Pisistratos, Polykrates und der spartanische Bund

[714] Fern im Westen von ihrer Heimat haben die Perser zuerst das Mittelmeer erreicht. Noch stand das Reich von Babylon, wenn auch der Krieg mit Kyros schon durch das Bündnis mit Krösos eingeleitet war; erst durch die Eroberung Babylons Ende 539 fielen Syrien und die phönikische Küste in die Hände der Perser. Dann wandte sich Kyros nach Osten. Hier ist er im Anfang 528 im Kampf gegen die sakischen Nomaden gefallen. Sein Sohn Kambyses begann sofort die Vorbereitungen für den Angriff auf Ägypten; mit dem Fall des Pharaonenreichs im J. 525 war die Unterwerfung des Orients vollendet. Erst von da an machte sich die volle Wucht des neuerstandenen Weltreichs der Griechenwelt fühlbar. Davor liegt eine Zwischenzeit von zwei Jahrzehnten, in der die griechische Nation, abgesehen von den Küsten Kleinasiens, sich noch in den alten Bahnen weiter bewegen konnte. Zwar hat die Begründung der Perserherrschaft sofort auch auf Europa zurückgewirkt, wie schon das Hilfsgesuch des Krösos und dann der Ionier an Sparta beweist; und wenn wir die Details der Geschichte dieser Zeit kennten, würden wir unzweifelhaft von zahlreichen diplomatischen Beziehungen, z.B. des Pisistratos zu Persien, erfahren und deutlicher noch, als es jetzt möglich ist, erkennen, wie stark die Rücksicht auf die Entwicklung in Asien den allgemeinen Gang der griechischen Politik beeinflußt hat. Aber ein positives Eingreifen der Perser in die Verhältnisse am Ägäischen Meer war noch nicht möglich, sie hatten vorläufig andere Aufgaben zu erledigen; überdies gelangten sie erst durch die Unterwerfung Babylons [714] und Phönikiens in den Besitz einer Flotte, auf die sie sich verlassen konnten, und diese mußte zunächst der ägyptischen Seemacht die Waage halten. So konnten sich am Ägäischen Meer politische Kombinationen bilden, die scheinbar eine große Macht und selbständige Bedeutung besaßen, denen aber doch nur eine vorübergehende Wichtigkeit beschieden war. Maßgebend für diese Gestaltung ist in erster Linie die Entwicklung Athens gewesen.

Die Herrschaft über Athen, die Pisistratos im J. 560/59 gewonnen hatte, war nicht von langer Dauer; Adel und Paraler, sonst erbitterte Feinde, schlossen sich gegen den Usurpator zusammen und zwangen ihn, das Land zu räumen (etwa Frühjahr 556). Die Tradition berichtet, daß Pisistratos noch ein zweites Mal die Herrschaft wieder gewonnen und wieder verloren und erst beim dritten Mal sich dauernd behauptet habe; aber mit Recht ist bemerkt worden, daß das kaum denkbar ist. Wahrscheinlich liegen hier verschiedene Traditionen über denselben Vorgang vor, die Herodot bei der Sammlung der Berichte aneinander gereiht hat, da er ihre Identität nicht erkannte1018. Pisistratos suchte zunächst auf den Besitzungen Zuflucht, die er an der thrakischen Küste gewonnen hatte; dann ging er nach Eretria, und von hier aus ist er im elften Jahre nach seiner Verjagung mit einer stattlichen Kriegsmacht, unterstützt von Theben und von Parteigängern aus Argos und Naxos, im Gebiet von Marathon gelandet, wo der Kern seiner Anhänger seßhaft war. Er fand zahlreichen Zuzug; auf dem Marsch nach Athen erfocht er beim Heiligtum der Athene von Pallene einen leichten [715] und entscheidenden Sieg1019. Nach der andern Version hätte Megakles, da er sich gegen Lykurgos nicht behaupten konnte, dem Pisistratos seine Unterstützung und die Hand seiner Tochter geboten; dann habe Athene selbst ihn im Triumph in die Stadt eingeführt1020. Daß die Alkmeoniden, da sie sich den Gegnern nicht gewachsen fühlten, den Versuch gemacht haben, mit Hilfe des Tyrannen wenn nicht die erste, so die zweite Stelle im Staat zu gewinnen, ist nicht zu bezweifeln; sie haben ihn im J. 490 wiederholt. Ob aber das zeitweilige Zusammengehen mit Pisistratos in die erste oder in die zweite Tyrannis fällt, ist nicht zu entscheiden1021. Jedenfalls ist es nicht von Dauer gewesen; Megakles mußte mit seinem Haus Athen verlassen und hat von da an alle Hebel angesetzt, das feindliche Geschlecht zu stürzen.

Seit seiner Rückkehr (546/5 v. Chr.) stand Pisistratos' Regiment dauernd fest. Die entschiedenen Gegner verließen die Stadt, die anderen mußten Geiseln stellen, die auf Naxos in Sicherheit gebracht wurden, eine starke Soldtruppe ward gehalten. Pisistratos war an der Spitze der Bauernschaft des Gebirgslands emporgekommen; so hatte er vor allem ihre Interessen zu befriedigen. Zwar die alte Forderung der Landaufteilung hat er so wenig erfüllt wie Solon; aber er überwies der ärmeren Bevölkerung brachliegende Grundstücke zur Bebauung1022 und gab ihnen die nötigen Gelder für die erste Einrichtung. Häufig unternahm er[716] selbst Inspektionsreisen auf das Land und sprach den Bauern Recht, außerdem wurden für die Dorfdistrikte Zivilrichter eingesetzt; zahlreiche Landstraßen wurden angelegt und mit Hermen geschmückt, die zugleich als Wegweiser dienten. Auch in Attika hat die Tyrannis die bäuerlichen Kulte eifrig gepflegt. Zugleich wehrte Pisistratos, wie früher Periander in Korinth, dem Zudrang der Landbevölkerung in die Stadt; in diesen Zusammenhang gehört das vielleicht erst von Pisistratos herrührende Gesetz, welches den Müßiggang unter Strafe stellt (o. S. 593,4; Theophrast bei Plut. Solon 31); die Ergänzung dazu bildet die Einführung einer Staatspension für Invaliden (Plut. 1. c. Philochoros fr. 67. 68). Aber auch die städtischen Interessen wurden nicht vernachlässigt. Athen erhielt eine große Wasserleitung, die bei den »Neunbrunnen« (Enneakrunos) oberhalb des Markts mündete, und wurde mit glänzenden Tempelbauten geschmückt. Dadurch wurden zugleich zahlreiche müßige Hände beschäftigt. Die erfolgreiche äußere Politik, die Erweiterung des Handelsgebiets kam dem Handel und der Industrie zugute. Die neuerworbenen auswärtigen Besitzungen wurden mit Kolonisten besiedelt, wie früher Salamis. Auch in Athen ist, wie in Korinth und vielen anderen Staaten, das neue Königtum ein Versuch, durch ein unparteiisches Regiment die Interessen von Stadt und Land auszugleichen; wenige Dezennien nach seinem Sturz gewinnt die Stadtbevölkerung und die kommerzielle Politik auch in Attika die Alleinherrschaft. – Seine Residenz hat Pisistratos auf der Burg aufgeschlagen, wie seine Vorgänger, die alten Könige. Die Kosten der Hofhaltung und der Regierung wurden durch eine Ertragssteuer von fünf Prozent und durch die Einkünfte aus den Bergwerken und Gefällen gedeckt. Am Hofe entwickelte sich ein reges, geistig bewegtes Leben; es waren Zustände wie an zahlreichen italienischen Fürstenhöfen der Renaissancezeit. Auch vom Adel waren nicht wenige bereit, sich in der Gunst des Hofes zu sonnen (z.B. der Philaide Kimon, der Bruder des Herrschers des thrakischen Chersones, der dann aber doch von Hippias beseitigt wurde, Herod. VI 103), trotz ihres gern zur Schau getragenen Tyrannenhasses, hinter dem sich nur zu oft lediglich die eigene Herrschsucht verbarg.[717] An der Verfassung des Staats hat Pisistratos formell nichts geändert; die Autorität der Gerichte hat er mit Ostentation anerkannt. Das hinderte freilich nicht, daß die Volksversammlung alle Bedeutung verlor, daß die Ämter tatsächlich vom Herrscher besetzt wurden, daß Pisistratos und seine Söhne trotz aller Leutseligkeit ihres Auftretens verdächtige Männer ohne viel Skrupel aus dem Wege räumten. Von einer Teilnahme der Untertanen an der Regierung wollte Pisistratos nichts wissen: »Die Bürger sollten ihren Geschäften nachgehen und ihm die Sorge für die Staatsinteressen überlassen«, läßt ihn Aristoteles sagen (pol. Ath. 15)1023. Nach der späteren attischen Tradition hätte Pisistratos die Bürgerschaft entwaffnet. Aber das ist wenig wahrscheinlich; seine Stellung war so fest, daß er keinen Grund hatte, auf die Wehrkraft des Bürgerheers zu verzichten. Trotz Aristoteles' Polemik wird Thukydides' Bericht richtig sein, daß erst Hippias nach Hipparchs Ermordung die Entwaffnung vornahm. Das stetige Fortschreiten des Wohlstands ließ die ärmere Bevölkerung den Verlust der politischen Freiheit leicht verschmerzen. Wie das Goldene Zeitalter unter Kronos schien ihnen später die Zeit des Pisistratos. Das Idealbild des Theseus, des mächtigen volksfreundlichen Herrschers, ist in dieser Zeit geschaffen worden; erst die nächste Generation hat den König in den Heros der Demokratie umgewandelt. So ist Pisistratos im sicheren Besitz der Macht gestorben (528); ohne Widerstand folgte ihm sein Sohn Hippias1024.

