Bodenplastik [1]

[128] Bodenplastik (Bodenkonfiguration), der allerorts auf der Erde hervortretende Gegensatz und Wechsel zwischen konkaven und konvexen Oberflächenformen.

Unser Wissen hiervon in systematische Formen zu bringen, hat man mit mehr oder weniger Glück schon im 18. Jahrhundert und zu Beginn des 19. versucht [1], aber erst viel später ist es den Bemühungen hervorragender Geographen, zumal F. v. Richthofens [2] und A. Pencks [3], geglückt, die Begriffe Gebirge, Berg, Tal, Mulde, Wanne, Hochland, Plateau, Tiefland u.s.w. sachgemäß zu definieren; der Berliner Geographenkongreß hat eine eigne Kommission niedergesetzt, um auch für den Meeresboden eine klare und allen Verhältnissen angepaßte Nomenklatur zu schaffen [4]. Fast alle neueren Bestrebungen auf diesem Gebiete nahmen die morphologischgenetischen Gesetze der Oberflächenbildung zum Ausgangspunkte, und der auch gemachte Versuch, eine von der Rücksichtnahme auf Geologie ganz unabhängige »Topographie« zu begründen, kann nicht als geglückt betrachtet werden. – Es ist sogar gelungen, diesen anscheinend aller Gesetzlichkeit entbehrenden Bestandteil der allgemeinen Erdkunde der strengen Kontrolle der Mathematik zu unterwerfen und eine selbständige Disziplin der Orometrie, die nach Penck [5] natürlich ganz ebenso auch auf die Hohlformen angewendet werden kann, ins Leben zu rufen. Den Anlaß dazu gab A. v. Humboldts »Stereometrische Geognosie« [6], und ein erstes selbständiges Werk darüber schrieb v. Sonklar [7]; aber erst in neuester Zeit ist die Orometrie, die auch vor der Inhaltsbestimmung der Kontinentalblöcke [8] nicht zurückscheut, durch L. Neumann, Penck, v. Boehm, Gsaller, Elfert, Ricchieri, Stange und andre, vor allem aber durch Finsterwalder [9] und Peucker [10], welch letzterer seiner Schrift auch eine für damals ganz vollständige Literaturübersicht beigegeben hat, derart ausgebildet worden, daß sie auf die meisten Fragen, die sich auf Bodenplastik beziehen, eine exakte Antwort zu erteilen befähigt wurde.


Literatur: [1] Börsch, Von den Unebenheiten des festen Landes, insbesondere vom Gebirge, Marburg i. H. 1817. – [2] v. Richthofen, Führer für Forschungsreisende, Berlin 1886, S. 631 ff. – [3] Penck, Die allgemeinen Formen der Landoberfläche, Verhandlungen des Neunten deutschen Geographentages zu Wien, Berlin 1891, S. 28 ff. – [4] Verhandlungen des Siebenten internationalen Geographenkongresses, London, Berlin, Paris 1899, 1. Teil, S. 164 ff. – [5] Penck, Morphometrie des Bodensees, 15. Jahresbericht der Geographischen Gesellschaft zu München, 1894, S. 119 ff. – [6] Bruhns, Alexander v. Humboldt, eine wissenschaftliche Biographie, Leipzig 1872, 3. Bd., S. 194 ff. – [7] v. Sonklar, Allgemeine Orographie, die Lehre von den Reliefformen der Erdoberfläche, Wien 1873. – [8] Humboldt, A. v., Versuch, die mittlere Höhe der Kontinente zu bestimmen, Annalen der Physik und Chemie, 57. Bd., S. 107 ff.; Wagner, H., Areal und mittlere Erhebung der Landflächen sowie der Erdkruste, Beiträge zur Geophysik, 2. Bd., S. 731 ff.; Haack, Orometrie von Südamerika, Halle a. S. 1896. – [9] Finsterwalder, Ueber den mittleren Böschungswinkel und das wahre Areal einer topographischen Fläche, Sitzungsberichte der Akademie zu München, math.-phys. Klasse, 1890, S. 35 ff. – [10] Peucker, Beiträge zur orometrischen Methodenlehre, Breslau 1890.

Günther.

Quelle:
Lueger, Otto: Lexikon der gesamten Technik und ihrer Hilfswissenschaften, Bd. 2 Stuttgart, Leipzig 1905., S. 128.
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