Der Feldzug von 479. Schlacht bei Platää

[378] Als die Rückkehr des Großkönigs nach Asien durch die Niederlage der Flotte unvermeidlich geworden war, hatte Mardonios selbst sich erboten, das Kommando des Heeres und die Weiterführung des Kriegs zu übernehmen; hatte er doch den Krieg von allen Persern am eifrigsten betrieben und den Plan für den Feldzug entworfen. So fühlte er sich jetzt, wo andere Männer, wie Artabazos und Hydarnes, der Kommandant der Garde, verzagten, verpflichtet, mit seiner Person einzutreten. Aber der Schwierigkeit der Aufgabe, unter so ganz veränderten Umständen den Krieg weiterzuführen, war er sich wohl bewußt. Zwar einen Angriff der [378] Griechen brauchte er, solange er der Unterstützung der Thessaler und Böoter sicher war, nicht zu befürchten, und Attika, das er für den Winter geräumt hatte, konnte er jederzeit aufs neue besetzen. Selbst wenn die Griechen jetzt einen Angriff auf Asien wagen und hier Erfolge erringen sollten, konnte er sich in Thessalien und Thrakien noch lange behaupten, bis ihm die Unterbindung der Kommunikationen Schwierigkeiten bereitete. Die Wiederaufnahme des Angriffs dagegen war auch für ihn äußerst schwierig. Ein neues Eingreifen der persischen Flotte war ausgeschlossen; bis die bei Salamis erlittenen Verluste ersetzt waren, mußten Jahre vergehen. Das einzige, was die Flotte bis dahin versuchen konnte, war Asien zu decken und die Ionier niederzuhalten; zu dem Zwecke nahm sie im Frühjahr 479 bei Samos Stellung. Weiter konnte sie sich jedoch nicht vorwagen; und so war Mardonios allein auf sein Heer und die griechischen Hilfstruppen angewiesen. Aber wenn ein Sturm auf die Isthmosstellung nach dem Sieg von Thermopylä und Artemision unausführbar gewesen war, solange die griechische Flotte die See behauptete, so war er jetzt, wo die Befestigungen so gut wie vollendet waren, vollends unmöglich. Selbst wenn es gelang, die Feinde aus ihrer Stellung herauszulocken, war eine offene Feldschlacht nach den Erfahrungen von Marathon bei dem durch den Verlauf des letzten Feldzugs mächtig gesteigerten Siegesvertrauen der Griechen bedenklich genug. Sicher zum Ziele zu kommen war nur, wenn es gelang, die Koalition der Gegner zu sprengen. Die Entscheidung lag in Athen. Glückte es, die Athener vom hellenischen Bunde auf die Seite der Perser hinüberzuziehen, so war die Überlegenheit zur See wiederhergestellt und die Besiegung der Peloponnesier in sicherer Aussicht. So entsandte Mardonios im Frühjahr den König Alexander von Makedonien, dessen Vorfahren bereits seit der Pisistratidenzeit in freundlichen Beziehungen zu Athen gestanden hatten (Bd. III2 S. 719, mit verlockenden Anerbietungen nach Athen. Im Namen des Großkönigs bot er nicht nur volle Verzeihung, die Wiederherstellung ihrer Stadt, und volle Freiheit, sondern auch jeden Landerwerb, den sie fordern würden, wenn sie bereit wären, ein freies Waffenbündnis mit den Persern zu schließen.

