Polstermaterialien

[179] Polstermaterialien dienen zum Ausfüllen von Kissen, Polstern, Matratzen, zum Verpacken zerbrechlicher Gegenstände, zum Ausstopfen, Kalfatern u.s.w. Das Tierreich liefert hauptsächlich Haare und Federn, das Pflanzenreich Fasernprodukte.

Roßhaare, die dauerhaftere und wohl auch kostspieligste Ware dieser Gattung sind die Mähnen- und Schweifhaare des Pferdes, deren beste Qualitäten aus Irland, Holland und Ostpreußen, deren geringere aus Rußland und Ungarn kommen. Roßhaar wird teils roh verkauft, teils ausgesotten als sogenanntes Krullhaar, das weicher, elastischer und stark gekräuselt ist; in Zöpfen geflochten heißt es »gesponnen«. Die langhaarigen Sorten dienen zur Herstellung von Siebböden, Seilerwaren (z.B. für Papierfabriken), Geweben, zu bauschenden Unterfuttern, zu Knöpfen, Bürsten und zu Pinseln, Fischereigeräten, zum Aufputz von Militärhüten; das längste weiße Schweifhaar zum Bespannen der Violinbögen. Die geringeren kurzhaarigen Sorten sind die eigentlichen Polstermaterialien für Möbel, Sättel, Kissen, Matratzen, zu Haardecken, Preßtüchern, Haarfohlen u.s.w. Das Roßhaar ist sehr verschieden lang, vollkommen glatt, besitzt einen sehr gleichmäßigen Verlauf, eine von 100 bis zu 400 μ wechselnde Dicke, schmale blättchenartige Markzellen und eng aneinander schließende Epidermiszellen, die eine unregelmäßig gezähnelte Querstreifung bilden [1], [2]. Sein hoher Wert beruht auf der großen Elastizität: und Dauerhaftigkeit. Das durch längeren Gebrauch (Druck, Feuchtigkeit) veränderte Roßhaar erhält seine Elastizität wieder, wenn man es auskocht und auf Stäbe aufwickelt, bis es trocken geworden. Aufzupfen und Dämpfen verbessert das Material wesentlich. Die Deckhaare des. Pferdes sind nur ausnahmsweise als ein billiges Polstermaterial im Gebrauch. Als Surrogat bezw. als Fälschungsmittel sollen Schweinsborsten in Anwendung kommen, was sich mit dem. Mikroskop leicht feststellen läßt.

Ein stofflich nahestehendes Surrogat sind die Fischbeinhaare, Whale bonehairs, faserige Abfälle des schwarzen Fischbeines (der Fransenbesatz der Walfischbarten), dem Roßhaare einigermaßen ähnlich, gleich diesem dauerhaft, ca. 2 dm lang, aber sehr ungleichmäßig im Verlauf (s. Fischbein, Bd. 4, S. 41).

Ein wichtiges Polstermaterial liefert das Vogelkleid verschiedener Vögel, das sich aus, den Deck- oder Konturfedern und den Flaumfedern oder Dunen zusammensetzt Eiderdaunen oder -dunen, die Flaumfedern der Eiderente, sind die feinsten und teuersten Bettfedern; als solche dienen ferner die Flaumfedern der Gänse, Enten und Hühner sowie die geschliffenen Deckfedern dieser Tiere; als Sommergut wird die Ware von lebenden Tieren; bezeichnet, tote geben das Wintergut. Im Handel gehen sie auch als Rupf- und Schleißfedern.

Echtes Seegras besteht aus den getrockneten Blättern mehrerer zu den Potamogetonaceen gehörigen Meerespflanzen, vornehmlich der Zostéra marina L., dann Zostéra nana Rot sowie Posidonia oceanica Del. Die Blätter von Zostéra marina sind bis über 1 m lang, 3–9 mm breit, 3–7nervig, schmal- bis breitlineal, an der Spitze abgerundet. Zostéra nana hat nur 40 cm lange, dreinervige, an der Spitze ausgerandete Blätter; Posidonia 50 cm lange, 7 mm breite, vielnervige Blätter. Die Blätter werden bei stürmischem Wetter oft in großen Mengen ausgeworfen und bilden am Strande dichte Polster oder Wälle. Bei Posidonia drehen sich bei Wellenbewegung um die Wurzelstöcke die Blattreste zu Faserballen zusammen, die als Aegagropili oder Pilae marinae, Meerbälle, früher eine ausgedehnte medizinische Verwendung fanden. Im Norden ist die Seegrasgewinnung besonders in den Niederlanden entwickelt, wo von den »Wiermaaiers« (Seegrasmähern) jährlich fast 1000000 kg gesammelt werden. In Venedig dient das Seegras zum Verpacken der Glaswaren; in Schleswig-Holstein und in Nordafrika bildet es auch ein Dachdeckmaterial. Als Polstermaterial ist es wegen seiner Dauerhaftigkeit und wegen des Fernhaltens von Ungeziefer geschätzt [3].

