Sinngedicht; Epigramma

[1081] Sinngedicht; Epigramma. (Dichtkunst)

Ein kleines Gedicht, darin der Dichter merkwürdige Personen, oder Sachen nicht umständlich, sondern gleichsam im Vorbeygang und mit wenig Worten in einem besonderen und seltenen Licht zeiget. Die eigentliche Art dieses Gedichtes hat unser Lessing zuerst aus Betrachtung seines Ursprunges mit gehöriger Genauigkeit bestimmt.1 Es scheinet nämlich aus den Aufschriften auf Denkmäler entstanden, wenigstens dadurch veranlasset worden zu seyn. Wie [1081] nun Denkmäler zum Andenken merkwürdiger Personen, oder Sachen gesezt werden, über deren besondere und seltene Beschaffenheit insgemein eine kurze Aufschrift die nöthige Auskunft giebt; so ist das Sinngedicht ein ähnliches poetisches Monument, das wir mit einem einzigen Blik übersehen. Das bekannte Distichon:


Infelix Dido! nulli bene nupta marito:

Hoc pereunte fugis; hoc fugiente peris.


bringt uns die berühmte Dido, als ein außerordentliches Beyspiehl einer durch Heyrath unglüklichen Person vor Augen, und zeiget in ein paar Worten, worin das Seltene ihres Schiksals bestanden habe. Der erste Vers ist gleichsam die Statue, oder das Denkmal, das uns die Person in merkwürdiger Stellung vor das Gesichte bringt, und der zweyte Vers ist wie die Aufschrift derselben, die uns die Sach in zwey Worten erkläret. Dieses ist der eigentliche Charakter des Sinngedichtes.

Es hat diesem zufolge, wenn es vollkommen seyn soll, zwey Theile, die der angeführte Kunstrichter Erwartung und Aufschlus nennt, und die wir mit dem Monument und seiner Aufschrift vergliechen haben. Nur denn ist es vollkommen, wenn es diese beyden Theile hat, die man auch in der Sprache der philosophischen Schule das Subjekt und das Prädicat nennen könnte, und wenn jeder genau, nachdrüklich und kurz gezeichnet ist.

Indessen nihmt man die Sache nicht immer so sehr genau, daß man nicht auch solche kleine Gedichte, die eigentlich nur die Hälfte des vollkommenen Sinngedichtes ausmachen, mit unter diese Art zählte. Bisweilen besteht es blos aus dem zweyten Theil, da der erste durch die Ueberschrift angezeiget wird. Man findet z.B. in den sogenannten Menagianis folgendes:


Ueber ein kleines Lustwäldchen das mit Wasser umgeben ist.

Hîc Cytherea tuo poteras cum Marte jacere,

Vulcanus prohibetur aquis, sol pellitur umbris.


Diese zwey Verse sind eigentlich nur die Aufschrift; das Denkmal, oder die Sache selbst wird durch die Ueberschrift angezeiget. Das Sinngedicht wäre vollständig, wenn in ein paar vorhergehenden Versen gesagt würde: Dieses Wäldchen ist mit Wasser umgeben und dichte mit Bäumen bepflanzt, und der Venus geweyht. Von dieser Art ist auch folgendes aus der Anthologie:


᾽Εκ ζωης με θεοι ϑευξαν λιθον. ᾽Εκ δε λιθοιε

Ζωην Πραξιτελης ἐμπαλιν ἐιργασατο.


Es ist blos die Aufschrift auf die Statue der Niobe von Praxiteles. Der erste Theil fehlt ihm. Andern fehlet der zweyte Theil; sie zeigen uns blos die Sache, und überlassen uns, eine anständige Aufschrift darauf zu machen. Von dieser Art ist folgendes, von unserm Kleist:


Als Pätus auf Befehl des Koysers sterben sollte,

Und ungern einen Tod sich selber wählen wollte:

Durchstach sich Arria. Mit heiterem Gesicht

Gab sie den Dolch dem Mann und sprach: Es schmerzet nicht.


Etwas mehr ist folgendes, denn ob es gleich scheinet, als stellte es nur das Subjekt vor, so empfindet man doch besonders bey den zwey lezten Worten, daß es das Prädicat, oder die Aufschrift schon in sich schließet:


Δολος Επικτητος γενμεν, καμ σωματι πηρος,

Καμ πενιην ᾽Ιρος, καμ φιλος᾽ Αϑανατοις.


So viel sey von dem Charakter und der Form dieses Gedichts gesagt.

Der Dichter hat dabey nicht allemal einerley Absicht; so wie auch die Denkmäler selbst nicht allemal einerley Endzwek haben. Einige dienen blos das Andenken würklich außerordentlicher Begebenheiten, Glüks- und Unglüksfälle im Andenken zu erhalten; andere haben Lob und noch andere Schande zur Absicht, und eben dieses hat auch bey dem Sinngedichte statt. Und da diese Denkmäler wenig Aufwand erfodern, so beehret man auch bloße Thoren damit, um den Klügern die Lust zu machen über sie zu lachen. So ziehlt folgendes blos ab das Andenken einer ganz besonderen und außerordentlichen Begebenheit zu erhalten.


