Das Land und die Stämme der Perser

[14] Das Zentrum des iranischen Hochlands bildet eine große Salzwüste, ohne Trinkwasser und ohne Vegetation, im Sommer glühend heiß, für Menschen fast unpassierbar. Seßhafte Kultur und Ackerbau ist hier nur an Stellen möglich, wo sich, wie im Gebiet von Kerman und von Jezd, die Niederschläge an hohen Gebirgsketten zu kurzen Wasserläufen sammeln, oder wo im Nordosten die vom Hindukusch herabkommenden Flüsse, der Etymander (Helmend) und seine zahlreichen Genossen, das Leben tiefer ins Binnenland hineintragen, bis sie in dem flachen Sumpfsee im Lande der Drangen (Hâmûn)9 ihr Ende finden. Sonst ist Iran nur an den Rändern bewohnbar. Im Norden wie im Süden ist es von hohen Gebirgsketten umschlossen; von den schneebedeckten Höhen des Elburz südlich vom Kaspischen Meer bis zum Hindukusch erstreckt sich das Gebirgsland Chorasan, in dem im Altertum die Stämme der Hyrkaner, Parthyäer, Arier, Drangen saßen. Nach beiden Seiten entsendet es zahlreiche Flüsse, welche oasenartig in die zentrale Wüste und ins turanische Tiefland hinabdringen, bis sie im Kampf mit den Sandmassen versiegen. Chorasan bildet die Brücke zwischen dem baktrisch-sogdischen Bergland im Osten, dem Gebiet des Oxus und Jaxartes, und dem Mederlande im Westen, wo sich die von Süden heraufkommenden Bergketten dem nördlichen Randgebirge immer mehr nähern und ein fruchtbares Hochland umschließen, reich an Seen und Wasserläufen, mit gemäßigten Sommern und rauhen Wintern. Hier sind im Kampfe [14] mit den Assyrern die Iranier zuerst zur Bildung eines Staats gelangt. Von Medien ziehen sich die Zagrosketten nach Südosten zum Persischen Meerbusen hinab. Die Gestade dieses Meeres gewähren auf der iranischen wie auf der arabischen Seite das gleiche trostlose Bild. Die Schiffahrt ist durch Untiefen und Felsenriffe behindert, die Ufer sind flach und hafenarm. Eine furchtbare Sonnenglut lastet auf ihnen und macht sie für Mensch und Tier fast unbewohnbar; nur die Palme gedeiht hier. Die vom Rande des Hochlands herabkommenden Gießbäche führen nur in der Regenzeit größere Wassermengen in raschem Lauf dem Meere zu und vermögen weder der Befruchtung des Landes noch der Schiffahrt zu dienen. Im Osten, an der Küste von Mekrân, fristet eine armselige Fischerbevölkerung (Ichthyophagen) ihr dürftiges Leben, und auch das höher gelegene Binnenland Gadrosien bis zum Etymandergebiet einwärts (Beludschistan) ist trotz einiger gutbewässerter und fruchtbarer Täler größtenteils vollständiges Wüstenland, und überdies von allen Kulturvölkern so abgelegen, daß es von Alexander bis auf den Anfang des 19. Jahrhunderts kaum ein Europäer betreten hat. Hier hausen nomadische Stämme wie die Myken und Parikanier, zum Teil nicht iranischer Herkunft, sondern eher der Urbevölkerung Indiens verwandt, die Vorfahren der heutigen Brahuis; die Griechen haben gelegentlich den Äthiopennamen auf sie übertragen10. Einen anderen Charakter trägt der Westen, das Land der Perser. Wenige Meilen von der Küste steigen dicht übereinander die Bergketten des Zagros empor; zwischen ihnen liegen Täler und Ebenen, denen die Höhenlage von 1500-2000 Metern über dem Meere eine gemäßigtere Temperatur und reichere Niederschläge gewährt. »Hier herrscht ein mildes Klima«, berichtet Nearch; »das Land ist reich an Kräutern und wasserreichen Wiesen, es trägt viel Wein und alle anderen Früchte mit Ausnahme des Ölbaums. Da sind blühende Lustgärten; Flüsse [15] mit klarem Wasser und Seen, reich an Fluß- und Seevögeln, bewässern das Land. Die Zucht der Rosse gedeiht und ebenso die der Lasttiere; oft finden sich Wälder voll wilder Tiere11.« Die Wälder in den Bergen sind jetzt geschwunden, und dürftig genug erscheinen dem Wanderer, der aus gesegneteren Ländern kommt, die Rosengärten und Wasserbäche von Schîrâz; aber die persischen Dichter werden nicht müde, die Herrlichkeit ihrer Heimat zu preisen, und König Darius rühmt von ihr, daß sie »ein schönes Land ist, mit trefflichen Rossen und trefflichen Menschen, das durch Ahuramazdas und meinen, des Königs, Schutz vor keinem Feinde zittert«. Im. Süden ist Persis von der See, im Osten und Norden von der Wüste umschlossen; nur im Nordwesten steht es mit anderen Ländern in Verbindung. Durch die Bergpässe führt die Straße nach Elam (Susiana) und Babylon hinab, längs der Zagrosketten gelangt man durch ein rauhes, in den Schneestürmen der Winterzeit fast unpassierbares »Bergland« Parätakene (bei Ispahan), das schon zu Medien gerechnet wird (Herod. I 101), nach Egbatana12.

