5. Salomo Molcho und David Rëubeni.

[510] Welche erstaunliche Fortschritte die Erforschung der jüdisch-geschichtlichen Quellen in den letzten Jahrzehnten gemacht hat, dafür liefert nichts so sehr einen Beweis, als der Unterschied in der Kenntnis, die man früher von den beiden Persönlichkeiten, dem Abenteurer David Rëubeni und dem kabbalistischmessianischen Schwärmer Salomo Molcho, hatte, und die man jetzt von ihnen hat. Bartolocci und Basnage haben die Existenz des ersteren [510] geradezu als Fabel oder vielmehr als Wechselbalg erklärt, indem das Faktum von der Gesandtschaft des äthiopischen Königs David aus dem Lande des Priesters Johannes 1533 von jüdischen Fabulanten auf einen jüdischen Prinzen David umgedeutet worden wäre. Der gelehrte von der Hardt hat zwar in seiner Schrift de abusu Psalmi 119 beide den Juden gelassen, hat aber ihre Biographien nach den ihm zugänglichen Sekundärquellen so entstellt, daß ihre wahren Züge daraus gar nicht zu erkennen sind. Jost hat ihnen in seiner umfangreichen Geschichte nur einige Zeilen gewidmet; er konnte in der Tat nach den ihm vorliegenden Quellen nichts Besonderes aus ihnen machen. Gegenwärtig kennt man als ganz neue Quellen nicht nur Berichte von jüdischen Zeitgenossen über die tiefe Bewegung, die sie erzeugt haben und ein umfangreiches Tagebuch von David Rëubeni, sondern auch vier verschiedene Notizen aus zeitgenössischen christlichen Kreisen. Es stellte sich durch die neuentdeckten Quellen heraus, daß die von beiden ausgegangene Bewegung nicht eine verschwindende Wellenkräuselung war, sondern daß sie eine nachhaltige, allerdings nicht sehr erfreuliche Wirkung hatte. Davids Auftreten hat die Einführung der Inquisition in Portugal gegen die Scheinchristen zuerst retardiert und dann beschleunigt, und Salomo Molcho hat dazu beigetragen, daß sie die päpstliche Kurie eine Zeitlang ganz zurückgewiesen und zuletzt nur widerwillig sanktioniert hat. Molchos messianische Schwärmerei hat noch über seinen Tod hinaus nachgewirkt. Den Zusammenhang zwischen Molchos Beliebtheit beim Papste Clemens VII. und den Hindernissen, welche eben dieser Papst der Einführung der Inquisition entgegengestellt hat, habe ich früher schon geahnt und als Vermutung ausgesprochen in einer Monographie: David Rëubeni und Salomo Molcho (in Frankels Monatsschrift 1856). Seitdem hat eine neue urkundliche Quelle diese Vermutung als historisches Faktum vollständig konstatiert. Durch den Einblick in die Primärquellen erscheint die Rëubenische und Molchosche Bewegung in einem ganz anderen Lichte; sie verdient daher wegen ihrer Eigentümlichkeit und ihrer Tragweite eine eingehende kritische Untersuchung.

Vorausschicken will ich einen Überblick über die zuverlässigen Hauptquellen:

I. Chronologisch und pragmatisch ist als erste Quelle anzuführen: David Rëubenis Tagebuch. Es ist ein noch handschriftlicher, sehr interessanter Kodex, der zur Michaelschen Sammlung gehörte. Er führt den Titel: ינבוארה דוד תעיסנ, von der Bodleiana in Oxford angekauft. Eine Kopie ist von der Bibliothek des Breslauer Seminars erworben worden, Ms. Nr. 128.

II. Zwei Sendschreiben des Salomo Molcho, die er an seine Verehrer über seinen Rücktritt zum Judentume und über seine Erlebnisse gerichtet hat. Das Sendschreiben vom Jahre 1531 ist in Joseph Kohens Chronik mitgeteilt, und daraus ist es in die Schrift תיח הנק (gedruckt Amsterdam, wohl um 1868) übergegangen. Diese Schrift enthält eine wichtige Partie, die merkwürdigerweise bei Joseph Kohen fehlt, von התע דיגהל יתאב bis יתעיסנ םכתלעמל דיגהל יתאב התעו לאגוטרופמ. Diese Partie findet sich auch handschriftlich in einem Almanzischen Kodex. Sie ist das erste Sendschreiben an Joseph Taytasak in Salonichi von Monastir aus gerichtet. Das nur in Joseph Kohens םימיה ירבד erhaltene dagegen ist das später erlassene.

III. Das Aufsehen, welches Molcho unter den türkischen Juden gemacht hat, bekunden mehrere Äußerungen in einer Schrift, in der man das gar nicht sucht, nämlich unter Joseph Karos Visionen םירשמ דיגמ, wovon weiter unten.

