Psychophysik

[166] Psychophysik (psychê, physikê): Lehre von den Beziehungen zwischen Seele und Leib, psychischen und physischen Vorgängen, besonders von der Messung psychischer Vorgänge nach ihren Relationen zu physischen, von der Messung der Empfindungsintensitäten (vgl. Webersches Gesetz).

Von der Möglichkeit einer mathematischen Psychologie, »Psycheometrie« spricht schon CHR. WOLF. »Theoremata haec ad Psycheametriam pertinent, quae mentis humanae cognitionem mathematicam tradit et adhuc in desideratis est... Haec non alio fine a me adducuntur, quam ut intelligatur, dari etiam mentis humanae cognitionem mathematicam, atque hinc Psycheometriam esse possibilem, atque appareat animam quoque in iis, quae ad quantitatem spectant, leges mathematicas sequi, veritatibus mathematicis h. e. arithmeticis et geometricis in mente humana non minus quam in mundo materiali permixtis« (Psychol. empir. § 522, 616). In dem Briefwechsel zwischen ABBT und MENDELSSOHN ist von einer »mathesis intensorum« die Rede, auch bei LAMBERT (»Agathometrie«). MÉRIAN spricht von einem »Psychometer« als Desiderat (vgl. DESSOIR, G. d. n. Psychol.2, S. 365). In seinen älteren Schriften kommt KANT der Idee einer Anwendung von Mathematik auf Psychisches nahe (WW. Rosenkr. I, 88, 115, 132, 142. vgl. dagegen die einschränkende oder ablehnende Haltung in WW. V, 310). – Nach ESCHENMAYER müßte eine vollständige Theorie der Sinne »alles Qualitative, was auf unsere Sinne wirkt, unter meßbare, dem Calcul unterworfene Beziehungen stellen und jeder Qualität einen bestimmten Wert in einer Dynamik gewinnen« (Psychol. S. 48). Einen Versuch, Mathematik auf Psychologie anzuwenden, macht, freilich unter speculativen Voraussetzungen, HERBART (Psychol. als Wissensch.), ähnlich DROBISCH[166] (Quaest. mathem.-psychol. I – V, 1836/39. Erste Grundlin. d. mathem. Psychol. 1850), TH. WITTSTEIN (Neue Behandl. des math.-psychol. Probl. 1845. vgl. Zeitschr. f. exacte Philos. VIII, 1869, S. 341 ff.), anders WEBER. Begründer der Psychophysik ist FECHNER. Er nennt so die »Lehre von den Gesetzen, nach denen Leib und Seele zusammenhängen« (Üb. d. Seelenfr. S. 211), die exacte Lehre von den Abhängigkeitsbeziehungen zwischen Seele und Leib (Elem. d. Psychophys. I, 8. vgl. Webersches Gesetz). WUNDT stellt zwei Regeln psychischer Größenmessung auf: 1) »Psychische Größen sind nur unter der Voraussetzung vergleichbar, daß sie in annähernd unmittelbarer Succession und bei sonst gleichbleibendem Bewußtseinszustand der Beobachtung dargeboten werden.« 2) »Psychische Größenbestimmungen können immer nur innerhalb einer und derselben Dimension stattfinden« (Log. II2, 2, 183 f.). Zwei Klassen von Maßmethoden gibt es: 1) directe oder Einstellungsmethoden, 2) indirecte oder Abzählungsmethoden (l. c. S. 185). Die erste Gattung der Methoden zerfällt in: 1) Methode der Gleicheinstellung (der mittleren Fehler), 2) Methode der Einstellung minimaler Unterscheidung (der Minimaländerungen), 3) Methode der Einstellung gleicher Strecken (l. c. S. 185 ff.). – Zwei psychische Größen sind nur unter der Bedingung zu vergleichen, »daß sie uns unter sonst constanten Bedingungen des Bewußtseinszustandes in unmittelbarer Aufeinanderfolge gegeben werden. Diese Bedingung führt von selbst die zwei andern mit sich, daß es für die psychische Vergleichung keine absoluten Maßstäbe gibt, sondern daß jede Größenvergleichung ein zunächst für sich alleinstehender und daher bloß relativ gültiger Vorgang ist. und daß ferner Größenvergleichungen jeweils nur an Größen einer und derselben Dimension vorgenommen werden können« (Gr. d. Psychol.5, S. 306 f.). Eine unmittelbare Vergleichung ist nur für gewisse Fälle möglich. Solche sind: 1) die Gleichheit zweier psychischer Größen, 2) die eben merkliche Unterscheidung zweier Größen, 3) die Gleichheit zweier Größenunterschiede (l. c. S. 307). Psychische Größen können nur nach ihrem relativen Werte verglichen werden (l. c. S. 308). »Bei der ersten stuft man von zwei psychischen Größen A und B die zweite B so lange ab, bis sie für die unmittelbare Vergleichung mit A übereinstimmt. Bei der zweiten verändert man von zwei ursprünglich gleichen Größen A und B die eine, B, so lange, bis sie entweder eben merklich größer oder eben merklich kleiner als A erscheint. Die dritte endlich wendet man am zweckmäßigsten in der Form an, daß man eine Strecke psychischer Größen, z.B. von Empfindungsstärken, die von A als untere, bis zu C als oberer Grenze reicht, durch eine mittlere Größe B, die wieder durch stetige Abstufung gefunden wird, so einteilt, daß die Teilstrecken AB und BC als gleich aufgefaßt werden« (l. c. S. 308 f.). Zu den Einstellungsmethoden gehören besonders die Methode der Minimaländerungen und die Methode der mittleren Fehler. zu den Abzählungsmethoden die Methode der richtigen und falschen Fälle (»Methode der drei Fälle«) (l. c. S. 311 f.. Grdz. d. physiol. Psychol. I4, 336 ff.). Vgl. KÜLPE, Psychol. S. 28, 47, 54 ff.. G. E. MÜLLER, Zur Grundleg. d. Psychophys. 1878. ED. ZELLER, Üb. d. Messung psych. Vorgänge 1881. J. v. KRIES, Üb. d. Messung intens. Größ., Vierteljahrsschr. f. wissensch. Philos. 6. Bd., 1882. F. A. MÜLLER, Das Axiom d. Psychophys. 1882. DELBOEUF, Eléments de psychophys 1883. A. ELSAS, Üb. d. Psychophys. 1886. LADD, Physiol. Psychol. p. 356 ff.. TANNERY, Revue philos. XXI, p. 386 ff.. XVII, p. 15 ff.. FOUCAULT, La Psychophysique 1901. G. F. LIPPS,[167] Grundr. d. Psychophys. 1899. L. W. STERN, Psychol. d. Veränderungesauffass. 1898. vgl. ferner die »Philos. Stud.«, »Zeitschr. für Psychol.«. Vgl. Webersches Gesetz.

Quelle:
Eisler, Rudolf: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Band 2. Berlin 1904, S. 166-168.
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