Revolutionen im Peloponnes. Epaminondas gegen Sparta. Messene und der arkadische Bundesstaat

[407] Im Peloponnes hatte die Abberufung der spartanischen Harmosten und Garnisonen, welche der Friede von Sparta vorschrieb, überall den Demokraten und den Exulanten neue Hoffnungen eröffnet; und als dann wenige Wochen darauf die Macht der »Zuchtmeister von Hellas« einen tödlichen Schlag erhielt, da war die nächste Folge, daß überall die Erhebung zum Ausbruch kam. Die Exulanten rüsteten sich zur Heimkehr, die Massen erhoben sich, die Besitzenden sahen sich zu einem Verzweiflungskampf nicht nur um ihre politische Stellung, sondern um Gut und Leben gezwungen. Das gewaltig angewachsene Proletariat und die jedem Werberuf folgenden Söldnerscharen bildeten ein unerschöpfliches Reservoir für jede revolutionäre Erhebung; ehrgeizige Männer bemächtigten sich der Bewegung, um bald unter dieser, bald unter jener Flagge ihre persönliche Herrschaft zu begründen. Alle Versuche, die Parteien zu versöhnen und etwas Neues und Dauerhaftes zu schaffen, erwiesen sich in kürzester Frist als unhaltbar, mochten sie noch so hoffnungsvoll begonnen haben; kein Staat war auch nur von einem Tage zum anderen seiner Existenz sicher. Innere Freiheit und äußere Selbständigkeit der Einzelgemeinden war das Programm, eine permanente Folge von Revolutionen, und zwar in der furchtbarsten Gestalt eines erbarmungslosen Klassenkampfes, ein ununterbrochener Krieg jeder Gemeinde gegen jede andere und innerhalb einer jeden der Vernichtungskampf der Parteien gegeneinander [407] war das Ergebnis der Abschüttelung des spartanischen Jochs. In diesen Kämpfen ist nicht nur der durch Sparta zu einer geschlossenen Macht zusammengefügte Peloponnes zugrunde gegangen, sondern überhaupt eine jede griechische Macht. Es ist die traurige Pflicht des Historikers, die Entwicklung der griechischen Geschichte auch durch diese hoffnungslosen Zeiten zu verfolgen, wo nirgends eine Aussicht auf eine bessere Zukunft hervorleuchtet und überdies die Darstellung kaum noch einen Faden findet, der durch den wüsten Kampf aller gegen alle hindurchführt703.

Der Hauptherd der revolutionären Erhebung war Argos. Hier hatten die verbannten Feinde Spartas und der Oligarchie aus allen Teilen des Peloponnes Zuflucht gefunden; jetzt zogen sie hinaus, die Heimat wieder zu gewinnen. In Phigalia, der Bergstadt im Südwesten Arkadiens, gelang es dem Demos, sich der Stadt zu bemächtigen; die gestürzten Aristokraten kamen zwar noch einmal zurück und hieben auf die beim Dionysosfest im Theater versammelte Menge ein, aber schließlich mußten sie nach Sparta flüchten. In Korinth dagegen behauptete sich die herrschende Partei, wehrte den Überfall der Unionisten, die vor dem Königsfrieden die Herrschaft geführt hatten, ab und machte ihre Anhänger in der Stadt unschädlich. Ebenso schlugen Sikyon und Phlius die Angriffe ab, wie umgekehrt in Megara die herrschende Demokratie einen Angriff der Oligarchen niederwarf. In Argos selbst erwachte aufs neue die Hoffnung, eine führende Stellung gewinnen zu können; die Vorbereitung dazu war eine Revolution von einer Brutalität, wie sie selbst in der griechischen Geschichte kaum ihresgleichen hat. Die Demagogen hetzten gegen die Reichen; unter diesen bildete sich ein Komplott, und als dasselbe entdeckt wurde, wurden nicht nur alle Verdächtigen summarisch zum Tode verurteilt, sondern der Pöbel erhob sich in Masse, fiel mit Knütteln über die Reichen her und erschlug ihrer weit über 1000. Schließlich, um vollständig reinen Tisch zu machen, wurden auch die Demagogen, [408] die vor diesem Ergebnis ihres Treibens doch zurückgeschreckt waren, samt und sonders umgebracht (370 v. Chr.)704.