[511] IV. Das Aufsehen, welches sein messianisches Auftreten in der ganzen Judenheit gemacht hat, dokumentiert eine Notiz des Elieser Treves, die sein Vater Naphtali Treves (in dessen kabbalistischem Gebetbuche הלפח קודקד vom Jahre 1531, Bogen ד. 2) mitteilt: 'רה יריקי ינבמ בתכמ ילא אב א"צר תנש דשא שוירט רזעילא – ןודוב?) וקדוב תלהקל ופאקמ ואבוה שדק יבתכ קיתעה הליחתהיכ הלואגה דגנ םש רד ינב רשא בוקרק םשמו ( Buda תוינעת ונקת יקינולש דע םלשורי שדק םע תירב ינב וליחה רבכו .םוצב םבל וכפשי םישנה םג ... עובש לכב ב"הה הבושתו Also im Jahre 1531 berichtete man vom Orient nach Krakau, daß die messianische Erlösung bereits begonnen habe, und man tat von Jerusalem bis Salonichi Buße. Es ist gerade die Zeit, in welcher Salomo Molcho messianische Predigten im Orient und Italien gehalten hat. Über Elieser Treves siehe auch Brüll, Jahrb. I., 105.

V. Von den externen Quellen ist chronologisch die erste, das Sendschreiben des Inquisitors von Badajoz Selaya an den König von Portugal vom 30. März 1528. G. Heine teilte den Inhalt desselben mit (in Schmidts Zeitschrift f. Geschichte, Jahrg. 1848, S. 160). Dieser lautet: »Vor zwei oder drei Jahren ist ein Jude aus fremden Ländern nach Portugal gekommen und hat seinen Glaubensgenossen Mut ein gesprochen, sagend, sie sollten sich anschicken, den Messias zu empfangen, der bald kommen werde, sie aus allen Ländern zusammenzubringen und ins Land der Verheißung zu führen. Der Mann hat vielen Anhang gefunden, und darum flüchteten alle Ketzer nach Portugal, wo sie Aufnahme fanden; es seien schon so viele an der Grenze des Reiches versammelt, daß neulich eine ganze Schar aus der Stadt Campo Mayor mit bewaffneter Hand nach Badajoz zu dringen gewagt und allerlei Unfug in der Stadt verübt hätte.« Aus der Zeitangabe in diesem Sendschreiben des Inquisitors von Badajoz: zwei oder drei Jahre vor 1528 d.h. 1525 oder 1526, ist nicht zu verkennen, daß dieser Mann, der aus der Ferne nach Portugal gekommen und bei den Marranen in Spanien messianische Hoffnungen erweckt hat, kein anderer als David Rëubeni war. Auch Herculano teilt den Inhalt dieses Schreibens mit, und daraus erkennt man noch mehr Davids Züge (Da Origem e Estabelecimento da Inquisição em Portugal I, p. 211). Die betreffende Stelle lautet: Relatava (Selaya, Inquisidor de Badajoz) como dous ou tres annos antes apparacêra em Portugal um Judeu do oriente, que annunciava a proxima vinda do Messias, a liberdade dos Israelitas e a restauração do reino de Judá. Er war also ein Jude aus dem Orient, der nach Portugal gekommen war und die Juden verführt hatte. Es ist schade, daß Selayas Originalbrief nicht wörtlich bekannt ist.

VI. Eine noch interessantere Nachricht liefert das Schreiben des portugiesischen Gesandten in Rom, Bras Neto, an den König João III. vom 11. Juni 1531 über die Schwierigkeiten, welche die Einführung der Inquisition in Portugal gerade am päpstlichen Hofe durch den Kardinal Lorenzo Pucci und den Papst Clemens VII. selbst gefunden hat. Herculano teilt den Inhalt dieses geheimen Schreibens mit, worin der Gesandte dem König berichtet: »Es lebte in Rom ein portugiesischer Jude, genannt Diogo Pires, welcher Sekretär der Räte im Departement der Suppliken gewesen und aus Portugal nach der Türkei ausgewandert war, um die Taufe abzuschwören, die ihm aufgelegt war. In Rom angekommen, hatte er vom Papste ein Breve erhalten, daß niemand ihn aus diesem Grunde belästigen solle, und da lebte er mit großem Rufe der Heiligkeit unter den Juden, denen er die mosaischen [512] Lehren auszulegen pflegte. Diogo Pires hatte Zutritt beim Papste und den Kardinälen, und der Gesandte (eben Bras Neto) fürchtete sich vor ihm, nicht bloß wegen dessen persönlichen Einflusses, sondern auch, weil die Marranen von Portugal, mit denen er Verbindungen der Freundschaft unterhielt, ihm Geld schicken könnten, um den Forderungen des Königs João III. durch Korruption zu widerstehen. Bras vermutete, daß ein Nepote oder Kämmerling des Kardinals Pucci oder gar des Papstes selbst sich hineingemischt hätte.« – Ich gebe die interessante Stelle im Original: Vivia em Roma um hebreu português chamado Diogo Pires, que fôra escrivão das ouvidores da Casada supplicação, e que saíra de Portugal para a Turqia a abjurar o baptismo, que lhe avia sido imposto. Vindo a Roma, obtivera do papa um breve para que ninguem o incommodasse por tal motivo, et alli vivia com grande reputação de sanctidade entre os judeus, a quem costumava espór as doutrinas mosaicas. Tinha Diogo Pires entrada com o papa e cardenaes, e o embaixador temia se delle, naõ só pela sua influencia pessoal, mas tambem porque os conversos de Portugal, com quem conservava relacões de amizade, lhe poderiam enviar dinheiro para obstar ás pretensões de João III. por meio de corrupção, e Bras Neto suspeitava que algun soberinho ou cubiculario de Pucci, on do proprio papa, andasse mettido nisto. Das Originalschreiben des Gesandten findet sich in Lissabon im Nationalarchiv (bei Herculano l.c.p. 235).

