Militärische Entwicklung. Das Bürgerheer. Der spartanische Kriegerstaat

[512] Im Adelsstaat zog der Adlige an der Spitze seiner Mannen in den Kampf, zu Wagen oder zu Roß, so daß er ungeschwächt in die Schlacht gelangt. Er sucht sich die ebenbürtigen Gegner, seine Tapferkeit, seine Ausbildung, seine Waffen bringen die Entscheidung,[512] er verläßt sich lediglich auf seine Kraft und vielleicht auf die eines treuen Genossen. Die ungeordneten Massen des Fußvolks wirken fast nur wie der Ballast im Schiff. Erst ganz allmählich erkennt man, welche Kraft gegenüber dem einzelnen Kämpfer einem Haufen auch wenig geübter und schlechtbewaffneter Krieger innewohnt, wenn sie fest zusammenhalten. In der Ilias sehen wir die Heerordnung sich allmählich entwickeln; Nestor, der erfahrene Krieger, stellt die Wagen voran, dahinter als festen Halt die Reihen des Fußvolks, die Feigen in die Mitte, die Tapfern auf die Flanken (Δ 297ff.); das Anrücken der geschlossenen Schlachtreihen wird vielfach beschrieben (Δ 427ff., II 215ff., N 126ff.). Man kehrt zu der alten Ordnung des Aufgebots nach den Blutsverbänden und Genossenschaften zurück, die sich an manchen Orten, wie auf Kreta, in Sparta, in Athen, immer erhalten hat: »Ordne die Mannen nach Phylen und Phratrien, daß Phratrie der Phratrie beistehe, Phyle den Phylen«, sagt Nestor (B 362). Die Gefahr, welche es bringt, wenn der Einzelne sich in alter Weise weit vorwagt und dadurch die Ordnung zerreißt, wird empfunden; Nestor gebietet seiner Reiterei, geschlossen zu bleiben und womöglich mit der Lanze vom Wagen herab zu kämpfen, nicht hinunterzuspringen (Δ 303), nicht auf Beute, sondern auf Kampf bedacht zu sein (Z 67). Aias hält beim Kampf um Patroklos' Leiche die Verteidiger zusammen und verbietet das προμάχεσϑαι (P 357). Mit dem Einzelkampf tritt die Bedeutung des Schwertkampfes zurück; die geschlossene Wucht der Lanzen entscheidet. Sobald es gelingt, das lanzenbewaffnete Fußvolk einigermaßen zusammenzuhalten, zeigt sich auch seine Überlegenheit über die Reiterei, die ihm trotz aller Tapferkeit nicht gewachsen ist. Damit aber wird die Stellung des Adels an der Wurzel getroffen. Die adlige Reiterei geht ein, an ihre Stelle tritt das geschlossene Bürgerheer, die Phalanx der Hopliten.

Diese Entwicklung hat sich zuerst in Sparta vollzogen. Der spartanische Staat ist der einzige griechische Staat der historischen Zeit, der durch Eroberung entstanden ist759, dessen Lebenselement [513] Krieg und Eroberung bilden760. Ununterbrochen haben die Herren des »hohlen Lakedaimons«, des wasserreichen Eurotastals und der fruchtbaren Abhänge des Parnon und Taygetos ihr Gebiet erweitert, die Küstenstädte unterworfen, den Arkadern (o. S. 408) und Argivern (o. S. 503) einen Landstrich nach dem andern entrissen, das messenische Fruchtland erobert und in schweren Kämpfen behauptet. Während die Bauern zu Leibeigenen gemacht werden, von deren Abgaben die Bürgerschaft lebt, hat diese die ältesten Ordnungen des griechischen Stammeslebens bewahrt und weitergebildet. Sie drängen mit Notwendigkeit zu fortwährenden Eroberungen; nur dadurch ist es möglich, der wachsenden Bevölkerung immer aufs neue Landhufen zuzuweisen und damit das gemeinsame Leben im Zentrum des Landes, in den fünf Dorfgemeinden, aus denen