Sparta hat bei diesen Bewegungen nichts tun können. Dagegen hatte Athen bereits den Versuch gemacht, aus der Lage zu profitieren und in die durch Spartas Niederlage vakant gewordene Stellung der führenden Macht einzurücken. Auf seine Einladung kamen, wahrscheinlich noch 371, Gesandte aus allen peloponnesischen Staaten nach Athen und schlossen einen Vertrag, der den Königsfrieden aufs neue anerkannte. Alle Teilnehmer verpflichteten sich zur Hilfsleistung gegen jeden Angreifer. Nur die Elier lehnten die Beteiligung ab, da sie den alten Umfang ihres Staates, vor der Befreiung ihrer Untertanen durch Sparta, wiederherstellen wollten; alle anderen Städte leisteten den Eid, darunter wahrscheinlich auch Sparta, dem ein derartiges Defensivbündnis, durch das es keine Ansprüche aufgab, die es nicht schon im Frieden von Sparta hatte fallen lassen, immerhin einen Rückhalt gewähren konnte. Das schien ein großer Erfolg Athens, die Ausdehnung des Bundes von 377 auch auf das Festland705. Aber in Wirklichkeit bedeutete es gar nichts; der lediglich negative Grundcharakter dieses Bundes trat jedesmal deutlich hervor, sobald Athen den Versuch machte, mit seiner Hilfe etwas Positives zu schaffen. So hat denn seine Erweiterung überhaupt keine Bedeutung gewonnen. Die Autonomieklausel beschworen fast alle Staaten sehr gern, so oft man wollte; dadurch waren sie zu nichts verpflichtet, und wie sie sie auslegten, war allein ihre Sache. – Wie wenig Athen wirklich die [409] Leitung Griechenlands in Händen hielt, zeigte sich, sobald in Arkadien eine weitergreifende Bewegung eintrat. Natürlich gingen die Dörfer von Mantinea, sobald es möglich war – bei Archidamos' Zug zum Isthmos hatten sie noch Heeresfolge gleistet –, daran, sich wieder zu vereinigen und die Stadt neu aufzubauen706, ohne Zweifel unter Leitung des Lykomedes, der in den nächsten Jahren die Politik Mantineas geleitet hat. Agesilaos versuchte vergeblich, Spartas Autorität wenigstens der Form nach zu wahren; er stellte ihnen die Einwilligung und Unterstützung Spartas in Aussicht, wenn sie warten wollten. Aber er wurde mit Hohn abgewiesen. Dafür gaben die Elier, die alten Verbündeten Mantineas, Geld zum Mauerbau, und auch andere Arkader wirkten mit. Die neue Stadt erhielt eine demokratische Verfassung. Ihr Erfolg gab den Demokraten in Tegea Mut; ihre Führer, Proxenos und Kallibios, gingen auf die Anregung Mantineas ein, zugleich ganz Arkadien zu einem festen Bundesstaat mit einheitlicher Politik nach dem Muster der Chalkidier und Böotiens zu einigen. Darüber kam es, im Sommer 370, zum Aufstand. Proxenos wurde mit einigen anderen erschlagen; aber Kallibios und sein Anhang flüchteten nach Mantinea, und Stasippos, das Haupt der siegreichen Partei, unterließ jede Verfolgung, um das Blutvergießen nach Möglichkeit zu beschränken. So konnten die Demokraten mit Hilfe der Mantineer in die Stadt eindringen; die Gefangenen wurden hingerichtet, darunter Stasippos; 800 seiner Anhänger flohen nach Sparta707. Da konnte Sparta nicht länger ruhig zusehen; Tegea war ein Jahrhundert lang, seit etwa 460 (Bd. IV 1, 555), der treueste seiner Bundesgenossen gewesen. Agesilaos selbst übernahm trotz seines Leidens das Kommando und rückte, obwohl der Winter schon herangekommen war, in Arkadien ein.

