Petroleum

[71] Petroleum (auch Erdöl, Berg- oder Steinöl genannt). Ueber Vorkommen und Gewinnung des Petroleums sowie Verwendung des bei der fraktionierten Destillation hinterbleibenden Rückstands zu Heizzwecken s. Brennstoffe.

Zu den im Art. Brennstoffe bereits erwähnten Bildungsweisen ist nachzutragen, daß in der jüngsten Zeit die Synthese der Erdöle aus Acetylen und Wasserstoffgas nach der Methode von Sabatier und Senderenz gelungen ist. Bringt man die durch Ueberleiten von Acetylen über feinverteiltes, schwacherhitztes Nickel sich bildenden Dämpfe nach dem Zumischen von Wasserstoffgas abermals mit heißem Nickel in Berührung, so resultiert ein Gemenge von Kohlenwasserstoffen, das die Eigenschaften des kaukasischen Rohöls zeigt, während durch direkte Hydrogenisation des Acetylens vermittelst Nickels ein dem pennsylvanischen Rohöl ähnliches Produkt erhalten wird (Chem.-Ztg. 1907, S. 244).

Die zu Beleuchtungszwecken bestimmte Fraktion des Rohpetroleums wird behufs Entfernung schwefelhaltender Bestandteile mit konzentrierter Schwefelsäure, welche die Petroleumkohlenwasserstoffe nicht angreift, durchgemischt und dann nach dem Abziehen des Bodensatzes durch Waschen mit Wasser bezw. mit Natronlauge vollkommen entsäuert. Die an Schwefelverbindungen reicheren Limaöle lassen sich auf diesem Wege nur unvollkommen entschwefeln; sie werden nach dem Vorgang von Frasch zunächst mit Kupferoxyd bei höherer Temperatur behandelt und darauf mit Schwefelsäure gereinigt. Das »raffinierte Petroleum« siedet zwischen 150–300°, während das spezifische Gewicht zwischen 0,80 bis 0,87 schwankt. Das russische Petroleum ist spezifisch schwerer als das amerikanische; es ist jedoch weniger zähflüssig als dieses und bedarf auch einer reichlicheren Luftzufuhr beim Verbrennen in der Lampe. Petroleum, welches im Abelschen Probeapparat unter 21° entflammbare Dämpfe entwickelt, darf im Deutschen Reich nicht in den allgemeinen Verkehr gebracht werden. Produkte, aus welchen die niedrig siedenden, die Feuergefährlichkeit des Oels bedingenden Anteile vollkommener als aus der gewöhnlichen Handelsware (Standard oil bezw. Kerosin für russische Oele) entfernt sind, werden als Sicherheitsöl, Kaiseröl, Astralöl u.s.w. bezeichnet.

Die niedrig (unter 150°) siedenden Anteile des Rohpetroleums kommen unter der Bezeichnung Petrolnaphtha oder Rohbenzin in den Handel. Dieses Produkt Hellt eine sehr leicht entzündliche, farblose, mit Wasser nicht mischbare Flüssigkeit vom spez. Gew. 0,65–0,75 dar, die aus einem Gemenge von Kohlenwasserstoffen der Paraffin- bezw. der Naphthenreihe von verschiedenen Siedepunkten besteht. Wegen ihres großen Lösungsvermögens und ihrer Leichtflüchtigkeit wird die Naphtha vielfach als Fleckenwasser und zum Extrahieren von Oel, z.B. aus Palmkernen, Knochen u.s.w., benutzt; neuerdings spielt sie auch eine stets wichtiger werdende Rolle als Material zur Gewinnung gereinigten Petrolbenzins, das auch kurzweg Benzin genannt wird. Die Reinigung des Rohbenzins erfolgt in besonderen, wegen ihrer Feuergefährlichkeit isoliert liegenden Benzinraffinerien in der Weise, daß die Flüssigkeit nach einer Vorbehandlung mit Schwefelsäure und Natronlauge durch Destillation mit indirektem Dampf in drei Fraktionen und einen im Destilliergefäß hinterbleibenden Rückstand zerlegt wird. Die erste, von ca. 40 bis 70° siedende Fraktion, der sogenannte Petroläther, – auch Gasäther, Gasolin, Canadol, Cymogen, Neolin, Rhizolin genannt – dient hauptsächlich zur Erzeugung von autokarburierter Luft (Aerogen- oder Lustgas) und zum Karburieren von Wasser- oder auch von Steinkohlengas; die zweite, von 70 bis 120° übergehende Fraktion, das (gereinigte) Benzin findet hauptsächlich zum Motorenbetrieb (sogenanntes Autol) Verwendung. Außerdem[71] wird es auch in den chemischen Waschanstalten zum Reinigen von getragenen Wollkleidern benutzt, wobei man der Flüssigkeit meistens eine geringe Menge ölsaurer Magnesia (sogenanntes Antibenzinpyrin) zusetzt, um Selbstentzündungen vorzubeugen, die infolge der Entwicklung von Reibungselektrizität bei der Reinigungsoperation nicht seiten vorkommen. Die dritte, von 120 bis 140° siedende, geringfügigere Fraktion, das Ligroin, eignet sich zu Beleuchtungszwecken, wenn es in besonderen Lampen verbrannt wird, während der über 140° siedende Destillationsrückstand unter dem Namen Putzöl als billiger Ersatz für Terpentinöl zum Reinigen von eingefetteten Maschinenteilen sowie in der Lack- und Firnisfabrikation verwertet wird. Zum gefahrlosen Lagern aller dieser und ähnlicher leichtentzündlicher Flüssigkeiten, wie Benzol, Aether u.s.w., hat sich das einen hohen Grad von Sicherheit gewährleistende Verfahren von der Maschinenfabrik Martini & Hüneke, A.-G., in Hannover vorzüglich bewährt, und es wird bei Benutzung dieses Verfahrens, bei welchem der Leerraum der Behälter anstatt durch Luft jederzeit durch Kohlensäure ausgefüllt ist, von seiten der Polizeibehörden die Erlaubnis zum Aufbewahren größerer Mengen von Benzin u.s.w. selbst in bewohnten Orten erteilt. Für kleinere Flüssigkeitsmengen haben sich auch die Salzkottener Gefäße, in welchen die Sicherung nach dem Prinzip der Davyschen Sicherheitslampe erfolgt, und ähnliche Konstruktionen als zweckentsprechend erwiesen und deshalb große Verbreitung gefunden.