Sparta besteht, zu erhalten. Daher führt die Not des messenischen Aufstands sofort zu inneren Unruhen, zu dem Ruf nach Landaufteilung (o. S. 501). Die harten ununterbrochenen Kriege haben die neue Gestaltung des Heerwesens erzeugt. In den Gedichten des Tyrtäos sehen wir sie in voller Entwicklung. Die Reiterei ist gänzlich verschwunden; ein Korps von dreihundert Reitern besteht zwar auch später noch (o. S. 296)761, aber es ist die Elite des Fußvolks, nicht nach dem Adel oder dem Besitz, sondern nach der persönlichen Tüchtigkeit aus der jungen Mannschaft ausgewählt. Tyrtäos' Ermahnungen richten sich durchweg an die vollbewaffneten Hopliten. Den Tod nicht zu scheuen, fest zusammenzuhalten, in der vordersten Reihe (unter den πρόμαχοι) zu kämpfen, fest dem Feinde gegenüber stehenzubleiben, durch den Schild gedeckt, die Lanze in der Rechten schwingend, das sind die Mahnungen, die immer aufs neue wiederholt werden (fr. 6-9 Diehl). Durch ihre Befolgung wird auch für den Einzelnen die Gefahr verringert, die Masse des Heeres [514] gerettet (8, 11ff. Diehl). Zwischen den Hopliten kennt Tyrtäos auch Leichtbewaffnete (γυμνῆτες 8, 35), vielleicht Heloten, die sich unter den Schilden der Hopliten decken und Feldsteine und Speere auf die Feinde schleudern (vgl. o. S. 258). Man sieht, die Geschlossenheit der Phalanx, in der jeder seinen festen Platz hat und dem Kommando unweigerlich gehorcht, ist noch nicht erreicht; aber sie ist im Werden. Die Bedeutung des Tyrtäos beruht wesentlich darauf, daß seine Kompositionen und Marschlieder die Einordnung des einzelnen Mannes in den festen taktischen Verband herbeiführen. Wo es zunächst darauf ankommt, geschlossen zu marschieren und zu kämpfen, ist der Musiker der beste General762.

Im 6. Jahrhundert ist die Entwicklung vollendet, die militärische Disziplin voll durchgeführt. Das spartanische Heer kann alle einfachen taktischen Bewegungen mit Sicherheit ausführen; in der Schlachtordnung bildet es eine einheitliche Phalanx, in der alle Abteilungen (λόχοι) dicht nebeneinander aufmarschieren. In langsamem, aber festgeschlossenem Anmarsch unter Flötenmusik rückt das Heer gegen die feindliche Linie vor, und nicht selten wird diese schon dadurch geworfen, oft genug ohne daß es zum Handgemenge kommt: der Schrecken wirft die lose gefügten Haufen. Der Einzelkampf ist völlig geschwunden, ebenso die Reiterei. Auch die Leichtbewaffneten spielen kaum noch eine Rolle. So sehr ist man sich der Bedeutung des mit schweren Mühen erreichten taktischen Verbandes bewußt, daß man die Verfolgung der geschlagenen Feinde unterläßt, um den Zusammenhang nicht zu zerreißen763. Die Ausbildung für das Kriegsheer, die Einübung [515] des Exerzierreglements, die unerbittliche Durchführung der Disziplin sind fortan die Hauptaufgabe des Staats, ihre Vorschriften bilden den Inbegriff der »Ordnung« (κόσμος, νόμος), der die Spartaner gehorchen764. Für ihre Zwecke wird die gemeinsame Erziehung der »Knabenherden«, das Zusammenleben in den Tisch- und Zeltgenossenschaften umgewandelt. Sparta trägt den Charakter einer Lagerstadt. Jederzeit muß jeder Bürger bereit sein, dem Marschbefehl zu folgen. Wer sich feige zeigt, verliert sein Bürgerrecht (Thuk. V 34) so gut wie der, welcher seine Beisteuer zu den Syssitien nicht liefert.