[410] Durch diese Vorgänge wurde der Peloponnes in zwei Teile zerrissen708. Die Isthmosstaaten hielten treu zu Sparta, Korinth, Sikyon, Phlius, Pellene in Achaia, ferner die Küstenstädte von Argolis, Epidauros, Trözen, Hermione, Halieis, von den Arkadern Orchomenos, das mit seinem Nachbar Mantinea verfeindet war, und Heräa an der elischen Grenze, endlich die Triphylier von Lepreon, die sich von Elis bedroht sahen – bereits hatte dies die Mehrzahl seiner alten Untertanen wieder unterworfen und in den Staatsverband aufgenommen und deshalb die Zahl der Phylen auf 12 vermehrt709. Auf seiten Mantineas und Tegeas, die jetzt, das einzige Mal in ihrer Geschichte, freiwillig zusammengingen, stand das Gros der Arkader, die sich nunmehr wirklich zu einem Staate zusammenschlossen. Die Führung fiel Mantinea zu, das den Demos von Tegea beschützt hatte; Lykomedes wurde der erste Strateg des Bundes. Mit Argos und Elis waren sie verbündet; außerdem forderten sie auf Grund des Vertrages vom vorigen Jahr Hilfe von Athen. Aber dies weigerte sich. Es hatte den Peloponnes sich dienstbar machen wollen, verspürte aber nicht die mindeste Neigung, einen arkadischen Einheitsstaat aufrichten zu helfen, der ihm ebenso gefährlich werden mußte wie Böotien; sein Interesse gebot jetzt weit eher, Sparta nicht völlig erliegen zu lassen. So wandten sich die Verbündeten nach Theben, und hier sagte man [411] ihnen gern Unterstützung zu710; der böotische Staat nahm dafür eine Anleihe von 10 Talenten beim Tempelschatz von Olympia auf. – Inzwischen hatten die Feindseligkeiten begonnen. Lykomedes hatte Orchomenos nicht nehmen können, aber ein von Korinth geworbenes Söldnerkorps geschlagen. Gleichzeitig war Agesilaos von Süden hervorgerückt. Aber auch er wagte keinen Kampf, sondern beschränkte sich, vor den Mauern von Tegea und Mantinea zu demonstrieren, um zu beweisen, daß Sparta sich trotz der Niederlage immer noch im Felde zeigen könne. Schließlich, nachdem er die Reste des geschlagenen Söldnerkorps an sich gezogen hatte, kehrte er nach Sparta zurück. – Jetzt kam, etwa Ende Dezember 370, das böotische Heer heran, geführt von Epaminondas und Pelopidas, begleitet von den Kontingenten Thessaliens und aller mittelgriechischen Bündner. Die Arkader, Elier, Argiver strömten in Massen hinzu. In Arkadien freilich, das zu verteidigen ihr Auftrag lautete, gab es nichts mehr zu tun, und ein Winterfeldzug widersprach allem Herkommen; aber die Verbündeten forderten, man solle diese Macht benutzen, um den spartanischen Staat vollends zu vernichten, und Epaminondas erklärte sich dazu bereit. In vier Kolonnen brach die Armee711 in das Eurotastal ein; der kleine Grenzposten bei Oion in der Skiritis unter Ischolaos wurde von den Arkadern nach harter Gegenwehr überwältigt. Bei Sellasia vereinigte sich das Heer und rückte auf dem linken Eurotasufer gegen Sparta selbst vor. Die Periökenstädte fielen ab, die Heloten erhoben sich; Sparta schien der Vernichtung preisgegeben. In der Stadt selbst gärte es; die unzufriedenen Elemente, auf die Kinadon sich gestützt hatte, vor allem die verarmten und ihrer Rechte beraubten Bürger, planten eine Erhebung und gewaltsamen Umsturz. Die zuverlässigen Mannschaften waren eine geringe Minderzahl; daß, als man die Heloten unter dem Versprechen der Freiheit zu den Waffen rief, über 6000 sich meldeten, schien eher eine neue Gefahr als eine Hilfe. Periöken und Knechte [412] desertierten in Masse; die Weiber, die nie den Rauch eines feindlichen Lagers gesehen hatten, bewährten ihren Ruf sehr schlecht und erfüllten alles mit Geschrei und Verwirrung712. Es ist das Verdienst des Agesilaos, daß trotzdem die Verteidigung gelang713. In der Stadt hielt er mit eiserner Strenge die Disziplin aufrecht, unterdrückte die Komplotte und ließ die Rädelsführer sofort hinrichten; von den Feinden aber ließ er sich durch keine Provokation und keine Hohnrede zur Schlacht verlocken. Die Vororte wurden geplündert und niedergebrannt; im Angesicht der Feinde den Eurotas zu überschreiten und von hier aus den Sturm auf die offene Stadt zu versuchen, wagte Epaminondas doch nicht. Erst eine halbe Meile weiter südlich, bei Amyklä, ging er über den Fluß, um auch hier alles zu verheeren. Dabei erlitten am dritten oder vierten Tage seine Streifscharen eine Schlappe, die den Mut der Verteidiger hob. Dazu war die Masse der Invasionsarmee wenig diszipliniert und dachte nur ans Plündern; und jetzt erhielt Sparta auch Zuzug von seinen Bundesgenossen im Norden, die zur See nach Prasiä gezogen waren und von hier aus den Parnon überschritten hatten. So fühlte sich Epaminondas der Entscheidung in einem Verzweiflungskampf nicht mehr sicher. Er wandte sich zur Verheerung des Südens Lakoniens; dann führte er seine Truppen nach Arkadien zurück714.

