Die Dorier im Peloponnes

[252] Ob die Festsetzung der Dorier im Peloponnes ein einheitlicher Akt gewesen ist, oder ob sie – wie die der Germanen im römischen Reich, der Türken in Vorderasien, der Hebräer in Palästina – schrittweise sich vollzogen und mit einzelnen Streifzügen begonnen hat, läßt sich bei dem gänzlichen Mangel aller Nachrichten nicht entscheiden. Ihr Erfolg beruht auf der Überlegenheit roher Volkskraft über eine erschlaffte Kultur. Die Dorier waren ihren Gegnern militärisch überlegen, sei es, daß bei diesen die Heerzucht verfallen war, sei es, daß schon damals wie später bei den Doriern der Kampf geschlossener Haufen von Lanzenträgern stärker ausgebildet war als bei den mykenischen Kriegern407. Auch daß dorische Soldtruppen in den Dienst der Kulturstaaten getreten sind und ihren Landsleuten den Weg zur Unterwerfung derselben gewiesen haben, wäre nicht ausgeschlossen. Wenn die Dorier nicht das ihren früheren Sitzen zunächstgelegene Land, sondern Kreta und den Osten und Süden des Peloponnes erobert haben, so weist dies auf derartige Vorgänge hin. Um einzelne Punkte mag lange gestritten sein, und wohl ist es möglich, daß damals die Paläste von Tiryns und Mykene in Flammen aufgingen, ebenso wie im Eurotastal Amyklä erst nach langer Gegenwehr in die Hände der Dorier gefallen sein wird. Amyklä gegenüber, das in der Mitte der Ebene sich erhebt, liegt Sparta auf den letzten Ausläufern der am rechten Eurotasufer sich hinziehenden Hügelkette [252] wie eine Angriffsposition der eindringenden Dorier408. Auch darin wird die Tradition recht haben, daß die Dorier sich beim Kampf gegen Korinth auf dem Hügel Solygeios, südlich vom Isthmos am Saronischen Meerbusen (Thuk. IV 42), bei der Eroberung von Argos südlich von der Stadt am Meer beim Temenion festsetzten409. Länger als ein Jahrhundert mag vergangen sein, ehe die neue Gestaltung der Dinge zum Abschluß kam410. Das Ergebnis war, daß die ältere Bevölkerung des Peloponnes auf das arkadische Bergland und die Westküste des Peloponnes (u. S. 262f.) beschränkt wurde und in Argos, Lakonien und Messenien (Thuk. III 112, 4) die dorische Nationalität und Sprache zur vollen Herrschaft gelangte; und wenn auch an der Südküste von Argolis, in Asine, Eiones und Hermione, die Dryoper, an der rauhen kynurischen Küste die ionische Urbevölkerung (Bd. II 1, 283) sich behauptete (Herod. VIII 73), so haben doch auch diese Stämme ihre Eigenart und ihre Sprache verloren und die der Dorier angenommen.

Plato erzählt, nach der Aufteilung des eroberten Landes hätten sich die Könige der drei dorischen Staaten durch Eidschwur zu gegenseitiger Hilfeleistung verpflichtet (legg. III 683). Diese Annahme beruht auf dem richtigen Gefühl, daß ursprünglich ein näherer Zusammenhang zwischen den dorischen Staaten bestanden haben muß. Zunächst werden die Eroberer sich im Peloponnes als ein Volk betrachtet haben, dessen Einheit vor allem im Zusammenhalt des Heeres ihren Ausdruck fand. Je weiter die Eroberungen führten, desto mehr mußten sie auseinanderfallen und [253] die einzelnen Gebiete sich zu selbständigen Gemeinden zusammenschließen, bis die lokalen Interessen überall mächtiger wurden als die allgemeinen. Ein Rest dieser ursprünglichen Einheit hat sich vielleicht noch in dem Kultus des Apollon Karneios erhalten411, der allen Doriern des Peloponnes gemeinsam ist; während seiner Festzeit herrscht zwischen den Staaten Waffenruhe (o. S. 248)412. Sonst sind wir nur über Argos genauer unterrichtet. Die Landschaft zerfällt in zahlreiche einzelne Distrikte, die sich sämtlich zu Sondergemeinden entwickelt haben. An die Ebene von Argos schließen sich nach Norden das Asopostal mit dem Talkessel von Phlius und der fruchtbaren Küstenebene (Aigialos) von Sikyon, dann die Isthmoslandschaft, das Gebiet von Korinth, die Berglandschaft von Epidauros, zu dessen Gebiet auch Ägina413 und die umliegenden Inseln gehören (Herod. V 83), die kleine Ebene von Trözen nebst der Insel Kalauria und der Halbinsel Methana, schließlich die Dryopergemeinden an der Südküste. Mit Ausnahme der letzteren werden alle diese Gebiete zum Lose des Temenos gerechnet, sie gelten als Gründungen seiner Söhne und Enkel; nur Korinth hat sich auch in der Sage meist eine selbständige Stellung geschaffen (o. S. 243)414. Wie es scheint, bildete das Heiligtum des Apollon Pythaeus in Argos den Mittelpunkt eines die Landschaft umfassenden Verbandes; seinem Tempel liefern die Epidaurier Weihrauch als Abgabe, in Megara, Asine, Hermione, aber auch in Sparta und Arkadien hat er Heiligtümer415. Noch zu [254] Anfang des 5. Jahrhunderts legt Argos den Ägineten und Sikyonern eine schwere Geldbuße auf, weil sie es im Bunde mit Sparta angegriffen haben; und Sikyon erkennt die Gerechtigkeit der Forderung an (Herod. VI 92). So hat sich das Pietätsverhältnis bis in späte Zeiten erhalten. Jeder politische Zusammenhang war freilich damals längst geschwunden. Der Zersetzungsprozeß wiederholt sich innerhalb der Einzelgebiete. Ägina macht sich von Epidauros, Methana (IGA. 46) von Trözen unabhängig; die argivischen Gebirgsdörfer Kleonae, Mykene, Tiryns suchen sich von der Oberhoheit von Argos freizumachen. Von Korinth aus haben die Dorier die kleine Ebene von Megara, zwischen Geraneia und Kithäron, besetzt (o. S. 248)416. Zunächst stand Megara unter der Herrschaft Korinths; aber spätestens seit der Mitte des 8. Jahrhunderts ist es gleichfalls ein selbständiger Staat. Die Tradition erzählt von manchen blutigen Kämpfen, die er gegen Korinth um seine Unabhängigkeit geführt hat. Ähnliche Zustände wie in Argolis mögen sich auch in Lakonien und Messenien entwickelt haben; es ist sehr wohl möglich, daß auch hier z.B. die Küstenstädte einmal eine selbständige Stellung eingenommen haben. Wenn Ephoros erzählt, Lakonien sei ursprünglich in sechs, Messenien in fünf verbündete Königreiche zerfallen (Strabo VIII 4, 7. 5, 4), so mag sich darin eine Erinnerung an die Zustände bewahrt haben, wie sie vor dem Emporkommen der Macht Spartas bestanden und wohl auch später noch in der Einteilung des Landes fortlebten. Der mächtigste Staat im Peloponnes bleibt auch in dorischer Zeit Argos, dessen Gebiet nicht nur die Inachosebene und ihr Hinterland, sondern auch die ganze Landschaft Kynuria, die Ostküste Lakoniens bis zum Vorgebirge Malea, und die Insel Kythera umfaßt (Herod. I 82).

Von der Stellung, welche die Eroberer der älteren Bevölkerung [255] gegenüber einnahmen, läßt sich ein zuverlässiges Bild um so weniger gewinnen, als gerade hier die Analogie nur ein sehr unsicherer Führer sein kann. Da der dorische Dialekt überall der herrschende geworden ist, müssen sie in starker Zahl eingedrungen sein und überall den Grundstock der Bevölkerung, d.h. der Bauernschaft, gebildet haben. Vermutlich nahmen sie durchweg das beste Land für sich. Die einheimische Bevölkerung mag vielfach geknechtet, oft aber auch ausgerottet oder aus dem Lande gedrängt worden sein. Nicht wenige der alten Bewohner sind wohl über See geflüchtet; so sind an der kleinasiatischen Küste die äolischen und ionischen Ansiedlungen entstanden (u. S. 392ff.) und ebenso die Tramilen von Kreta nach Lykien hinübergegangen. Auch nach Pamphylien und Cypern werden jetzt neue Zuzüge gegangen sein (Bd. II 1, 573; vgl. ferner S. 551, 2). Von den Unterworfenen werden sich die Sieger zunächst scharf abgesondert gehalten haben; auf die Dauer aber ist eine Vermischung sowenig ausgeblieben wie bei irgendeiner anderen Eroberung. Auch hier gewährt die Überlieferung einigen Einblick nur in Argos. Die Sage erzählt, Temenos, der König von Argos, habe seinen eigenen Kindern den Deiphontes, den Gemahl seiner Tochter Hyrnetho, vorgezogen und ihn zum Erben bestimmt. Deshalb sei er von seinen Söhnen erschlagen. Deiphontes wurde vom dorischen Heer als König anerkannt, doch entriß ihm Temenos' Sohn Kissos die Herrschaft. Er behauptete sich aber in Epidauros, wo er sich schon vorher festgesetzt hatte. Hyrnetho fiel schließlich den Nachstellungen ihrer Brüder zum Opfer, in der Nähe von Epidauros zeigte man ihr Grab417. Diese Sage ist nach Ursprung und Inhalt weit älter und echter als die Heraklidengeschichte; Hyrnetho ist die Eponyme der hyrnethischen Phyle, welche in Argos (und Epidauros?) als vierte zu den drei dorischen hinzugekommen ist; mykenische Inschriften des 2. Jahrhunderts lehren uns daneben eine deiphontische Phyle kennen. Das sind offenbar Bestandteile der einheimischen [256] Bevölkerung, welche, vielleicht mit geringeren politischen Rechten, Aufnahme in den dorischen Staatsverband gefunden haben und nach voller Gleichberechtigung, ja nach der Herrschaft streben; die Erinnerung an diese Kämpfe hat die Sage bewahrt. Daß diese einheimischen Elemente sich in den Küstenstädten selbständiger behaupteten als in der argivischen Ebene, ist begreiflich; nach der Erzählung bei Pausanias wäre in Trözen und dem dryopischen Hermione und ebenso in Phlius und Sikyon die einheimische Bevölkerung überhaupt nicht abgezogen, sondern hätte die Dorier aufgenommen und ihnen einen Teil des Landes abgetreten (II 30, 10. 34, 8. 13, 1. 6, 7). Ebenso finden wir in Sikyon neben den dorischen Phylen an vierter Stelle die Aigialeer, die von einem Sohne des alten Königs Adrastos abgeleitet werden und offenbar die alte Bevölkerung, die Bewohner des Aigialos, bezeichnen (Herod. V 68). Gleiche Verhältnisse würden wir vermutlich in Korinth, Sparta und Messenien antreffen, wenn uns hier nicht jegliche Kunde über die älteren Zustände fehlte. Daß die messenischen Könige Äpytiden sind (o. S. 244), weist wohl auf eine enge Verbindung mit arkadischen Elementen hin, die vielleicht selbst die Herrschaft in Messenien gewonnen haben418.

