Entwiklung

[328] Entwiklung. (Schöne Künste)

Ist eigentlich die Zergliederung oder Auslegung des mannigfaltigen, das in einer Sache liegt, und ist von der Auflösung unterschieden. Diese macht das Ungewisse gewiß, das Zweifelhafte bestimmt; stellt die Ordnung her, wo sie nicht vorhanden schien; jene läßt uns das, was würklich in einer Sache liegt, erkennen, indem sie uns eines nach dem andern von den in ihr liegenden Dingen klar vor Augen legt. Das Verworrene, oder das, was so scheint, wird aufgelöset, und das Zusammengelegte wird entwikelt. Ein Begriff wird entwikelt durch die Erklärung, ein Gedanken durch Zergliederung desselben; aber weder der eine, noch der andre wird aufgelöset, es sey denn, daß etwas räthselhaftes oder unbegreiflich scheinendes darin gewesen sey. Die Auflösung gebiehrt Gewißheit und Richtigkeit; die Entwiklung aber Deutlichkeit. Da nun diese bey den schönen Künsten verschiedentlich in Betrachtung kommt,1 so ist auch die Entwiklung in der Theorie derselben zu betrachten.

Sie ist überall nöthig, wo die Gegenstände nicht anders, als durch eine völlige Deutlichkeit ihre Würkung thun können. Der Redner muß die Hauptbegriffe, auf denen seine Beweise beruhen, entwikeln; die Gedanken, auf deren Deutlichkeit viel ankommt; die Gesinnungen, die Charaktere, die Handlungen müssen überall, wo sie als Hauptgegenstände, nicht aber blos zufällig und im Vorbeygehen erscheinen, gehörig entwikelt werden.

Begriffe werden, wie schon angemerkt worden, durch Erklärungen entwikelt, auch wo diese fehlen, oder sonst nicht nöthig sind, durch Zergliederung. Wenn Virgil sagt:


Obstupui, steteruntque comæ, vox faucibus hæsit.


so drükt er im ersten Wort den Hauptbegriff des Entsetzens aus: was er aus der Zergliederung desselben hinzuthut, gehört zur Entwiklung. Es versteht sich von selbst, daß nur die wichtigsten Begriffe, auf deren Kraft viel ankommt, der Entwiklung nöthig haben.

Gedanken werden ebenfalls durch Zergliederung entwikelt; zum Beyspiel davon kann folgendes dienen. Cicero wollte in seiner Rede2 sagen: ich merke wol, daß ich über eine so abscheuliche Sache nicht reden kann, was und wie ich wollte; weil dieser Gedanken da wichtig war, so entwikelt er ihn also:3 »Ich sehe wol ein, daß ich von so wichtigen und dabey so abscheulichen Dingen, weder geschikt genug reden, noch ernstlich genug klagen, noch frey genug meine eyfernde Stimme dagegen erheben kann; zu dem ersten fehlt mir die Fähigkeit, zu dem andern das Ansehen, welches das Alter giebt, und der Freyheit stehen die Umstände der Zeit im Weg.« Gesinnungen und Charaktere werden entwikelt, wenn die wesentlichsten Fälle, bey denen sie sich äußern, und durch die man ihre völlige Natur erkennen lernt, herbey gebracht werden; diese Fälle müssen aber würklich verschieden seyn, nicht immer derselbe Fall unter andern Umständen. So entwikelt sich in der Ilias der Charakter des Achilles durch vielerley, würklich verschiedene Fälle; und so wußte Richardson in der Clarisse und in dem Grandison, jeden Charakter, auch jede Gesinnung völlig zu entwikeln; und kann in diesem Theil der Kunst, als das beste Muster das der Dichter zu studiren hat, vorgeschlagen werden.

Die Entwiklung der Leidenschaften hat ihre besondern Schwierigkeiten, wenn sie entweder einen etwas ungewöhnlichen Gang nehmen, oder zu einer ungewöhnlichen Größe steigen: in beyden Fällen ist es schweer alles so zu veranstalten, daß nirgend etwas unnatürliches oder gezwungenes mit unterlaufe. Dazu gehört eine große Kenntnis des menschlichen Herzens und eine gute Bekanntschaft mit vielerley Charaktern der Menschen. Die seltsamesten Aeusserungen der Leidenschaften entstehen oft aus Kleinigkeiten, ohne welche sie unbegreiflich seyn würden. Als ein Muster einer sehr geschikten und guten Entwiklung einer bis auf das äusserste gestiegenen Leidenschaft haben wir in Geßners Abel, wo der so gar unnatürlich scheinende Haß des Cains auf eine meisterhafte Art von dem Dichter entwikelt wird.

Man kann bey der Entwiklung eines Gegenstandes zweyerley Absichten haben; nämlich den Eindruk desselben zu schwächen, oder ihn zu verstärken. [328] Einige Sachen scheinen groß und wichtig, so lange man sie im Ganzen ansieht, werden aber gering, nachdem sie entwikelt worden; da hingegen andre gering scheinen, und erst durch die Entwiklung ihre Größe zeigen. Von dem erstern haben wir ein Beyspiel in der gerichtlichen Handlung, da Cicero den Annius Milo vertheidiget. Es entstuhnd ein großer Lerm in Rom, daß Milo den Clodius auf offener Landstrasse angefallen und ermordet habe. Dieses ist allerdings eine Sache, die dem ersten Anscheine nach abscheulich und rachschreyend scheint. Cicero entwikelt in seiner Vertheidigung des Milo die ganze Sache, und dadurch verschwindet das Abscheuliche derselben. Eben dieser Redner giebt uns in seiner Rede von der Austheilung der Aeker auch ein schönes Beyspiel des zweyten Falls. Der Vorschlag einige Aeker der Republik an arme Bürger auszutheilen scheinet, wenn man ihn obenhin ansieht, billig und vernünftig, auch zum Besten der Armuth ausgedacht zu seyn. Aber Cicero entwikelt alle Folgen desselben so, daß man ihn hernach, als ein verrätherisches Projekt gegen die Republik und selbst gegen die Freyheit des Volks ansieht. So sehr viel kommt auf eine geschikte Entwiklung an.

1S. Deutlichkeit.
2Pro Roscio Amerino.
3De his rebus tantis tamque atrocibus, neque satis commode dicere, neque satis graviter conqueri, neque satis libere vociferari posse intelligo; nam commoditati ingenium, gravitati ætas, libertati tempora sunt impedimento.
Quelle:
Sulzer: Allgemeine Theorie der Schönen Künste, Band 1. Leipzig 1771, S. 328-329.
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