Unter den aus Petrolrückständen bestimmter Provenienz auf dem Wege der Destillation erhältlichen Produkten sind die als Globöl, Oleonaphtha, Valvolin, Vulkanöl u.s.w. bezeichneten Schmieröle von besonderer Wichtigkeit. Diese Mineralöle bestehen ebenso wie das in einzelnen Rohölen enthaltene Paraffin und Vaseline aus mehr oder weniger zähflüssigen chemisch indifferenten Kohlenwasserstoffen, welche keine Neigung zur Bildung von Harzen oder Säuren besitzen und daher den pflanzlichen und mineralischen Schmierölen Vielfach vorgezogen werden. Außer zu den bereits genannten Zwecken findet der Petrolrückstand sowohl für sich als auch im Gemenge mit Rohöl gelegentlich als Mittel zum Desinfizieren von Abort- und Senkgruben sowie zur Verhütung der Bildung von Straßenstaub Verwendung. S.a. Straßenölung.

In bezug auf die Produktion von Petroleum ist zu bemerken, daß dieselbe im Jahr 1904 insgesamt 30000000 t betrug. Davon entfallen auf:


Petroleum

Die Einfuhr von Petroleum einschließlich Naphtha und Schmieröle in das Deutsche Reich erreichte im Jahr 1902 einen Wert von 93000000 ℳ. wovon 65500000 ℳ. auf Leuchtpetroleum entfallen.


Literatur: [1] Höfer, Das Erdöl, Braunschweig 1906. – [2] Krojatowsky-Rakusin, Naphtha und ihre Produkte. – [3] Holde, Untersuchung der Mineralöle und Fette, Berlin 1905. – [4] Kißling, R., Das Erdöl, seine Verarbeitung und seine Verwendung, Halle a. S.

Häußermann.

Die für Beleuchtungszwecke verwendeten Petroleumsorten sind teils reine Erdöle, teils Mischöle. Nachdem lange Zeit das amerikanische Erdöl den Markt beherrschte, finden neuerdings die europäischen Petroleumsorten, die den amerikanischen keineswegs nachstehen, immer weitere Verbreitung. Die Eigenschaften der in Deutschland im Handel befindlichen Erdölarten sind nach Untersuchungen des Oel Chemikers Proeßdorf in nachstehender Tabelle zusammengestellt:


Petroleum

Literatur: Proeßdorf, C., Physikalisch-photometrische Untersuchungen der gewöhnlichen Leuchtpetroleumarten, Altenburg 1905; Zeitschr. »Petroleum«, Berlin.

H. Weber.

Quelle:
Lueger, Otto: Lexikon der gesamten Technik und ihrer Hilfswissenschaften, Bd. 7 Stuttgart, Leipzig 1909., S. 71-72.
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