutung745; mit dem Besitz der Lelantischen Ebene geht die Vorherrschaft auf Euböa wie im thrakischen und im westlichen Kolonialgebiet auf Chalkis über. Doch hat auch Chalkis die Folgen des Kriegs nie verwunden. Im 6. Jahrhundert gehört die Glanzzeit Euböas bereits der Vergangenheit an, es wird von Korinth und Ägina weitaus überflügelt.

Auch die Kontinentalstaaten verharren nicht mehr in Isolierung. Über Nordgriechenland freilich versagen unsere Quellen, obwohl das Vordringen der Thessaler nach Süden, das zu erbitterten Kämpfen mit den Phokern führt (o. S. 266), und die pyläische Amphiktionie (o. S. 327), deren Entstehung dieser Zeit angehören dürfte, auf allgemeinere Bewegungen hinweisen. Klarer sehen wir im Peloponnes. Wie das olympische Fest, an dem schon im 7. Jahrhundert nicht nur Peloponnesier und Athener, sondern auch Griechen aus Kleinasien, Sizilien, Unteritalien, Thessalien teilnehmen, einen kulturellen, so schafft der Gegensatz gegen die [498] erobernden Staaten Sparta und Elis einen politischen Zusammenhang. Als um die Mitte des 7. Jahrhunderts die Messenier den Versuch machten, das spartanische Joch abzuschütteln, kam es zu einem allgemeinen Krieg. Die Pisaten unter ihrem König Pantaleon, Sohn des Omphalion, empörten sich gegen Elis und machten mit den Messeniern gemeinschaftliche Sache. Um die Mitte des 7. Jahrhunderts, seit Ol. 26 (676), 28 (668) oder 30 (660) haben die Pisaten den Eliern die Leitung der Olympischen Spiele entrissen und lange Jahre behauptet746. Das ist die Zeit des Zweiten Messenischen Kriegs. Denn aus Tyrtäos wissen wir, daß die Enkel der Eroberer Messenes ihn geführt haben, also wohl die Könige Anaxandros und Anaxidamos (Paus. IV 15, 3), die etwa um 650-620[499] regiert haben mögen747. Die Arkader unter König Aristokrates von Orchomenos748, der seine Oberherrschaft weit über Arkadien ausgedehnt hatte, kamen den Aufständischen zu Hilfe, ebenso die Argiver; zwischen Sparta und Argos dauerte die Fehde um die kynurische Küste ununterbrochen749. Ebenso hatten die Elier mit [500] den Achäern von Dyme zu kämpfen (Africanus zu Ol. 28), während Sparta bei Samos Unterstützung gefunden haben soll (Herod. III 47). Dazu kamen innere Wirren in Sparta. Der Rückschlag, den der Verlust des reichen Fruchtlandes herbeiführte, wurde aufs schwerste empfunden; ungestüm erhoben die Verarmten den Ruf nach Landaufteilung (Tyrt. bei Arist. pol. V 6, 2, vgl. Pausan. IV 18, 1). Dazu kamen schwere Niederlagen (Tyrt. 8, 9, Diehl), die mehrfach eine fast verzweifelnde Stimmung erzeugt zu haben scheinen. In dieser Not hat der Sänger Tyrtäos, angeblich ein Athener aus Aphidnä, die Spartaner durch seine mannhaften Kriegsgesänge zum Kampf angefeuert, den inneren Hader beschwichtigt, vor allem aber durch die Flötenmusik und das Schlachtlied die Geschlossenheit des Heeres geschaffen (u. S. 515). Schließlich erfochten die Spartaner am »Großen Graben« einen entscheidenden Sieg, angeblich durch den Verrat des Arkaderkönigs Aristokrates – das soll den Sturz des Königtums in Arkadien zur Folge gehabt haben. Damit war das Schicksal der Ebene entschieden; nur im äußersten Norden ihres Gebiets auf der Bergfeste Eira, hoch über dem Nedatal, hielten sich die Messenier noch jahrelang. Mit dem Fall von Eira war der Krieg beendet. Einzelne Reste der Messenier flüchteten ins Ausland, so nach Rhodos, wo das Geschlecht der Diagoriden von einer Tochter ihres Helden Aristomenes abgeleitet wird750, andere nach Arkadien (Polyb. IV 33) und vielleicht nach Unteritalien. Die große Masse mußte sich dem Sklavenjoch wieder fügen. Der Hauptteil des Landes, die Pamisosebene und der Westen, wurde unter die Spartiaten verteilt, an der Südküste dagegen, die des Handels und Küstenschutzes wegen nicht als Ackerland aufgeteilt werden konnte, wurden die alten Orte in Periökenstädte verwandelt und vielleicht zum Teil mit lakonischen Untertanen besiedelt751. Auch die Elier haben schließlich ihre Herrschaft über Pisa wiederhergestellt.