[379] In den Anschauungen der griechischen Staaten war inzwischen ein vollständiger Umschwung eingetreten. Nach der Schlacht bei Salamis hatten Eurybiades und die Peloponnesier sich geweigert, der persischen Flotte nach Asien zu folgen. Jetzt aber, wo die Situation sich geklärt hatte und die persische Armee nach Thessalien zurückgegangen war, hatte man vor einem Angriff auf den Peloponnes keine Besorgnis mehr. So kehrte die spartanische Regierung zu Themistokles' Plan zurück; als dieser im Winter nach Sparta kam, wird man sich über die Ausführung geeinigt haben. Wenn die Flotte im Frühjahr in See ging, Ionien zum Aufstand brachte und den Hellespont besetzte, war Mardonios lahmgelegt und man konnte hoffen, den Krieg zu beendigen, ohne in einer Feldschlacht noch einmal alles aufs Spiel setzen zu müssen. Um ihrem Entschluß auch äußerlich Ausdruck zu geben, übernahm an Stelle des Eurybiades jetzt König Leotychidas selbst das Kommando der Flotte471. Aber in Athen hatte inzwischen die entgegengesetzte Auffassung die Oberhand gewonnen. Im letzten Herbst war man bereit gewesen, nach Asien zu gehen; damals konnte man hoffen, auf diesem Weg den Krieg rasch zu beendigen und das vom Feinde besetzte Heimatland wieder zu gewinnen. Jetzt aber war die sichere Folge einer Expedition über See, daß das Perserheer aufs neue in Attika einbrach und die Heimat, in der man sich eben wieder einzurichten begonnen hatte, noch einmal verwüstete. Themistokles' Gedanke hatte sich, so schien es, doch nicht bewährt: in einer Landschlacht, nicht zur See, war die Entscheidung zu suchen, nur durch sie konnte der attische Boden gegen eine neue Invasion sichergestellt werden. So kam die Richtung wieder zu Ansehen, die Themistokles überwunden hatte, an ihrer Spitze die aus dem Exil zurückgerufenen altbewährten [380] Führer, die sich ohne Groll der Sache des Vaterlands angeschlossen und in der Schlacht ausgezeichnet hatten. Über diese Fragen ist während des Winters 480/79 in Athen heftig gekämpft worden: das Resultat war, daß Themistokles unterlag und vom Kommando entfernt wurde. An seine Stelle trat als leitender Stratege Aristides und ihm zur Seite Xanthippos. National gesinnt waren auch sie – die Elemente, welche zu Persien hinneigten, durften sich nicht rühren, wenn sie auch im Lager bei Platää noch einmal versucht haben sollen, durch eine Verschwörung zum Ziel zu gelangen (Plut. Arist. 13) –; auch hatten sie nichts dagegen, später den Krieg nach Asien hinüberzutragen und sich dadurch für alle Zukunft zu sichern. Aber zunächst galt es, die Perser aus Griechenland zu verjagen. Wenn man im vorigen Jahr sich für die Bundesgenossen aufgeopfert hatte, so stellte man jetzt an sie die Forderung, ihre Bundespflicht zu erfüllen, indem sie zum Schutze Attikas ausrückten. Allerdings mußte man gegen einen Angriff zur See gedeckt sein; man entsandte daher ein Geschwader unter Führung des Xanthippos zur Bundesflotte. Aber von einer Offensive zur See, bei der Athen wieder die Hauptlast des Krieges getragen hätte, wollte man zur Zeit nichts wissen. So kam es, daß unter Leotychidas' Kommando nur 110 Schiffe, etwa ein Drittel der Flotte von Salamis, sich zusammenfanden, und daß er trotz der aus Ionien, zunächst von Flüchtlingen aus Chios, kommenden Aufforderungen zur Befreiung des Landes nicht über Delos hinausging, sondern hier monatelang untätig liegen blieb. Er konnte den Widerstand der Athener nicht überwinden. Vielleicht ist der Auszug der Flotte sogar überhaupt erst später erfolgt, als das Landheer schon nach Platää ausrückte472.