Daß diese Entwicklung sich nicht ohne lebhafte politische Kämpfe vollzogen hat, liegt auf der Hand, wenn auch die Angabe, daß schon vor Tyrtäos Ter pandros von Lesbos zur Beschwichtigung innerer Kämpfe gewirkt habe, schwerlich geschichtlich ist (u. S. 545). Die alte Kampfweise beruhte auf dem Standesunterschied, der neuen gelten alle Bürger gleich, welche sich eine volle Rüstung anschaffen können, sie berücksichtigt nur die persönliche Tüchtigkeit. Ein Staat, dessen Träger das Hoplitenheer ist, muß notwendig eine demokratische Gestalt annehmen. Es ist eine Entwicklung wie in den Schweizer Urkantonen. Die Ansätze eines Adels, soweit sie vorhanden waren, schwinden völlig; die Zucht edler Rosse für die Rennspiele, die eifrig betrieben wird, ist ein Luxus der Reichen und dient nicht mehr militärischen Zwecken. Die Vorzüge des Reichtums verlieren ihre maßgebende Bedeutung. »Zuerst haben die Spartaner den Kleiderluxus der älteren Zeit aufgegeben«, sagt Thukydides (I 6), »und auch im übrigen haben hier die Vermögenden ihre Lebensführung der Masse gleichartig gestaltet.« Der Durchführung der Disziplin entspricht es aber, daß in Sparta, ähnlich wie in Rom, nicht sowohl die Volksversammlung als vielmehr die erwählten Organe des Volks, der Rat [516] der Alten und die Ephoren, immer größere Bedeutung gewinnen. Die Könige sind zwar souverän, aber die Volksversammlung hat in letzter Instanz die Entscheidung; sie tritt allmonatlich zusammen, sie wählt die lebenslänglichen Ratsherren und alljährlich die fünf Ephoren. Aber jede Initiative fehlt ihr, sie hat lediglich durch Zuruf über Annahme oder Ablehnung einer Vorlage zu entscheiden, auch haben die Könige unter Zustimmung des Rats das Recht, eine ihnen verkehrt dünkende Entscheidung zu verwerfen. An die Spitze der demokratischen Bewegung scheint das jüngere der beiden Königshäuser, das der Eurypontiden, getreten zu sein, dem ja auch Theopomp, der Eroberer Messeniens, angehörte; seine Könige tragen fortan Namen wie Archidamos, Zeuxidamos, Anaxidamos, Damaratos, während die Herrscher aus dem älteren selbstherrlichen Agiadenhause wohl in bewußtem Gegensatz dazu sich Eurykrates, Anaxandros, Eurykratidas, Anaxandridas nennen; sie herrschen über die Mannen und das Land, die Eurypontiden sind die Führer des Volks.

Durch das Sparta des 7. Jahrhunderts geht, soweit wir es kennen, ein großer, frischer Zug. Noch ist die Bürgerschaft nicht in starre Formen eingeschnürt; die Gegensätze haben Leben und Bewegung. Von einer ängstlichen Abschließung gegen das Ausland ist keine Rede. Wie Sparta an der Kolonisation teilnimmt, finden fremde Sänger gastliche Aufnahme, das ionische Epos, die äolische Musik dringen ein, eine eigene Literatur entwickelt sich (Alkman, Kinäthon), an den Festen entfaltet sich ein reiches und heiteres Leben. Der Einzelne ist noch nicht auf Schritt und Tritt behindert. Wir sehen ihn auf seinem Gute schalten und das Leben genießen; das Zusammenleben ist kein Zwang, keine unverbrüchliche Satzung (vgl. Alkman fr. 71. 49. 37. 55. 56 Diehl und den Spruch μέγα γείτονι γείτων fr. 108, Theogn. 879. 