Haiti

[206] Haiti oder San Domingo, nach Cuba die größte Antille zwischen Cuba, Portorico und Jamaica gelegen, etwa 1300 QM. groß mit fast 1 Mill. meist farbiger Einw. Das Cibaogebirge erstreckt sich von W. nach O. und geht nach S.-O. in grasreiche Flächen über. Die Insel ist sehr reich an Mahagoni und allen trop. Erzeugnissen, die Ausfuhr hat aber, seitdem sich die Farbigen frei gemacht haben, immer mehr abgenommen. Gegenwärtig besteht H. aus dem Kaiserthum H. und der Republik Domingo. Das Kaiserthum hat auf 700 QM. etwa 800000 E., fast lauter Reger. Die alte Hauptstadt ist Portau-Prince, halb zerstört, mit gutem Hafen und 20000 E.; Residenz Guarico od. H. (Cap Haitien, sonst Cap Français) mit Hafen. Kaiser ist seit dem 26. Aug. 1849 Faustin I., der ehemal. Negergeneral Soulouque, der sich mit seinen Unterthanen öffentlich zur kathol. Kirche bekennt, nebenher aber wie sie dem Fetischismus huldigt. Die Staatsausgaben sollen 6 Mill. Thlr., das stehende Heer 24000 Mann, die Flotte 8 Fahrzeuge mit 16 Kanonen, die Einfuhr 4, die Ausfuhr 5 Mill. Thlr. betragen. Die Republik Domingo od. Dominica hat auf 600 QM. etwa 150000 E., meistens Mulatten und Weiße; die Verfassung ist der nordamerik. nachgebildet, das Heer 4000 Mann, die Seemacht 4 Schiffe mit 42 Kanonen stark; die Ausfuhr soll 3, die Einfuhr 21/4 Mill. Thlr. betragen. Domingo hat bisher die Angriffe Faustins I. glücklich zurückgeschlagen. – Columbus entdeckte den 3. Dez. 1492 H. und nannte es Hispaniola, gründete auf ihm auch die erste Niederlassung, S. Domingo, von welcher die Insel benannt wurde. Die Ureinwohner gingen frühe zu Grunde und als der Zucker- und Kaffeebau glänzende Ergebnisse gewährte, wurden Massen Neger eingeführt, welche Einfuhr sich steigerte, als 1697 der westl. Theil der Insel an die Franzosen überlassen war. Die franz. Revolution fand ihre Nachahmung bei den Farbigen auf H., verbreitete sich von 1791–93 unter gräßlichen Metzeleien über die ganze Insel, wobei die Neger jedoch immer getreue Bürger der franz. Republik sein wollten, auch mit den Franzosen gemeinschaftl. Englands Speculation auf H. vereitelten. 1795 trat Spanien den östl. Theil, Dominica, an Frankreich ab, der Neger Toussaint lʼOuverture aber machte die Insel thatsächlich unabhängig. Da schickte Bonaparte 1801 seinen Schwager, den General Leclerc, mit 25000 M. nach H., bemächtigte sich Toussaints durch Hinterlist, mußte aber 1803, als das Heer durch das Klima und die Kugeln der Neger größtentheils vernichtet war, das Unternehmen aufgeben. Der farbige General Dessalines ließ sich nun, Napoleon nachahmend, 1804 als Kaiser Jakob I. ausrufen, kam jedoch schon das folgende Jahr in einem Aufstande um, [206] worauf sich die Führer desselben, Heinrich Christoph u. Alexander Pétion, bekämpften, Spanien aber 1808 seinen ehemaligen Antheil wieder in Besitz nahm. Heinrich Christoph ließ sich 1811 als Kaiser Heinrich I. krönen, konnte aber Pétion nicht bezwingen u. erschoß sich 1820 bei einer Empörung, welche der Mulatte Boyer leitete. Nun wurde H. Republik und der span. Antheil, der 1821 dem Beispiele der anderen span. Colonien folgte, schloß sich an. Auch Frankreich anerkannte sie u. setzte 1838 die anfänglich auf 150 Mill. Frc. festgesetzte Entschädigung für die ehemal. Plantagenbesitzer auf 60 Mill. herab. Boyer hielt sich als Präsident bis 1843, wo ihn die Neger zur Flucht zwangen, welche gegen die Mulatten als Aristokraten losschlugen. Nun folgten Präsident auf Präsident, Metzelei auf Metzelei, Dominica trennte sich 1844, u. am 26. August 1849 warf sich Soulouque zum Kaiser auf, nachdem er im April eine Schlächterei unter den Mulatten durchgeführt hatte (Jordan, Geschichte der Insel Haiti, Leipzig 1846).

Quelle:
Herders Conversations-Lexikon. Freiburg im Breisgau 1855, Band 3, S. 206-207.
Lizenz:
Faksimiles:
206 | 207
Kategorien: