Kürze

[641] Kürze. (Redende Künste)

Ohne Zweifel ist die Kürze eine der wichtigsten Vollkommenheiten der Rede. Sie trägt viel Gedanken in wenig Worten vor, und erreicht also den Zwek der Rede auf eine vollkommene Weise. Es hat allemal etwas reizendes und einigermaaßen wunderbares für uns, wenn wir sehen, daß mit wenigem viel ausgerichtet wird; und denn ist die Kürze den Gedanken, was dem baaren Reichthum das Gold ist, welches das Aufbehalten, Ueberzählen und Ausgeben [641] geben erleichtert. Diesen Vortheil drükt Horaz sehr wol aus:


–– –– ut cito dicta

Percipiant animi dociles teneantque fideles.


Man muß die Kürze der Gedanken, von der Kürze des Ausdruks unterscheiden. Jene besteht in dem Reichthum der Begriffe; diese kommt von einer klugen Sparsamkeit der Wörter und der Redensarten her. Als Cäsar dem Brutus, den er unter seinen Mördern erblikt hatte, zuruffte: auch du mein Sohn! mußte dieser einzige Gedanken, erstaunlich viel Vorstellungen in dem Brutus erweken. Hier liegt die Kürze in dem Gedanken; denn wenn man auch diesen Gedanken in mehr Worten ausdrükte, und so weit, als möglich ist, ausdähnte; so wird er doch immer noch sehr viel sagen. Eben diese Kürze der Gedanken treffen wir in der Anmerkung an, die beym Terenz jemand über einen Jüngling macht, dem seine Vergehungen vorgehalten werden: er wird roth; alles ist gewonnen.1 Der Ausdruk ist natürlich, und gar nicht zusammengepreßt; aber der Gedanken enthält die halbe Sittenlehre.

Es giebt auch eine Kürze, die blos von der Wendung der Gedanken herkommt. Von dieser Art ist folgendes aus der Rede für den Milo. Würde man auch dieses nicht erzählen, sondern vormahlen; so würd es dennoch offenbar seyn, welcher von beyden der Nachsteller sey, und welcher von beyden nichts Arges im Sinne hatte.2 Hier ist das, was Cicero sagen wollte, durch eine glükliche Wendung, wunderbar abgekürzt. Er will sagen, daß durch die richtigste und einfachste Erzählung der Sache, die ohne Anmerkungen oder Auslegungen wäre, die Unschuld des einen und die Boßheit des andern sich offenbar zeigen würden. Um kurz zu seyn, stellt er jene einfache Erzählung als eine Mahlerey vor; welche die Wahrheit geschehener Sachen durch keine falsche Auslegung verstellen kann.

Die Kürze liegt blos im Ausdruk, wenn weder die Begriffe reich an Inhalt, noch die Wendung der Gedanken vortheilhaft ist, sondern blos die wenigsten Worte zum Ausdruk gewählt worden. Von dieser Art ist der Ausdruk des Xenophons von dem Flus Thelaoba; welcher zwar nicht groß, aber schön war.3 Ein Erzähler, der die Kürze weniger als Xenophon liebte, würde vielleicht gesagt haben: dieser war zwar in Ansehung seiner Größe nicht merkwürdig; aber an Schönheit übertraf er andre Flüsse.

Da die Kürze, es sey in Gedanken, oder im Ausdruk, nur denn vortheilhaft wird, wenn sie mit hinlänglicher Klarheit verbunden ist, so muß man sich dieser dabey äusserst befleißen. Horaz sagt viel in diesen wenigen Worten.


Paulum sepultæ distat inertiæ

Celata Virtus.4


Aber diese Kürze nüzet dem, der einer Auslegung dieser Worte bedarf, nichts.

Die Kürze in Gedanken erreicht nur der, der im Stand ist viel Wahrheiten auf einen allgemeinen Saz, eine an Begriffen sehr reiche Vorstellung auf einen einzigen Begriff zu bringen; wie Haller, wenn er den gegenwärtigen Zustand des Menschen, in Vergleichung des künftigen, einen Raupenstand nennt. In beyden Fällen thun die Bilder und bisweilen auch die Metonymien sehr großen Dienst. Auch können viel Gedanken in einen zusammengedrängt werden, wenn man aus der Menge der Vorstellungen nur eine aussucht, die natürlicher Weise, auf die übrigen leitet; wie wenn Horaz von den fatalen Folgen der bürgerlichen Kriege sagt:


Ferisque rursus eccupabitur solum.5


Dieser einzige Umstand, daß Italien wieder eine Wohnung wilder Thiere werden wird, schließt tausend andre Vorstellungen nothwendig in sich.

Will man durch eine glükliche Wendung, mit wenigem viel sagen, so muß man seinen Gegenstand von der Seite vorstellen, von welcher er am schnellesten übersehen werden kann. Um jemanden von der gänzlichen Verheerung eines Landes einen recht lebhaften Begriff zu machen, kann sehr viel gesagt werden; aber von keiner Seite läßt sich alles geschwinder übersehen, als von der, die Horaz durch diese Worte zeiget:


Et campos ubi Troja suit.


