Snorri Sturluson

[558] Snorri Sturluson, einer der bedeutendsten Isländer, der in der Geschichte der skandinavischen Literatur wie in der seiner engern Heimat eine wichtige Rolle spielt, geb. 1178 auf dem Hof Hvamm in [558] Island als Sprößling eines der ältesten Geschlechter der Insel, der Sturlunge, gest. 22. Sept. 1241 in Reykjaholt, ward von seinem dritten Jahr an bei Jon Loptsson, dem Enkel Sämunds, zu Oddi erzogen und unterrichtet. Seinen durch Heirat erworbenen großen Reichtum verwandte er zum Teil auf Bauwerke in seinem Lieblingsgut Reykjaholt. Er bekleidete mehrmals das Amt eines Gesetzsprechers, das damals die höchste Würde auf Island war. An den Bruderfehden der Sturlunge (von denen die »Sturlungasaga« handelt) war er, und nicht immer in rühmlicher Weise, beteiligt, wie denn Ehrgeiz und Habsucht ihm nicht abzusprechen sind. 1237 floh er vor seinem Bruder Sighvat und dessen Sohn nach Norwegen zum Herzog Skuli, mit dem er seit seinem ersten Aufenthalt in Norwegen (1218) eng befreundet war. König Hakon, dem S. der Mitschuld an Skulis Aufstand verdächtig war, erklärte ihn, da er 1239 gegen sein Verbot nach Island zurückkehrte, für einen Hochverräter, und in seinem Auftrag ward S. von Gizurr, seinem eignen Schwiegersohn, überfallen und ermordet. Ungleich rühmlicher als die politische ist die literarische Tätigkeit Snorri Sturlusons. Sein bedeutendstes Werk ist die »Heimskringla« (so genannt nach den Anfangsworten der Vorrede), eine Sammlung von 16 norwegischen Königssagen (von Halfdan dem Schwarzen bis Magnus Erlingsson, um 850–1177), der ein Prolog und die mythische »Ynglingasaga« vorausgehen. Überliefert ist die »Heimskringla« in den Handschriften: »Kringla« und »Jofraskinna« (die beide 1728 in Kopenhagen bis auf geringe Reste verbrannten, aber in Abschriften erhalten sind), im »Eirspennill« und in der »Fríssbók« (hrsg. von Unger, 1871), welche die Sturla Thordharsons Saga von Hakon dem Alten anhängt, dagegen die Saga von Olaf dem Heiligen fortläßt. Was Snorris Anteil an dieser Sammlung betrifft, so gehen die Ansichten darüber auseinander; jedenfalls benutzte er schon schriftliche Sagas, und sein Hauptverdienst ist das der kritischen Sichtung und Bearbeitung des vorhandenen Materials. Herausgegeben ward die »Heimskringla« von Peringskjöld (Stockh. 1697), von Schöning und Sk. Thorlacius (Kopenh. 1777–1783, 3 Bde.), von Unger (Christ. 1868) und (mit kritischem Apparat) von Finnur Jónsson (Kopenh. 1893 f.); teilweise ins Deutsche übersetzt von Wachter (Leipz. 1835–36), Mohnike (Strals. 1835–37), ins Dänische von Grundtvig (Kopenh. 1818–22), von Aall (Christ. 1838–39), von Munch (das. 1859), von Horn (Kopenh. 1896), von G. Storm (Christ. 1899 f.), ins Schwedische von Richert (Stockh. 1816–29), von H. Hildebrand (Örebro 1869–71, 3 Bde.; 2. Aufl. 1889). Vgl. P. E. Müller, Undersögelse om Kilderne til Snorres Heimskringla (Kopenh. 1823); G. Storm, Snorre Sturlassöns Historieskrivning (das. 1873). Ferner rühren nach alten Zeugnissen (das älteste in der Upsalaer Handschrift um 1300) die ältern Teile der jüngern Edda von S. her (daher »Snorra-Edda« genannt), der er in dankbarer Erinnerung an seinen Jugendaufenthalt, wo ihm die wichtigsten Materialien bekannt wurden, diesen Namen (»Das Buch von Oddi«) beilegte. Außer dem in dieser enthaltenen »Háttatal«, einem Lobgedicht auf den König Hakon und den Jarl Skuli (s. Edda, S. 364), dichtete er auch Drapas (von denen jedoch nur ganz dürftige Reste erhalten sind). Ob das unter Sämunds des Weisen Namen überlieferte Gedicht »Noregs konungatal« eine Jugendarbeit von S. ist, wie neuerdings behauptet ward, ist sehr fraglich. Snorri Sturlusons schriftstellerische Tätigkeit fällt wahrscheinlich in die Jahre 1220–37.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 18. Leipzig 1909, S. 558-559.
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