[718] In der äußeren Politik bezeichnet das Regiment des Tyrannen ein energisches und erfolgreiches Fortschreiten auf der seit dem Anfang des 6. Jahrhunderts betretenen Bahn: zu der Großmachtstellung Athens im nächsten Jahrhundert hat Pisistratos bereits den Grund gelegt. Wie er die Megarer nochmals schlug (o. S. 616), hat er auch Sigeon behauptet oder den Mytilenäern aufs neue entrissen (o. S. 596). Das Fürstentum der Philaiden auf dem thrakischen Chersones (o. S. 618) blieb zu Athen im Vasallenverhältnis; nach dem Tode des ersten Miltiades entsandten die Pisistratiden als Herrscher zuerst seinen Neffen Stesagoras, Kimons Sohn, dann, als dieser im Kampf mit Lampsakos gefallen war, dessen Bruder Miltiades II., der im J. 524 in Athen das Archontat bekleidet hatte (Dion. Hal. VII 3). Miltiades II. hat von hier aus die Tyrsener von Lemnos und Imbros, vielleicht auch von Samothrake verjagt und die Inseln mit attischen Kleruchen besetzt. So war der Eingang zum Hellespont ganz in den Händen Athens1025. Ebenso hat Pisistratos bereits sein Augenmerk auf den Nordwesten des Ägäischen Meeres gerichtet. An der makedonischen Küste besetzte er, wie es scheint während seiner ersten Verbannung, den Hafenort Rhaikelos und knüpfte von hier aus kommerzielle und politische Beziehungen zu den Königen Makedoniens an (vgl. Herod. V 94); von der Strymonmündung aus gewann er einen Anteil an den Goldminen des Pangaion. Auch in Griechenland sicherte er sich starke Allianzen. Wenn er bei seinem Zuge zur Wiedergewinnung der Herrschaft auch bei Theben Unterstützung gefunden hatte, so konnte doch die Freundschaft bei der wachsenden Macht Athens nicht von Dauer sein. Dagegen stand er mit den Herrschern Thessaliens im Bündnis; einer seiner Söhne trägt den Namen (nach Aristoteles: Beinamen) Thessalos. Noch fester war die [719] Freundschaft mit Argos (vgl. Aristot. pol. Athen. 19); zu seiner rechtmäßigen Gemahlin hatte er eine Argiverin heimgeführt und dadurch von hier aus einen Zuzug von 1000 Mann erhalten. Auch mit Korinth werden gute Beziehungen bestanden haben1026, während die Spannung mit Ägina ständig zunahm.