[381] Das waren die Verhältnisse, in die Alexander mit seiner Botschaft hineintrat. Der Versuchung, welche er brachte, haben die Athener mannhaft widerstanden; von einem Verrat an der nationalen Sache und einem Kompromiß mit Persien, der schließlich doch zur Unterordnung unter den Großkönig führen mußte trotz aller Verheißungen, wollte Aristides so wenig wissen wie Themistokles. Aber man suchte die günstige Situation auszunutzen, um einen Druck auf Sparte auszuüben. Wochenlang haben die Athener die Verhandlungen hingehalten – natürlich schickten auch die Spartaner sofort Gesandte nach Athen, um es am Bund festzuhalten –, bis sie Alexander mit abschlägiger Antwort entließen473. Zum Vormarsch über den Isthmos hatten sie freilich die Spartaner trotz aller Versuche nicht bringen können – es mag dabei mitgewirkt haben, daß die Peloponnesier versuchen mußten, die Ernte einzubringen, ehe sie zu einem Feldzug ausrückten, der Monate dauern konnte –; so blieb ihnen, als Mardonios jetzt endlich gegen Attika vorrückte (Ende Juni 479)474, nichts übrig, [382] als nun doch schleunigst das Land zum zweitenmal zu räumen und nach Salamis zu flüchten. Auch jetzt noch hoffte Mardonios, die Athener gewinnen zu können; er unterließ jede Verwüstung und schickte nochmals Gesandte mit denselben Anerbietungen wie früher. Aber die Athener blieben standhaft; auf Antrag des Aristides wies der Rat die Gesandten des Mardonios ab – ein Buleut, der für ihn eintrat, wurde vom Volk gesteinigt475 –, schickte aber zugleich die angesehensten Männer der jetzt zur Herrschaft gelangten Partei, Kimon, den Sohn des Miltiades, Xanthippos und Myronides, nach Sparta, um nochmals, von den Platäern und Megarern unterstützt, peremptorisch den Auszug des peloponnesischen Heeres zu fordern. Die Ephoren suchten die Entscheidung noch weiter hinzuhalten, zumal da die Mauer über den Isthmos nahezu vollendet war. Da erklärten die Gesandten, daß, wenn Sparta noch länger zögere, ihnen nichts übrig bleibe, als mit Mardonios abzuschließen. Auch den anderen Peloponnesiern wurde die Sache bedenklich: speziell wird Chileos von Tegea genannt, der darauf hingewiesen habe, welcher Gefahr man sich aussetze, wenn man Athens Forderung nicht bewillige. So entschlossen sich die Ephoren nachzugeben476. Unter Führung des Pausanias, der vor kurzem seinem Vater Kleombrotos (o. S. 363. 373) in der Regentschaft gefolgt war, entsandten sie den gesamten spartiatischen Heerbann – allerdings wird man zum Schutz gegen Argos jedenfalls eine Abteilung zurückbehalten haben – mit dem Auftrag,[383] den Isthmos zu überschreiten und den Kampf mit Mardonios aufzunehmen. Die Kontingente der Periöken und der meisten peloponnesischen Bundesgenossen folgten alsbald; die Argiver, so gern sie Mardonios unterstützt hätten, wagten nicht, ihnen entgegenzutreten. Damit wurde Mardonios' Stellung in Attika unhaltbar; seine Rückzugslinie und die Verbindung mit Theben war bedroht, und überdies war es unmöglich, in dem verödeten Land eine Armee längere Zeit zu ernähren. Zugleich hatte sich gezeigt, daß die Hoffnung, die Athener zu gewinnen, vergeblich war. So ließ Mardonios Stadt und Land noch einmal gründlich verwüsten und führte dann sein Heer nach Böotien zurück477. Athen hatte seinen Willen durchgesetzt. In der Eleusinischen Ebene vereinigte sich das attische Heer, von Aristides geführt, mit den Peloponnesiern. Nicht unmöglich ist es, daß erst jetzt, als Äquivalent für die Konzession der Spartaner, die Flotte die Erlaubnis erhielt, nach Delos vorzugehen, während sie bis dahin zur Deckung der Auswanderung der Athener zurückbehalten war.