Unter den persischen Stämmen waren die angesehensten die Pasargaden, Maraphier und Maspier, deren Mittelpunkt die κοιλὴ [16] Πέρσις bildete, das sind die breiten und fruchtbaren Täler des Araxes (jetzt Kur oder Bendi-amir) und seines Hauptzuflusses Medos oder Kyros (Pulwâr). Hier gedieh ein schöner kräftiger Menschenschlag, der von Ackerbau und Viehzucht lebte und Bogen und Lanze zu brauchen wußte. Auch die Pferdezucht, der Stolz der iranischen Stämme, ward eifrig betrieben, und in den Bergen bot die Jagd reichen Ertrag und stählte die Kraft des Mannes für den Krieg. Andere Ackerbau treibende Stämme waren die Panthialäer und Derusiäer, vermutlich weiter im Osten, und im Berglande von Kermân die Germanier oder Karmanier. In den rauheren Teilen des Gebirges und in den Steppen und Wüsten der Küste und des Inneren saßen räuberische Nomaden von zum Teil sehr rohen Sitten, die meist gleichfalls zu den Persern gerechnet werden; so in Persis selbst die Marder, die Nachbarn der elymäischen Uxier (pers. Uvâdža, jetzt Chûzistan) und der Kossäer (Bd. I3 S. 653f.) im Zagros, in der zentralen Wüste die Sagartier (pers. Asagarta), im karmanischen Küstenland die Utier (pers. Jutija), ferner die Dropiker; auch der Name Daher (»Räuber«) erscheint hier wie in der turanischen Steppe (Bd. I3 S. 907)13. Eine politische Einheit [17] haben diese Stämme in älterer Zeit so wenig gebildet wie die Mediens; in zahlreiche Gaue zerspalten, lebten die Bauern unter angestammten Fürsten in patriarchalischen Verhältnissen, in stetem Kampf mit den Räubern und Nomaden, beschützt von den »Geschlechtsgöttern«, die sie vor Mißwachs und Feinden schirmen (Darius Pers. d). Einflüsse der babylonischen Kultur sind gewiß schon früh über Susa auch ins persische Bergland gedrungen; weit stärker aber war die Einwirkung der stammverwandten Meder. Auf der parätakenischen Bergstraße mögen die Stämme in der Urzeit in ihre Wohnsitze gelangt sein. Auf demselben Wege ist [18] die Religion Zarathustras zu ihnen gekommen, die das Eigentum aller seßhaften Stämme Irans geworden ist. In Medien hatte die Maz dalehre bereits im 8. Jahrhundert die Herrschaft gewonnen, vielleicht schon seit langem; vermutlich haben Wanderpriester aus der medischen Priesterkaste der Magier sie von hier zu den Persern gebracht. Daher finden wir den Magiernamen auch bei den Persern im Gegensatz zu den »Feuerzündern« (âthravan, griech. πύραιϑοι) des Ostens14. Die Magier beobachteten in Persien manche von der Religion vorgeschriebene Bräuche, die vom persischen Volk abgelehnt wurden, so die Ausrottung alles unreinen Getiers und die barbarische Sitte, die Leichen durch Hunde und Raubvögel verzehren zu lassen (Bd. I3 S. 909). Die persischen Könige dagegen haben ihre Leichen in Grabkammern beisetzen lassen, vermutlich mit Wachs überzogen.