Wenn indessen Epaminondas das letzte Ziel nicht erreichen konnte oder wollte, so ist sein Zug darum nicht weniger ergebnisreich [413] gewesen. Die Schlacht bei Leuktra hat die spartanische Herrschaft zersprengt, die Invasion Lakoniens den spartanischen Staat. Die periökischen Grenzgebiete im Norden, die Skiritis mit Karyai, die Aigytis mit Malea und Leuktron, ja selbst Sellasia und das ihm benachbarte Pellene, das Lykomedes im J. 369 eroberte, wurden von den Arkadern behauptet; auch im Süden hatten sich mehrere Periökenorte empört715. Vor allem aber erhoben sich die Heloten in der messenischen Ebene wie ein Jahrhundert zuvor nach dem Erdbeben von 464. Epaminondas hat aus den freigewordenen Bauern und Handwerkern einen Staat geschaffen. Er rückte in Messenien ein und gründete am Abhang des Ithome, der alten Hochburg des Landes, eine feste, durch Mauern geschützte Stadt, die den Namen der Landschaft erhielt716. Alle flüchtigen Heloten wurden aufgenommen, und in alle Welt erging der Aufruf an die Nachkommen der alten Messenier, in die befreite Heimat zurückzukehren. Die periökischen Küstenorte blieben hier meist noch Sparta treu; die große fruchtbare Ebene westlich vom Taygetos dagegen war den Spartanern fortan unwiederbringlich verloren und damit etwa die Hälfte, und zwar der beste Teil des Gebiets, von dessen Ertrage die Bürgerschaft bisher gelebt hatte717. – Gleichzeitig wirkte Epaminondas für die Festigung des neuen arkadischen Einheitsstaats (u. S. 318ff.); dann trat er, etwa im Februar 369, den Rückmarsch an. Währenddessen hatten die Spartaner, unterstützt [414] von Korinth und den übrigen Bundesgenossen, ein dringendes Hilfsgesuch an Athen718 gerichtet, während die Thebaner Gegenvorstellungen erhoben. In der Volksversammlung kam es zu sehr erregten Debatten; schließlich setzte Kallistratos seine Ansicht durch, daß Theben jetzt der eigentliche Feind Athens sei und dies Sparta unterstützen müsse. Motiviert wurde die Hilfssendung mit der Verpflichtung, gegen jeden Friedensstörer einzuschreiten. An der Spitze des Gesamtaufgebots der Bürgerschaft rückte Iphikrates in Arkadien ein. Das mag den Rückmarsch des Epaminondas beschleunigt haben, wenn auch der Hauptgrund war, daß er den ihm gestellten Termin längst überschritten hatte719 und daß jetzt auch das peloponnesische Heer sich mehr und mehr verlief. Indessen Iphikrates hatte nicht den Wunsch, und vielleicht auch nicht den Auftrag, es zu einem ernsthaften Kampf kommen zu lassen; er kehrte um und sperrte zwar die Isthmospässe, ließ aber einen Küstenweg frei, so daß die Thebaner ungehindert nach Böotien zurückkehren konnten. Offenbar war seine und wohl auch Kallistratos' Absicht von Anfang an lediglich auf eine Demonstration, nicht auf einen Kampf gerichtet gewesen. Die beabsichtigte Wirkung wurde erreicht: Sparta und seine Bundesgenossen schickten eine zweite Gesandtschaft nach Athen, die den Abschluß eines formellen Bündnisses auf der Grundlage völliger Gleichheit beantragte; Sparta solle zu Lande, Athen zur See das Oberkommando haben. Das war das Höchste, was Athen noch vor wenigen Jahren zu erreichen hatte hoffen dürfen; aber unter den jetzigen Umständen genügte es seinen Ansprüchen nicht mehr. Die Athener forderten ein alle fünf Tage wechselndes Oberkommando; und Spartas Lage war so bedrängt, daß es auch darein willigte. [415] Damit war Athen aus seiner vermittelnden Haltung endgültig herausgetreten720.

