Fries, Jakob Friedrich

[190] Fries, Jakob Friedrich, geb. 23. August 1773 in Barby, besuchte die Schule der Brüdergemeinde, studierte in Leipzig und Jena, war eine Zeitlang Hauslehrer in der Schweiz, wurde 1801 Dozent in Jena, 1805 Professor in Heidelberg, 1816 in Jena, gest. daselbst 10. August 1843.

F. will (gegenüber der Spekulation Schellings u. a.) den Standpunkt des von der Erfahrung ausgehenden, Wissen und Glauben scharf unterscheidenden Kritizismus vertreten und die Kantsche Vernunftkritik in neuer Weise begründen, nämlich auf dem Boden der »philosophischen Anthropologie«, der inneren Erfahrung. Aber dies soll nicht empiristisch und (wie man sich jetzt ausdrückt) »psychologistisch«, wenn auch psychologisch geschehen. Denn die apriorische, von der Erfahrung unabhängige Geltung der Anschauungsformen und der Kategorien bleibt unangetastet, durch innere Erfahrung wird nur der Bestand an diesen apriorischen Formen und Grundsätzen festgestellt; das Apriorische wird also durch innere Erfahrung entdeckt, stammt aber nicht selbst aus der Erfahrung, sondern liegt im Wesen des Geistes, der Vernunft. Die philosophische Anthropologie gibt eine »Theorie der inneren Natur unseres Geistes, eine Erklärung der geistigen Organisation unseres Lebens«. Die philosophischen Grundsätze sind aus »anthropologischen« Voraussetzungen zu deduzieren, nicht aber durch empirische Psychologie zu beweisen. Den in der Vernunft (der »erregbaren Selbsttätigkeit des Erkenntnisvermögens«, kraft[190] deren die Erkenntnis unter den notwendigen Gesetzen der Einheit steht) liegenden Erkenntnisformen kommt unmittelbar Evidenz zu. Die Vernunft ist das »unmittelbare Vermögen der Erkenntnisse in uns«, der Verstand macht diese nur bewußt. Abstraktion und Vergleichung dienen dem Denken nur, um die »sonst gegebenen Erkenntnisse der Einheit in unserem Geiste zu beobachten«. Durch die psychologische Methode erkennen wir, welche apriorischen Einsichten die Vernunft besitzt und wie sie in ihr entspringen. Die ursprüngliche Selbsttätigkeit des Bewußtseins bekundet sich in den Anschauungs- und Denkformen. Durch die produktive Einbildungskraft entsteht die Anschauung. Die reinen, apriorischen Anschauungen (Raum und Zeit) sind »ursprüngliche Arten der Verknüpfung der Mannigfaltigkeit, welche nicht aus der Empfindung entspringen«. Formal ist, was zur Einheit gehört. Die Kategorien sind Formen der Vernunfttätigkeit, Einheitsformen. »Reine Apperzeption« ist die eigene Selbsttätigkeit des Geistes, das »reine Selbstbewußtsein«. »Transzendentale Apperzeption« ist das »unmittelbare Ganze der Erkenntnis«. Die Selbsttätigkeit, Aktivität, Willkürlichkeit des logischen. »oberen Gedankenverlaufes« ist vom gedächtnismäßigen, assoziativen, »unteren« Gedankenverlauf zu unterscheiden. Der innere Sinn ist das »Vermögen der inneren Wahrnehmung unserer geistigen Tätigkeiten«. Das reine Selbstbewußtsein sagt mir (als unbestimmtes Gefühl), daß ich bin, nicht was ich bin; zu einem »qualifizierten« Selbstbewußtsein wird es erst. indem innere Sinnesanschauungen hinzukommen. Die äußere Anschauung bezieht sich unmittelbar auf ein Objekt: die Vorstellung eines Gegenstandes kommt nicht erst durch Reflexion hinzu. »Die Anschauung in der Empfindung hat für sich allein unmittelbare Evidenz, indem sie den Gegenstand als gegenwärtig vorstellt.« Wir erkennen aber nicht das Ding an sich, sondern alles Wissen hat es nur mit Erscheinungen der Dinge an sich zu tun, ist also relativ. Alle Erscheinungen unterstehen den allgemeinen Erkenntnisgesetzen. Die Natur als das Ganze der Sinnenwelt, der Inbegriff raum-zeitlicher Phänomene, ist nur quantitativ, mathematisch, kausal, mechanistisch zu erklären. Die Naturphilosophie soll »die Gesetze möglicher Hypothesen über die Natur der Körper«, die Voraussetzungen der Naturobjekte geben. Vollständige Naturerkenntnis ist nur die Erkenntnis »der Welt der Gestalten und deren Bewegungen«. Auch das Organische ist kausal-mechanisch, ohne Teleologie zu erklären. Seele und Leib sind zwei Erscheinungsweisen eines und desselben Wesens. Dem empirischen liegt der intelligible Charakter zugrunde, so daß das Ich an sich frei ist, in der Erscheinung determiniert.

