Politische Entwicklung. Der neue Stil und die spätere kretische Kultur

[790] 518. Von der staatlichen Gestaltung und der äußeren Geschichte Kretas läßt sich aus den Denkmälern ein Bild nicht gewinnen. Mit Aegypten hat die Insel ohne Zweifel auch politisch andauernd in Beziehungen gestanden; und es ist sehr wohl möglich, daß die Pharaonen der zwölften Dynastie ihre Schiffe wie nach Syrien so auch nach Kreta gesandt und ihre Oberhoheit über die Insel ausgedehnt haben (§ 291), und daß die Kamaresvasen zum Teil nicht als Handelsware, sondern als Tribut nach Aegypten gekommen sind. Ob die Statue eines aegyptischen Beamten aus dem Mittleren Reich (spätestens dreizehnte Dynastie), die sich, wenn die Angaben darüber exakt sind, in einer mit Kamaresscherben durchsetzten Schicht unter [790] dem Pflaster des älteren Palastes von Knossos gefunden hat, von einer solchen Oberherrschaft Zeugnis ablegt oder etwa bei einem Raubzug verschleppt ist, läßt sich allerdings nicht entscheiden. Dann aber tritt eine große Umwälzung ein: der Palast von Konssos wird zerstört und durch einen Neubau ersetzt, und gleichzeitig vollzieht sich ein vollständiger Wandel im Kunststil: eine neue, viel reichere und lebensvollere Kultur tritt uns urplötzlich, voll ausgebildet und bereits auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung entgegen. An Stelle der konventionellen Motive und des bunten Farbenwechsels des Kamaresstils tritt ein lebenswahrer, impressionistischer Naturalismus, der seine Motive vor allem dem Meer entnimmt und die Gefäße wie die Wände mit Seetieren, Polypen, Korallen, Muscheln und Algen bedeckt und daneben Pflanzen und Blüten in vollster Bewegung verwendet. Zugleich wird die aus Aegypten entlehnte Technik des bunten glasierten Tons (Fayence) in reichster Fülle selbständig entwicklet; die Wände der Paläste werden nach aegyptischer Art mit Freskogemälden bedeckt und mit ausgeschnittenen Fayencefiguren inkrustiert, die die das Leben und Treiben des Tages anschaulich in lebendigster Bewegung darstellen. In großer Zahl sind Weihgeschenke und Votivfiguren, darunter gelegentlich auch von Göttinnen erhalten; auf den Siegelringen und Gemmen tritt uns eine Fülle neuer Motive entgegen, darunter namentlich auch die zahlreichen wunderlichen Mischwesen, die aus Kleinasien (und hier wieder zum Teil aus Babylonien, vgl. § 517) übernommen sind, aber in eigenartiger Weise weitergebildet werden; daneben gelangt die Schrift auf Tontafeln zu voller Ausbildung (§ 516). In manchen Motiven zeigt sich das aegyptische Vorbild, so in den stilisierten Lotosknospen und -blüten, die als Gehänge, vielleicht am Halsschmuck, getragen werden, in der eingelegten Arbeit auf Dolchklingen, wo wir Scenen aus einer Nillandschaft finden, auch in dem in Frauengewänder eingewebten Schmuck, den wir durch die Nachbildung in Fayence in den Weihgeschenken eines Heiligtums kennen lernen: auf diesen Votivröcken ist z.B. ein Erdhügel dargestellt, aus dem stilisierte Lotosblüten [791] aufwachsen. Nur um so bedeutsamer ist es, daß die Kreter die Vorbilder nicht sklavisch kopierten, in der Art, wie die alte Kultur von Sinear von den Nachbarn übernommen und nachgeahmt wird oder wie die Syrer und Phoeniker oder auch die Chetiter aegyptische Motive mechanisch ohne eigene Gedanken verwenden, sondern daß sie geistig und künstlerisch ihre Selbständigkeit wahrten. Auch wenn der Gegenstand der gleiche ist, ist der Stil der kretischen Kunst ein gänzlich anderer: an Stelle der sorgfältigen Nachbildung des Einzelobjekts tritt hier dominierend die Wiedergabe des Gesamteindrucks und der lebendigsten Bewegung. Daneben ist eine starke Sinnlichkeit, eine Hingabe an das Leben und seine Genüsse unververkennbar; in den raffinierten, hochmodernen Frauenkostümen dieser Zeit tritt es eben so deutlich zu Tage, wie in den aufregenden Stierkämpfen, deren Darstellung einen Lieblingsgegenstand der kretischen Kunst bildet. So tritt Kreta jetzt in ganz anderer Weise als die Chetiter (§ 501f.) oder gar die Phoeniker selbständig neben die älteren Kulturvölker in Aegypten und Sinear; eben durch die Frische und Unmittelbarkeit seiner weit jüngeren Kultur stellt es sich diesen als ebenbürtig, ja mehr als einer Beziehung überlegen zur Seite.