In einem kurzen, allen bisherigen Gepflogenheiten griechischer Kriegsführung widersprechenden Winterfeldzuge von 21/2 Monaten hatte Epaminondas mehr erreicht als andere in langjährigen Kriegen. Namentlich die Befreiung von Messene machte Sensation in ganz Hellas; war doch seit langem die Knechtschaft, in der Sparta einen ganzen griechischen Volksstamm hielt, als ein Widerspruch gegen die Theorie anerkannt worden, daß alle Hellenen zur Freiheit und politischen Selbständigkeit geboren seien, wenn sie auch in der Stellung der Penesten Thessaliens und der Leibeigenen Kretas ihre Analogie hatte. Der neugeschaffene Staat bildete ein festes Bollwerk gegen die Wiederkehr der spartanischen Herrschaft. Freilich hatte der Feldzug zugleich gezeigt, daß Sparta noch keineswegs vernichtet war. Der energische Widerstand unter Agesilaos gab dem Staate neue Kraft. Nach dem Verlust zahlreicher Periökengemeinden, die in den letzten Jahrzehnten einen so wesentlichen Teil des Heeres gestellt hatten – am empfindlichsten war auch in dieser Beziehung der Verlust der Skiritis –, mußte das Heer neu organisiert werden; es wird fortan in 12 Lochen anstatt der 6 Moren geteilt. Die freigelassenen Heloten und die verjagten Parteigänger aus Theben, Argos, Arkadien verstärkten die Truppenzahl721. Die Isthmosstaaten, die anderenfalls zwischen Böotien, Arkadien und Argos verloren waren, hielten standhaft auf seiner Seite aus722; namentlich in Phlius wehrte sich die von Sparta 379 eingesetzte Aristokratie heldenmütig und erfolgreich gegen alle[416] Versuche der Argiver und Arkader, mit Hilfe der Verbannten und ihrer Anhänger die Stadt in offenem Kampf oder durch Überfall und Verrat zu nehmen. Jetzt hatte Sparta auch von Athen die Zusage energischer Unterstützung erhalten; und zugleich stellten die alten Verbündeten, Persien723 und Syrakus, diplomatische und militärische Hilfe in Aussicht. So brauchte Sparta noch nicht zu verzweifeln. Bald nach der Heimkehr des Epaminondas besetzte ein starkes Heer sämtlicher Verbündeten, insgesamt gegen 20000 Mann, die Isthmoslinie. Chabrias, der jetzt die Athener führte, verwendete sein fortifikatorisches Talent, durch das er neun Jahre zuvor den Widerstand der Thebaner gegen Agesilaos ermöglicht hatte, diesmal gegen die früheren Kampfgenossen; binnen kurzem war der Isthmos von Kenchreä bis Lechaion durch Palisaden und Gräben gesperrt. Epaminondas, der zu Anfang des Sommers 369724 einen zweiten Heerzug in den Peloponnes unternahm, konnte mit seiner weit schwächeren Macht (7000 Mann, 600 Reiter) die Linie nicht stürmen. Doch gelang es ihm, im Morgengrauen die spartanischen und pellenäischen Posten zu überrumpeln; und zu einer Schlacht gegen den Sieger von Leuktra hatten die Spartaner den Mut noch nicht wieder gefunden. So konnte das böotische Heer sich mit den Peloponnesiern vereinigen. Sikyon und Pellene in Achaia wurden genommen und erhielten eine thebanische Garnison; Phlius, Epidauros, Trözen dagegen wehrten alle Angriffe ab, und durch die Korinther und Athener unter Chabrias erlitten die Feinde eine empfindliche Schlappe. Kurz darauf trafen 20 Schiffe von Dionys ein mit keltischen und iberischen Truppen und [417] 50 Reitern; und diese Scharen, die vor dem neu erworbenen Kriegsruhm Thebens gar keinen Respekt hatten, setzten den Böotern und ihren Bundesgenossen arg zu. So erfolgreich Epaminondas' erster Zug in den Peloponnes gewesen war, so arm an Ergebnissen war der zweite; ohne einen den Anstrengungen entsprechenden Gewinn mußte er im Herbst 369 in die Heimat zurückkehren725.