F. spricht von der Idee einer »intelligiblen Welt freiwollender ewiger Intelligenzen, welche durch die Gottheit, das Ideal des höchsten Gutes, den heiligen Urgrund dieser Welt, als ein Reich der Zwecke besteht, in dem die Idee der persönlichen Würde das Gesetz gibt«. Der höchste Glaube ist der Glaube an das höchste Gut, an das Reich der Zwecke. Das unbedingt Gute ist der gute Wille. Die Vernunft bat absoluten Wert, ist Zweck an sich. Die Natur als zweckmäßig beurteilen heißt schließlich, sie auf die Idee des ewigen Gutes beziehen. »Nur in dem vollendeten Ganzen der ewigen Ordnung[191] der Dinge liegt für unseren Glauben dieses Gesetz des Endzweckes im Sein der Dinge, nicht aber in den zerstreuten wechselnden Bildern der erscheinenden Natur. Wir behalten in der Betrachtung der Natur nur eine Ahnung jenes höheren, geheimwaltenden Gesetzes durch die Zusammenstimmung der mannigfaltigen Formen einzeln aufgefaßter Organisationen mit den Gesetzen der Schönheit und Erhabenheit für eine bloß ästhetische Beurteilung für das Gefühl.« Überall gilt der Satz, daß das Endliche Erscheinung des Ewigen ist. So ist die empirische Äußerung unseres Willens in der Natur die Erscheinung des »intelligiblen Charakters unseres freien Willens in der ewigen Ordnung der Dinge«.

Auf das Absolute, Unbedingte, Ewige geht nicht das Wissen, sondern (wie nach Jacobi) der Glaube, eine unmittelbare Überzeugung der Vernunft. Der Inhalt desselben ist uns in den (von der Beschränkung der Kategorien freien) Ideen gegeben (Idee des Absoluten, der Einfachheit, der Totalität, der Freiheit, der Gottheit usw.). Das Gebiet der Ideen ist das Reich der Vernunftzwecke, in welchem der Geist Zweck an sich ist. Dieses Reich ist eine Welt von freien, wollenden Wesen unter dem Sittengesetz, welches ein Wert- und Zweckgesetz ist. Die menschliche Würde ist die Basis der Ethik, die den absoluten Wert der Persönlichkeit, des Geistes zur Voraussetzung hat. Die Einheit von Wissen und Glauben ist die Ahnung (»Ahndung«), die »Überzeugung nur aus Gefühlen ohne bestimmten Begriff«, die ganz dem Gefühl gehörende Beurteilung der Natur nach den Ideen des Schönen und Erhabenen. Die Ahnung gibt uns einen Reflex des Wesens der Dinge in deren Erscheinungen, deren ewigen Sinn sie erfaßt, im Schönen wie im Religiösen. Für diese ästhetische Weltanschauung ordnet sich die Natur den Ideen unter, sie wird zu einem sinnvollen Zweckzusammenhang in Gott (»Weltzwecklehre«). Die Ahnung ist also auch das Organ der Religion, der ästhetisch-symbolischen Erfassung des Göttlichen in der Schönheit und Erhabenheit der Welt (»Ästhetischer Rationalismus«).

Anhänger von Fries sind Apelt, Mirbt, van Calker, Schleiden, Hallier, de Wette, J. H. Th. Schmid, Schlömilch, teilweise J. B. Meyer u. a. Beeinflußt von F. sind Chr. Weiß, Beneke, Elsenhans u. a. Vgl. Abhandlungen der Friesschen Schule, 1847 ff. Der neuen Fries-Schule gehören an: L. Nelson, K. Kaiser, G. Hessenberg u. a., z. T. auch O. Ewald. Vgl. Abhandlungen der Friesschen Schule, Neue Folge, 1904 ff.

SCHRIFTEN: Reinhold, Fichte u. Schelling, 1803. – Philos. Rechtslehre, 1804. – System der Philosophie als evidenter Wissenschaft, 1804. – Wissen, Glaube und Ahndung, 1805; 2. A. 1905. – Neue Kritik der Vernunft, 1807; 2. A. 1828-31 (Hauptwerk). – System der Logik, 1811: 3. A. 1837. – Grundr. d. Log., 3. A. 1827. – Handbuch der praktischen Philosophie. 1818 (Ethik) – 1832 (Religionsphilosophie). – Handbuch der psychischen Anthropologie, 1820-21; 2. A. 1837-39. – Mathematische Naturphilosophie, 1822. – Julias und Evagoras, ein philos. Roman, 1822, 1910. Die Lehren d. Liebe, d. Glaub, u. d. Hoffn., 1823. – System der Metaphysik, 1824. – Geschichte der Philosophie, 1837-40, u. a. – Vgl. HENKE, J. F. Fries, aus seinem[192] handschriftlichen Nachlaß dargestellt, 1867. – ELSENHANS, Fries und Kant, 1906 f. – Fries als Erkenntnistheoretiker, 1906. – TÖSCHMANN, Das Wertproblem bei F., 1905.

Quelle:
Eisler, Rudolf: Philosophen-Lexikon. Berlin 1912, S. 190-193.
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