Mardonios hat keinen Versuch gemacht, den Griechen die Kithäronpässe zu sperren; vielmehr mußte sein Streben sein, sie in die Ebene hinabzulocken, wo seine Reiterei entscheidend in den Kampf einzugreifen vermochte. Deshalb nahm er in der flachen, von zahlreichen kleinen Bächen durchzogenen Asoposebene Stellung, unweit des an den Vorhöhen des Kithäron gelegenen Platää. Sein Heer mag sich auf etwa 40-50000 Asiaten belaufen haben (o. S. 354, 2); dazu kamen die mehrere tausend Mann starken Kontingente der Thessaler und der Thebaner sowie ihrer kleineren Nachbarstämme – das der Phoker hätte Mardonios, weil es ihm unzuverlässig schien, beinahe zusammenschießen lassen. Das griechische Heer war nicht unwesentlich kleiner. Die Zahl der Athener wird auf 8000 Mann angegeben, was dem Aufgebot von Marathon und den Leistungen der folgenden Jahrzehnte entspricht – es ist dabei zu beachten, daß auf der Flotte etwa 1000 Hopliten standen. Die Zahl der Lakedämonier dagegen schätzt Herodot viel zu hoch auf 5000 spartiatische und 5000 periökische Hopliten, und dazu [384] gar 40000 Knechte aus den Heloten, die er gegen alle spartanische Taktik als Leichtbewaffnete mit in den Kampf ziehen läßt. Niemals, selbst nicht auf dem Höhepunkt seiner Macht, hat Sparta auch nur annähernd eine derartige Truppenmacht ins Feld stellen können; nach allen Analogien kann der spartanische Heerbann bei Platää höchstens etwa 5000 Mann betragen haben, davon etwas weniger als die Hälfte Spartiaten. – Dazu kamen Mannschaften aus Euböa, aus Platää, aus Megara und Ägina, aus Korinth und seinen Kolonien (Ambrakia, Leukas, Anaktorion, denen sich Pale auf Kephallenia anschloß, angeblich auch aus Potidäa, das seit dem Winter vom König abgefallen war (o. S. 374); ferner in stets wachsender Zahl die Kontingente der peloponnesischen Gemeinden, so von allen Städten von Argolis mit Ausnahme von Argos selbst, auch von Mykene und Tiryns (o. S. 301), ferner von Phlius und Sikyon, von Lepreon in Triphylien. Aus Arkadien sind nur die Tegeaten und Orchomenier ausgerückt, während die übrigen teils durch die Ernte, teils durch die Notwendigkeit einer Deckung gegen Argos zurückgehalten sein werden. Aber fortwährend trafen noch Nachzügler ein, so kurz nach der Schlacht die Elier und die Mantineer. So mag die griechische Armee allmählich auf etwa 30000 Hopliten angewachsen sein; dazu kam ein mindestens ebenso starker Troß von Knechten, der aber militärisch nicht in Betracht kam. Reiter besaß das Heer auch jetzt nicht, Leichtbewaffnete stellten nur die Athener in dem neugebildeten Schützenkorps (o. S. 339), das bei Platää 800 Mann stark gewesen zu sein scheint478.

[385] Das griechische Heer überschritt den Kithäron; aber einen Angriff auf die Perser in der Ebene durfte es nicht wagen479. Das Vorbild von Marathon wies den Weg: man mußte warten, bis die Perser angriffen, und dann, wenn sie nahe genug herangekommen waren, mit entscheidendem Stoß sich auf sie werfen. Aber auch Mardonios hat die Erfahrung von Marathon beherzigt; er kannte die Gefahr, die ein Angriff auf die in gedeckter Stellung am Bergabhang [386] stehenden Hoplitenkorps barg. Auf beiden Seiten wußte man, worauf es ankam: Pausanias wie Mardonios hatten berühmte Seher aus Elis in ihre Dienste genommen, jener den Tisamenos aus dem Iamidenhaus480, Mardonios den Telliaden Hegesistratos, den alten Spartanerfeind (o. S. 330); beide verkündeten ihren Feldherrn den Sieg, wenn sie sich verteidigten, nicht wenn sie angriffen. Mardonios versuchte, durch seine Bogenreiter die Feinde zu reizen. Bei einem derartigen Gefecht setzten die Perser unter Masistios den Megarern, die auf Vorposten standen, hart zu. Aber ein athenisches Elitekorps und die