Im spartanischen Staat sind in geschichtlicher Zeit allein die Bürger des Vororts im Besitze politischer Rechte. Die Bauernschaft der Heloten ist leibeigen, die Periöken, die Bewohner der Landstädte und Küstenorte, sind zwar persönlich frei, aber politisch rechtlos. Zur Heeresfolge sind die Periöken verpflichtet und werden auch die Heloten herangezogen. Gleichartige Zustände bestehen in Argos. Die Bewohner der Landgemeinden, wie Kleonä, Orneä, Hysiä, Mykene, Tiryns, der kynurischen Küste, werden auch hier als Periöken oder nach der Gemeinde Orneä, die vielleicht zuerst in ein derartiges Abhängigkeitsverhältnis [257] gebracht ist, als Orneaten, in offiziellen Urkunden auch als Bundesgenossen bezeichnet419. Daneben finden wir leibeigene Bauern, die ihren Herren als Leichtbewaffnete in den Kampf folgen und daher Gymnesier, d.h. Krieger ohne Rüstung, und in Sikyon »Keulenträger« κορυνηφόροι oder auch »Schaffellschurzler« (κατωνακοφόροι) genannt werden; in Epidauros heißen sie »Staubfüßler« (κονιπόδες, u. S. 322)420. Da ganz ähnliche Verhältnisse auf Kreta und in Thessalien wiederkehren, hat man schon im Altertum ihren Ursprung in der Regel auf die Eroberung zurückgeführt und sieht in den Untertanen und Leibeigenen die Nachkommen der alten Einwohner. Freilich ist das keine Überlieferung, sondern Konstruktion; die Sage läßt die Achäer abziehen (vgl. Bd. II 1, 281, 2), Antiochos von Syrakus (bei Strabo VI 3, 2) leitet die Heloten (um 420 v. Chr.) von denjenigen, welche nicht mit gegen die Messenier zu Felde ziehen wollten, andere von einer gegen Sparta revoltierenden Stadt Helos ab. Daraus ergibt sich, daß ein nationaler Gegensatz in geschichtlicher Zeit nicht mehr bestand, und das wird durch alle sonstigen Zeugnisse sowie durch die Sprache bestätigt. Die Periöken und Heloten Spartas, die Bewohner von Mykene und Tiryns, die gegen Argos revoltieren, sind wenn nicht der Abstammung, so jedenfalls dem Gefühl nach keine Achäer, sondern Dorier; vermutlich bestand die Phyleneinteilung des Vororts auch in den Periökenstädten. Wahrscheinlich war der Ursprung der Abhängigkeit in den einzelnen Fällen sehr verschiedenartig, hier [258] waren sie aus der Urbevölkerung, dort aus Doriern hervorgegangen, die ihre Freiheit verloren hatten. Aber er war längst vergessen; so gut wie in den romanischen und germanischen Reichen oder in England waren Sieger und Besiegte zu einer Einheit verschmolzen, der Gegensatz war lediglich ein politischer und sozialer. Das wird dadurch bestätigt, daß beim Beginn geschichtlicher Kunde die Durchführung der Herrscherstellung von Argos und Sparta innerhalb ihres Gebiets in voller Entwicklung begriffen ist. Der Reihe nach werden die alten Ortschaften Mideia, Prosymna, Nauplia, Mykene und Tiryns, die beiden letzteren erst nach den Perserkriegen, von Argos zerstört, ihre Einwohner in die Hauptstadt verpflanzt. Auch gegen das Gebiet der Dryoper dringt Argos vor; Asine ist etwa um die Mitte des 7. Jahrhunderts, Eiones vielleicht schon früher genommen worden (u. S. 502)421. Ganz ähnlich scheint sich die Macht Spartas entwickelt zu haben. Für die Zustände während und nach der Eroberung läßt sich aber von hier aus kein Aufschluß gewinnen. [Vgl. u. S. 296. 305. 407.]


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 41965, Bd. 3, S. 252-259.
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