Una dies Fabios ad bellum miserat omnes,

Ad bellum missos perdidit una dies.


In diese Classe rechnen wir alle, die blos überraschen, die durch das Seltsame der Sach Verwundrung, oder durch das Ungereimte und Närrische, Lachen erweken.

Man sieht aber, ohne mein Erinnern, daß die, welche ein feines, zur Nacheyferung reizendes Lob, oder einen recht beißenden Spott und empfindlichen Tadel zur Absicht haben, die wichtigern sind. Von [1082] dieser Seite betrachtet kann das Sinngedicht, so klein es ist, wichtig werden. Welches wolgeartete Frauenzimmer wird ohne Rührung diese vier Verse von Besser lesen?


Dies ist das sittsame Gesicht;

Dies ist die Doris die Geliebte,

Die ihren Caniz eher nicht,

Als nur durch ihren Tod betrübte.


Die Wichtigkeit des lobenden und spottenden Sinngedichts ist zu offenbar, als daß wir uns dabey aufhalten sollten. Und wie leichtsinnig müßte der nicht seyn, der das vorher angeführte Sinngedicht auf den Epiktet, ohne heilsamen Eindruk davon zu fühlen, lesen könnte: Dies ist Epiktet, ein Sclave, lahm und höchst arm, aber den Göttern werth.

Es lassen sich aus allem angeführten auch ohne mühesames Nachdenken, die vornehmsten Eigenschaften des Sinngedichtes abnehmen. Man findet sie in den angeführten Anmerkungen unsers Lessings gründlich auseinandergesezt. Wir begnügen uns also die Hauptsachen ganz kurz anzuzeigen.

Da dieses Gedicht das kleineste von allen ist, so leidet es auch nicht den geringsten Fleken. Gedanken und Ausdrüke müssen vollkommen bestimmt, vollkommen richtig und passend seyn. Der Gegenstand muß mit wenigen, aber meisterhaften Zügen so gezeichnet seyn, daß wir ihn schnell, nach seiner Seltenheit, oder Wichtigkeit, und in dem ihm zukommenden Ton der Farbe, ins Auge fassen. Und wie bey würklichen Denkmalen die Einfalt eine Haupttugend ist, so muß auch hier nichts mit Zierrathen verbrämt, vielweniger überladen seyn. Man kann das, was wir über die Beschaffenheit des Denkmals gesagt haben2 leicht hierauf anwenden.

Das Prädicat, oder was die Aufschrift vorstellt, muß uns die Sach in einem völlig interessanten Licht zeigen, es sey als besonders gut oder bös, oder blos selten, oder poßirlich. Wir müssen nothwendig dadurch überrascht, oder doch stark angegriffen werden. Dazu wird Kürze, Nachdruk, oder naive Einfalt, oder Wiz, oder seltsamer Contrast, aber allemal der vollkommenste Ausdruk erfodert.

Und hieraus läßt sich abnehmen, daß dieses kleine Gedicht einen Meister in Gedanken und Ausdruk erfodere, und nichts weniger, als das Werk eines gemeinen Reimers sey.

Aus dem Alterthum haben wir viele sehr schöne Sinngedichte in den beyden griechischen so genannten Anthologien. Aber der Hauptepigrammatist, der diese Dichtart besonders und einzig getrieben hat, ist Martialis. Unter uns haben sich Logau und Wernike vorzüglich in diesem Fache gezeiget, und der leztere besonders könnte vorzüglich genennt werden, wenn die Frage vorkäme, wie weit es Deutschen in dieser Art gebracht haben; obgleich zu seiner Zeit der deutschen Sprache der leichte und geschmeidige Ausdruk, den sie zu unsern Zeiten bekommen hat, noch fehlte. Hagedorn hat in dieser, wie in mehrern Arten auch in Ansehung des vollkommenen Ausdruks hierin den Deutschen die ersten Muster gegeben. Hier und da laufen einige Sinngedichte von Käsiner herum, aus denen man abnehmen kann, daß dieser durch ernsthaftere Arbeiten berühmte Mann alle seine Vorgänger in dieser Art würde übertroffen haben, wenn er sich vorgenommen hätte, das Sinngedicht zu seinem Fache zu wählen.

1In seinen Anmerkungen über das Epigramm, im ersten Theile seiner vermischten Schriften, der 1771 in Berlin herausgekommen ist.
2S. Denkmal.
Quelle:
Sulzer: Allgemeine Theorie der Schönen Künste, Band 2. Leipzig 1774, S. 1081-1083.
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