attischen Schützen kamen ihnen zu Hilfe, und unter ihren Geschossen fiel Masistios, der sich im Vertrauen auf seinen Heldenmut in goldenem Schuppenpanzer kühn vorgewagt hatte; seine Leiche wurde von den Griechen erbeutet. Dieser Erfolg ermutigte Pausanias, sein Heer weiter hinabzuführen in das Hügel- und Flachland vor Platää, wo er seine Truppen in breiter Front aufstellen konnte. Die Athener auf dem linken Flügel reichten bis an den Asopos, das Zentrum war im Rücken durch die Hügel von Platää und die Bäche unterhalb der Stadt gedeckt, die sich zu dem kleinen, in den korinthischen Golf mündenden Fluß Oëroë vereinigen, die Spartaner auf dem rechten Flügel lehnten sich an den Kithäron. Mardonios wußte, daß in der Besiegung der Spartaner die Entscheidung lag; ihnen stellte er die Perser, den Athenern seine griechischen Bundesgenossen gegenüber. Die spartanische Stellung war auch jetzt noch unangreifbar; dagegen gewährte das Rinnsal des in seinem oberen Laufe ganz wasserarmen Asopos481 keine Deckung. So konnten die persischen Reiter die Griechen fortwährend belästigen und am Wasserholen behindern. Doch Pausanias ließ sich nicht beirren; er hielt sein Heer trotz aller Hohnreden der Feinde über die gerühmte Tapferkeit der Spartaner, die sich so gar nicht zeigen wollte, [387] streng in der Defensive. Aber er ließ seine Spartaner mit den Athenern tauschen und stellte sie auf den exponierten linken Flügel482. Mardonios folgte ihm und ließ die Perser auf den linken Flügel rücken, und wiederholte das Manöver, als die griechischen Abteilungen wieder in ihre alten Stellungen zurückkehrten. So standen sich die Heere nach Herodot zwölf Tage, in Wirklichkeit vielleicht noch beträchtlich länger gegenüber, ohne daß ein Ende abzusehen war. Auf die Dauer aber wurde die Situation unhaltbar. Die Thebaner rieten, sich nach Theben zurückzuziehen und den Versuch zu machen, durch Bestechungen zum Ziel zu gelangen, ebenso der persische General Artabazos, der zum Kampf kein Zutrauen hatte483. Davon wollte Mardonios indessen nichts wissen. Seine Übermacht war nicht groß genug, um ein stärkeres Korps über die östlichen Pässe des Kithäron in den Rücken der Feinde nach Attika und Megara zu entsenden; aber seine Reiterei belästigte die Griechen unaufhörlich und fing ihnen gelegentlich im Kithäron eine große Transportkolonne ab. Ein Versuch der Griechen, durch Entsendung eines Teils des Heeres die Pässe frei zu machen, scheint keinen Erfolg gehabt zu haben. So spricht alles für die Richtigkeit der Vermutung, daß die Griechen sich schließlich dadurch Luft zu machen suchten, daß sie der Flotte den Auftrag gaben, nunmehr endlich den Zug nach Asien auszuführen: auf die Kunde davon blieb Mardonios nichts übrig als den Kampf zu wagen. Jedenfalls hat Mardonios schließlich den Entschluß zur Schlacht gefaßt; König Alexander von Makedonien soll den Athenern in der Nacht die Kunde davon gebracht haben. Zunächst gelang ihm ein neuer Erfolg: seine Reiter verschütteten die Quelle [388] Gargaphia, aus der die Spartaner ihr Wasser holten. Dadurch wurde die griechische Stellung unhaltbar; Pausanias beschloß, das Heer in das Gebiet der Quellbäche der Oëroë unter die Hügel von Platää zurückzunehmen. Der Marsch wurde bei Nacht angetreten; aber er war noch nicht vollendet, als der Tag anbrach – es ist sehr glaublich, daß ein Teil der Spartaner, dem die Manöver des Feldherrn als Feigheit erschienen, ihm ernstliche Schwierigkeiten machte und endlich nur sehr widerwillig gehorchte484. Als Mardonios bei Tagesgrauen die Feinde im Rückzug erblickte, in getrennte Korps aufgelöst, glaubte er den günstigen Moment gekommen: er schickte die Reiterei voran, führte die Perser im Laufschritt gegen die Spartaner vor, ließ die ganze Armee folgen. Da zeigte sich die Überlegenheit fester militärischer Disziplin in ihrer ganzen Größe. Pausanias hielt seine Spartaner und Tegeaten fest in der Hand; sie rührten sich nicht, ob auch rechts und links die Pfeile einschlugen und zahlreiche tapfere Männer ihr Leben lassen mußten, ohne zur Wehr greifen zu können: »die Opfer waren nicht günstig.