Terenz

[1150] Terenz.

Der bekannte römische Comödienschreiber. Er war aus Carthago gebürtig, und in seiner Kindheit ein Sclave des römischen Rathsherrn Terentins Lucanus, der ihn gut erzogen, und noch ganz jung freygesprochen hat. Er war noch in der Kindheit da Plautus starb, und schon in seinem 18 Jahr soll die Andria sein erstes Stük gespiehlt worden seyn. Man erzählt bey dieser Gelegenheit eine artige Anekdote von ihm. Als er, wie es in Rom der Gebrauch war, sein Lustspiehl Andria den Aedilen überreichte, sagte ihm der Aedil Cerius, der eben an der Tafel war, er sollte sein Stük ihm vorlesen. Weil er unbekannt und schlecht gekleidet war, so wurd ihm neben dem Tisch eine Banke hingesezt. Er hatte aber kaum einige Verse gelesen, als man so viel Achtung für ihn bekam, ihn zur Tafel zu ziehen, und ihn zu bitten das ganze Stük nach aufgehobner Tafel zu lesen.

Er gewann bald große Achtung. Lälius und Scipio zwey der ersten Männer in Rom, waren seine Freunde, und sollen ihm bisweilen bey Verfertigung seiner Stüke geholfen haben. Seine Feinde wollten ihm dieses zur Last legen, er aber rechnete sichs zur Ehre, und lehnt deshalb in dem Prologo zu den Adelphis, die Beschuldigung sehr schwach von sich ab. Einige haben geglaubt, daß die Freunde von denen der Dichter an angezeigtem Orte spricht, nicht Scipio und Lälius seyn können, weil sie damals noch zu jung gewesen, sondern daß die vornehmen Männer, deren Beystand der Dichter nicht leugnet, Q. Fabius Labeo und Mar. Popilius, beyde consularische Männer und Dichter seyen; oder sie meinen Sulpitius Gallus ein gelehrter Mann, der diese Schauspiehle zuerst in den consularischen Spiehlen eingeführt, habe unserm Dichter geholfen. [1150] Nachdem er die 6 Stüke die wir noch haben verfertiget hatte, reißte er noch vor seinem 35 Jahre nach Griechenland, und auf dieser Reise ist er gestorben. Einige sagen, er sey auf der See bey seiner Zurükreise verunglükt. Er soll in Griechenland 108 Comödien des Menanders übersezt haben; sie sind, so wie die Originale, verlohren. Man wollte ehedem wissen, daß von seinen 6 Comödien der Phormio und die Hecyra aus dem Apollodorus, die übrigen aber aus dem Menander genommen sind. Er hinterließ eine Tochter die an einen römischen Ritter verheyrathet worden.

Cäsar scheinet den Terenz gegen sein Urbild, den Menander schwach gefunden zu haben; wenn folgendes Sinngedicht, wie man sagt, würklich von diesem Dictator ist.


Tu quoque, tu in summis o dimidiate Menander

Poneris, et merito, puri sermonis amator.

Lenibus atque utinam scriptis adjuncta foret vis

Comica, ut æquo virtus polleret honore

Cum Græcis, neque in hac despectus parte jaceres

Unum hoc maceror et doleo, tibi deefse Terenti.


Von wem übrigens dieses kleine Gedicht seyn mag, so scheinet das Urtheil, das darin von unserm Dichter gefällt wird, ganz richtig zu seyn. So fürtreflich seine Comödien sind, so fehlt es ihnen an dem comischen Salze, wenn man sie auch nur mit den Plautinischen vergleichet.

Seine Schreibart ist höchst gefällig, rein und überlegt; seine Charaktere besser gezeichnet, und ausgeführt, als des Plautus seine: er besizt sich beständig, läßt sich keinen Augenblik vom poetischen Feuer oder von Laune überraschen, weder etwas unbedachtsames zu sagen, noch gegen den reinesten Geschmak anzustoßen. Aber bey ihm wird mehr geredt, als gethan, welches beym Plautus gerade umgekehrt ist. Er überrascht selten, aber er hört nicht einen Augenblik auf unterhaltend zu seyn; denn alle Reden und Handlungen, alle Schritte seiner Personen, sind ihren Charakteren, ihrem Stand und Alter angemessen. Wo er ernsthaft ist, nähert er sich deswegen dem Tragischen nicht, und wo er comisch ist, ist er es immer auf eine edle Weise. Er ist ein höchstvernünftiger Dichter; sein ist die comische Anständigkeit, in den Reden und Handlungen, so wie der comische Muthwillen dem Plautus eigen ist.

Seine größte Kunst besteht in Zeichnung der Charaktere, und Donat merkt wol an, daß es ihm so gar gelungen, das schweereste, mit Anstand zu thun; Courtisanen, die nicht anstößig sind, einzuführen, etiam contra præscripta comica meretrices interdum non malas introducere.1 Sein Charakter des Chremes in dem Heautontimorumeno, ingleichen der Charakter des Mitio in den Adelphis, besonders die 5 Scene des IV Aufzuges, sind große Meisterstüke.

In Sittensprüchen ist er sehr glüklich, und zeiget sich als einen großen Kenner der Menschen; er sagt weder alltägliche noch übertriebene Dinge, sondern solche, die ein Mann von großer Vernunft, nach genauer Beobachtung dessen, was in der großen Welt vorgeht, denkt. Er ist weder ein ängstlicher noch ein alltäglicher Sittenlehrer.

Die Sitten seiner Personen sind in der höchsten Vollkommenheit nach einer schönen Natur gezeichnet. Ein Neuerer, dessen Namen mir unbekannt ist, scheint hievon vollkommen richtig geurtheilt zu haben,2 wenn er die Liebe, so wie unser Dichter sie behandelt, der französischen Theatergalanterie vorzieht. [1151] Man kann überhaupt sagen, Terenz sey der comische Dichter aller Menschen von feiner Lebensart. Und wenn irgend ein Römer die edle Einfalt der Schreibart, die Cicero den Atticismus nennt, erreicht hat, so treffen wir sie in diesen Comödien an.


Et cúm egomet nunc mecum in animo vitam tuam considero

Atque vostrum omnium, volgus qui ab sese segregant:

Et vos esse istius modi et nos non esse, haud mirabile est.

Nam vobis expedit esse bonas: nos quibuscum res est non sinunt;

Quippe forma impulsi nostra nos amatores colunt.

Ubi hæc imminuta est, illi suum animum alio conferunt.

Nisi si prospectum est interea aliquid, desertæ vivimus,

Vobis cum uno semel ubi ætatem agere decretum est viro,

Cujus mos maxume est consimilis vostrum, hi se ad vos applicant;

Hoc beneficio utrique ab utrisque vero devincimini:

Ut numquam ulla amori vostro incidere possit calamitas.

Heautontim. Act. II. sc. 3.


1Nur eine Probe, daß er auch diese niedrigen Geschöpfe aus dem Schlam zu heben gewußt habe, liegt in folgender Stelle.
2Si vous avez des Amans à peindre, lisez l'ésclave africain: écoutez Phedria dans l'Eunuque et vous serez à jamais degouté de toutes ces galanteries miserables et froides qui desigurent la plûpart de nos piéces. Gaz. litt. Oct. 1765. p. 257.
Quelle:
Sulzer: Allgemeine Theorie der Schönen Künste, Band 2. Leipzig 1774.
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