Statue des Aegypters: EVANS, Annual VI 26f. GRIFFITH, Archeol. report 1899/1900 p. 65; im Essai de classification p. 9 setzt EVANS sie auffallenderweise erst in Middle Minoan III. Volle Aufklärung wäre sehr erwünscht; vgl. BURROWS, Disc. in Crete 66f. FIMMEN, S. 61. – Die ersten Schichten der neuen Kultur hat EVANS mit sehr unglücklicher Terminologie als Middle Minoan III und Late Minoan I bezeichnet; daß beide eine untrennbare Einheit bilden, aus der sich dann weiter das jüngere Stadium dieser Kultur im »Palaststil« (Late Minoan II) entwickelt, hat vor allem REISINGER, Kret. Vasenmalerei, ausgeführt (§ 504 A.). Im einzelnen muß die Schilderung dieser Kultur dem nächsten Bande vorbehalten bleiben; hier konnte es nur auf Hervorhebung der geschichtlich bedeutsamen Beziehungen ankommen, aus denen sie erwachsen ist. Die Gewänder, zusammen mit den bekannten Schlangenträgerinnen in den Temple Repositories von Knossos gefunden: Evans, Annual IX 62ff.


519. Das Aufkommen des neuen Stils gehört der Zeit der dreizehnten Dynastie und der Hyksosherrschaft (1800-1600) [792] an. Dem entspricht es, daß sich in dem zweiten Palast von Knossos unter einer Mauer des späteren Neubaus ein Alabasterdeckel des Königs Chian (§ 306) gefunden hat; das ephemere Weltreich dieses mächtigen Herrschers mag also auch Kreta umfaßt haben. Ob die Umwälzung auf Kreta mit diesen Vorgängen und Völkerbewegungen zusammenhängt, läßt sich nicht ermitteln. Wohl aber steht fest, daß jetzt noch einmal ein Wandel eintritt: der Palast in Konossos wird vollständig umgebaut, und etwa um dieselbe Zeit ist in Phaestos ein neuer Palast gebaut worden, dem dann noch ein kleinerer Palast auf dem Hügel von Hagia Triada, näher am Meer, zur Seite tritt. Zugleich tritt in Konossos, aber nur hier, eine neue Schriftart an Stelle der sonst gebräuchlichen. In der Kultur ist damit allerdings keine Veränderung verbunden, abgesehen davon, daß sie durch fortschreitende Stilisierung allmählich verflacht und erstarrt; wohl aber strahlt sie jetzt mächtig nach allen Seiten aus, die eigentliche Glanzzeit Kretas beginnt. – An sich wäre es sehr wohl denkbar, daß dieser Umbau durch den raschen Verfall der Lehmziegelmauern und zugleich durch den Wandel des Geschmacks und die Steigerung der Bedürfnisse des Herrschers, oder etwa auch durch eine Feuerbrunst veranlaßt wäre, und auch die Ersetzung des Palastes der Kamareszeit könnte man so erklären; derartiges kehrt ja nicht nur in den orientalischen Staaten (so in Assyrien und Babylonien), sondern auch in der Renaissancezeit und den folgenden Epochen ständig wieder. Auch der Stilwechsel läßt sich so erklären; wäre es doch ein gewaltiger Mißgriff, wollte man, bei gleichartiger Lage des Materials, das Aufkommen des gotischen Stils und weiter der Renaissance durch politische Vorgänge und Bevölkerungswechsel erklären. So mag auch hier die Übersättigung mit der gefälligen Inhaltslosigkeit des Kamaresstils die Revolution des Geschmacks hevorgerufen haben, während zugleich die Steigerung der materiellen Kultur und die Einwirkung Aegyptens die Mittel zu einem gewaltigen künstlerischen Aufschwung bot. Daß der neue Stil sogleich fertig und in voller Reife einzusetzen scheint, ist ein Eindruck, [793] der bei jedem ähnlichen Stilwandel wiederkehrt. Wäre er aus der Fremde importiert und lägen seine älteren Stufen an derer Stelle, die doch nur im Bereich des Aegaeischen Meers gesucht werden könnte, so wäre es, bei der jetzigen Ausdehnung der erforschten Gebiete, kaum zu erklären, daß sich davon noch nirgends etwas gefunden hat; und in der Tat liegen auch für ihn zahlreiche Anknüpfungen in der alten Entwicklung von Kreta selbst, so z.B. in einzelnen Tieren und Pflanzen, die gelegentlich zwischen die Ornamentik der Kamaresvasen eingesetzt sind, ebenso wie umgekehrt die Motive und die bunten Farben des Kamaresstils auch noch auf manchen Gefäßen der folgenden Zeit auf Kreta und Melos (ebenso in den Scherben aus den Schachtgräbern von Mykene) wiederkehren, ehe sie gänzlich absterben (§ 517 A.). Auch die Kontinuität der Besiedlung durch die ganze Blütezeit Kretas von dem Beginn der frühminoischen Zeit bis zu dem Einbruch der Griechen um 1400 (Ende von Late Minoan II), welche z.B. auf den kleinen dichtbewohnten Felseilanden Pseira und Mochlos (§ 510) sehr eindrucksvoll hervortritt, spricht gegen irgendwelche tiefer greifende Umwälzungen der Bevölkerung. Andere Gründe freilich legen trotzdem die Vermutung nahe, daß auch Kreta von Invasionen nicht verschont geblieben ist und neue Bevölkerungselemente hier eingedrungen sind. Wir müssen uns daher jetzt der Besprechung der höchst verwickelten ethnographischen Fragen zuwenden.


Chain: EVANS, Annual VII 65. Scripta Minoa I 30. – Daß meine frühere Ansicht, welche die neue Kultur von Norden her, aus den Kykladen, ableiten wollte, von REISINGER widerlegt ist, ist § 517 A. bemerkt.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 81965, Bd. 1/2, S. 790-794.
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