Trotz seiner überseeischen Besitzungen hat Athen auch unter Pisistratos noch nicht den Versuch gemacht, sich eine größere Seemacht wie Korinth oder Ägina zu schaffen. Die kontinentalen und agrarischen Interessen standen im Vordergrund, die Seewehr wurde nicht über den alten Bestand von 50 Schiffen hinaus vermehrt. Aber doch hat Pisistratos auch im Zentrum des Ägäischen Meeres Fuß zu fassen gestrebt. Er suchte Anknüpfung an das delische Heiligtum, dessen großes Fest ehemals alle Ionier vereinigt hatte, und ließ aus dem Umkreis des Tempels des lichten Gottes alle Leichen entfernen, damit er nicht durch eine Berührung mit dem Tode befleckt werde. Wichtiger war ein Kriegszug gegen Naxos. Mit ihm stattete Pisistratos dem reichen Naxier Lygdamis seinen Dank für die Unterstützung ab, die dieser ihm gewährt hatte. Lygdamis wurde Tyrann von Naxos, und so kam die wichtigste der Kykladen in politische Abhängigkeit von Athen1027. Mit Lygdamis' Hilfe haben sich dann drei samische Brüder, Polykrates, Pantagnostos und Syloson, der Herrschaft über ihre Heimat bemächtigt; bei einem Aufzug am Herafest raubten sie ihren Mitbürgern die Waffen und machten die Gegner nieder. Der Wohlstand und Handel von Samos war in stetigem Wachsen begriffen; jetzt, wo die Rivalen an der kleinasiatischen Küste durch den Druck der persischen Herrschaft gelähmt waren – auch Milet empfand trotz seines Bündnisses den Rückgang schwer und war überdies durch inneren Hader zerrissen (o. S. 568f.) –, konnte die Insel den Primat in den kleinasiatischen Gewässern gewinnen. Eine Zeitlang haben die drei Brüder gemeinsam regiert; dann hat Polykrates den Pantagnostos beseitigt, den Syloson verjagt und [720] so die Alleinherrschaft gewonnen1028; Syloson suchte am persischen Hof Hilfe, zunächst vergeblich (Herod. III 139). Polykrates1029 war eine völlig gewissenlose, aber höchst energische Natur; im Inneren schaffte er beiseite, was ihm im Wege stand1030, nach außen beutete er jeden Vorteil rücksichtslos aus. Er hielt sich 1000 Bogenschützen und eine Kriegsflotte von 100 Fünfzigrudern, mit denen er Milet und Lesbos bekriegte und einen großen Teil der Inseln seiner Herrschaft unterwarf. Daneben trieb er Seeraub unterschiedslos gegen Feind und Freund; denn, meinte er, die Freunde würden ihm dankbarer sein, wenn er ihnen das Geraubte zurückgebe, als wenn er ihnen überhaupt nichts abgenommen hätte. Solange die Perser durch dringendere Aufgaben in Anspruch genommen waren, gab es niemanden, der ihm hätte die Spitze bieten können; eine Seemacht wie seine hatte das Ägäische Meer noch nicht gesehen. Auch Polykrates suchte die Gunst des delischen Apollo zu gewinnen; er schenkte ihm die benachbarte Insel Rheneia. Auf Samos entfaltete er eine glänzende Hofhaltung1031. Die starke Stadtmauer und der sie umgebende Graben ist sein Werk, ebenso wahrscheinlich die erstaunliche durch den Felsen getriebene Wasserleitung, die Eupalinos von Megara gebaut hat, die Hafendämme und die Vollendung des großen Heratempels, das Werk des samischen Baumeisters Rhoikos, Bauten, die noch Herodot als die größten Wunderwerke der griechischen Welt bezeichnet1032. Der Handel von Samos nahm stets größeren Aufschwung und mag jetzt den des feindlichen Milet überflügelt haben. Die Ansiedlung [721] von Samiern in Dikäarchia (Puteoli)1033 bei Kyme (nach Eusebius 528) ist allerdings wohl eher von Gegnern des Tyrannen als von diesem selbst ausgegangen. Mit Amasis von Ägypten stand Polykrates in engem Bündnis; der Pharao hat zwei hölzerne Königsstatuen in den Heratempel geweiht (Herod. II 182). Arkesilaos III. verdankte seine Rückkehr nach Kyrene wahrscheinlich der Unterstützung des Polykrates (o. S. 626). Dem Pisistratos mochte die starke Entwicklung der samischen Macht unerwünscht sein; aber es ist nicht zu bezweifeln, daß beide Herrscher in nahen politischen und wohl auch persönlichen Beziehungen standen.