Als (unechtes und weit billigeres) Seegras sind gegenwärtig die oberirdischen Teile des zittergrasartigen Riedgrases oder Waldhaares (Carex brizoides L.) sehr stark im Gebrauch. Die Pflanze lebt gesellig an schattigen feuchten Waldstellen und besitzt 0,3–0,6 m lange, schmallineale, schlaffe, grasgrüne Blätter und lange, gekrümmte, blaßgelbe Aehrchen. Die Pflanzen werden gut getrocknet und zu dicken Schnüren gedreht; am meisten davon liefert Oberösterreich.

Pflanzendunen, Bombaxwolle, Ceibawolle, Edrédon végétale, Kapok (Sundainseln), Paina limpa (Brasilien), patte de lièvre (Hasenfuß), Ouatte végétale sind die Fruchthaare verschiedener Bombaceen, wie Bombax malabaricum DC, B. ceiba, Eriodendron anfractuosum DC, Ochroma lagopus Sw. u.s.w., die als ein Ersatz der Federn und der Baumwollwatte Verwendung finden. Sie sind einzellige konische, verholzte, an der Basis meist netzförmig verdickte Haare mit sehr geringer Fertigkeit und Dauerhaftigkeit [4]. Im deutschen Handel heißen sie Kapok und finden neuestens als Packmittel, als Watte u. dergl. ausgedehnte Verwendung. Eine Art Pflanzendunen, aber aus mehrzelligen Haaren gebildet, sind die goldbraunen, höchst seinen und weichen Spreuhaare exotischer Farne, die als Penghawar Djambi (oder Pennawar Djambi von Cibotium Barometz Kz., Cibotium glaucescens, auf Sumatra), als Pulu von Cibotium glaucum auf den Sandwichsinseln und als Pakoe Kidang von Alsophila lurida, Chnoophora, Balantium auf Java in den Handel kommen; auf Sumatra und Java werden sie seit alter Zeit als blutstillende Mittel benutzt und als solche auch bei uns eingeführt. Pulu dient insbesondere als Polstermaterial und kommt hauptsächlich in Nordamerika zur Verwendung [5].

Pflanzenseiden sind die Samenhaare verschiedener Apocynaceen und Asclepiadaceen, die sich zwar durch schönen Glanz und Feinheit auszeichnen, aber wegen der hohen Sprödigkeit und geringen Dauerhaftigkeit auch als Polstermaterialien keinen sonderlichen Nutzen gewähren. Hierher gehört die vegetabilische Seide von Asclepias Cornuti Des., von Calotropis gigantea R. Br. [6]. – Ebensowenig empfiehlt sich als Polstermaterial die Pappelwolle, die Haarschöpfe der Samen unsrer Pappelbäume [7]. – Als Verpackungsmaterial sowie zur Beimischung von [179] Filzen dient hier und da die Rohrkolbenwolle, welche von Typha angustifolia L. und T. latifolia L. herrührt. Die schmalellipsoidischen, über 1 mm langen Früchte besitzen einen 1 cm langen Stiel, welcher weiße, weiche, sehr zarte, in quirlige Gruppen verteilte, etwa 5 mm lange Haare trägt. Diese Früchtchen mit den behaarten Stielen bilden die Handelsware [8].

Gröbere Polstermaterialien liefern die Palmenfasern, die größtenteils von den Blättern der Palmen flammen und wegen ihrer großen Zähigkeit und Haltbarkeit sowie wegen des reichlichen Vorkommens billige und leicht beschaffbare Waren sind. Außer zu Polstermaterialien dienen sie zu Bürsten, Besen, Bindematerial, Geflechten, Tauen. Hierher gehört auch Crin végétal oder Crin d'Afrique, von der Zwergpalme, Chamaerops humilis L.; diese wird am häufigsten in Algier und Tunis auf den Faserstoff ausgebeutet. Die Blätter werden geschnitten, zerteilt und gehechelt. Bei uns ist »Afrique« neben Seegras und Esparto das billigste Polstermaterial. Andre Palmenfasern s. [9].