In diesen Kämpfen ist der arkadische Bundesstaat zu voller Ausbildung gelangt. Orchomenos und wer sonst etwa noch fern geblieben war, hatte sich anschließen müssen; ebenso das triphylische Küstenland, jetzt in Lepreon726 städtisch geeinigt, das gegen Elis Schutz brauchte, und der Grenzort Lasi on727 am Fuß des Erymanthos. Die entscheidenden Beschlüsse faßte die Volksversammlung der »Zehntausend« (μύριοι), an der alle Angehörigen einer jeden arkadischen Gemeinde teilnehmen konnten; sie bestellte die Strategen und den Bundesausschuß (δαμιοργοί), neben denen auch ein Rat nicht gefehlt haben kann. Alljährlich wurde eine ständige Truppe von 5000 Mann (ἐπάριτοι) ausgehoben – offenbar stellten die arkadischen Kriegsknechte, die bisher in der Fremde hatten Dienste nehmen müssen, dazu das Hauptkontingent. Die Truppe wurde aus der durch Beiträge der einzelnen Gemeinden gebildeten Bundeskasse besoldet; die lokalen Prägungen wurden durch eine arkadische Bundesmünze ersetzt. So bildete das ganze von den Söhnen des Arkas bewohnte Land eine Einheit so gut wie Böotien. Nur trat in dem neuen Staat der föderative Charakter stärker hervor, weil eine wie Theben alle anderen Gemeinden überragende Stadt fehlte und die zugehörigen Städte zum Teil [418] sehr volkreich und selbständig waren. Sie behielten, anders als in Böotien, die Leitung ihrer inneren Angelegenheiten, vermutlich etwa in derselben Weise wie in der Schweiz und den amerikanischen Bundesstaaten; bei Besetzung der Bundeskollegien wurden sie im Verhältnis zu ihrer Bedeutung berücksichtigt. Die Verfassung war natürlich überall demokratisch; die aristokratischen Spartanerfreunde waren erschlagen oder verjagt728. Die Oberleitung des Bundes lag zunächst in den Händen Mantineas und seines Staatsmanns Lykomedes, des Begründers der Einigung. Auf ihn geht auch die wichtigste Maßregel zu ihrer Konsolidierung zurück. Die Grenzdistrikte Arkadiens im Osten, Norden und Westen mit Ausnahme von Kynuria waren überall städtisch organisiert, die Städte Tegea, Mantinea, Methydrion, Orchomenos, Kaphyai, Alea, Stymphalos, Pheneos, Kleitor, Kynaitha, Psophis, Thelpusa, Heräa, Phigalia durch Synoikismos anstelle der alten Dörfer getreten729; im Zentrum und im Süden dagegen bestanden noch die ursprünglichen Gauverbände mit zahlreichen Dörfern und halbstädtischen Ortschaften, wie in Ätolien und halbwegs bei den Phokern und den ozolischen Lokrern. Jetzt wurde der Beschluß gefaßt, alle diese Gaue, Mainalien, Eutresia, Parrhasia, Kynuria, Tripolis, zu einer einzigen Stadt zu verbinden; auch die den [419] Spartanern abgenommenen Grenzdistrikte Aigytis und Skiritis (o. S. 414) wurden hinzugeschlagen, ferner mußte Orchomenos drei Ortschaften seines Gebiets abtreten. So entstand ein Stadtgebiet, das an Umfang mindestens ein Drittel Arkadiens umfaßte. Eine Kommission von zehn Männern, mit Lykomedes an der Spitze, wurde eingesetzt, um die neue »Großstadt« Megalopolis anzulegen; vertreten waren die drei wichtigsten Städte Mantinea, Tegea und Kleitor und die beiden Gaue Mainalia und Parrhasia durch je zwei Deputierte. Als Stätte der neuen Gründung wählte man einen Platz am Helisson in der Hochebene, welche vom oberen Eurotas zum Alpheosgebiet hinüberführt; dadurch wurde das Zentrum und der Westen Arkadiens gegen einen Angriff von Sparta gedeckt und zugleich das spartanische Gebiet ständig bedroht. Epaminondas sandte ein Hilfskorps von 1000 Mann unter Pammenes zum Schutz der Arbeiten, bis das neue Gemeinwesen sich selbst verteidigen könne730; dadurch hat er seinen Namen ebenso mit der Gründung von Megalopolis wie mit der von Messene verknüpft. Der Bedeutung der neuen Stadt entsprechend erhielt sie einen Umfang von 5/4 Meilen. Wie bei jedem Synoikismos verloren alle kleineren Ortschaften des ihm zugewiesenen Gebiets, nicht weniger als 39 Gemeinden, ihre politische Selbständigkeit, und wenigstens die wohlhabenden Einwohner sollten sämtlich in die neue Stadt übersiedeln; wo sie, nachdem der erste Enthusiasmus verrauscht war, sich sträubten, wurde Zwang geübt. Völlig ist das ursprüngliche Programm allerdings niemals durchgeführt worden; so erscheinen die Orte Asea und Pallantion in Mainalien im J. 362 als selbständige, mit Megalopolis verbündete Gemeinden731. Die neue Stadt war [420] zugleich zum Zentrum des arkadischen Bundesstaats bestimmt, dessen Gedanken sie verkörperte; in ihrer Mitte wurde eine überdeckte Halle von gewaltigen Dimensionen erbaut, nach dem Stifter Thersileion benannt – sie ist vor wenigen Jahren wieder aufgedeckt worden –, die den, »Zehntausend« als Versammlungsraum dienen sollte. Die Gründung von Megalopolis ist wahrscheinlich im J. 369 alsbald nach dem Zuge gegen Sparta erfolgt; der Ausbau der Stadt muß sich mehrere Jahre hingezogen haben732.