Das Gegengewicht gegen diese Staaten bildete die wachsende Macht Spartas. Seit die arkadischen Gaue die Führerschaft Spartas anerkannt hatten, war der Anschluß der übrigen Staaten des Peloponnes lediglich eine Frage der Zeit. Nur Argos konnte sich den spartanischen Ansprüchen nicht fügen; zwischen beiden Staaten ist die Fehde höchstens durch einen Waffenstillstand auf eine Reihe von Jahren unterbrochen worden. Der gemeinsame Gegensatz gegen Argos führte Korinth und die argolischen Küstenstädte zu Sparta, Ägina mußte dem Bunde beitreten, schon um sein Absatzgebiet nicht zu verlieren. Dazu kam der Rückhalt, den die Aristokratien an Sparta gegen den Demos fanden. In Sikyon fällt der Anschluß an Sparta wahrscheinlich mit einer aristokratischen Restauration zusammen; 60 Jahre nach Kleisthenes' Tode, um 510, ist hier die alte Phylenordnung wiederhergestellt worden (Herod. V 68). Folgenreicher war der Anschluß von Megara, wo gleichfalls die Besitzenden wieder ans Regiment gelangt zu sein scheinen. Die Megarer verdankten dem spartanischen Schiedsspruch bereits die Wiedergewinnung ihres Hafens Nisäa (o. S. 616); jetzt stand ihr Gebiet unter spartanischem Schutz. Dadurch kamen aber die spartanischen Interessen mit den attischen in Konflikt; zwischen beiden Staaten entstand, wenn auch noch keine Feindschaft, so doch eine Spannung, die noch dadurch erhöht wurde, daß das im Peloponnes völlig isolierte Argos Anschluß bei Athen suchte (o. S. 720). Bald führten [722] die Dinge weiter. Als der Spartanerkönig Kleomenes im J. 519 in der Nähe des Isthmos stand, wandten sich die Platäer, die Nachbarn Megaras jenseits des Kithäron, an ihn um Hilfe gegen Theben. Damit war Sparta vor eine schwierige Entscheidung gestellt. Gewährte es die Hilfe und gebot es dem Streben Thebens nach der Suprematie in Böotien Halt, so verfeindete es sich nicht nur mit der mächtigen Stadt, sondern trieb sie geradezu Athen in die Arme. So wies Kleomenes das Ansuchen der Platäer ab und riet ihnen, sich an Athen zu wenden; war der Rat von Erfolg, so war Theben an Spartas Interesse gefesselt und mit Athen dauernd verfeindet. Hippias nahm das Anerbieten an, welches den attischen Expansionsgelüsten so verlockend entgegenkam. Die Folge war der Ausbruch des Kriegs mit Theben. Ein Vermittlungsversuch der Korinther, die auch jetzt an der Freundschaft mit Athen festhielten, scheiterte; aber in der Schlacht erfochten die Athener einen glänzenden Sieg, der nicht nur die Freiheit Platääs sicherte, sondern auch den Athenern ermöglichte, das Vorland des Kithäron und Parnes bis zum Asopos zu annektieren. Die Ortschaften Hysiä, Eleutherä, Oropos wurden Untertanen Athens1034.

So wird Sparta immer mehr in eine größere Politik hineingezogen1035. Da es bei weitem die stärkste Kriegsmacht der griechischen Welt ist, wenden sich alle Schwachen hierher; die Auffassung gewinnt Boden, daß Sparta das Schwert von Hellas ist und [723] in allen großen Fragen das entscheidende Wort zu sprechen hat. Bis her hat Sparta sich vorsichtig zurückgehalten, am Krieg gegen Kyros nicht aktiv teilgenommen, das Hilfsgesuch der Ionier zurückgewiesen; und wenn Amasis sich auf spartanische Hilfe Hoffnung machte, so sollte sich auch das als Illusion erweisen. Spartas Aspirationen gingen zunächst nicht über den Peloponnes hinaus. Aber es konnte hier nicht innehalten; jede politische Macht wird, je stärker sie ist, um so mehr gezwungen, in immer weiteren Kreisen sich geltend zu machen. Das zeigten schon die Verhandlungen mit Platää. Aber bereits lange vorher drängten Korinth und Ägina zur Intervention gegen Polykrates. Die ehemalige Freundschaft zwischen Korinth und Samos war schon seit Perianders Zeiten in erbitterten Haß umgeschlagen (Herod. III 48), zwischen Ägina und Samos bestand alte Feindschaft (Herod. III 59); jetzt forderten beide Rivalen von Sparta Schutz ihres Handels gegen die samischen Übergriffe. Auch die Spartaner waren schon vor Polykrates' Usurpation von den Samiern durch den Raub eines kostbaren Panzers, den ihnen Amasis geschenkt hatte, und eines für Krösos bestimmten Mischkrugs gekränkt worden (Herod. I 70. III 47). Für den Augenblick freilich war ein Angriff auf die Macht des Tyrannen unausführbar; es galt, den geeigneten Zeitpunkt abzuwarten.