[642] Die Kürze, welche blos im Ausdruk liegt, scheinet am schweeresten zu erreichen; denn die, welche von dem Reichthum, oder der vortheilhaften Wendung der Gedanken herkommt, hängt von dem Genie ab, und erfodert keine Kunst. Dieser Reichthum ist ererbt, der andre muß erst durch Sparsamkeit erworben werden. Es gehört nicht wenig Kunst dazu, eine gegebene Anzahl der Begriffe durch die kleineste Zahl der Wörter auszudrüken, ohne andre Hülfsmittel, als die Weglassung des Ueberflüßigen. Hier ist alles Kunst. Wenn man sagen will; es sey unmöglich, den Charakter eines noch unmündigen Menschen zu kennen; weil er sich noch nicht entwikelt hat; weil die Blödigkeit dieses Alters ihn noch zurükhält, nach eigenen Trieben zu handeln; weil er noch manches darum unterläßt, weil seine Vorgesetzten es verboten haben; so scheinet es beynahe unmöglich alle diese Begriffe, in weniger Worte zusammen zu fassen. Doch hat Terenz gerade dieses weit kürzer ausgedrükt. »Wie willst du die Sinnesart erkennen, so lange Jugend, Furcht und der Hoffmeister sie zurüke halten?«


Qui scire posses aut ingenium noscere,

Dum ætas, metus, magister, prohibent?6


Diese Kürze kann nicht wol anders, als durch ruhige Bearbeitung eines weitläuftigern Entwurfs der Gedanken erreicht werden. Wenn man das, was zur Sache dienet, zusammengetragen hat; so ist zu Erreichung der möglichsten Kürze nothwendig, daß jeder einzele Gedanke besonders bearbeitet, und auf die wenigsten Begriffe gebracht werde. Cicero hatte in seinen Vorstellungen gegen die Austheilung der Aecker deutlich bewiesen, daß die Decemviri dadurch sich des ganzen Staats bemächtigen, und nach Gutdünken würden handeln können: hierauf läßt er den Kullus, der das Gesetz von der Austheilung vorgeschlagen hatte, erwiedern; sie seyen weit entfernt einen solchen Mißbrauch ihres Ansehens zu machen. Gegen diese Versicherung hatte der Redner eine dreyfache Einwendung zu machen. 1) Es sey immer ungewiß, ob sie ihre Macht nicht mißbrauchen werden, und 2) so gar wahrscheinlich, daß es geschehen würde; sollte es aber nicht geschehen, so würde es doch 3) unschiklich seyn, die Wolfarth und Ruhe des Staates als eine Wolthat von ihnen zu empfangen, da doch beydes, ohne sie, durch eine kluge Regierung könne erhalten werden. Diese drey Vorstellungen hat Cicero gewiß nicht ohne verweilendes Nachdenken, in diese Kürze zusammengebracht. »Erstlich ist es ungewiß; zweytens fürchte ich doch, daß es geschehen möchte; und warum sollte ich endlich zugeben, daß wir unsre Wolfarth, mehr eurer Gütigkeit, als unsre eigenen klugen Veranstaltungen, zu danken haben?« Der lateinische Ausdruk ist noch viel kürzer: Primum nescio: deinde timeo: postremo non committam, ut vestro beneficio potius, quam nostro consilio salvi esse possimus.7

Eine solche Kürze ist fürnehmlich da nothwendig, wo man mehrere Vorstellungen, welche zugleich würken sollen, zu thun hat; denn je näher man sie zusammendränget, desto gewisser thun sie ihre Würkung. Sie kommt entweder von der Sprache selbst, oder von dem Verstande des Redenden her. Eine Sprache verträgt sie mehr, als eine andre. Im Lateinischen und Griechischen, verstattet der häufige Gebrauch des Participien mehr Kürze, als die meisten neuern Sprachen haben. Da die Sprachen, so lange sie lebend bleiben sich immer verändern, so sollte man die glüklichen Neuerungen der besten Schriftsteller, die der Kürze günstig sind, sorgfältig bemerken, um sie allmählig in der Sprache gangbar zu machen. Das meiste ist in diesem Stük von den Dichtern zu erwarten; weil sie am öftersten in der Nothwendigkeit sind, der Sprach neue Wendung zu geben. Dieser Nuzen der Dichtkunst ist allein schon wichtig genug, daß man das äußerste zu ihrer Beförderung anwenden sollte. Es liegt hinlänglich am Tage, daß die deutsche Sprache durch die Neuerungen der Dichter zur Kürze tüchtiger worden ist, als sie vorher war. Doch will dieses nicht sagen, daß jeder poetische Ausdruk seiner Kürze halber, sogleich in die gemeine Rede soll aufgenommen werden.

Aber auch bey der kürzesten Sprache, kommt noch sehr viel auf den Verstand des Redners an. Wer nicht gewohnt ist, überall die höchste Vollkommenheit zu suchen, die nur der Verstand sieht, trift nicht immer die größte Kürze. Sie ist also den Schriftstellern vorzüglich eigen, die ein zu höhern Wissenschaften aufgelegtes Genie mit Geschmak verbinden. Darum übertrift Haller in gebundener und ungebundener Rede, jeden andern Deutschen. Schon in dieser Absicht allein, ist sein Usong ein höchst schäzbares Werk, und kann zum Muster des kurzen Ausdruks dienen.

1Erubuit; salva res est. Terent. Adelph.
2Si hæc non gesta audiretis, sed picta videretis: tamen appareret uter esset insidiator, uter nihil cogitaret mali. Cicero pro Milone.
3ἐυτος δε ἠν μεγας ἐυ καλος δε
4D. i. Es ist ein geringer Unterschied zwischen dem, der wegen seiner Unthätigkeit im Grabe der Vergessenheit liegt, und dem, dessen Thaten nicht mehr bekannt sind.
5Epod. XVI.
6Terent. Aud. Art. I.
7Or. L de Lege Agraria.
Quelle:
Sulzer: Allgemeine Theorie der Schönen Künste, Band 2. Leipzig 1774, S. 641-643.
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