Während dieser Kriege hat Sparta mit wechselndem Erfolg mit Argos um den Besitz der kynurischen Landschaft gekämpft. [501] Was von einzelnen Episoden des Kriegs und von gleichzeitigen Angriffen der Spartaner auf Tegea erzählt wird, das dann von den Argivern unterstützt und gerettet sei, hat keine Gewähr und beruht zum Teil auf Vordatierung weit späterer Ereignisse. Doch ist nicht zu bezweifeln, daß die Bewohner der ostarkadischen Hochebene mit Argos gegen die spartanischen Übergriffe zusammengingen. Wie die Messenier bei Argos, so fanden die argivischen Landstädte, Nauplia und die Dryoperstadt Asine, bei Sparta Unterstützung, und als die beiden Orte von Argos erobert und zerstört wurden, haben die Spartaner die verjagten Einwohner an der messenischen Küste in Mothone und einem neuen Asine angesiedelt752. Eine Niederlage der Spartaner bei Hysiä, an der Grenze des argivischen und tegeatischen Gebiets, wird, vielleicht annähernd richtig, ins Jahr 669/8 gesetzt (Pausan. II 24, 7)753. Diese Angaben zeigen, daß auch Argos Erfolge aufzuweisen hatte. Dieser Zeit wird die Unterwerfung des ganzen Inachosgebiets, die Umwandlung der Landstädte in Periökengemeinden (Orneaten, oben S. 257f.), angehören. Ein gleichzeitiger Spruch bezeichnet die »Argiver im Linnenpanzer, die Stachel des Krieges, die zwischen Tiryns und Arkadien wohnen«, als die tapfersten aller Griechen, mehr noch als die Männer von Chalkis (Anthol. pal. XIV 73 usw.). Wahrscheinlich sind diese Erfolge das Werk des Königs Pheidon. Pheidon von Argos ist die älteste Gestalt der griechischen Geschichte, deren Taten in der Tradition lebendig geblieben sind. Zweierlei weiß Herodot von ihm zu berichten, daß er das peloponnesische Maßsystem geschaffen und daß er der ganzen Griechenwelt den größten Schimpf angetan habe, indem er den Eliern den [502] Vorsitz bei den Olympischen Spielen entriß. Die für seine Zeit überlieferten Ansätze differieren um volle drei Jahrhunderte. Daß das Pheidonische Maßsystem in Athen von Solon abgeschafft wurde, beweist, daß er geraume Zeit vor 600 v. Chr. gelebt haben muß; die Angabe über Olympia, daß er in eine Zeit gehört, als die Olympischen Spiele schon ihren lokalen Charakter verloren hatten und allgemeines Ansehen genossen, also nach 700 v. Chr. Dann wird es sehr wahrscheinlich, daß er in die Zeit zu setzen ist, wo Pisa und Messene gegen Elis und Sparta kämpften, daß er mit den Pisaten zusammen den Eliern die Leitung des olympischen Festes entriß. Er wird die Seele der großen Koalition gegen die beiden erobernden Staaten gewesen sein. Ephoros hat erzählt, er habe das ganze »Los des Temenos« noch einmal unter seiner Herrschaft vereinigt, und in der Tat ist es möglich, daß Ägina ihm untertan war. Die Späteren berichten auch von einem freilich vereitelten Handstreich gegen Korinth. Unter ihm ist Argos noch einmal die Vormacht des Peloponnes gewesen. Das spricht sich am deutlichsten darin aus, daß die Maß- und Gewichtsordnung des Pheidon auf der ganzen Halbinsel eingeführt ist, mit Ausnahme von Korinth, das sich seine Selbständigkeit den Kontinentalmächten gegenüber wahrte und vielmehr an Euböa anschloß. Auch in Attika und weithin in Mittelgriechenland (Böotien, Phokis, Thessalien) haben Pheidons Maße Eingang gefunden, ebenso, wenn auch vielleicht nicht gleich zu Anfang, in Ägina. Da Ägina alsbald die wichtigste Handelsstadt dieses ganzen Gebiets wurde, wird das Pheidonische System später gewöhnlich als das äginetische bezeichnet. Seine Normen sind vielleicht durch eine Reduktion aus den phönikischen Maßen hervorgegangen. – Pheidons Nachkommen haben seine Errungenschaften nicht behauptet. Allmählich gewinnt der spartanische Kriegerstaat das Übergewicht, zu Anfang des 6. Jahrhunderts gehört Kynuria und die Insel Kythera den Spartanern (Herod. I 82), unter Pheidons Enkel Meltas ist das argivische Königtum gefallen, d.h. in ein Schattenkönigtum umgewandelt (Pausan. II 19) – denn als solches bestand es noch zur Zeit der Perserkriege.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 41965, Bd. 3, S. 492-503.
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