Der Peloponnesische Bund ist der erste Staatenverein, den die griechische Welt geschaffen hat. Sein Gefüge war locker genug. In der von Sparta berufenen Bundesversammlung hatten alle Staaten, groß und klein, gleiche Stimme, und die Mehrheit entschied1036; zwischen den einzelnen Staaten kam es mehrfach zu blutigen Kämpfen, ohne daß der Bund intervenierte. Allerdings war das tatsächliche Übergewicht Spartas so groß, daß es fast immer seinen Willen durchsetzte. Die Hauptsache war, daß die Kontingente der Bundesgenossen den spartanischen Königen zur Heeresfolge verpflichtet waren (vgl. Herod. V 74); zwei Drittel seiner waffenfähigen Mannschaft hatte jeder Staat im Kriegsfall [724] zu stellen (Thuk. II 10. III 15). Dadurch war die Zersplitterung überwunden, welche die griechischen Kleinstaaten jedem äußeren Feinde gegenüber zur Ohnmacht verurteilte. Kam es zu einem Kampfe um die Existenz, so war eine Organisation vorhanden, die trotz aller Mängel einen festen Kern des Widerstandes bilden konnte. Freilich waren damit dem leitenden Staat Aufgaben gestellt, deren Lösung er, wie er nun einmal beschaffen war, kaum durchzuführen vermochte. Die Könige des Agiadenhauses – etwa um 520 folgte hier Kleomenes seinem Vater Anaxandridas –, hochfahrend und selbstherrlich, suchten eine energische äußere Politik durchzuführen; ihnen war die Erweiterung der Macht Spartas die Hauptsache, mochte darüber auch die alte Staatsordnung zu Grunde gehen und eine Hereinziehung der Untertanen und Leibeigenen in die Bürgerschaft notwendig werden; dadurch konnte die Stellung des eigenen Hauses nur gewinnen. Demgegenüber ist die Masse der Bürgerschaft ängstlich bedacht, ihre Vorrechte zu bewahren; sie will von kühnen Unternehmungen nichts wissen und dem Staat nicht mehr zumuten, als er in seiner jetzigen Gestalt tragen kann. Diese Politik haben die volksfreundlichen Könige aus dem Eurypontidenhause – in dieser Zeit regiert Demaratos, Sohn des Ariston, der daher mit Kleomenes in ständigem Hader lebt – immer verfochten (vgl. o. S. 517); ihre eigentlichen Träger aber werden jetzt die vom Volke gewählten Jahrbeamten, die fünf Ephoren. Schritt für Schritt hat das Ephorat seine Macht erweitert – freilich sind die einzelnen Stadien für uns verschollen, da wir eine Überlieferung über die spartanische Verfassungsgeschichte überhaupt nicht besitzen. Ursprünglich Zivilrichter (o. S. 314,1), haben sie, als der Staat sich erweiterte, die Oberaufsicht über Periöken und Heloten erhalten und verhängen über sie Todesurteile nach eigenem Ermessen. Gegen Bürger erheben sie die Kriminalklage vor dem Rat. Ihre richterlichen Funktionen geben ihnen die Möglichkeit, von jedem Beamten Rechenschaft zu verlangen, jeden Bürger, der sich gegen die hergebrachten Ordnungen vergeht, zur Verantwortung zu ziehen und ihm eine Buße aufzuerlegen. Auch der König muß, wenn er dreimal geladen ist, vor ihrem Richterstuhl erscheinen. [725] So haben sie die Macht des Königtums stetig eingeschränkt und sind das eigentliche Bollwerk der bestehenden Ordnung geworden. Die immer strengere Durchführung der alten Satzungen, die immer peinlichere Einschärfung des Herkommens, die Absperrung gegen alles Fremde und Verdächtige ist ihr Werk (o. S. 518); der heimliche Krieg gegen die Heloten, durch den jeder Verdächtige aus dem Wege geräumt wird, wird von ihnen verkündet (Plut. Lyc. 28 nach Aristoteles). So entsteht ein permanenter Konflikt zwischen dem Agiadenhause und dem Ephorat, der zwar nicht zu entscheidenden Krisen geführt hat – das war nicht spartanische Art –, wohl aber bei allen wichtigeren Entscheidungen unverhüllt und lähmend zutage tritt.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 41965, Bd. 3, S. 714-726.
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