Ohne besondere Kombinationsgabe kann man erkennen, daß unter Diogo Pires, Sekretär, früher Marrane, aus Portugal nach der Türkei ausgewandert, dann in Rom als Jude lebend, mit Zutritt beim Papste, im Rufe der Heiligkeit stehend und den Juden die Thora auslegend, kein anderer gemeint sein kann, als Salomo Molcho. Er war es also, der die Einführung der Inquisition in Portugal bei der Kurie zu hintertreiben suchte. Jedes Wort in diesem Bericht stimmt mit dem, was Molcho in seinen beiden Sendschreiben berichtete, überein.

VII. Eine fernere zeitgenössische Nachricht über Molcho gab der erste gründliche Orientalist des 16. Jahrhunderts, Joh. Albert Widmannstadt, in einer Notiz zu Molchos kabbalistischen Predigten (von Landauer unter Papierschnitzeln gefunden, Orient. Libl. 1855, Kol. 419 Note). R. Salomonis Molcho, qui se Messiam Judaeorum esse praedicavit, atque Mantuae propter seditionis Hebraicae metum, Carolo V. ... providente concrematus fuit anno (ni fallor) 1532, liber de secreta Hebraeorum Theologia. Hujus vexillum vidi Ratisbonae anno 1541 cum literis יבכמ. Das Motiv für die Hinrichtung Molchos ist dabei zu beachten; es widerspricht entschieden jener albernen Annahme, daß Molcho den Kaiser habe zum Judentum bekehren wollen.

VIII. Eine portugiesische zeitgenössische Chronik berichtet von Davids Eintritt in Portugal und Ende desselben (Coronyqua dos Reis de Portugal, in Collecção dos ineditos V, p. 351 ff.): O Novembre de 1525 entrou Davit Judeu neste Reino de Portugal em Sãotaro (Santarem) na corte deste Rei (João III.) em Almeirim, dizendo que era das tribus dez e outras causas não verdadeiras, segondo que Judeus sabem dizer, de maneira que se soube a verdade Judeu Turquesco; e foi presso na corte de Emperador Carlos e o mandarão e trouxerào a Llarena áos Inquisidores, onde esta presso em Castella na dita villa a cadea [513] de Imquissisam, te que aja a fim que meres, ainda oje ano de trinta e cinque esta presso no carcere de Imquissisam de Llarena. So lebte David Rëubeni noch 1535, oder war vielmehr damals im Kerker der Inquisition lebendig begraben.

Diese vier zeitgenössischen Zeugnisse von Christen, dem damaligen portugiesischen Gesandten, dem Inquisitor von Badajoz, von Widmannstadt, der Molchos Fahne in Regensburg gesehen, und von dem portugiesischen Chronikschreiber, schlagen für immer den Zweifel nieder, als ob die Persönlichkeiten David Rëubeni und Salomo Molcho der Fabel angehören, und dokumentieren deren historische Existenz. Aus den Zeugnissen Nr. VI hat sich ergeben, daß Molcho die Einführung der Inquisition in Portugal unter Clemens VII. hintertrieben hat. Beider Geschichte verdient daher eine eingehende Untersuchung. Es sínd darin fünf Stadien ins Auge zu fassen.

  • 1. David Rëubenis erste Reisen bis zur Ankunft in Italien.
  • 2. Seine Geschäftigkeit in Italien und besonders in Rom.
  • 3. Seine Reise nach Portugal und Tätigkeit daselbst.
  • 4. Salomo Molchos Bekanntschaft mit ihm und seine Entfernung aus Portugal.
  • 5. Molchos Reise in der Türkei und Italien und seine Tätigkeit mit David Rëubeni bis zu ihrem letzten Gange.


Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig 1907, Band 9, S. 510-514.
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