Oratorium

[28] Oratorium, lyrisch-musikalisches Kirchendrama, entstand[28] mit der Oper aus derselben Urquelle, durch Absingen biblischer Begebenheiten in den geistlichen Versammlungen, welche nicht in den Kirchen selbst, sondern in Betsälen (Oratorien) statt fanden. Oratorium und Oper sind Zwillingsgeschwister; die Oper ist das Weltkind, das Oratorium trägt das geistliche Gewand, aber ohne das strenge Kirchengelübde abgelegt zu haben, daher das Anschließen an den Protestantismus. Der heilige Philipp Neri war um 1540 der Begründer dieser Musikgattung, Animuccia der erste, welcher dazu eine musik. Composition lieferte. Die Ausbildung des Oratoriums ging immer neben der der Oper – nur langsamer und bescheidener – her; aber sie erreichte bald (Händel, Bach) ihren Höhepunkt, und wir können die Werke der neuesten Zeit fast nur noch als ein letztes Aufflackern der verlöschenden Flamme ansehen, das mehr durch den Gebrauch der speciellen Formen unserer Zeit einen frischen Eindruck hervorruft, als durch Neuheit der ganzen Idee. Diese ist an sich schon zu eng begrenzt und in einen monotonen Kreis gebannt, und wird bald einer neuern, freiern Geburt der Phantasie weichen müssen. Idee und Form der Oper dagegen wird sich dem Bedürfnisse jeder Zeit anschmiegen, und Geist und Kleid in ewiger Thätigkeit wechseln.

–k.

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Damen Conversations Lexikon, Band 8. [o.O.] 1837, S. 28-29.
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