785). Allmählich aber werden alle Lebensverhältnisse mehr und mehr einer festen Ordnung unterworfen. Die Zahl der Vollbürger ist beschränkt und kann nicht erweitert werden. Selbst wenn es zur Zeit der Perserkriege 8000, ja vorher sogar 10000 Spartiaten gegeben haben sollte (Herod. VII 234. Aristot. pol. II 6, 12), bildeten sie doch der Masse der Leibeigenen gegenüber eine fast verschwindende Minderzahl, [517] und die Kriege und die Geschlossenheit der Bürgerschaft hindern ihre Vermehrung. So nimmt der spartiatische Demos dem Lande gegenüber die Stellung einer Oligarchie, einer Adelsherrschaft ein765. Je größer das Gebiet ist, das er beherrscht, desto schwerer läßt sich seine Stellung ohne Gewaltmaßregeln behaupten, desto notwendiger wird die Konzentrierung und Disziplinierung der herrschenden Bürgerschaft. Die kleinen und isolierten Periökenstädte bringen wenig Gefahr; aber den Heloten gegenüber ist eine scharfe Kontrolle, die vor brutalen Zwangsmaßregeln nicht zurückschreckt, unvermeidlich (κρυπτεία)766. Ebenso mißtrauisch wird man gegen die Einflüsse der neuen Strömungen in der Außenwelt, zumal seitdem man sieht, zu welchen Erschütterungen sie überall in Griechenland führen. So beginnt sich Sparta systematisch gegen die Fremde abzuschließen. In älterer Zeit mag auch der Spartiate sich an Handelsgeschäften beteiligt haben; jetzt wird es ihm verboten wie den römischen Senatoren und den Nobili in Venedig. Die neue Erfindung des Geldes wird nicht ins Land gelassen; nur für den Kleinverkehr werden aus dem heimischen Eisen, wie auch sonst im Peloponnes, Scheidemünzen geprägt. Was einmal herkömmlich ist, darf nicht mehr geändert werden, die Kochkunst muß in alle Zukunft bei den Gerichten der Urzeit verharren, Tür und Dach des Hauses dürfen nur aus Holz mit Beil und Säge hergestellt werden (Plut. Lyc. 13), jeder neue Luxus wird verpönt. Wie Venedig verwandelt sich Sparta, um zu bestehen, mehr und mehr in einen kleinlichen Polizeistaat767. Dem entspricht,[518] daß die Exekutivorgane des Volks, die Ephoren, ständig mächtiger werden und Könige und Rat sich unterwerfen wie in Venedig der Rat der Zehn die Herzöge und den großen Rat. Zum Abschluß gekommen ist diese Entwicklung erst im 6. Jahrhundert, ja zum Teil erst nach den Perserkriegen. Die einzelnen [519] Stadien, die sie durchlaufen hat, sind uns völlig unbekannt768; aber wahrscheinlich ist es, daß der weise Cheilon, der im Jahre 556/5 zum ersten Male das Ephorat bekleidet hat, einer ihrer Hauptförderer gewesen ist769.

Von Sparta aus hat sich die neue Kriegsweise über das griechische Festland verbreitet. Auf den Darstellungen der korinthischen Vasen reiten, offenbar in Nachahmung der bestehenden Verhältnisse, die Heroen in den Kampf, übergeben dann aber ihre Rosse den Dienern und fechten zu Fuß770. In Athen bildet in der solonischen Ordnung und vielleicht auch noch unter Pisistratos die Reiterei den Kern des Heers; dann tritt sie militärisch ganz in den Hintergrund. In Böotien wird im J. 424 ein Elitekorps von 300 »Wagenlenkern und Wagenkämpfern« (ἡνίοχοι καὶ παραβάται, Diod. XII 70) erwähnt, die aber wie die spartanischen Reiter zu Fuß kämpfen. Nur in Thessalien und Makedonien hat sich die Reiterei immer ungeschwächt als das Adelskorps und der Kern des Heeres erhalten771, und auf Cypern und in Kyrene772 besteht [520] sogar die ursprüngliche Sitte des Wagenkampfes bis in die späteste Zeit. Die Ionier dagegen kämpfen bereits im 7. Jahrhundert zu Fuß mit der Lanze gegen die lydische Reiterei (Mimnermos fr. 13 Diehl). Mehr und mehr dient die Rossezucht ausschließlich dem Sport, dem Ruhm, welchen der Sieg mit dem Viergespann in den großen Wettspielen einbringt.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 41965, Bd. 3, S. 512-521.
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