Die Mongolen oder Mogolen

[160] Die Mongolen oder Mogolen, eine rohe Nation, die in den frühern Zeiten des Mittelalters – weiter reichen die sichern Nachrichten von ihnen nicht hinauf – in der Mungalei, einem weitläuftigen Landesstriche in der Asiatischen Tartarei, an den Quellen des Amur und nach China zu wohnte, und ein kriegerisches und räuberisches Nomadenleben führte. Sie ist der Lehre Muhameds zugethan, zum Theil hatte sie auch ehedem die Lehre des Dalai Lama angenommen. Die Mongolen, die anfangs blos ihren Nachbarn Furcht eingejagt hatten, wurden von 1206 an unter ihrem eroberungssüchtigen Anführer Dschingiskhan, welcher alle Länder bis an den Dnieper durchstreifte, ein Schrecken der halben Welt; und es gelang seinen Nachfolgern, das Griechische Kaiserthum, Ungarn, Pohlen, ja selbst Mähren und Böhmen zu unterjochen und auszuplündern. Allein die Mongolen konnten sich, zumahl da ihre innere Verfassung sehr schlecht oder gar nicht organisirt war, in den zu schnell gemachten Eroberungen nicht behaupten, und verloren sie bald beinahe ganz; bis endlich Tamerlan, eigentlich Timurlenki (1369 u. folg. Jahre), den größten Theil derselben unter unerhörten Grausamkeiten und Blutvergießungen seinem Scepter wieder unterwarf. Allein auch die Früchte dieser Siege wurden bald das Eigenthum der Türken, so wie der sich empörenden Mongolischen Feldherren oder der wieder zu den Waffen greifenden Besiegten; und das große Reich nahte sich schon seinem Untergange, als 1526 ein Beherrscher oder Chan desselben, Baber, da er sich in den Resten [160] seiner Herrschaft nicht mehr schützen konnte, aus Verzweiflung einen Heerezsug nach Indien unternahm. Er schlug die Patanen, die hier seit drei Jahrhunderten einen mächtigen Staat beherrscht hatten, und eroberte verschiedene Provinzen. Von ihm stammen die Großmoguls (so nennt man die Regenten dieses neuen Staats bei den Europäern) bis auf den heutigen Tag in gerader Linie ab. Seine Nachfolger erweiterten es gegen Westen bis an Persien, gegen Norden bis an die Bucharei und Tibet, gegen Osten bis an die östliche Halbinsel von Ostindien hin, noch über den Ganges hinaus, wo der Strom Buremputer seine Gränze machte, und gegen Süden bis an den Ocean; doch blieben hier, besonders in dem südlichen Theile, verschiedne unbezwungene Länder übrig. Es war in drei Haupttheile getheilt, in das eigentliche Hindostan, Bengalen und Decan; Delhi ward 1646 die Hauptstadt des Reichs. Akbar der Große (1556–1605) erweiterte dasselbe durch weitläuftige Eroberungen, und gab ihm eine innere Verfassung, die im Ganzen genommen musterhaft war, allein den Statthaltern der Provinzen, die man Nabobs und Subahs und, wenn die Provinzen ihre alte Verfassung beibehielten, Rajahs nannte, zu viel Gewalt ließ. Die Reichthümer des Landes waren unermeßlich: man fand Gold, Silber und Edelstein aller Art, besonders Diamanten in Menge; Reiß, Seide, Baumwolle, Thee, Gewürze, Opium und andre Producte waren in solchem Ueberfluß vorhanden, daß die Europäer, namentlich die Portugiesen, Holländer, Engländer, Franzosen und Dänen, eine sehr starken Handel dahin trieben. Allein der Ueberfluß an Glücksgütern machte die Mongolen bald weichlich; und ungeachtet sie auf 900,000 Mann Soldaten stellen konnten, die zu den besten in dem Orient gehörten, so neigten sie sich doch seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts allmählich zu ihrem Verfall, zu welchem viele Ursachen mitwirken. Es lockte nicht nur der große Wohlstand des Landes eine Menge eroberungssüchtiger Ausländer herbei, unter denen von Seiten der Europäer besonders die Engländer glücklich waren (s. Ostindische Compagnie); sondern es wurden auch die Staatskräfte durch unaufhörliche Erbfolgekriege und Empörungen der [161] zu mächtigen Statthalter, deren sich einer nach dem andern losriß, erschöpft. Die Maratten, eine vorher unbekannte Nation, erhob sich mitten unter ihnen, und nahm ihnen von der Mitte des 17. Jahrhunderts an bis auf die neuesten Zeiten die besten Provinzen. Der Persische Eroberer Kulichan fiel 1739 in Hindostan ein, zerstörte die Hauptstadt Delhi und nahm einige Provinzen weg. Die benachbarten Seiks (s Ostindien) eroberten das westliche, die Patanen oder Afghanen, Rohillas und Dschaten (welche beide Völkerschaften sich nahe bei Delhi festgesetzt hatten) das nördliche Hindostan; die Englisch-Ostindische Compagnie unterwarf sich 1770 Bengalen, nachher auch Benares, Bahar, Aude, Allahabad oder Elhadabat und einen Theil von Orixa; der südliche Theil des Reichs oder Decan riß sich von dem nördlichen los, und kam an die Engländer, den Subah von Decan, die Maratten und Hyder Aly: und der Großmogul behielt am Ende bis 1785 nichts übrig, als die Hauptstadt Delhi und ein Ländchen von ein Paar Meilen im Umkreis; auch verlor er alle persönliche Macht durch die zu weit gestiegene Gewalt seines Veziers oder ersten Ministers, gegen den er mehr als einmahl seine eignen Feinde zu Hülfe rufen mußte. Endlich, da unaufhörlich Unruhen wütheten, und die Würde des Veziers mehrmahls in den Händen der Feinde des Mongolischen Reichs gewesen war, überfielen die Marratten unter ihrem Anführer Madajee Scindia 1785 den letzten Großmogul, Schach Alum (d. h. Herrn der Welt), und zwangen ihn, die ganze Regierung an sie abzutreten. Sie ließen ihm zwar noch den Namen des Großmoguls, und versprachen, ihn gegen jede feindliche Macht zu schützen, erfüllten auch ihr Versprechen, hielten ihn aber in beständiger Gefangenschaft; und sie besitzen jetzt Delhi, die ungeheuer große und ehedem unermeßlich reiche Hauptstadt dieses Reichs, das sich länger als dritthalb hundert Jahre erhalten hat, und nunmehr nicht Muhamedaner, sondern Anhänger der Religion der Hindus zu Beherrschern bekam. Die neuesten Schicksale des unglücklichen Schach Alum sind nicht ganz bekannt. Es wurden ihm in seiner Gefangenschaft die Augen ausgestochen (Einige schreiben [162] diese That den Maratten zu, Andre mit mehrerm Rechte dem benachbarten Golam Kaudir, Sohn und Nachfolger des Zabeda Chan, der 1788 in einem Kriege mit den Marratten von Madajee Scindia geschlagen wurde); und 1790 soll er (wiewohl auch darüber die gewissen Nachrichten noch fehlen, indem Andre ihn noch 1793 und später als lebend erwähnen) als Gefangner der Maratten im größten Elend gestorben sein