« Erst als die Perser niederknieten, ihre Schilde in den Boden steckten und aus dem Schildwall heraus ihre Pfeile entsandten, »da streckte Pausanias die Hände zum Heiligtum der Hera von Platää und flehte um Sieg, und in dem Moment wurden die Opferzeichen günstig.« Die Spartaner und Tegeaten warfen sich mit voller Wucht auf die Perser485, durchbrachen den Schildwall und drangen mit den Lanzen auf die Feinde ein. Diese wehrten sich mit äußerster Hartnäckigkeit, suchten die Lanzen zu packen und zu zerbrechen; aber hier so wenig wie bei Marathon [389] vermochten sie, ohne Rüstung und ohne wirksame Nahwaffen, überdies nur in lockerem taktischem Verbande, den griechischen Hopliten zu widerstehen. Die Reiterei war auch diesmal nicht imstande, das Fußvolk aus seiner verzweifelten Lage zu befreien. Mardonios fiel mit der Kerntruppe der Perser, die übrigen mußten die Flucht ergreifen. Währenddessen war es der thebanischen Reiterei gelungen, die Megarer und Phliasier zu werfen und das aufgelöste griechische Zentrum zu durchbrechen486; aber die Athener auf dem linken Flügel hieben das thebanische Fußvolk zusammen, und der Rest des persischen Heeres, schon beim raschen Anmarsch in Verwirrung geraten, wurde von der Flucht mit fortgerissen. Doch konnte die Reiterei wenigstens den Rückzug decken, so daß ein großer Teil des Heers gerettet wurde. Artabazos, der sich von Anfang an vom Kampf ferngehalten haben soll, führte ihn nach Thessalien und weiter nach Thrakien zurück487. Das befestigte Lager der Perser dagegen wurde erstürmt, und wer in ihm Zuflucht gesucht hatte, niedergemacht. Unermeßliche Beute fiel in die Hände der Griechen. So »gewann Pausanias, der Sohn des Kleombrotos, den herrlichsten Sieg von allen, von denen wir Kunde haben«. Der Kampf zwischen Lanze und Bogen – so faßt auch Äschylos den Perserkrieg auf – war entschieden, die Überlegenheit des disziplinierten Hoplitenheers endgültig erwiesen488.

[390] Auf dem Schlachtfelde von Platää errichteten die Sieger Zeus dem Befreier einen Altar und stifteten zur Erinnerung an den Kampf, ähnlich wie ein Jahrhundert zuvor nach der Befreiung Delphis, ein vierjähriges Siegesfest, die Eleutherien. Die Leitung des Festes und die Sorge für die Gräber wurde den Platäern überwiesen und ihnen dafür ihr Gebiet und ihre Freiheit garantiert: bei feindlichem Angriff sollten alle Bundesgenossen ihnen zur Hilfsleistung verpflichtet sein489. Dann zog man gegen Theben, die Hochburg des Persertums in Hellas. Freilich die Stadt zu zerstören und dem Gott zu verzehnten, wie man zu Anfang des Kriegs beschlossen hatte (o. S. 350), war man weder gewillt noch imstande. Man war zufrieden, als die Thebaner nach längerer Belagerung die Führer der persischen Partei, die Häupter ihres Adels, auslieferten [391] Diese selbst hatten, um der Stadt Schlimmeres zu ersparen, ihre Auslieferung beantragt, in der Hoffnung, sich durch Geld loskaufen zu können. Aber sie hatten sich getäuscht; Attaginos entkam; Timagenides und seine Genossen dagegen ließ Pausanias nach Korinth führen und dort hinrichten. Dann löste das Heer sich auf; die Thessaler schützte die Entfernung und Größe ihres Gebiets vor der Rache der Verbündeten.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 61965, Bd. 4/1, S. 378-392.
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