Den Arkadern war die Unterstützung Thebens sehr willkommen gewesen. Aber anstelle der spartanischen die thebanische Suprematie über den Peloponnes aufzurichten, war nicht ihre Absicht; als der wehrkräftigste und volkreichste Stamm der Griechenwelt fühlten sie sich Manns genug, nachdem das Einigungswerk gelungen war, den Peloponnes, in dem sie allein von Anbeginn anheimisch waren, selbst zu beherrschen. Namentlich Lykomedes733 begann jetzt in dieser Richtung zu wirken; er warnte, sich zu eng mit Theben einzulassen. Der Mißerfolg des letzten Feldzugs des Epaminondas und die Krisis, die infolgedessen in Theben eintrat (u. S. 424), begünstigten diese Wendung. Im nächsten Jahre, 368, [421] führten die Arkader ihre Kriege ohne thebanische Hilfe; und immer deutlicher trat ihre Absicht hervor, alle Nachbargebiete zu annektieren. Die Elier, längst erbittert über die Besetzung von Lepreon und Lasion, traten von der Allianz zurück; die Argiver und Messenier dagegen, die in Sparta ihren Todfeind sahen, hielten auf ihrer Seite aus. Mit den Argivern zusammen unternahmen sie wieder einmal einen vergeblichen Angriff auf Phlius734; in Messenien schlugen sie die Spartaner bei Asine, konnten aber den Ort selbst nicht nehmen735. Inzwischen aber hatten die Spartaner von den Persern 2000 Söldner und reichliches Geld erhalten (u. S. 430)736, und von Dionys kam aufs neue ein Hilfskorps. Mit diesen Truppen und dem Bürgerheer rückte Archidamos, Agesilaos' Sohn, zur Wiedereroberung der entrissenen Gebiete aus. Er eroberte und zerstörte Karyai737 in der Skiritis und fiel in Arkadien ein. Als aber die Arkader, Argiver und Messenier heranrückten und überdies Dionys' Heerführer erklärte, die Zeit, für die er entsandt sei, sei abgelaufen, mußte er umkehren. Die Feinde verlegten ihm den Weg. So war er gezwungen, an der Grenze Lakoniens die Schlacht zu wagen; und diesmal erfocht er, teils durch die Tapferkeit seiner Bürger, teils durch den wilden Ansturm der Kelten des Dionysios, einen glänzenden Sieg. Wie in den alten Spartanerschlachten wagten die Feinde überhaupt, nicht standzuhalten, sondern wandten sich sogleich zur Flucht. Auf der Verfolgung erlitten sie schwere Verluste; von den Spartanern dagegen war kein Mann gefallen. Diese »tränenlose Schlacht« war der erste Erfolg, den Sparta seit Leuktra in offenem Felde errungen hatte; er gab die Hoffnung, daß die schlimmsten Zeiten überstanden seien. Als die Siegeskunde nach Sparta kam, erzählt Xenophon, »sollen alle Spartiaten daheim, voran Agesilaos und die Geronten und Ephoren, in Tränen ausgebrochen sein738«.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 51965, Bd. 5, S. 407-422.
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