Noch ist zu bemerken, daß die Kalmücken mit dem im Mittelalter so furchtbaren Mongolen einerlei Hauptnation sind, wiewohl sie nie zu dem Reiche des Großmoguls in Hindostan gehörten, sondern bloß ehemahls dem ältern Mongolischen Reiche im Innern Asiens unterthänig waren. Sie theilen sich in mehrere Stämme, sind großen Theils Nomaden und ohne alle Cultur: ein Theil derselben, besonders die Büräten und viele Familien der Songaren, stehen unter Russischer Botmäßigkeit; andere gehören zu dem Chinesischen Reiche; und noch andre leben unter unabhängigen Chans. Sie sind von den Gränzen Sibiriens aus im Orenburgischen und Astrachanischen Gouvernement, in der großen Tartarei, in der Bucharei und dem mittlern Asien verbreitet. Sie treiben Jagd, und besonders Viehzucht, Ackerbau aber gar nicht, und theilen sich in drei Classen, Adel (nebst Fürsten), Volk und Priester. Im Kriege führen sie Feuergewehr, Bogen und Pfeile, nebst Lanzen, können aber gegen regelmäßige Truppen nicht gebraucht werden. Ihre Religion ist sehr wenig ausgebildet und voll von Aberglauben, und meisten Theils die des Dalai Lama; die Russen haben einige taufen lassen, und einige wenige sind Muhamedaner. – Außer diesem Kalmückischen Stamme der Mongolen giebt es noch Reste der eigentlichen ehemahls so berühmten Mongolen an der Chinesischen Gränze in der Mungalei, die unter China stehen (einige unter Russischer Botmäßigkeit ausgenommen) und fast eben so wie die Kalmücken leben, allein viel ärmer als diese sind, und zum Theil auch Feldbau treiben. Auch sie haben den Gottesdienst des Dalai Lama, ungeachtet die Mongolen in Hindostan Muhamedaner waren.

Endlich ist noch die merkwürdige Meinung des Herrn Hofrath Meiners in Göttingen anzuführen, [163] nach welcher der Mongolische Völkerstamm – der sich in dem östlichen und zum Theil in dem nördlichen Asien, auf den Asiatischen Inseln und in Afrika ausgebreitet, und mit dem die Völker in Amerika und Südindien eine auffallende Aehnlichkeit und Verwandtschaft zeigen – der andre und unedlere Hauptstamm des Menschengeschlechts ist, welcher dem ersten und edlen Hauptstamme, dem Tatarischen – mit dem er sich zugleich aus dem innern Asien verbreitet –, weder an körperlicher Schönheit noch an Geistesfähigkeiten und Güte des Herzens gleichkomme.

Quelle:
Brockhaus Conversations-Lexikon Bd. 3. Amsterdam 1809, S. 160-164.
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