Als vegetabilisches Roßhaar oder Baumhaar, Caragate, kommen auch die grauen, braunen oder schwärzlichen Faserstränge der herabhängenden Zweige von Tillandsia usneoides (einer südamerikanischen Bromeliacee) in den Handel. Sie haben einige Aehnlichkeit mit dem Roßhaar, lassen sich aber mit der Lupe leicht an den Ansatzstellen der Aestchen erkennen.

Die halmartigen schmalen Blätter zweier Gräser, Stipa tenacissima L. und Ligaeum spartum L., die in Spanien und Nordafrika vorkommen, liefern den sogenannten Esparto, der als Flecht- und Stopfmaterial sowie als der ausziehbare »Strohhalm« der Virginiazigarre Verwendung findet. Die daraus dargestellte Faser heißt Alfa- oder Halfafaser.

Als Polstermaterial wird auch das Werg, Hede oder Tors gebraucht. Darunter versteht man bekanntlich den durch das Hecheln des Flachses und Hauses ausgeschiedenen Abfall, der aus kurzen, verworrenen und verknäuelten Fasern und zahlreichen andern Gewebsbestandteilen der Stammpflanzen sich zusammensetzt. Das viel wertvollere Flachswerg wird heute größtenteils zu Werg- oder Towgarn verarbeitet [10].

Holzwolle, zerfasertes Holz, bildet als Packmaterial lange, weiche und dünne, durch Hobeln hergestellte bandartige Fasern oder eine wollige Masse, die als Stopfmaterial und in der Tapetenfabrikation, um den Samt nachzuahmen, verwendet wird. Auch in der Verbandstofftechnik hat die Holzwolle (z.B. als Sublimatwolle) Beachtung gefunden. S.a. Holzwolle.

Torffaser, das von moorigen Bestandteilen befreite Fasermaterial des Torfes, in gröberen Sorten zum Einpacken von Nahrungsmitteln, deren Konservierung dadurch unterstützt werden soll. Zu den gröbsten Polstermaterialien gehören das Stroh (Weizen-, Roggen-, Gerste-, Haferstroh) und die Maislieschen, auch als Packmaterial viel verwendet. Lokale Bedeutung hat das Waldmoos, die getrockneten Rasen verschiedener Hypnum-, Hylocomium- u.s.w. Arten.

Waldwolle, im Jahre 1840 in Ziegenhals zuerst dargestellt, besteht aus den in den Kiefernadeln enthaltenen Fasern. Das wollartige bräunliche Produkt dient als Polstermaterial für Bettdecken und für Fußteppiche und wird auch mit Baum- oder Schafwolle gemischt zu Garn versponnen; auch als Vorgespinst, die sogenannte Waldwollwatte, kommt sie mit Waldwollöl parfümiert in den Handel. Sie soll sich gegen rheumatische und gichtische Leiden als heilsam erweisen [11]. Was in Badekurorten als Waldwolle verkauft wird, ist braungefärbte, mit Terpentinöl parfümierte Baumwolle.


Literatur: [1] Goeldener, Pharm. Ztg. 1889, Nr. 95. – [2] Hanausek, T.F., Realencyklop. d. ges. Pharm., 2. Aufl., Wien 1908, Bd. 10, S. 697. – [3] Ascherson-Graebner, Synopsis der mitteleurop. Flora, Leipzig 1897, Bd. 1, S. 298. – [4] Hanausek, T.F., Lehrb. d. techn. Mikroskopie, Stuttgart 1901, S. 63. – [5] Vogl, A., Kommentar u.s.w., Wien 1892, S. 413. – [6] Hanausek, T.F., Lehrb. d. techn. Mikroskopie, S. 69. – [7] Ders., Realencyklop. d. ges. Pharm., Bd. 10, S. 31. – [8] Ders., ebend., Bd. 10, S. 681. – [9] Ders., ebend., Bd. 9, S. 709. – [10] Ders., Lehrb. d. techn. Mikroskopie, S. 71. – [11] Ders., ebend., Bd. 10, S. 350. – Die mikroskopischen Verhältnisse ausführlich in v. Höhnel, Die Mikroskopie der technisch verwendeten Faserstoffe, 2. Aufl., Wien 1905, und Wiesner, Rohstoffe, Bd. 2, Leipzig 1903.

T.F. Hanausek.

Quelle:
Lueger, Otto: Lexikon der gesamten Technik und ihrer Hilfswissenschaften, Bd. 7 Stuttgart, Leipzig 1909., S. 179-180.
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