Die Heimat der Perser liegt abseits von den Schauplätzen des geschichtlichen Lebens; die große Straße, welche den Westen mit der Welt des Ostens verbindet, führt von Babylon aufwärts aus dem Tal des Gyndes (Diâla) in das des oberen Choaspes (Kerchâ) am Felsen von Bagistana vorbei nach Egbatana und von hier weiter am Nordrande des iranischen Hochlands entlang. So sind von den Persern, ähnlich wie von den Arabern, zwar wiederholt weitgreifende Bewegungen ausgegangen; aber zum dauernden Zentrum eines großen Staats konnte die Landschaft niemals werden.[19] Wenn der Rückschlag eintritt, entschwindet Persis aufs neue jahrhundertelang dem geschichtlichen Leben. In die Geschichte eingetreten sind die Perser zuerst zu Anfang des 6. Jahrhunderts15. Um 596 v. Chr. hat der Achämenide Teispes aus dem Stamme der Pasargaden sich des Hauptteils von Elam mit der Hauptstadt Susa bemächtigt, ähnlich wie ein Jahrtausend vorher die Kossäer sich zu Herren Babyloniens gemacht haben. Seitdem heißen er und seine Nachkommen bei den Babyloniern Könige von Anšan (Bd. I3 S. 441; III2 S. 144f.). Sie wurden Vasallen der medischen Könige. Von den persischen Stämmen waren ihnen nur die westlichsten, die schon genannten Bewohner der hohlen Persis, des heutigen Farsistân, untertan. Wie dann Kyros, der Sohn des Kambyses, an ihrer Spitze sich im Jahre 553 (Bd. III2 S. 181, 2 gegen Astyages empörte, das medische Reich stürzte und in wenig mehr als einem Jahrzehnt ganz Vorderasien unterwarf, wie sein Sohn Kambyses das Niltal dem Reiche hinzugewann, wie Kambyses' Untergang und der Sturz des magischen Usurpators eine Krisis herbeiführten, die den Bestand der persischen Herrschaft ernstlich in Frage stellte, wie Darius die Aufstände niederwarf und die Zügel des Reichs mit fester Hand ergriff, ist früher bereits erzählt worden.16


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 61965, Bd. 4/1, S. 14-20.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Prévost d'Exiles, Antoine-François

Manon Lescaut

Manon Lescaut

Der junge Chevalier des Grieux schlägt die vom Vater eingefädelte Karriere als Malteserritter aus und flüchtet mit Manon Lescaut, deren Eltern sie in ein Kloster verbannt hatten, kurzerhand nach Paris. Das junge Paar lebt von Luft und Liebe bis Manon Gefallen an einem anderen findet. Grieux kehrt reumütig in die Obhut seiner Eltern zurück und nimmt das Studium der Theologie auf. Bis er Manon wiedertrifft, ihr verzeiht, und erneut mit ihr durchbrennt. Geldsorgen und Manons Lebenswandel lassen Grieux zum Falschspieler werden, er wird verhaftet, Manon wieder untreu. Schließlich landen beide in Amerika und bauen sich ein neues Leben auf. Bis Manon... »Liebe! Liebe! wirst du es denn nie lernen, mit der Vernunft zusammenzugehen?« schüttelt der Polizist den Kopf, als er Grieux festnimmt und beschreibt damit das zentrale Motiv des berühmten Romans von Antoine François Prévost d'Exiles.

142 Seiten, 8.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.

424 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon